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Den Hass, den sie säten

Warum wir das „Institut für Staatspolitik“, die „Sezession“ und ihre Akteur*innen nicht weiter verharmlosen dürfen

Vom Abseits ins Zentrum

 

Das Wetter ist mies. Die Gummistiefel voll von Schlamm. Ein grauer Morgen, wie wir ihn überall in Deutschland erleben könnten. Nur den Besitzer dieser Stiefel, den finden wir nur hier in der Gemeinde Steigra im Landkreis Schnellroda. Jenem Niemandsland zwischen Halle und Erfurt, in dem Götz Kubitschek seit Jahrzehnten in seinem Rittergut nicht nur die eigenen Ziegen pflegt, sondern vielmehr seine Früchte des Hasses.

Schon vor einigen Jahren entführte uns das Journalist*innenehepaar Katja und Clemens Riha auf das Gehöft von Götz und seiner Frau, Ellen Kositza, als es ihnen darum ging, die „Neuen Rechten“ im deutschsprachigen Raum zu porträtieren. Damals schon ließen die Rihas für die Sendung „Kulturzeit“ die Rechten viel unkommentiert erzählen und rahmten ihre Worte mit hübschen Bildern der Selbstinszenierung.

Nun also ein Wiedersehen im Jahr 2016: Wenig hat sich seitdem am „journalistischen“ Stil der Rihas geändert. Gewandelt hat sich allerdings die Position und die gesellschaftliche Anerkennung gegenüber Kubitschek und Co. Wirkten die Träume eines „Deutschland für die Deutschen“ und die Visionen Martin Lichtmesz‘ von der kommenden Revolution vor Jahren noch wie die Fieberträume einiger Verrückter, so mobilisiert die Idee einer völkischen Homogenität Jahre später Tausende und auch der Wahn eines apokalyptischen Abwehrkampfes gegen die „islamischen Invasoren“ ist gedanklich längst im Feuilleton angekommen.

Straight Outta Schnellroda: Historie

 

In den 1990er Jahren zählte Kubitschek noch zu den prominenten Schreibern der „Jungen Freiheit“, war für diese zwar schon „Rechts Außen“, aber dennoch tragbar. So zierten manche seiner Artikel die Titelblätter der Zeitung. Im Jahr 2000 dann der erste Schritt dem eignen Denken noch mehr Geltung zu verschaffen: Zusammen mit Karl Heinz Weißmann gründete Kubitschek das „Institut für Staatspolitik“, kurz IfS, dessen Geschäftsführer er bis 2008 bleiben sollte. Die Funktion übergab er seinem engen Gefolgsmann Erik Lehnart. Auch ohne Position bleibt Kubitschek eine der führenden Kräfte hinter dem IfS.

Parallel zur Institutsgründung, das eigentlich im Namen mehr vortäuscht, als es vom rechtlichen Status her ist – nämlich ein vorwiegend durch Spenden finanzierter Verein -, wurde die „Edition Antaios“, die 2012 zum „Verlag Antaois“ wurde, gegründet. Führender Akteur: Wieder Götz Kubitschek. Das offensichtliche Ziel: Eine Plattform zu schaffen, die die gedruckte Verbreitung des eigenen Denkens und das nahestehender Personen(kreise) ermöglicht; ohne „Wenn und Aber“.

Im Jahr 2003 folgte der nächste große Schritt: Im Zweimonatsrhythmus wurde über das IfS die Herausgabe des Magazins „Sezession“ gestartet. Später wurde die Printausgabe um eine Internetpräsenz erweitert, die neben alten Artikeln in digitaler Form den Autor*innen erlaubt, sich blogartig zu tagesaktuellen Geschehnissen zu äußern. Nach eigenen Angaben hat die Printausgabe im Jahr 2016 erstmalig die Grenze von 3000 Abonnent*innen überschritten.

Von Beginn an sind sowohl IfS als auch „Sezession“ geographisch eng mit dem Wohnsitz von Götz Kubitschek und Ellen Kositza verbunden. Das Rittergut Schnellroda im Landkreis Steigra. Von hier führt Kubitschek den Verlag und Versandhandel, hier treffen sich seine Gefährt*innen und letztlich finden im Kreis Steigra auch die vom IfS organisierten Veranstaltungen statt.

Kurzzeitig wurde Ende der 2000er Jahre überlegt, teilweise nach Berlin zu expandieren und sich in Räumlichkeiten zusammen mit der „Jungen Freiheit“ einzumieten. Dieser Plan scheiterte. Allerdings mehr an internen Disputen, denn an antifaschistisch motivierter Kritik. Zwar deuten aktuelle Dokumente auf „Sezession“-Online drauf hin, dass sich aktuell wieder verstärkt darum bemüht wird, im Umfeld Berlin Räumlichkeiten für Veranstaltungen zu organisieren, doch es kann fest davon ausgegangen werden, dass Schnellroda das geographische und ideelle Zentrum bleiben wird. Das IfS und seine Veranstaltungen sind im Kreis durch die Anmietung von Räumlichkeiten und die Anzahl an Gästen, die ihre Veranstaltungen anziehen, längst auch ein (bescheidener) wirtschaftlicher Faktor geworden. Hinzu kommt, dass die Veranstaltungen sowie das Rittergut selbst bislang nie (öffentlichkeitswirksam) von antifaschistischen Aktionen in ihrem Handeln beeinträchtigt wurden.

Die Feinde deiner Feinde sind unsere Freunde:
Normalisierung und Radikalisierung

 

Auch wenn Kubitschek und Gefolge in der Provinz angesiedelt sind, so hat ihr Denken und mit ihm seine – vornehmlich männlichen – Akteure längst den Raum des Provinzellen verlassen und es in den letzten Jahren geschafft, maßgeblichen Einfluss auf die geistige Konstitution der extremen Rechten im deutschsprachigen Raum zu nehmen.

Der politische Diskurs und das Denken der Akteur*innen rund um das IfS und die „Sezession“ sind aber keineswegs ein gradliniger Weg, denn vielmehr ein Dauerlauf, der stets zwischen den Punkten der radikalen außerparlamentarischen Rechten und der zum Teil in parlamentarische Strukturen eingebundenen Rechten oszilliert. Obwohl auf der theoretischen Ebene stets eine erhebliche Distanz zu „klassisch“ neonazistischen Strömungen bestand, gab es auf personeller Ebene nie Berührungsängste. So wechselten Autoren der „Sezession“ als Mitarbeiter zu Landtagsfraktionen der NPD und auch Parteibücher rechtsextremer Parteien oder (ehemalige) Zugehörigkeit zu neonazistischen Gruppierungen war nie Ausschlusskriterium. Kubitschek fasste diese Devise erst zuletzt in seinem Statement zusammen, dass er, anders als zum Beispiel die „Junge Freiheit“, keine Kritik an Akteuren des recht(sextrem)en Lagers ausüben wolle.

Erste Versuche, die entworfene Theorie in praktisches Handeln zu transformieren, unternahm Kubitschek zusammen mit einigen Mitstreitern erstmals 2007 mit der Gründung der „Konservativ Subversiven Aktion“, KSA. Obwohl die KSA niemals über einige Youtube-Videos und vereinzelte Aktionen Bekanntheit erlangte und letztlich sang- und klanglos von ihren Akteueren als Projekt beendet wurde, so nahm die KSA in ihren Formen der Agitation doch vieles vorweg, was in den letzten Jahren maßgeblich der Agitation der „Identitären Bewegung“ zugerechnet wurde. Ferner gelang es Kubitschek im Rahmen der KSA erstmalig extrem junge Aktivist*innen erfolgreich einzubinden und an IfS/“Sezession“ zu koppeln. Dieses Andocken an junge Akteuer*innen der Bewegung wird stärker noch durch eine personelle und inhaltliche Annäherung deutlich: Nämlich der zur „Blauen Narzisse“ und allen voran deren Chefredakteuer Felix Menzel.

Das Umfeld von Kubitschek, die „Sezession“, der Verlag und letztlich auch sein Rittergut als konkreter geographischer Ort haben immer schon als Sammelbecken radikalster Strömungen und deren Akteuer*innen gedient und tun dies weiterhin. Stärker noch als all die Jahre zuvor.

Dass Kubitschek und Gefolge jedoch nie den Mainstream aus den Augen verloren haben und immer auch darauf schielten, mit ihren Gedanken in der scheinbar imaginären Mitte der Gesellschaft anzudocken, zeigen vielfach die inhaltlichen Schwerpunkte der „Sezession“, die sich allzu oft darum bemühen, ihre Theorien an tagespolitische Diskurse zu knüpfen. Als beispielhaft für eine erfolgreiche Aktion dieser Art kann das Sonderheft „Sarrazin lesen“ aus dem Jahr 2010 angesehen werden.

2012 dann organisiert Kubitschek in enger Zusammenarbeit mit dem zuvor erwähnten Menzel erstmalig den „Zwischentag“, eine Vernetzungsplattform diverser Rechtsaußen, die im Jahr 2013 Wiederholung fand. Ebenfalls im Jahr 2012 fand ein wichtiges Ereignis statt, das für die weitere Ausrichtung des IfS und all seiner Beteiligten maßgeblich werden sollte: Kubitschek besuchte, zusammen mit Martin „Lichtmesz“, der zum damaligen Zeitpunkt noch in Berlin wohnte, das „Convent Internationale“ in Frankreich.

Obwohl Kubitschek die Jahre danach sich vielfach in kritischen Äußerungen gegenüber der aufkommenden und immer stärker an Bedeutung gewinnenden „Identitären Bewegungen“ und ihrem Aktivismus erging, zeigt dies, dass sich der Personenkreis um das IfS immer alle möglichen Bündnisse offen hielt und in der Wahl der Bündnispartner stets opportunistisch, denn irgendwelchen Dogmen folgend, agiert(e). Eine Strategie, die ab 2015 rasant Fahrt aufnahm und in einem nie zuvor dagewesenen Triumphzug aller Beteiligten bis heute anhält: Zu Beginn des Jahres 2015 besuchte Kubitschek als Redner eine Veranstaltung der „Lega Nord“ und ergoss im Anschluss seitenlange Lobeshymnen auf Italiens neue Faschist*innen und deren Agitation auf „Sezession“-Online.

Im Wissen darum, dass Italien und im Besonderen deren Organisationen rund um „Casa Pound“ maßgeblichen Einfluss auf neuere Bewegungen wie die „Identitären“ ausübten, zeigt dies, dass Kubitscheks Interesse an einer Modernisierung der äußerlichen Form der Neuen Rechten niemals vollends zu Ruhe kam. Vielmehr war und ist die Modernisierung des Auftretens der Bewegung immerzu eines der primären Anliegen Kubitscheks, was wohl auch darin begründet liegt, dass seine Schriften niemals durch sonderlichen Einfallsreichtum gekennzeichnet waren.

Mit dem Umzug Martin „Lichtmesz'“ von Berlin nach Wien, jenen Ort, dessen „Identitäre Bewegung“ sich im Jahr 2015 zur tonangebenden Fraktion im deutschsprachigen Raum entwickeln sollte, wurden auch hier die Verbindungsfäden zum radikalen und aktionistischen Untergrund deutlich enger angezogen. Zeitgleich aber bemühen sich die Akteuer*innen wieder einmal Nähe zu den aufkommenden, deutlich reaktionär ausgerichteten, bürgerlichen Zusammenschlüssen zu gewinnen. So versuchen Kubitschek und Kositza im Jahr 2015 Mitglieder in der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu werden, die diese Ansuchen unter ihrem damaligen Parteivorsitzenden Bernd Lucke noch ablehnte. Ob diese Ablehnung heute noch so vollzogen würde, kann, angesichts der derzeitigen inhaltlichen und personellen Ausrichtung, sicherlich ganz klar verneint werden.

Ebenso trat Kubitschek im Jahr 2015 mehrfach als Redner bei „Legida“ und „Pegida“ auf. Hier knüpft er unter anderem Kontakte zu Jürgen Elsässer, der im Folgenden für das, maßgeblich von Kubitschek initiierte, Projekt „1%“ von größerer Bedeutung wurde. Von Elsässer stammt die vielzitierte Beschreibung von „1%“ als „Greenpeace für Patrioten“.

Kubitschek ist aber keinesfalls der Einzige aus dem Umfeld des IfS und der “Sezession“, der die Nähe zu den „patriotischen Europäern“ sucht. Carsten „Baal“ Müller trat mehrfach beim „Legida“-Ableger als Redner in Erscheinung. Und auch, um dies vorwegzunehmen, Martin Sellner, Kopf der Wiener und österreichischen „Identitären“, gibt 2016 sein Debüt als Redner bei „Pegida“, wo er, dies legen Facebook-Kommentare nahe, auf besagten Carsten Müller trifft.

 

Wie lange noch wollen wir zuschauen?

 

Rückblickend sind es das Jahr 2015 und die erst wenigen Monate von 2016, in denen die janusköpfige Strategie von IfS und “Sezession“-Akteuer*innen am stärksten ihre Blüten entfaltet. So werden sie von Vertretern der parlamentarischen Rechten, allen voran denen der AfD, Medien und auch geistigen Meinungsmacher*innen im deutschsprachigen Raum als intellektuelle konservative Avantgarde und Stichwortgeber*innen eines neuen rechten Denkens hofiert. Ihre Theorien werden von Nazismus, Faschismus und Gewalt abgetrennt beziehungsweise wird die inhaltliche Nähe und Überschneidung zu eben diesen aktiv verleugnet.

In Personen wie Bernd Höcke, Alexander Gauland oder Andreas Lichert – letzterer trat sogar selbst als Autor für die „Sezession“ in Erscheinung – zeigt sich beispielhaft sowohl eine inhaltliche, vor allem aber auch eine enge persönliche und oftmals freundschaftliche Verflechtung der Akteuer*innen. So besuchten diese vor ihren Teilnahmen an Sendungen wie zum Beispiel „hart aber fair“ die eine oder andere Akademie des IfS, lasen als treue Abonnenten die „Sezession“ oder beschäftigten sich ausführlich mit den Publikationen des Verlags „Antaois“.

Den Ritterschlag dieser gesellschaftlichen Legitimation verleiht ihnen mit höchster Würde im Frühjahr 2016 der bekannte Soziologe Armin Nesshi, der einen Briefwechsel mit Kubitschek in seiner Zeitschrift „Kursbuch“ veröffentlicht, in dem er diesen als konservativen Intellektuellen adelt. Eine Ansicht, die er im März im Format „kulturzeit“ in einem Interview bekräftigt und die von journalistischer Seite vielfach als vermeintliche „Kritik“ ins Feld geführt wird.

Die Akteuer*innen als „konservative Intellektuelle“ anzuerkennen, ist letztlich der bislang größte Erfolg ihrerseits, affirmiert diese Beschreibung doch ihre Selbstdarstellung vollständig und entkoppelt ihr Handeln von den gewaltsamen und stets gewaltaffinen Bestrebungen, die sie zugleich bedienen und derzeitig wieder verstärkt betreiben. Generell sollte sich die Frage gestellt werden, was denn die Bezeichnung der Akteur*innen von IfS/“Sezession“ als „rechte Intellektuelle“ rechtfertigt? Der Umstand allein, dass sie bislang, anders als es die Historie des rechten politischen Spektrums nahelegt, in der Öffentlichkeit durch ihre Worte und nicht durch tätliche Übergriffe auf Andere aufgefallen sind? Gratulation!

Kubitschek ist zwar ein geistiger Schüler Armin Mohlers und dessen aggressiven Konservatismus, gerade aber in seiner apokalyptischen Untergangsrhetorik und den aktuellen militanten Aufrufen zur Verteidigung des imaginierten „Eigenen“ zeigt sich überdeutlich seine Nähe zu faschistoiden Gedankenwelten und der eignen Bereitschaft zur gewaltsamen Entgrenzung.

Die andere Seite des Januskopfes formiert die subkulturell verwurzelte Gefolgschaft1. Gerade zeigt Janus seinen zweiten Kopf und sein wahres Ansinnen, das sich nicht in ein paar Reden vor „besorgten Bürgern“ erschöpft, sondern dessen Schlachtfeld von Beginn an der Kampf um eine rechtskulturelle Hegemonie darstellte.

Schon immer zogen IfS und „Sezession“ junge Akteure in ihren Bann. Begünstigt wurde dies in den vergangen Jahren sehr wahrscheinlich durch die radikale Außenseiterposition, in der Kubitschek auf jede neue Stimme angewiesen war. Selbst wenn diese gerade der Pubertät entwachsen war, was dazu führte, das junge Akteure, anders als bei etablierten rechtsaußen Medien, schnell und umfangreich ihre Gedanken äußern durften.

Mit Nils Wegner, Jahrgang 1987, Felix Menzel, Jahrgang 1985, Benedikt Kaiser, Jg. 1987, und dem neusten Zugang Martin Sellner, Jg. 1989, findet sich in der Riege der Akteur*innen eine große Anzahl junger Menschen. Bedingt durch die Tatsache, dass selbst die „Älteren“ der Stammautoren (Kubitschek, 1970, Kositza, 1973, Lichtmesz, 1976, Hinz, 1965) sich letztlich doch noch stark für neuere und „jugendlichere“ Formen des Aktionismus begeistern konnten, führte dies in den letzten zwei Jahren zu einer Entwicklung, die bislang völlig ignoriert wurde:

Das IfS und die „Sezession“ arbeiten ständig und äußerst konsequent an einer metapolitischen gewaltsamen Entgrenzung des rechtsintellektuellen Untergrunds, um dergestalt eine Basis für Aktionen zu schaffen, die die Taten der „Identitären“ und anderer Akteuer*innen rechtfertigt und zugleich theoretisch legitimiert.

Ihren Höhepunkt finden diese Legitimationsversuche derzeitig in zwei Highlights: Einerseits dem aktuellen „Sezession“-Heft, das sich schwerpunktmäßig dem Themenkomplex „Widerstand“ und dessen Legitimationsstrategien widmet und an Militanz kaum zu überbieten ist und der gescheiterten Verfassungsklage Schachtschneiders, die aus dem aktuellen Umgang der deutschen Regierung mit der Einwanderungspolitik eine Pflicht zum Widerstand abzuleiten versucht. Zwischen der theoretischen Legitimation des Widerstands und den tätlichen Angriffen „Identitärer“ auf Gegendemonstrant*innen gab und gibt es hier längst keine Grenzziehung mehr. Vielmehr bedingt sich beider Handeln in seiner Gegenseitigkeit. Geeint in der Sache – der Eroberung der Köpfe – schreiben die einen, warum es der Gewalt bedarf, während die anderen mit Teleskopschlagstöcken den theoretisch klar skizzierten Feind*innen auflauern und sie kaputt schlagen.

Ließen sich vor einigen Jahren noch die Positionen eher unter dem Credo des jüngerschen Waldgängers subsummieren, so ist derzeitig eine Neuausrichtung gen radikale politische Praxis und Agitation auszumachen, die sich sie derzeitige gesamtgesellschaftlichen Stimmung und auch das Potential junger, an IfS/“Sezession“ angedockter, Aktivist*innnen zu Nutze macht, als deren Stichwortgeber und Avantgarde sich derzeit fleißig inszeniert wird.

Kameradschaft! Persönliche Verflechtungen

 

Symptomatisch für dieses Zusammenwirken von IfS/“Sezession“ und jungen Aktivist*innen steht das Bündnis mit der „Identitären Bewegung“. Zuerst vollzog sich die Annäherung beider Parteien über die persönliche Verknüpfung „Lichtmesz“ und Sellner. Hinzu kommt jedoch die Bekanntschaft der Akteure „Lichtmesz“, Sellner, Wegner, Müller als treue Fans der Neofolk-Subkultur, die eine rasche und konsequente Koppelung der „Identitären Bewegung“ und ihrer Akteuer*innen an IfS und „Sezession“ mehr als begünstigte. Gefördert wurde diese Entwicklung sicherlich nicht nur durch die gemeinsame subkulturelle Herkunft und Sozialisation ihrer Akteure und der sich daraus ergebenden Vertrauens- und Freundschaftsbasis, sondern auch durch den Umstand, dass die jungen Akteur*innen vielfach durch Zeitschriften und Schriften von Kubitschek, „Lichtmesz“ und Co. politisch initiiert wurden.

Gerade Martin Sellner scheint aktuell von Seiten Kubitscheks uneingeschränktes Vertrauen zu genießen. So ist er nicht nur regelmäßiger Gast in der „Sezession“, den Publikationen des Verlags und auf dem Hof der Kubitscheks, sondern zeichnet sich für diverse Projekte verantwortlich. Allen voran die Plattform „1%“, die Sellner in den letzten Wochen zusammen mit Phillip Stein maßgeblich prägte. Nebenbei überzeugte er Kubitschek mit Sicherheit aber auch, audiovisuelle Medien noch stärker als politische Agitationsinstrumente zu gebrauchen, wovon unter anderem ein Literatur-Vlog mit und von Ellen Kositza zeugen, für dessen Aufnahme und Schnitt sich Sellner verantwortlich zeigt.

Auch dass Sellner und nicht noch, wie vor einigen Jahren Martin „Lichtmesz“, als Akteur beim „kulturzeit“-Beitrag in Erscheinung tritt, zeugt von dessen wichtiger Position in der Hierarchie der Gefolgschaft, deren Zentrum Kubitschek unangefochten darstellt.

Von der maßgeblich durch Sellner und „Lichtmesz“ geprägten Anbindung der „Identitären“ an das IfS und dessen Akteur*innen profitieren beide Seiten enorm. Einerseits können so die Theorien von Kubitschek und Co. direkt in konkrete politische Agitation übersetzt werden, die die verschiedenen „Identitären Bewegungen“ durchführen. Andererseits bieten die Strukturen des IfS, die persönlichen Ressourcen von Kubitschek und das über 1% und den Verlag lukrierte Finanzvolumen eine Basis, die es ermöglicht, herausragende Akteure in finanzierte Positionen zu bringen, die es diesen dann ermöglicht, sich voll und ganz der politischen Arbeit zu widmen.

Gleichfalls profitieren beide Seiten von den vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten zu publizieren. So konnten die „Identitären“ ihre Ideen schnell und professionell publizieren, auf der anderen Seite profitierte das Magazin „Sezession“ von den neuen Autor*innen und deren theoretischen Vorbildern, die vom Verlag übersetzt und aktuell nach und nach im Verlagsprogramm veröffentlicht werden. Eine Win-Win Situation für alle – außer für die antifaschistische Kritik, die diese Gruppen allzu lange ignorierte.

Nun also stehen Kubitschek, Sellner und Gefolge mit ihren vom Schlamm des Hasses verkrusteten Stiefeln mitten auf den Teppichen unserer geistigen Wohnzimmer und selbst der ignorantesten Antifa-Gruppe dürfte nun klar werden, dass wir Kubitschek dringend wieder in die geistige und geographische Provinz verbannen müssen, bevor wir wieder darüber diskutieren können, ob wir denn nun lieber einen hell- oder dunkelroten Teppich vor dem Bücherregal wollen!

Der rechte Burgfrieden – Die Label „Castellum Stoufenbourc“ & „Lichterklang“

Im Jahr 2008 gegründet, ist das deutsche Label „Castellum Stoufenbourc“ eigentlich nie mehr gewesen als Vehikel von Dennis, dem Betreiber, die kreativen Ergüsse seiner Band „Waffenruhe“ unter die geneigten ZuhörerInnen zu bringen. Und es wäre müßig über diese Band und das Label zu schreiben (die doch schon mit ihrer ersten Split – zusammen mit der Band „Seuchensturm“1 auf dem Label „Skullline“ – diskutierbar bewies, wes Geistes Kind sie ist), wenn das Label und seine Protagonisten2 nicht eine Entwicklung in der Szene so mustergültig illustrieren würden: Die Zusammenarbeit des extrem rechten Randes der Szene mit den etablierten AkteurInnen in der Szene und die dergestalt in der Szene vorherrschende Etablierung und damit einhergehende Normalisierung extrem rechter Ideologien und ihrer ApologetInnen selbst.

Die Veröffentlichungen des Labels lassen sich, bis auf Ausnahmen wie zum Beispiel die italienische Gruppe „Lupi Gladius“, fast ausnahmslos dem Genre des Material-Industrial zuordnen. „Waffenruhe“, deren Releases ein Gros des Labeloutputs ausmachen, übernehmen den Begriff des „Material“ schon früh in ihrer Selbstbeschreibung, in der sie ihr Schaffen als „Militant Material Music“ klassifizieren. Alle Releases erscheinen in einer sehr begrenzten Stückzahl, jedoch dafür oftmals in detailverliebten und extrem aufwendigen Gestaltungen: Von handbemalten Boxen über Veröffentlichungen mit diversen Boni, wie Patches, Postkarten und Co., bis hin zu aufklappbaren Verpackungen und Wachssiegeln findet sich eine, für ein Undergroundlabel seltene, Fülle an Einfällen in der Gestaltung. Viele der Veröffentlichungen wurden in der graphischen Gestaltung von der „Graphikagentur“ „Bildkunstschmiede“ umgesetzt, hinter der sich Sig P. verbirgt (vgl. Anm. 1).

Die meisten Releases bedienen sich hierbei einer mehr als eindeutig konnotierten Bildsprache: So finden sich fast immer „Schwarze Sonnen“, in den Farben Schwarz, Weiß und Rot gehaltene Gestaltungen oder direkte Bezüge zu faschistischen und nationalsozialistischen Gruppierungen des 20. Jahrhunderts.3 Lediglich die noch zu besprechende Veröffentlichung „War Rituals“ der Band „Waffenruhe“, die in Zusammenarbeit mit dem – im deutschsprachigen Raum die Szene beherrschenden – Label „Lichterklang“ veröffentlicht wurde, übt sich in gestalterischer Schlichtheit.

Einen ersten Schritt, über die doch sehr eng gesteckten Kreise, die sich für Veröffentlichungen in diesem Bereich interessieren, machte das Label mit der Veröffentlichung der Compilation „Sturmreif – The New Underground Of Military Pop“, das in einer Auflage von 500 Stück zusammen mit dem Magazin „Stahlkraft – Propagandaorgan für Neofolkkultur“ herausgegeben wurde. Interessant ist hierbei, dass das Label – wenn auch erfolglos – versuchte, die eigene Szene und deren Klientel nicht nur musikalisch, sondern auch in einer literarischen Weise zu bedienen.

Beachtenswert ist an dieser Veröffentlichung, dass sich auf ihr nicht nur die üblichen, politisch eindeutigen Vertreter wie „Waffenruhe“ und „Seuchensturm“, einfinden, sondern ein kleines, aber feines „Who is Who“ des mit reaktionär-faschistischen Ideologien flirtenden Undergrounds. Etwa „TSIDMZ“, „Barbarossa Umtrunk“ oder die niederländischen Neofolker „Strydwolf“, die ansonsten ihre Heimat alle auf dem deutschen Label „Skull Line“ haben, das Harald Jarosch in Eigenregie betriebt und das so ziemlich alles, was sich in der ästhetischen und inhaltlichen Grauzone bewegt, auf den Markt bringt. Was sich auf dieser Compilation erstmalig im Jahr 2010 in all seiner Deutlichkeit zeigt, ist, dass es zwischen dem extremen Rand der Szene und jener, sich selbst stets als „unpolitisch“ aufführenden „Mitte“ zu keinem Zeitpunkt eine Trennung gab und das es zu diesem extrem rechten Rand zu keinem Zeitpunkt Berührungsängste gab oder gibt. Weder von Seiten der Künstler, noch der der RezipientInnen. Das derartige Veröffentlichungen keine singuläre Erscheinungen darstellen, hat das Jahr 2013 bewiesen, als „Castellum Stoufenbourc“ sein 5-jähriges Bestehen mit einer Kassetten-Veröffentlichung feierte, auf der sich wiederum ein Gros der bereits erwähnten Künstler unter einem Dach vereint. Dies wäre nicht weiter interessant, hätten nicht viele der Künstler mittlerweile bei einem anderen großen Label veröffentlicht, dass per se den Status des „unpolitischen Akteurs“ für sich pachtet: „Lichterklang“.

Das Label „Lichterklang“ und der dazugehörige Mailorder erblicken mit ihrem Angebot 2010 das Licht der Öffentlichkeit und schließen damit unmittelbar eine kurzzeitig existierende Lücke, die das Verlassen Stephan Pockrandts und die Auflösung des durch ihn geführten Labels „Eis & Licht“ hinterlassen hatten. Das von Michael Kuhlen von Gelsenkirchen aus geführte Label knüpft hierbei unmittelbar an die Tätigkeiten Pockrandts an, was sich am deutlichsten daran zeigt, dass Kuhlen von Pockrandt die Webadresse www.neofolk.de übernahm, über die er seitdem sein Label und den Mailordner im Netz präsentiert und laufen lässt. Es ist auch das Jahr 2010, in dem „Lichterklang“ seine erste Veröffentlichung auf den Markt bringt. Es handelt sich hierbei um die CD „Heimkunft“ der weißrussischen Band „Svalbard“, die zuvor eine kleinere Veröffentlichung mit dem Namen „Treue Jugend Vaterland“ auf dem russischen Label „Der Angriff“ hatte. Auch wenn die politische Verortung von „Svalbard“ und dem Label „Der Angriff“ sich durchaus schwierig gestaltet und eine Einordnung als reaktionär sowohl Band und Label in einer zum Teil nicht gerechtfertigten Weise pauschalisieren würden, so zeigt diese Veröffentlichung bereits, dass dem Label „Lichterklang“ die politische Orientierung ihrer KünstlerInnen ziemlich egal ist. Diese Attitüde des Labels zeigt sich spätestens mit der vierten Veröffentlichung, in der Lichterklang das „Spreu & Weizen“ Album „Gott vergeltʼs“ in zwei Editionen herausbringt. Wie oben angemerkt steckt Sig P., Mastermind hinter „Spreu & Weizen“, hinter den obig mehrmals angeführten Projekt „Seuchensturm“. Weiters zeichnet er sich für die graphische Gestaltung vieler „Castellum Stoufenbourc“-Veröffentlichungen verantwortlich. Um seine Gesinnung machte Sig P. hierbei nie großen Hehl. So findet sich ein ausführliches Interview mit ihm auf der Seite der rechtsextremen Sonnenritter-Organisation.4 Des Weiteren ziert das Abbild des rumänischen Faschistenführers Corneliu Codrenau ein später bei „Castellum Stoufenbourc“ veröffentlichtes T-Shirt.

Der Flirt zwischen dem Label „Lichterklang“ und den rechtsaußen Akteuren des Labels „Castellum Stoufenbourc“ sollte jedoch kein Einzelfall bleiben. Mit „Verny 1826“ findet im Jahr 2013 ein weiteres bekanntes Gesicht seinen Weg zum Label. „Verney 1826“ hat mittlerweile zwei Alben über das Label veröffentlicht und ist bei allen Compliations von „Castellum Stoufenbourc“ vertreten, was zwar nicht zwangsläufig auf die Gesinnung des Künstlers schließen lassen muss, jedoch eines deutlich zeigt: Dass ihm die Nähe zu rechtsextremen Akteuren eine gute Nähe ist.

Neben Projekten wie „Niemandsvater“, deren politischer Charakter eindeutig nicht mit der extremen Rechten in Bezug steht und anderen KünstlerInnen, finden neben den „Castellum Stoufenbourc“-Akteueren immer wieder andere KünstlerInnen auf dem „Lichterklang“-Label Heimat, die sich als KünstlerInnen immer wieder in den reaktionärsten Ideologien gesuhlt haben. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die 2012 veröffentlichte CD „MMI – MMV“ des Projekts „:WERRA:“, hinter dem maßgeblich Marcel Petri steckt, der in Bands wie „Allerseelen“, dem extrem rechten und auf einer NPD-Schulhof-CD vertretenden Projekt „Halgadom“ oder der Rechtsaußen-Kapelle „Von Thronstahl“ in die Saiten schlug.

Ihren Höhepunkt findet die Zusammenarbeit zwischen „Lichterklang“ und „Castellum Stoufenbourc“ im Jahr 2013, als unter der Katalognummer LK019 das „Waffenruhe“-Album „War Rituals“ veröffentlicht wird, hinter dem, wie bereits erwähnt, der Labelbetreiber von „Castellum Stoufenbourc“ selbst steckt. Das Label mag, sowohl mit seiner Musik, seiner Ästhetik und auch seiner uneindeutigen politischen Ausrichtung, selbst in der Szene immer eine begrenzte Anzahl an RezipientInnen bedient haben. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den oftmals nur hundert Stück umfassenden Auflagen. Was sich aber an „Castellum Stoufenbourc“ und seiner engen Verstrickung mit dem wesentlich größeren Label „Lichterklang“ zeigt, ist, dass es in der Szene zwischen ihren extremen Rändern und den scheinbar gemäßigteren AkteuerInnen nicht nur keine Berührungsangst gibt, sondern das menschenfeindlicher Extremismus als Teil der Gemeinschaft jederzeit Akzeptanz fand. Es verdeutlicht eben auch, wie eine Szene, die stets jegliche – von woher auch kommende – Kritik als „linke Diffamierung“ wegwischte und sich ihr so verweigerte, auf dem rechten Auge mehr als blind ist. Das Wegschauen ist in diesem Fall dem regen Austausch längst gewichen. Gehen wir davon aus, dass das Nichtkritisieren einer Position oder ideologischen Vereinahmungsversuchen immer eine Akzeptanz nicht nur der ProtagonistInnen bedeutet, sondern mehr noch der von ihnen getragenen Ideologien, so kann an dieser Stelle nur noch festgehalten werden, dass der sich als „nicht politisch“ bezeichnende Teil der Szene längst von Grund auf mit faschistischen und reaktionären Ideen und Ideologien durchzogen ist. Und während die scheinbar „Unpolitischen“ gemeinsam mit den Rechtsradikalen deren „krassen“ Sound feiern, freuen diese sich, dass sie es geschafft haben in einer Subkultur eine rechtsextreme Hegemonie zu installieren, in der sich Nazis, FaschistInnen, Identitäre, Nationale AnarchistInnen und anderen ApologetInnen der menschenfeindlichsten Ideale ein gemütliches Stelldichein geben können und dabei auf Kritik der „ach-so-faschistischen Linken“ zu stoßen.

1Das Vorgängerprojekt von Marco W. aka. Signore Palandino aka. Sig. P., der sich danach dem Projekt „Spreu & Weizen“ widmete. „Seuchensturm“ jedoch für die Compliation, die „Castellum Stoufenbourc“ zum fünfjährigen Jubiläum rausbrachte, kurzzeitig wiederbelebte.

2Es sind nur männliche Interpreten auf dem Label veröffentlicht.

3Vgl. hierzu jede Veröffentlichung der Band „Waffenruhe“, einzusehen unter: http://www.discogs.com/artist/1044081-Waffenruhe