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Das hasserfüllte Herz der Finsternis – Ein Kommentar zur „Aktion“ „Defend Europe“ der Identitären

Unsere Artikel zu „Defend Europe“ wurden in zwei Teile aufgespalten. Dieser Teil kommentiert die Aktion.

Ein andrer Artikel (Link kommt noch) unternimmt einen ersten Versuch der Analyse.

Wir sind von den Identitären viel gewohnt. Zu viel. Ihre Kader attackierten mehrfach Menschen, die gegen sie demonstrierten, sie griffen Theatervorstellungen an, kletterten auf „Wahrzeichen“ und hissten dort ihre von Hass und Gewaltdrohungen triefenden Banner. Die exponiertesten ihrer Kader waren sich für kein Magazin, kein Mikrophon, keine Gelegenheit ihre wahnhaften Verschwörungen in die Welt zu posaunen zu Schade.

Obwohl sie stets versuchten sich selbst eher den Anstrich einer jungen, dynamischen NGO zu geben, konnte eigentlich nie ein Zweifel daran aufkommen, worum es sich bei ihnen eigentlich handelte: Eine Horde – zumeist junger männlicher – Neofaschisten, deren Ideologie eine vermeintliche Ungleichheit der Menschen mit einer tödlichen Logik durchexerzierte.

Wir sind von den Identitären viel gewohnt. Und doch stellt die Aktion „Defend Europe“ – selbst in der Logik der Identitären– alles in den Schatten. Die „Identitären“ haben international viel Geld gesammelt und aus aller Herren Länder strömen nun ihre Kader herbei um mit einem Schiff im Mittelmeer NGOs, die flüchtenden Menschen beim Überleben helfen, zu „stören“.

Jeder Versuch diese Aktion, ihre Logik und die Ideologie, die sie begründet, in Worte zu fassen mutet zu ungeheuerlich an. Ja, so falsch, weil das, was diese Leute dort vorhaben zwar beschreibbar ist – aber fassbar? nein, das ist es nicht! Es ist der finsterste, abgründigste und dunkelste Hass auf flüchtende Menschen der sich gerade in Italien in Form der „C-Star“ und ihrer internationalen Besatzung manifestiert.

Die „Identitären“ und ihre fanatisiertesten Kader haben es geschafft. Es wird wieder über sie geredet. Und sie haben gezeigt, dass sie für diese Aufmerksamkeit bereit sind einen hohen Preis zu zahlen. Klar, die Produktion von Bildern zur Illustration ihrer Ideologie ist das Ziel dieser Aktion und dieses werden sie auch erreichen. Das es nie um „Beobachtung“ ging, sondern das das Urteil der Neofaschist*innen über NGOs, flüchtende Menschen und die europäische Grenzpolitik schon ohne Widerspruch feststand, noch bevor einer der Kader einen Fuß an Deck setzt(e), muss uns umso klarer sein.

Es ist die eine Seite der Medaille, dass die Aktion in ihrer zynischen Menschenverachtung kaum zu überbieten ist. Das müssen wir in aller Klarheit festhalten: Da fahren wohlsituierte – vorwiegend deutschsprachige Studenten – nach Italien, um dort Menschen vor Ort Menschen zu erzählen, dass ihre traumatische Flucht nach Europa hier ein Ende haben soll. Sie wollen aufs Meer und aufzeigen, dass Organisationen, die dort die Menschen vor dem Ersaufen retten, doch eigentlich „Fluchthelfer“ sind. Da spricht der „Beobachter“ von „Ein Prozent“, Simon Kaupert, in tiefer Verachtung von „Gucci-Flüchtlingen“ auf twitter und Patrick Lenart aus Österreich postet in weißer Herrenmenschenmentalität erstmal ein Bild von sich wie er Flüchtenden die Welt erklärt und eine Cola spendiert. Mensch, was ist nur los mit euch?

Nun aber gibt es eben noch die andere Seite der Medaille. Und es ist diese Seite, die umso grausamer ist. Die „Identitären“ sind zwar fanatisierte Rechtsextreme. Ihre Aktion ist aber letztlich nur eine Bebilderung der Forderung diverser Politiker*innen. Die konsequente Schließung der europäischen Grenzen, die „Kritik“ an NGOs im Mittelmeer, die konsequente Abschiebung von Menschen, die es nach Europa geschafft haben – alles keine Forderungen einer kleinen reaktionären Gruppe, sondern des gesellschaftlichen Mainstream.

Und ja, es ist verlogen und in diese Verlogenheit beziehen wir uns selbst mit ein, im Angesicht der „Identitären“ Aktion „Defend Europe“ die Sprache und Worte zu verlieren, obwohl seit Jahren Menschen Tag für Tag im Mittelmeer ertrinken, weil eine tödliche Logik der Grenzkontrollen längst der Fall ist. Die „Identitären“ sind keine Extremen. Sie sind gesunde, vitale Kinder dieser bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind nur die, die bereit sind, sich öffentlich ihre Hände in Blut zu baden. Sie müssen dafür nicht irgendwelche Agenturen wie Frontex gründen.

Der Wahnsinn der „Identitären“ ist längst und immer schon der Wahnsinn vieler bürgerlicher Politiker*innen.

Die „C-Star“ mag sinken. Der tödliche Hass in den finsteren Herzen der Reaktionären wird weiter existieren. Greifen wir sie an. Alle!

Das alles und noch viel mehr würd ich machen, wenn ich doch endlich Souverän wär

Warum die „Identitären“ sich nicht als Terroristen verkleiden,

sondern am liebsten welche sein wollen

Die Bilder sind längst bekannt: Aktivist*innen der „Identitären Bewegung“ suchen sich einen öffentlichen Ort oder eine Veranstaltung. Ihre Leute gehüllt in Kleider und Insignien, die ihrer Meinung nach irgendwie mit den medial kolportierten Bildern von „Terroristen“ und Kämpfer*innen für Gruppen wie den „Islamischen Staat“ übereinstimmen.

Derart ausstaffiert stürmen sie entweder wahlweise Veranstaltungen anderer Organisationen oder inszenieren direkt auf offener Straße das, was einige „Identitäre“ als „aktivistisches Theater“ bezeichnen: Sie simulieren Enthauptungen, Steinigungen und gewalttätige Angriffe auf wehrlose Opfer.

Was auf den ersten Blick als bizarre (Re)-Inszenierung von Bildern und Narrativen anmutet, die die „Identitäre Bewegung“ immer wieder versucht als Gefahr im öffentlichen Diskurs zu verankern, nämlich die Gefahr islamistisch motivierter Terrorakte, ist letztlich in ihrem Kern weniger Verkleidung und Inszenierung, denn vielmehr Ausdruck einer tiefen inneren Sehnsucht der rechtsextremen Kader der „IB“: Der Sehnsucht selbst endlich zu einem solchen Souverän zu werden, wie es die bewaffneten und über Leben und Tod entscheidenden Terrorist*innen darstellen.

Maskierter Aktionismus als Gruppenerlebnis

Doch schauen wir zuerst, wann die „Identitären“ auf diese Aktionsform zurückgreifen. Denn letztlich, das muss direkt zu Beginn festgehalten werden, ist diese Aktionsform nur eine unter vielen, nicht ihre Alleinige. Auffallend aber ist, dass sie diese Form des Theaters besonders oft dann anwenden, wenn ihre mediale Präsenz nicht sonderlich groß ist.

Auffällig in diesem Zusammengang auch, dass von den „Identitären“ diese Form des Aktionismus meist dann genutzt wird, wenn sie personell auf eine äußerst geringe Anzahl an verfügbaren Personen zurückgreifen können. Diese „Terror-Inszenierungen“ ermöglichen einem kleinen Stamm an Personen an einer Aktion zu partizipieren. Die Aktionsform ist relativ ungefährlich und durch die Möglichkeit sich zu maskieren ermöglicht sie auch neuen Aktivist*innen teilzunehmen, ohne direkt in das Licht der Öffentlichkeit zu treten. Zudem besteht nicht die Gefahr von einem Gebäude zu fallen oder möglicherweise ungeschützt mit Gegenprotesten konfrontiert zu werden.

Im Kontrast zu dieser Aktionsform stehen zum Beispiel Infostände oder die Aktion der Störung von Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“, die unmittelbar zum Zweck haben, Aktionen und Gesichter der Aktivist*innen medial zu verbreiten.

Warum aber haben die „Identitären“ so großen Gefallen an diesen „Terror-Inszenierungen“ gefunden und greifen schon lange nicht mehr auf Flash-Mob Aktionen, wie „Multikulti Wegbassen“, zurück?

Mediensozilisation und die Logik der Drastik

Die Erklärung ist eine etwas kompliziertere. Sie lässt sich aber grundsätzlich in zwei Argumentationsstränge aufteilen. Erstens: Die meisten der Kader der „Identitären Bewegung“ in Österreich sind den Jahrgängen 1985-1995 zuzuordnen. Sie sind also Kinder, deren prägnanteste Medienerlebnisse nicht der Fall der Berliner Mauer oder die Tschernobyl-Katastrophe waren, sondern die Ereignisse ab dem 11. September 2001. In Gebäude manövrierte Flugzeuge, sich in die Luft sprengende Menschen, bis hin zu den grausamen Videos des „IS“, die Mord und Folter in den detailreichsten Ausschmückungen weltweit popularisierten. Sie sind Kinder dieser Bilderwelten und ihrer globalen Rezeption.

Wenn diese Kader um eines wissen, dann darum, dass die grausamsten Formen von Angriffen auf menschliches Zusammenleben in den letzten Jahren die medial am stärksten popularisierten Bilder waren. Wenn die Bilder, vom 11. September angefangen, sie eines gelehrt haben, dann ist es der Umstand, dass die Ausführenden dieser Akte des Terrors es geschafft haben, mit wenig personellem Aufwand Bilder zu „produzieren“, die ihren Weg in die internationalen Medien geschafft haben.

Die „Identitären“ , die grundsätzlich mit dem Problem konfrontiert sind, mit einer geringen Anzahl an Aktivist*innen eine Botschaft in den Medien verankern zu wollen, die wegen ihres menschenverachtendes Inhalts sonst in diesen Medien kaum bis gar keine Beachtung finden würde.

Die „Identitären“ affirmieren die Bildlogik des Drastischen. Im Wissen, dass ihre Bilder umso mehr Verbreitung finden, desto drastischer sie sind. Da sie (noch) an ihrer bürgerlichen Fassade festhalten, bleibt es deswegen zur Zeit bei der Simulation heftigster Gewalt. Kunstblut, Messer, als Schwerstverletzte geschminkt – alles in der Hoffnung auf der Titelseite einen Platz Seite an Seite mit den bewunderten Kämpfer*innen des „Islamischen Staats“ zu bekommen.

Der ultimative Souverän

Zweitens und umso bedeutender ist jedoch, dass diese Bewunderung sich nicht allein und auch nicht primär in einer Rezeption medialer Strategien erschöpft. Vielmehr sind die Akteur*innen des Terrors für die „Identitären“ eines: Bewundernswerte Souveräne.

Die Mimesis, die die „Identitären“ in Form von Verkleidung und Ausstaffierung mit diesen Insignien betreiben, ist für sie – und das ist der wichtigste Punkt – keine Verkleidung, sondern eine ehrfurchtsvolle Affirmation der Aura dieser Insignien und der Akteur*innen selbst.

Wenn die Taten, die innerhalb der letzten Jahre als terroristisch deklariert wurden, eines gemeinsam haben, dann ist es der Moment des Einbruchs der Gewalt in einen scheinbar zivilisierten Raum. Der Akt des Terrors zeigt einer Gemeinschaft ihre eigene Verwundbarkeit auf, indem sie, in kaum vorhersehbarer und deswegen auch kaum abwendbarer Weise, drastisch einen Moment in diese Gemeinschaft wieder inkludiert, den diese über diverse Formen der Zivilisierung versucht hat zu verbannen: Die tödliche Verwundbarkeit ihrer vergemeinschafteten Subjekte.

Der terroristische Akt verletzt und tötet letztlich nicht nur Subjekte der Gemeinschaft, denn vielmehr ist er sich bewusst, dass dieses Töten auf irgendeine Art medial festgehalten wird und dergestalt Verbreitung findet. Der Tod wird durch diese Möglichkeit der medialen Rezeption immer wieder reproduzierbar. Der Einbruch der Gewalt in die Gemeinschaft wird damit für eben diese immer wieder erlebbar. Es bleiben am Ende nicht nur die individuellen Toten, sondern vorwiegend auch ein zutiefst beschädigter Glaube der Subjekte in die Funktionsmechanismen der Gemeinschaft selbst.

Die Durchführenden dieser Akte sind letztlich die radikalste Form des Souveräns. Sie entscheiden, sie richten und sie exekutieren. Sie brauchen hierfür weder demokratische Legitimation, noch sind sie sonst wie irgendeiner Instanz der Kontrolle unterstellt. In ihren Händen verschmilzt ihre Ideologie mit der ultimativen Macht des Subjekts über Leben und Tod.

Diese Art Akteur ist ideologisch eine Figur, die sich kontradiktorisch zu Ernst Jüngers Figur des „Waldgängers“ entfaltet. Der „Ekel vor der Welt“ führt zwar ebenso noch zu einer „inneren Migration“, jedoch entlädt sich diese irgendwann in ihrer grausamsten Form – dem Akt des Tötens. Das die „Identitären“ Jünger vergöttern, zugleich aber eine dergestalte Mimesis solcher Akteure betreiben, zeigt letztlich auch, wie brüchig und widersprüchlich ihre selektive theoretische Rezeption ist.

Weg mit den Masken

Letztlich bleibt: Die „Identitären“ bewundern diese Art der Souveränität.

Betrachten wir ihre Propagandasujets so fällt auf, dass diese fast immer eine Rückgewinnung von Souveränität fokussieren. Grenzen sollen geschlossen werden, um eine imaginäre Gruppe zu verteidigen. Städte müssen von „der Antifa“ befreit werden. Die „Jugend ohne Migrationshintergrund“ muss sich endlich „wehren“ dürfen. Aktivsten sollen zu Soldaten werden. Und Soldaten sind, da sie nach Definition von Kubitschek  nicht-staatlichen Institutionen, sondern nur ihrer „Verantwortung vor dem Volk“ unterliegen, schon etwas, dass dieser Form der Souveränität sehr nah kommt.

Die Ideologie der „Identitären“, die ihre Taten derzeit im kompletten deutschsprachigen Raum über eine krude Rezeption des Widerstandsrechts rechtfertigt und die ausnahmslos ihre Struktur über die Hierarchisierung entlang von Führerfiguren entfaltet, muss zwangsläufig in den Akteur*innen des Terrors ihre großen Vorbilder finden, da diese in ultimativer Konsequenz ihre Ideologie der „Reconquista“ der Souveränität exekutieren.

Sie zeigen, dass es letztlich keiner Parlamente oder Abstimmungen mehr bedarf, um all denen, die als „feindlich“ definiert werden, endlich die Schädel einschlagen zu können.

Noch müssen die „Identitären“ deswegen die Maskerade der Bewunderten anziehen, weil sie selbst noch zu sehr in der Illusion verhaftet sind, sie könnten die Menschen um sich herum von ihrer „Friedfertigkeit“ überzeugen. Noch genießen ihre Führerfiguren zu sehr die Aufmerksamkeit der Medien, um endlich die Masken fallen zu lassen und ihre blutgeilen Kader loszulassen.

Dass viele „Identitäre“ die Ausschreitungen in Bautzen feierten, ist auch deswegen logisch: Sie sehen ihre eigenen Bedürfnisse in den wildgewordenen und unmaskierten Gewalttätern gespiegelt. Endlich aufzuhören zu diskutieren, keine Masken mehr und keine Kleider derjenigen, die sie nicht sind. Sollten sie sich je für das Ablegen der Kleidung entscheiden, so bedeutet das für die „Identitären“ auch, dass sie als Subjekte vollends in ihrer Ideologie aufgehen. Wo es jetzt noch einen kleinen Weg zurück gibt, wird es dann nichts mehr geben. Es bedeutet aber auch endlich ihre Ideologie in eine konkrete blutige Praxis übersetzen zu können: Selbst zum Souverän werden. Selbst zu bestimmen. Selbst zu entscheiden. Selbst über Leben und Tod zu richten.

Zombies, Techno und schwitzende Comicfiguren

Oder warum die „Identitären“ Popkultur gerne mit Historie verwechseln
und von beidem keine Ahnung haben

Muskelbepackte antike Soldaten, die sich mit Schild, Schwert und Lambda den Persern entgegenwerfen.

Österreichische Feldherrn, die die Türken abwehren.

Invasoren, die in Booten über das Mittelmeer kommen, um Europa zu vereinnahmen.

Europa am Abgrund!

Wenn uns noch eines retten kann, dann sind das wohl nur noch Ernst Jünger, Martin Heidegger und vielleicht Norbert Hofer. Und zwar genau in dieser Reihenfolge!

Bildlogiken der Dystopie

Flyer, Sticker, Videos, Reden. Alles, was die „Identitären“ in Österreich an Artefakten produzieren, strotz auf den ersten Blick vor scheinbar gut konstruierten und gewollt inszenierten historischen Bezugnahmen, die das historische Ereignis immer in Relation zu ihrem eigenen Handeln im Hier und Jetzt setzt. Selbst ihre große mythologische Grundnarration des „Großen Austauschs“ versucht aktuelle, vorwiegend durch kriegerische Konflikte verursachte, transnationale Migrationsbewegungen in eine historische Kontingenz zu überführen, in der aus den flüchtenden Menschen barbarische Invasoren werden, derer es sich, so verlangt es die von den „Identitären“ bemühte Historie, kämpferisch zu erwehren gilt.

Selbst die meisten Expert*innen im Feld des Rechtsextremismus widmen sich ausführlich diesen vorgeblich historischen Quellen: Sie analysieren, sezieren und versuchen Verbindungen aufzuzeigen, legen Quellen offen und schreiben seitenlang über die bemühte Historie der identitären Bilderwelten.

Fazit dieser Prozesse: Die „Identitären“ seien eine Art Intellektualisierung und Modernisierung bestehender neofaschistischer Strukturen. Keinesfalls dumme Klischee-Nazis. Auch dieses Blog verwehrte sich dieser Analyse nicht.

Doch ist das gedankliche Gebäude der „Identitären“ wirklich so ein Palast der feinen Bezugsquellen, der geschickten Affirmation historischer Bilder und der durchdachten Philosophie?

Nein. Das Denken der „Identitären“ ist eher eine billige Hütte; zusammengeschustert aus ein paar plakativen Philsophiefragmenten, sinnentleerten historischen Bezugnahmen und einer anderen wichtigen Zutat: Ganz viel Pop.

Historie als Simulakrum

Die Quellenverwertung der „Identitären“ ist primär eine Verwertung und Exploitation popkulturell vorhandener Bildkomplexe, an die Theoriefragmente geknüpft werden.

Die „Identitären“ bedienen sich hierbei an allem, was aktuell und in direkter zeitlicher Perspektive an Kinofilmen, Musik, Comics und anderen Quellen verfügbar ist und entkoppeln einzelne Fragmente dieser Artefakte, um sie anschließend mit neuen Inhalten aufzuladen. Ganz im Sinne Jean Baudrillards, der diesen Prozess in seinem Werk „Der Symbolische Tausch und der Tod“ unter dem Theorem des Simulakrums fasst, entstehen so neue Bilder, die in ihrem Wesen ihre originäre Bedeutung dennoch zu Teilen beibehalten und dergestalt popkulturell anschlussfähig bleiben.

Von „300“ über andere europäische Schlachten bis zum imaginierten Kampf gegen die „Invasion Europas“ bedienen sich die Akteuer*innen an Bildern, Dramaturgien und Narrativen, die mehr popkulturellen Logiken unterliegen, denn faktenbezogenen historischen Quellen. In vielen der Bezugnahmen, die konkrete Historizität simulieren, ist eben diese nur noch, wenn überhaupt, unter einem dicken Nebel Hollywood-Ästhetik vorzufinden.

Dass die Wahl eben auf Filme wie „300“ fällt oder dass die Akteuer*innen sich darüber profilieren, dass sie über ein detailliertes Wissen zum Teil dezidiert linker Popmusik verfügen, liegt eben nicht daran, dass sie sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, sondern daran, das diese Artefakte aktuell in Teilen des kollektiven Gedächtnis verankert sind. Wer die letzten fünf bis acht Jahre irgendein Festival im deutschsprachigen Raum besucht hat, wird nicht umhin gekommen sein, Electropunk im Stile von Egotronic wahrzunehmen. Wer sich in den letzten Jahren für Kinofilme interessiert hat, weiß um die Bildern, die Zack Syner zusammen mit Frank Miller geschaffen hat und welche Diskussionen diese ausgelöst haben.

Gerade der „große Austausch“ verweist in seiner Narration und der ikonographischen Bebilderung, die er erfährt, mehr auf apokalyptische Kinofilme, im Besonderen die des Zombie-Genres, denn auf Theorien, die konsistent und diskutabel erschienen. Bei diesem selbstgeschaffenen Mythos geht es längst nicht mehr um Argumentation, denn vielmehr um das Heraufbeschwören von Bildern, in denen eine entmenschlichte Masse in einen scheinbar zivilisierten Raum eindringt und mit Gewalt zurückgedrängt wird, kurzum eine Fabel des Genozids. Dieses Motiv funktioniert, wie Kathrin Glössel zurecht feststellt, zum einen nur als Verschwörungstheorie, zum anderen aber auch nur, weil die Bilder der „Identitären“ an solche Erzählungen wie „Dawn Of The Dead“ oder „World War Z“ anknüpfen können. Denn der Umgang mit den Entmenschlichten und „Zombifizierten“ bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Bilder sind hier in ihrer Assoziation direkter Lösungsvorschlag: Vernichtung!

Historie als Klamauk

Die Historie gerät in der Popkultur zum Klamauk und es sind diese Bilderwelten des Klamauks, die die „Identitären“ mit politischen Fragmentstatements aufladen und dann wiederum als konkrete Historizität präsentieren. Bildbezüge, wie die schwitzenden und muskelbepackten Spartaner, werden deswegen nicht als völlig dümmliche Bezugnahme auf Popkultur analysiert, weil gerade die popkulturellen Referenzen vielfach fälschlich als gewollte und durchdachte Modernisierungsstrategie der Faschist*innen und „Neuen Rechten“ analysiert werden.

Gerade eben auch im Handeln der Aktivist*innen zeigt sich diese Elternschaft des Pops. So versucht zwar gerade Martin Sellner dem Aktionismus immer einen pseudointellektuellen Bezugsrahmen (Stichwort Wiener Re-Aktionismus) zu geben, in der Realität aber weisen Aktionen, wie die Dachaktion in Graz, die Stürmung des Audimax mit Blutverschütten und das Erklimmen des Burgtheaters, mehr Gemeinsamkeiten mit dem Actionkino à lá Bruce Willis auf, denn den Aktionen von Herman Nitsch.

Ein guter Faschist: Neofolk und Heidegger-Klischees

Auch abseits der massentauglichen Pfade der Popkultur zeigt sich, dass die „Identitären“ sich mit leicht verdaulichen beziehungsweise gut vorgekauten Gedankenhäppchen leichter tun, denn wirklicher Auseinandersetzung.

Auffallend ist dies gerade bei Martin Sellner, dessen Denken sich fast ausschließlich in gedanklichen Bezügen auf die Neofolk-Subkultur erschöpft. Sein Wissen über das „heimliche Deutschland“, Ernst Jünger oder Oswald Spengler steht fast immer mehr im Zeichen der neusten „Darkwood“-Scheibe und dem zusammenfassenden Artikel auf „heathen harvest“, denn einer fundierten Textgenese.

Dies zeigt sich dominierend in Sellners Heidegger Rezeption, über die er alltäglich versucht einen elitären Habitus herauszukehren. Dabei zeigen Sellners Schriften unmittelbar, dass ihm nicht an den Theoremen Heideggers gelegen ist, denn vielmehr an dem Kult um Heideggers Person und die stets mitschwingende Kontroverse um Heideggers gedankliche Nähe zum nationalsozialistischen Regime. Sellner gibt diesen Weg des Interesses selbst offen zu. So war seine erste größere Auseinandersetzung mit Heidegger eine Bachelorarbeit über die schwarzen Notizhefte. Das Sellner nach einer solchen Arbeit stets im positiven und absolut unkritischen Bezug auf Heidegger verweilt, zeugt nicht nur von seiner Ignoranz, sondern eben auch von seiner Sympathien für faschistische Gedankenkomplexe beziehungsweise der Simulation von Intelligenz durch Bezug auf kryptische Denker. Es geht hier letztlich nicht um die Diskursivität einer Art des Denkens, denn vielmehr um das Herausarbeiten der Argumentationslogiken einer „überlegenen“ rechtsgerichten Philosophie.

Kritik als Wunschbild der Kritisierenden

Eine durch und durch akademisierte Analyse und Kritik reaktionärer Phänomene bedarf der unhinterfragbaren Grundhypothese, dass Argumentation, Agitation und gedankliche Konstitution dieser Gruppen und Akteuer*innen sich den gleichen Spielregeln der Kritisierenden unterwerfen. Um sich in Analysen der kulturellen Artefakte des zu kritisierenden Objekts zu vertiefen bedarf es zwei grundlegender Annahmen:

  1. Die Artefakte, allen voran die Schriftstücke, besitzen für die Konstitution solcher Gruppen eine herausragende Bedeutung.

  2. Meinungsbildung funktioniert in diesen Gruppen über eine Exegese vorliegender Schriften und anderen Artefakten und Meinungsmacher*innen.

Es sind eben diese zwei Annahmen, die zeigen, wie sehr die Kritiker*innen und Analysierenden ihre eigene großbürgerliche Diskussionskultur in das Handeln und die geistigen Produkte ihrer Untersuchungsobjekte projizieren. Die Annahmen, dass historische Bezüge gewollte und durchdachte Konstruktionen sind, dass theoretische Fragmente gewollte und bewusst gewählte Rahmungen und Bezüge darstellen. Dass Popkultur, wenn überhaupt, als ironisches Beiwerk funktioniert, nie aber des Pudels Kern darstellt. So wenig die Gefahren, die von den neuen Faschist*innen ausgehen, unterbewertet werden dürfen, so wenig dürfen wir uns als Analysierende darin versteigen, die Gruppierungen als Zusammenschlüsse hochintellektueller Superwesen darzustellen. Dass einige der Kader Sätze mit mehr als 5 Wörtern bilden können und dass dieser Umstand allein sie von älteren neonazistischen- bzw. faschistischen Strukturen abgrenzt ist klar. Das es aber in den Reihen der Ihren jede Menge Aktivist*innen gibt, die bei Camus immer noch eher an einen vermeintlichen französischen Weichkäse, denn an Albert oder Renaud denken, muss uns ebenso bewusst sein.

Pop als Praxis anerkennen

Was aber nun, wenn Filme wie „300“, Musik und aktuell im Diskurs vorhandene Bilder für die Konstruktion und spezifische Ausformung reaktionärer Gedankengebäude weitaus wichtiger sind, als Camus, Heidegger und die Interpretationen von „Lichtmesz“ und Co.?

Es braucht dieser Annahme, um die eigene wissenschaftliche Anstrengung zu rechtfertigen und doch führt gerade dieser Modus der Beschäftigung zu dem Umstand, dass „Identitäre“, „Neue Rechten“ und anderen faschistischen Gesinnungsgefährt*innen eine Tiefe und Intensität in den Gedanken unterstellt wird, die diesen bei weitem nicht zusteht. Es gilt diese popkulturellen Bilder ernst zu nehmen und in ihrer Ernsthaftigkeit zu analysieren. „300“ ist demnach mehr eine grobschlächtige Verherrlichung faschistoider Männlichkeit, denn historische Studie. Nur so können die Phänomene richtig bewertet werden.

Dass dieses Prinzip der popkulturellen Vermischung gerade in Österreich so gut funktioniert und die „Identitären“ sich hier einer derart unüberschaubaren Anzahl an Ikonen, Bildern und Narrativen bedienen konnten, liegt eben auch daran, dass Bilder, die zur Ideologie der „Identitären“ passen, wie zum Beispiel der Belagerung der Stadt Wien durch die Türk*innen, viel stärker im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert sind. Gerade durch seine Scharnierfunktion zwischen einem imaginären „Westen“ und einem „wilden Osten“ ist Österreich voll von Erzählungen und Bildern, die dergestalte Konflikte zum Thema haben. Auch deswegen befruchten sich das burschenschaftliche Milieu und das der „Identitären“ so paradehaft: Die Narrative, Mythen und Ikonen nationaler Identitätsbildung sind Muttermilch vieler Burschenschafter.

Es muss nun mehr denn je gelten, den Aspekt der exploitativen popkulturellen Bezugsquellen herauszuarbeiten und damit zu zeigen, um was es sich bei Gruppierungen, wie den „Identitären“ primär handelt: Eine Bande post-pubertärer Jungs, die gewisse Kenntnisse aktueller Filme und Musik und einiger „nerdigen“ Gebiete aufweisen. Was sie aber nicht sind, ist der hochintelligente, unglaublich belesene Heidegger-Lesekreis.

Kampf, Sieg oder Körper – Ideen zu den „Identitären“ und Popkultur

Abstract

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen Ideologie, deren Transformation in popkulturelle Bilder und Körperlichkeit. Im Zentrum steht hierbei die Frage, inwieweit sich neurechte Bewegungen, wie zum Beispiel die Identitären, neue popkulturelle Bilderwelten geschaffen haben und wie sie über diese Bilderwelten ihre neuen/alten Narrationen der menschlichen Ungleichheit massenkompatibel transportieren können.

Der Artikel zieht hierfür Verbindungen von Österreichs Neuen Rechten der 1990er, ausgehend von den Akteuren der FPÖ im Bezirk Alsergrund, über die Versuche der Beeinflussung des Dark-Wave bis zu den neuen Stichwortgebern rund um Martin Lichtmesz und Co.

Dieser Artikel geht davon aus, dass es, um die Erkenntnisse vorwegzunehmen, den Identitären gelungen ist eine Art „neu(e) rechte Popkultur“ zu erschaffen, die sowohl in ihren ästhetischen als auch ihren inhaltlichen Ausformungen und Narrativen die Linke mit ihren bewährten Tools der Analyse und Kritik noch nicht recht fassen kann und denen sie, diesem Umstand Rechnung tragend, derzeitig eher hilflos gegenüber steht. Gerade auch, weil ihr mit Alfred Schobert und Martin Büsser zwei Experten verloren gegangen sind, die als Einzige detaillierte Analysen von und Kritik an Szenen wie der des Dark-Wave und Neofolk zu üben wussten, in denen die Neuen Rechten nun, ohne großen Widerstand, agieren. Diese „Popkultur von Rechts“ ist für die Identitären Diskussionsraum, Rekrutierungstool und Raum der politischen Agitation zugleich.

Dieser Artikel reißt viele Ideen an, bringt dabei Theorien zusammen, die vielleicht gar nicht zusammen gedacht werden sollten, und ist vor allem eine essayistische Sammlung erster, jedoch grundlegender Gedanken. Für Diskussionen, Anregungen, Kritik und wüste Beschimpfungen bin ich deswegen mehr als dankbar.

Zur Aufteilung: Es gibt den gesamten Artikel als pdf. zum Download hier. Auf der Blogseite habe ich mich für eine separate Veröffentlichung der jeweils einzelnen Kapitel entschieden. Der gesamte Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte, welche im Gesamten zu lesen durchaus sinnhaft ist, die aber auch Stand-Alone verstanden werden können.

Den gesamten Artikel gibt es hier als pdf Download:

Inhalt:

1. Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

2. Körper, Popkultur und Normation(en)

3. Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

4. Die neuen alten Mythen der Identitäten

5. Subkultur von Rechts?

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Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

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Dass Ideologie und (Pop-)Kultur irgendwie zusammenhängen, dürfte ein Allgemeinplatz sein. Denken wir an den Nationalsozialismus, dann denken wir schnell an so etwas wie eine „faschistische Ästhetik“. Was genau diese sein soll, ist zwar definitorisch mehr als offen, aber im geteilten Missverständnis fusionieren in unser aller Imaginationen blonde Bauernkörper mit riefenstahlartig gestählten Athleten und schwarzgekleideten Soldaten zu einem Bild des großen Schreckens. Dass diese Bilderwelt eine ist, die die Nationalsozialist*innen stark selbst erschufen und prägten und immer auch fokussiert, nämlich in Form der damals vorhandenen Massenmedien, in den popkulturellen Diskurs einspeisten, vergessen wir dabei allzu oft.

Was uns die Bilder, die das Beispiel des NS hervorruft, aber umso eindringlicher zeigen, ist, dass im Zentrum der popkulturellen Diskursivität von Ideologie zumeist immer ein Objekt das Zentrum bildet: Der Körper.

Ideologie abstrahiert, normiert, kategorisiert und erfindet, immer ausgehend vom Körper, Zuteilungen und Ordnungen, die die Körper, die Körperlichkeiten und die Performanzen der Körper trennen. Hautfarben, Geschlechter, sexuelle Orientierungen, Ausformungen des Körpers und dessen freiwillige oder zwangsweise vollzogene Modifikationen, sie alle manifestieren sich letztlich konkret im Körper der unmittelbar in und zur Welt steht und trennen damit die Menschen in Ordnungen der Ungleichheit, indem sie die imaginierten Ordnungen hierarchisieren und damit die Körper wertend voneinander scheidet.

Ideologie ist deswegen dominierend immer als Frage zu begreifen, wie sie den Körper in den Diskurs stellt: Nicht „Wie wollen wir leben?“, sondern vielmehr: „Mit welchen Körpern wollen wir (zusammen) leben?“.

Nicht die Idee selbst formt den ideologisierten Menschen, sondern der Körper, der diese Ideologie in sich „verkörpert“ hat. Popkultur, scheinbare wissenschaftliche Diskurse, sie alle bilden letztlich eine Gesamtheit des populären, weil alle Menschen umfassenden, Diskurses, in dem über die verschiedenartigsten Artefakte diese Körper diskutiert werden.

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