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„Heiliger Tod“ – Über die neuen Faschist*innen und den Tod

In einer Nacht im April 2016 wird in Wien eine Frau auf dem Weg nach Hause Opfer eines fürchterlichen Verbrechens. Es dauert keine Stunden, da beginnt auf den Onlinepräsenzen der „Identitären“-Aktivist*innen der perfide Prozess postmortaler Verklärung. Zuerst tauchen Bilder des Opfers auf, dann Bilder des vermeintlichen Tatortes. Eine Wand am Yppenplatz, versehen mit einem linken Graffiti.

Wenige Zeit später dann die ersten kürzeren Statements. Das Opfer sei eine aus ihren geistigen Reihen gewesen. Eine „Patriotin“. Eine, die auf Facebook die digitale Präsenz der „Identitären Bewegung“ geliked habe.

Nach wenigen Tagen dann der Höhepunkt. Die „Identitäre Bewegung Österreich“ ruft zu einem Totengedenken am 8. Mai auf. Sagt dieses kurze Zeit später unter Berufung auf polizeilichen Rat aber wieder ab. Antifaschistische Menschen hatten zum Gegenprotest aufgerufen.

Das stille Gedenken am 8. Mai wurde zu einem Aufmarsch der Polizei, die mit Panzerwagen, Helikopter und jeder Menge Fußvolk aufwartete. Drei den „Identitären“ nahestehende Aktivisten hatten sich trotz antifaschistischer Gegenproteste und der Möglichkeit einen Abend zuvor an einem, von den Anrainer*innen organisierten, Totengedenken teilzunehmen, um der Provokation Willen eingefunden.

Vom Individuum zum Symbol

Auch wenn die faschistischen Kader sich in ihren Wortmeldungen immer wieder darum bemühten, eine individuelle Dimension des Todes zu erwähnen, so sehr straft die Gesamtheit ihrer Aussagen diesem geheuchelten Interesse Lüge. Von Beginn an wurde das Opfer von den Faschisten zu einer Figur ihres ideologischen Koordinatensystems degradiert. Nicht mehr das persönliche Leid über den Verlust eines Menschen stand im Vordergrund, denn vielmehr der von ihnen konstruierte symbolische Gehalt der dem Opfer zugeschrieben wurde. So starb in dieser Nacht nicht mehr ein Mensch, sondern da wurde eine Österreicherin, eben auch noch eine mit „patriotischer Stimme“, zum „Opfer von Multikulti“. Mussten die „Identitären“ in den Monaten und Wochen zuvor noch die Opfer von Paris und Brüssel bemühen, um ihre Überfalle auf Theatervorstellungen und Parteizentralen zu rechtfertigen, so hatten sie nun endlich eine Märtyrerin in ihren eigenen Reihen.

Der individuelle Mord wird so zu symbolischen Manifestation ihrer Ideologie. Ganz im Sinne dessen, dass der „Große Austausch“ nur eine Art des langsam erfolgenden „Genozids an den weißen Europäern“ ist und es nur noch dieser Generation von „Menschen ohne Migrationshintergrund“ gelingen kann, eine Wende herbeizuführen, wird das Todesopfer für die „Identitäre Bewegung“ zu zweierlei: Erstens einem Mahnmahl ihrer Ideologie. Ein scheinbar realer, nicht zu wiederlegender Beweis, dass ihre Sicht der Welt stimmt. Zum Anderen ein Versprechen, nämlich dass dieses Opfer, sollten sie ihren Kampf vorantreiben, möglicherweise das Letzte sein könnte.

Vom Sakralen zum Paradox

In der Fetischisierung und Institutionalisierung des Todes berührt und vereinnahmt faschistische Ideologie das Sakrale. Politik und politisches Handeln, gerade im Sinne Gemeinschaften strukturierender Handlungen, wird hierbei zum größten Teil einer menschlichen Determination entzogen. So wie der Tod Mythos ist, wird die faschistische Ideologie mythisch aufgeladen. Das Handeln der Aktivist*innen dient nicht mehr nur einem konkreten Zweck menschlicher Existenz, sondern ist in seinem Sein allein schon quasi-sakrale Handlung selbst und erfüllt in ihrer bloßen Durchführung einen Zweck der keiner Begründung mehr bedarf.

Gerade in dieser geistigen Haltung zum Tod zeigt die „Identitäre Bewegung“ ihre geistige Nähe zum Urvater der rumänischen Faschist*innen und Führer der „Legion Erzengel Michael“ Cornelia Zelea Codreanu, dem es in seiner Ideologie immer um eine christlich identitäre Resakralisierung des Lebens ging und für den der Mythos letztlich im Sakralen zum Vorschein kommt, was für ihn die wirkliche Grundlage der Welt abbildete.

Es ist diese Instrumentalisierung des Todes, in der faschistische Ideologie die ihr grundlegende Dialektik von Mythos und Moderne auf die Spitze treibt. Wobei Moderne eben als eine nicht einheitlich zu kategorisierende Masse an Prozessen definiert werden muss, die sich in den Feldern Industrialisierung, Urbanisierung, Säkularisierung und Rationalisierung vollzieht.

So sehr verschiedene Ausformungen faschistischer Ideologien die Moderne, allen voran die von ihr ausgehende „Entzauberung der Welt“ zum Teil ablehnen, so sehr bedürfen sie dieser spezifischen Formen, um sich selbst konstituieren zu können. Faschistische Ideologie in allen ihren Ausprägungen und Facetten ist gerade deswegen dominierend immer auch eines: Ein Paradoxon.

Wichtig bleibt letztlich das Paradoxe und es ist dieser Punkt, der uns wieder zu der „Identitären Bewegung“ zurückbringt. Ideale einer einfachen, bäuerlichen Existenz, wie sie zum Beispiel der deutsche Nationalsozialismus in seiner Ideologie ausstaffierte und wie sie auch diverse Propagandamaterialen der „Identitären Bewegung“ hochhalten, können in ihrem Dasein und in all ihrer Widersprüchlichkeit und unterschiedlichen Tendenz zur gesellschaftlichen Realität koexistieren. So ist es für die Aktivist*innen des neuen Faschismus kein Widerspruch, in der Wohnbatterie mit ihrem MacBook an einem Aufkleber zu arbeiten, der ein bäuerliches Sein imaginiert oder mit dem Smartphone aus dem Wald zu twittern, dass gerade Jüngers „Waldgang“ gelesen wird.

Ziele antifaschistischer Intervention

Der Faschismus findet letztlich nicht umsonst im Krieg zu seiner vollendeten Form, denn er bedarf in seinem Wesen, dass Gemeinschaft durch Ausgrenzung, Ausmerzung und Vernichtung definiert, in sich selbst den Tod und die Zerstörung. Und so wie der Faschismus den kriegerischen Konflikt braucht, brauchen die „Identitären“ die Toten. So wie vor Jahrzehnten die „gefallenen Kameraden“ in den Reihen der SA über ihren Tod hinaus mitmarschierten, so sind es die von den „Identitären“ stilisierten „Opfer des Multikulti“, die für immer in ihrer Argumentation mitlaufen werden. Denn diese Toten sind für sie keine konkreten Menschen mehr, sondern letztlich eines: Die ersten Opfer eines Krieges, in dem sie an vorderster Front kämpfen.

Antifaschistische Intervention darf sich, den obigen Ausführungen folgend, deswegen nicht nur im Aufzeigen dieser Strategien des Faschismus, deren Ziel die Heiligsprechung des Todes ist, erschöpfen, denn muss umso mehr die Re-Individulisierung der Opfer zu seinem Anliegen machen.

Das Aufzeigen und Diskutieren von konkreten gesellschaftlichen und individuellen Umständen und Schicksalen ist Bedingung, um die Opfer den Aktivist*innen als Symbole zu entreißen.

Antifaschismus muss eben auch heißen, nicht selbst die Opfer zu Symbolen für historische Tage, politische Ereignisse oder eigene Befindlichkeiten werden zu lassen, sondern ihre Individualität hochzuhalten. Denn nur im Spiegel der Individualität von uns allen können wir Ideologien entgegentreten, die Individualität längst durch Kollektivität ersetzt haben. Ideologien, die gewählte Gemeinschaft und Freiheit des*der Einzelnen mittels schicksalsbedingter Vergemeinschaftfung degradieren. Die lieber für ihre Hautfarbe oder Herkunft sterben, denn sich anzuschauen, wie sie selbst durch all die Menschen um sie herum bereichert werden.