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Den Hass, den sie säten

Warum wir das „Institut für Staatspolitik“, die „Sezession“ und ihre Akteur*innen nicht weiter verharmlosen dürfen

Vom Abseits ins Zentrum

 

Das Wetter ist mies. Die Gummistiefel voll von Schlamm. Ein grauer Morgen, wie wir ihn überall in Deutschland erleben könnten. Nur den Besitzer dieser Stiefel, den finden wir nur hier in der Gemeinde Steigra im Landkreis Schnellroda. Jenem Niemandsland zwischen Halle und Erfurt, in dem Götz Kubitschek seit Jahrzehnten in seinem Rittergut nicht nur die eigenen Ziegen pflegt, sondern vielmehr seine Früchte des Hasses.

Schon vor einigen Jahren entführte uns das Journalist*innenehepaar Katja und Clemens Riha auf das Gehöft von Götz und seiner Frau, Ellen Kositza, als es ihnen darum ging, die „Neuen Rechten“ im deutschsprachigen Raum zu porträtieren. Damals schon ließen die Rihas für die Sendung „Kulturzeit“ die Rechten viel unkommentiert erzählen und rahmten ihre Worte mit hübschen Bildern der Selbstinszenierung.

Nun also ein Wiedersehen im Jahr 2016: Wenig hat sich seitdem am „journalistischen“ Stil der Rihas geändert. Gewandelt hat sich allerdings die Position und die gesellschaftliche Anerkennung gegenüber Kubitschek und Co. Wirkten die Träume eines „Deutschland für die Deutschen“ und die Visionen Martin Lichtmesz‘ von der kommenden Revolution vor Jahren noch wie die Fieberträume einiger Verrückter, so mobilisiert die Idee einer völkischen Homogenität Jahre später Tausende und auch der Wahn eines apokalyptischen Abwehrkampfes gegen die „islamischen Invasoren“ ist gedanklich längst im Feuilleton angekommen.

Straight Outta Schnellroda: Historie

 

In den 1990er Jahren zählte Kubitschek noch zu den prominenten Schreibern der „Jungen Freiheit“, war für diese zwar schon „Rechts Außen“, aber dennoch tragbar. So zierten manche seiner Artikel die Titelblätter der Zeitung. Im Jahr 2000 dann der erste Schritt dem eignen Denken noch mehr Geltung zu verschaffen: Zusammen mit Karl Heinz Weißmann gründete Kubitschek das „Institut für Staatspolitik“, kurz IfS, dessen Geschäftsführer er bis 2008 bleiben sollte. Die Funktion übergab er seinem engen Gefolgsmann Erik Lehnart. Auch ohne Position bleibt Kubitschek eine der führenden Kräfte hinter dem IfS.

Parallel zur Institutsgründung, das eigentlich im Namen mehr vortäuscht, als es vom rechtlichen Status her ist – nämlich ein vorwiegend durch Spenden finanzierter Verein -, wurde die „Edition Antaios“, die 2012 zum „Verlag Antaois“ wurde, gegründet. Führender Akteur: Wieder Götz Kubitschek. Das offensichtliche Ziel: Eine Plattform zu schaffen, die die gedruckte Verbreitung des eigenen Denkens und das nahestehender Personen(kreise) ermöglicht; ohne „Wenn und Aber“.

Im Jahr 2003 folgte der nächste große Schritt: Im Zweimonatsrhythmus wurde über das IfS die Herausgabe des Magazins „Sezession“ gestartet. Später wurde die Printausgabe um eine Internetpräsenz erweitert, die neben alten Artikeln in digitaler Form den Autor*innen erlaubt, sich blogartig zu tagesaktuellen Geschehnissen zu äußern. Nach eigenen Angaben hat die Printausgabe im Jahr 2016 erstmalig die Grenze von 3000 Abonnent*innen überschritten.

Von Beginn an sind sowohl IfS als auch „Sezession“ geographisch eng mit dem Wohnsitz von Götz Kubitschek und Ellen Kositza verbunden. Das Rittergut Schnellroda im Landkreis Steigra. Von hier führt Kubitschek den Verlag und Versandhandel, hier treffen sich seine Gefährt*innen und letztlich finden im Kreis Steigra auch die vom IfS organisierten Veranstaltungen statt.

Kurzzeitig wurde Ende der 2000er Jahre überlegt, teilweise nach Berlin zu expandieren und sich in Räumlichkeiten zusammen mit der „Jungen Freiheit“ einzumieten. Dieser Plan scheiterte. Allerdings mehr an internen Disputen, denn an antifaschistisch motivierter Kritik. Zwar deuten aktuelle Dokumente auf „Sezession“-Online drauf hin, dass sich aktuell wieder verstärkt darum bemüht wird, im Umfeld Berlin Räumlichkeiten für Veranstaltungen zu organisieren, doch es kann fest davon ausgegangen werden, dass Schnellroda das geographische und ideelle Zentrum bleiben wird. Das IfS und seine Veranstaltungen sind im Kreis durch die Anmietung von Räumlichkeiten und die Anzahl an Gästen, die ihre Veranstaltungen anziehen, längst auch ein (bescheidener) wirtschaftlicher Faktor geworden. Hinzu kommt, dass die Veranstaltungen sowie das Rittergut selbst bislang nie (öffentlichkeitswirksam) von antifaschistischen Aktionen in ihrem Handeln beeinträchtigt wurden.

Die Feinde deiner Feinde sind unsere Freunde:
Normalisierung und Radikalisierung

 

Auch wenn Kubitschek und Gefolge in der Provinz angesiedelt sind, so hat ihr Denken und mit ihm seine – vornehmlich männlichen – Akteure längst den Raum des Provinzellen verlassen und es in den letzten Jahren geschafft, maßgeblichen Einfluss auf die geistige Konstitution der extremen Rechten im deutschsprachigen Raum zu nehmen.

Der politische Diskurs und das Denken der Akteur*innen rund um das IfS und die „Sezession“ sind aber keineswegs ein gradliniger Weg, denn vielmehr ein Dauerlauf, der stets zwischen den Punkten der radikalen außerparlamentarischen Rechten und der zum Teil in parlamentarische Strukturen eingebundenen Rechten oszilliert. Obwohl auf der theoretischen Ebene stets eine erhebliche Distanz zu „klassisch“ neonazistischen Strömungen bestand, gab es auf personeller Ebene nie Berührungsängste. So wechselten Autoren der „Sezession“ als Mitarbeiter zu Landtagsfraktionen der NPD und auch Parteibücher rechtsextremer Parteien oder (ehemalige) Zugehörigkeit zu neonazistischen Gruppierungen war nie Ausschlusskriterium. Kubitschek fasste diese Devise erst zuletzt in seinem Statement zusammen, dass er, anders als zum Beispiel die „Junge Freiheit“, keine Kritik an Akteuren des recht(sextrem)en Lagers ausüben wolle.

Erste Versuche, die entworfene Theorie in praktisches Handeln zu transformieren, unternahm Kubitschek zusammen mit einigen Mitstreitern erstmals 2007 mit der Gründung der „Konservativ Subversiven Aktion“, KSA. Obwohl die KSA niemals über einige Youtube-Videos und vereinzelte Aktionen Bekanntheit erlangte und letztlich sang- und klanglos von ihren Akteueren als Projekt beendet wurde, so nahm die KSA in ihren Formen der Agitation doch vieles vorweg, was in den letzten Jahren maßgeblich der Agitation der „Identitären Bewegung“ zugerechnet wurde. Ferner gelang es Kubitschek im Rahmen der KSA erstmalig extrem junge Aktivist*innen erfolgreich einzubinden und an IfS/“Sezession“ zu koppeln. Dieses Andocken an junge Akteuer*innen der Bewegung wird stärker noch durch eine personelle und inhaltliche Annäherung deutlich: Nämlich der zur „Blauen Narzisse“ und allen voran deren Chefredakteuer Felix Menzel.

Das Umfeld von Kubitschek, die „Sezession“, der Verlag und letztlich auch sein Rittergut als konkreter geographischer Ort haben immer schon als Sammelbecken radikalster Strömungen und deren Akteuer*innen gedient und tun dies weiterhin. Stärker noch als all die Jahre zuvor.

Dass Kubitschek und Gefolge jedoch nie den Mainstream aus den Augen verloren haben und immer auch darauf schielten, mit ihren Gedanken in der scheinbar imaginären Mitte der Gesellschaft anzudocken, zeigen vielfach die inhaltlichen Schwerpunkte der „Sezession“, die sich allzu oft darum bemühen, ihre Theorien an tagespolitische Diskurse zu knüpfen. Als beispielhaft für eine erfolgreiche Aktion dieser Art kann das Sonderheft „Sarrazin lesen“ aus dem Jahr 2010 angesehen werden.

2012 dann organisiert Kubitschek in enger Zusammenarbeit mit dem zuvor erwähnten Menzel erstmalig den „Zwischentag“, eine Vernetzungsplattform diverser Rechtsaußen, die im Jahr 2013 Wiederholung fand. Ebenfalls im Jahr 2012 fand ein wichtiges Ereignis statt, das für die weitere Ausrichtung des IfS und all seiner Beteiligten maßgeblich werden sollte: Kubitschek besuchte, zusammen mit Martin „Lichtmesz“, der zum damaligen Zeitpunkt noch in Berlin wohnte, das „Convent Internationale“ in Frankreich.

Obwohl Kubitschek die Jahre danach sich vielfach in kritischen Äußerungen gegenüber der aufkommenden und immer stärker an Bedeutung gewinnenden „Identitären Bewegungen“ und ihrem Aktivismus erging, zeigt dies, dass sich der Personenkreis um das IfS immer alle möglichen Bündnisse offen hielt und in der Wahl der Bündnispartner stets opportunistisch, denn irgendwelchen Dogmen folgend, agiert(e). Eine Strategie, die ab 2015 rasant Fahrt aufnahm und in einem nie zuvor dagewesenen Triumphzug aller Beteiligten bis heute anhält: Zu Beginn des Jahres 2015 besuchte Kubitschek als Redner eine Veranstaltung der „Lega Nord“ und ergoss im Anschluss seitenlange Lobeshymnen auf Italiens neue Faschist*innen und deren Agitation auf „Sezession“-Online.

Im Wissen darum, dass Italien und im Besonderen deren Organisationen rund um „Casa Pound“ maßgeblichen Einfluss auf neuere Bewegungen wie die „Identitären“ ausübten, zeigt dies, dass Kubitscheks Interesse an einer Modernisierung der äußerlichen Form der Neuen Rechten niemals vollends zu Ruhe kam. Vielmehr war und ist die Modernisierung des Auftretens der Bewegung immerzu eines der primären Anliegen Kubitscheks, was wohl auch darin begründet liegt, dass seine Schriften niemals durch sonderlichen Einfallsreichtum gekennzeichnet waren.

Mit dem Umzug Martin „Lichtmesz'“ von Berlin nach Wien, jenen Ort, dessen „Identitäre Bewegung“ sich im Jahr 2015 zur tonangebenden Fraktion im deutschsprachigen Raum entwickeln sollte, wurden auch hier die Verbindungsfäden zum radikalen und aktionistischen Untergrund deutlich enger angezogen. Zeitgleich aber bemühen sich die Akteuer*innen wieder einmal Nähe zu den aufkommenden, deutlich reaktionär ausgerichteten, bürgerlichen Zusammenschlüssen zu gewinnen. So versuchen Kubitschek und Kositza im Jahr 2015 Mitglieder in der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu werden, die diese Ansuchen unter ihrem damaligen Parteivorsitzenden Bernd Lucke noch ablehnte. Ob diese Ablehnung heute noch so vollzogen würde, kann, angesichts der derzeitigen inhaltlichen und personellen Ausrichtung, sicherlich ganz klar verneint werden.

Ebenso trat Kubitschek im Jahr 2015 mehrfach als Redner bei „Legida“ und „Pegida“ auf. Hier knüpft er unter anderem Kontakte zu Jürgen Elsässer, der im Folgenden für das, maßgeblich von Kubitschek initiierte, Projekt „1%“ von größerer Bedeutung wurde. Von Elsässer stammt die vielzitierte Beschreibung von „1%“ als „Greenpeace für Patrioten“.

Kubitschek ist aber keinesfalls der Einzige aus dem Umfeld des IfS und der “Sezession“, der die Nähe zu den „patriotischen Europäern“ sucht. Carsten „Baal“ Müller trat mehrfach beim „Legida“-Ableger als Redner in Erscheinung. Und auch, um dies vorwegzunehmen, Martin Sellner, Kopf der Wiener und österreichischen „Identitären“, gibt 2016 sein Debüt als Redner bei „Pegida“, wo er, dies legen Facebook-Kommentare nahe, auf besagten Carsten Müller trifft.

 

Wie lange noch wollen wir zuschauen?

 

Rückblickend sind es das Jahr 2015 und die erst wenigen Monate von 2016, in denen die janusköpfige Strategie von IfS und “Sezession“-Akteuer*innen am stärksten ihre Blüten entfaltet. So werden sie von Vertretern der parlamentarischen Rechten, allen voran denen der AfD, Medien und auch geistigen Meinungsmacher*innen im deutschsprachigen Raum als intellektuelle konservative Avantgarde und Stichwortgeber*innen eines neuen rechten Denkens hofiert. Ihre Theorien werden von Nazismus, Faschismus und Gewalt abgetrennt beziehungsweise wird die inhaltliche Nähe und Überschneidung zu eben diesen aktiv verleugnet.

In Personen wie Bernd Höcke, Alexander Gauland oder Andreas Lichert – letzterer trat sogar selbst als Autor für die „Sezession“ in Erscheinung – zeigt sich beispielhaft sowohl eine inhaltliche, vor allem aber auch eine enge persönliche und oftmals freundschaftliche Verflechtung der Akteuer*innen. So besuchten diese vor ihren Teilnahmen an Sendungen wie zum Beispiel „hart aber fair“ die eine oder andere Akademie des IfS, lasen als treue Abonnenten die „Sezession“ oder beschäftigten sich ausführlich mit den Publikationen des Verlags „Antaois“.

Den Ritterschlag dieser gesellschaftlichen Legitimation verleiht ihnen mit höchster Würde im Frühjahr 2016 der bekannte Soziologe Armin Nesshi, der einen Briefwechsel mit Kubitschek in seiner Zeitschrift „Kursbuch“ veröffentlicht, in dem er diesen als konservativen Intellektuellen adelt. Eine Ansicht, die er im März im Format „kulturzeit“ in einem Interview bekräftigt und die von journalistischer Seite vielfach als vermeintliche „Kritik“ ins Feld geführt wird.

Die Akteuer*innen als „konservative Intellektuelle“ anzuerkennen, ist letztlich der bislang größte Erfolg ihrerseits, affirmiert diese Beschreibung doch ihre Selbstdarstellung vollständig und entkoppelt ihr Handeln von den gewaltsamen und stets gewaltaffinen Bestrebungen, die sie zugleich bedienen und derzeitig wieder verstärkt betreiben. Generell sollte sich die Frage gestellt werden, was denn die Bezeichnung der Akteur*innen von IfS/“Sezession“ als „rechte Intellektuelle“ rechtfertigt? Der Umstand allein, dass sie bislang, anders als es die Historie des rechten politischen Spektrums nahelegt, in der Öffentlichkeit durch ihre Worte und nicht durch tätliche Übergriffe auf Andere aufgefallen sind? Gratulation!

Kubitschek ist zwar ein geistiger Schüler Armin Mohlers und dessen aggressiven Konservatismus, gerade aber in seiner apokalyptischen Untergangsrhetorik und den aktuellen militanten Aufrufen zur Verteidigung des imaginierten „Eigenen“ zeigt sich überdeutlich seine Nähe zu faschistoiden Gedankenwelten und der eignen Bereitschaft zur gewaltsamen Entgrenzung.

Die andere Seite des Januskopfes formiert die subkulturell verwurzelte Gefolgschaft1. Gerade zeigt Janus seinen zweiten Kopf und sein wahres Ansinnen, das sich nicht in ein paar Reden vor „besorgten Bürgern“ erschöpft, sondern dessen Schlachtfeld von Beginn an der Kampf um eine rechtskulturelle Hegemonie darstellte.

Schon immer zogen IfS und „Sezession“ junge Akteure in ihren Bann. Begünstigt wurde dies in den vergangen Jahren sehr wahrscheinlich durch die radikale Außenseiterposition, in der Kubitschek auf jede neue Stimme angewiesen war. Selbst wenn diese gerade der Pubertät entwachsen war, was dazu führte, das junge Akteure, anders als bei etablierten rechtsaußen Medien, schnell und umfangreich ihre Gedanken äußern durften.

Mit Nils Wegner, Jahrgang 1987, Felix Menzel, Jahrgang 1985, Benedikt Kaiser, Jg. 1987, und dem neusten Zugang Martin Sellner, Jg. 1989, findet sich in der Riege der Akteur*innen eine große Anzahl junger Menschen. Bedingt durch die Tatsache, dass selbst die „Älteren“ der Stammautoren (Kubitschek, 1970, Kositza, 1973, Lichtmesz, 1976, Hinz, 1965) sich letztlich doch noch stark für neuere und „jugendlichere“ Formen des Aktionismus begeistern konnten, führte dies in den letzten zwei Jahren zu einer Entwicklung, die bislang völlig ignoriert wurde:

Das IfS und die „Sezession“ arbeiten ständig und äußerst konsequent an einer metapolitischen gewaltsamen Entgrenzung des rechtsintellektuellen Untergrunds, um dergestalt eine Basis für Aktionen zu schaffen, die die Taten der „Identitären“ und anderer Akteuer*innen rechtfertigt und zugleich theoretisch legitimiert.

Ihren Höhepunkt finden diese Legitimationsversuche derzeitig in zwei Highlights: Einerseits dem aktuellen „Sezession“-Heft, das sich schwerpunktmäßig dem Themenkomplex „Widerstand“ und dessen Legitimationsstrategien widmet und an Militanz kaum zu überbieten ist und der gescheiterten Verfassungsklage Schachtschneiders, die aus dem aktuellen Umgang der deutschen Regierung mit der Einwanderungspolitik eine Pflicht zum Widerstand abzuleiten versucht. Zwischen der theoretischen Legitimation des Widerstands und den tätlichen Angriffen „Identitärer“ auf Gegendemonstrant*innen gab und gibt es hier längst keine Grenzziehung mehr. Vielmehr bedingt sich beider Handeln in seiner Gegenseitigkeit. Geeint in der Sache – der Eroberung der Köpfe – schreiben die einen, warum es der Gewalt bedarf, während die anderen mit Teleskopschlagstöcken den theoretisch klar skizzierten Feind*innen auflauern und sie kaputt schlagen.

Ließen sich vor einigen Jahren noch die Positionen eher unter dem Credo des jüngerschen Waldgängers subsummieren, so ist derzeitig eine Neuausrichtung gen radikale politische Praxis und Agitation auszumachen, die sich sie derzeitige gesamtgesellschaftlichen Stimmung und auch das Potential junger, an IfS/“Sezession“ angedockter, Aktivist*innnen zu Nutze macht, als deren Stichwortgeber und Avantgarde sich derzeit fleißig inszeniert wird.

Kameradschaft! Persönliche Verflechtungen

 

Symptomatisch für dieses Zusammenwirken von IfS/“Sezession“ und jungen Aktivist*innen steht das Bündnis mit der „Identitären Bewegung“. Zuerst vollzog sich die Annäherung beider Parteien über die persönliche Verknüpfung „Lichtmesz“ und Sellner. Hinzu kommt jedoch die Bekanntschaft der Akteure „Lichtmesz“, Sellner, Wegner, Müller als treue Fans der Neofolk-Subkultur, die eine rasche und konsequente Koppelung der „Identitären Bewegung“ und ihrer Akteuer*innen an IfS und „Sezession“ mehr als begünstigte. Gefördert wurde diese Entwicklung sicherlich nicht nur durch die gemeinsame subkulturelle Herkunft und Sozialisation ihrer Akteure und der sich daraus ergebenden Vertrauens- und Freundschaftsbasis, sondern auch durch den Umstand, dass die jungen Akteur*innen vielfach durch Zeitschriften und Schriften von Kubitschek, „Lichtmesz“ und Co. politisch initiiert wurden.

Gerade Martin Sellner scheint aktuell von Seiten Kubitscheks uneingeschränktes Vertrauen zu genießen. So ist er nicht nur regelmäßiger Gast in der „Sezession“, den Publikationen des Verlags und auf dem Hof der Kubitscheks, sondern zeichnet sich für diverse Projekte verantwortlich. Allen voran die Plattform „1%“, die Sellner in den letzten Wochen zusammen mit Phillip Stein maßgeblich prägte. Nebenbei überzeugte er Kubitschek mit Sicherheit aber auch, audiovisuelle Medien noch stärker als politische Agitationsinstrumente zu gebrauchen, wovon unter anderem ein Literatur-Vlog mit und von Ellen Kositza zeugen, für dessen Aufnahme und Schnitt sich Sellner verantwortlich zeigt.

Auch dass Sellner und nicht noch, wie vor einigen Jahren Martin „Lichtmesz“, als Akteur beim „kulturzeit“-Beitrag in Erscheinung tritt, zeugt von dessen wichtiger Position in der Hierarchie der Gefolgschaft, deren Zentrum Kubitschek unangefochten darstellt.

Von der maßgeblich durch Sellner und „Lichtmesz“ geprägten Anbindung der „Identitären“ an das IfS und dessen Akteur*innen profitieren beide Seiten enorm. Einerseits können so die Theorien von Kubitschek und Co. direkt in konkrete politische Agitation übersetzt werden, die die verschiedenen „Identitären Bewegungen“ durchführen. Andererseits bieten die Strukturen des IfS, die persönlichen Ressourcen von Kubitschek und das über 1% und den Verlag lukrierte Finanzvolumen eine Basis, die es ermöglicht, herausragende Akteure in finanzierte Positionen zu bringen, die es diesen dann ermöglicht, sich voll und ganz der politischen Arbeit zu widmen.

Gleichfalls profitieren beide Seiten von den vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten zu publizieren. So konnten die „Identitären“ ihre Ideen schnell und professionell publizieren, auf der anderen Seite profitierte das Magazin „Sezession“ von den neuen Autor*innen und deren theoretischen Vorbildern, die vom Verlag übersetzt und aktuell nach und nach im Verlagsprogramm veröffentlicht werden. Eine Win-Win Situation für alle – außer für die antifaschistische Kritik, die diese Gruppen allzu lange ignorierte.

Nun also stehen Kubitschek, Sellner und Gefolge mit ihren vom Schlamm des Hasses verkrusteten Stiefeln mitten auf den Teppichen unserer geistigen Wohnzimmer und selbst der ignorantesten Antifa-Gruppe dürfte nun klar werden, dass wir Kubitschek dringend wieder in die geistige und geographische Provinz verbannen müssen, bevor wir wieder darüber diskutieren können, ob wir denn nun lieber einen hell- oder dunkelroten Teppich vor dem Bücherregal wollen!

Kampf, Sieg oder Körper – Ideen zu den „Identitären“ und Popkultur

Abstract

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen Ideologie, deren Transformation in popkulturelle Bilder und Körperlichkeit. Im Zentrum steht hierbei die Frage, inwieweit sich neurechte Bewegungen, wie zum Beispiel die Identitären, neue popkulturelle Bilderwelten geschaffen haben und wie sie über diese Bilderwelten ihre neuen/alten Narrationen der menschlichen Ungleichheit massenkompatibel transportieren können.

Der Artikel zieht hierfür Verbindungen von Österreichs Neuen Rechten der 1990er, ausgehend von den Akteuren der FPÖ im Bezirk Alsergrund, über die Versuche der Beeinflussung des Dark-Wave bis zu den neuen Stichwortgebern rund um Martin Lichtmesz und Co.

Dieser Artikel geht davon aus, dass es, um die Erkenntnisse vorwegzunehmen, den Identitären gelungen ist eine Art „neu(e) rechte Popkultur“ zu erschaffen, die sowohl in ihren ästhetischen als auch ihren inhaltlichen Ausformungen und Narrativen die Linke mit ihren bewährten Tools der Analyse und Kritik noch nicht recht fassen kann und denen sie, diesem Umstand Rechnung tragend, derzeitig eher hilflos gegenüber steht. Gerade auch, weil ihr mit Alfred Schobert und Martin Büsser zwei Experten verloren gegangen sind, die als Einzige detaillierte Analysen von und Kritik an Szenen wie der des Dark-Wave und Neofolk zu üben wussten, in denen die Neuen Rechten nun, ohne großen Widerstand, agieren. Diese „Popkultur von Rechts“ ist für die Identitären Diskussionsraum, Rekrutierungstool und Raum der politischen Agitation zugleich.

Dieser Artikel reißt viele Ideen an, bringt dabei Theorien zusammen, die vielleicht gar nicht zusammen gedacht werden sollten, und ist vor allem eine essayistische Sammlung erster, jedoch grundlegender Gedanken. Für Diskussionen, Anregungen, Kritik und wüste Beschimpfungen bin ich deswegen mehr als dankbar.

Zur Aufteilung: Es gibt den gesamten Artikel als pdf. zum Download hier. Auf der Blogseite habe ich mich für eine separate Veröffentlichung der jeweils einzelnen Kapitel entschieden. Der gesamte Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte, welche im Gesamten zu lesen durchaus sinnhaft ist, die aber auch Stand-Alone verstanden werden können.

Den gesamten Artikel gibt es hier als pdf Download:

Inhalt:

1. Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

2. Körper, Popkultur und Normation(en)

3. Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

4. Die neuen alten Mythen der Identitäten

5. Subkultur von Rechts?

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Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

Zurück zu Teil Zwei: Körper, Popkultur und Normation(en)

Dass die Geschichte der Neuen Rechte (NR) eine Geschichte und ein Prozess der Radikalisierung des konservativen Spektrums und eine Modernisierung des „klassisch“ rechtsextremen Spektrums zugleich ist, muss an dieser Stelle nicht erneut ausführlich dargestellt werden.1 Wichtig ist der heterogene Charakter dieser Neuen Rechten, in der ein radikalisiertes wertkonservatives Bürgertum neben und mit modernen Rechtsextremen existiert. Allein über diesen Umstand lässt sich die immer wieder auftauchende Schizophrenie ihrer Narrative erklären, in denen Bilder, Narrationen, Symbole und Akteure verschmelzen, die sich eigentlich wie Wasser und Öl verhalten. So können die Identitären die Ideologie des NS ablehnen, zugleich aber in ihren Bildern und Narrativen ungebrochen einem faschistischen Körperkult huldigen. Auch, wenn dieser statt Arno Breker direkt die Spartaner huldigt.

Es muss jedoch festgehalten werden, dass diese Radikalisierung immer auch eine Radikalisierung der Popkultur war und zugleich als ein Einarbeiten alter, „klassischer“ Ideologiefragmente der unterschiedlichen reaktionärsten Strömungen in popkulturelle Diskurse und Bilder erfasst werden muss.

Popkultur unterstreicht und unterstützt dabei ein wesentliches Merkmal der NR: Den Kampf und die Diskussion um die unmittelbare Gegenwart. Im Wissen, dass ihre Ideologie nur begrenzt Wissen und Vorstellungen für einen Zustand nach dem Status Quo bereitstellen, nützt der Kampf um die Popkultur ihnen dergestalt, als dass Popkultur keine Zukunft kennt, sondern lediglich den Kampf um ein „Ist-jetzt“. Die Vergangenheit reduziert sich in der Kultur zu einer Narration unter vielen. Sie wird zum Subjekt selbst und entzieht sich damit letztlich immer auch der Objektivität anderer Narrative. Bei den Identitären zeigt sich dies dominant in der popkulturellen Inszenierung einer homogenisierten Identität, die es dergestalt, außerhalb ihrer Traktate, Sticker und Bilderbücher, nie gegeben hat und die abseits von Theorien, die Kultur als Container definieren, auch niemals in der Historie der Menschen gegeben hat. In den Narrativen der Identitären existiert sie.

Blicken wir jedoch kurz nochmal auf den Moment des bereits zuvor erwähnten Kampfes um eine kulturelle Hegemonie von Rechts zurück. Bruns, Glösel und Strobl erwähnen in ihrem Buch immer wieder, dass dieser Kulturkampf eine genuine Form der Agitation der NR ist. Dieses Bestreben aber auf neue Formationen, wie die hier fokussierten Identitären zu beschränken, ist, gerade in Österreich, vollkommen falsch.

Blicken wir hierzu kurz in die Vergangenheit. Schon in den 1990er Jahren erprobten Mitglieder aus dem Umfeld des „Konservativen Clubs“ in Wien Strategien, die denen der Identitären mehr als ähnlich sind. Rund um Christian Böhm, der sich selbst nach einem Feldmarschall der k.uk. Armee Böhm-Ermolli nannte, und der wohl am bestens als faschistischer Dandy beschrieben kann, rotteten sich einst solche Leute, wie der derzeitige Vizebügermeister Wiens, Johann Gudenus, und der derzeitige FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache zusammen.

Wichtiger aber sind, neben Böhm, Akteure wie Jürgen Hatzenbichler, der in den 1990er Jahren zusammen mit Andreas Mölzer für die Verschmelzung des organisierten und des autonomen Rechtsextremismus stand. Hatzenbichler ist einer der führenden Akteuere in der damals sowohl in Österreich als auch vor allem in Deutschland fokussierten rechtsextremen Einflussnahme auf die Kultur des Dark-Wave, welche zwar in ihrer Gesamtheit versagte, jedoch bei einzelnen Szenen, im Besonderen der des Neofolk, bis heute offensichtliche Spuren hinterließ. Hatzenbichler entdeckte früh Bands wie „Death In June“, „NON“ und „Blood Axis“ und deren Spiel mit faschistischen Symbolen und reaktionären Theoretikern für sich und das Potential der Kunst, reaktionäre Ideologien in liebliche Gewänder zu kleiden – inklusive des dort anwesenden Publikums. So warb er erst für die Szene(n) in der „Jungen Freiheit“, später dann beteiligte er sich direkt an Szenepublikationen wie „Zinnober“, „Sigil“ & „Zwielicht“. Jene Magazine, über die unter anderem Martin Lichtmesz, jetziger ideologischer Guru der Identitären in Deutschland und Österreich, Carsten „Baal“ Müller, Felix Menzel, Nils Wegner, Martin Sellner und Co. ihre musikalische und (sub-)kulturelle Sozialisation erhielten.

Der forcierte Kulturkampf im Dark Wave ist deswegen gerade nicht als Misserfolg anzusehen, da er nicht wenige Akteure kulturell initiierte und politisierte, die im aktuellen Zeitgeschehen und den jeweiligen Organisationen durchaus als Meinungsführer anzusehen sind. Die Akteuere verbindet derzeitig vielfach nicht nur eine publizistische Tätigkeit in den verschiedenen Magazinen der Szene, sondern vor allem eine gemeinsame subkulturelle Sozialisation und deren Szenehabitus.

So sehr Personen wie Martin Sellner mit Bands wie den obig genannten versuchen ein für sich und Andere neues Image zu generieren, so sehr greifen sie damit auf Narrative, Symbole und Diskurse zurück, die ihren Anfang bereits vor zwei Jahrzehnten wiederum in Wien nahmen.

Dass eben diese Rückgriffe der Identitären in ihren Strategien um eine kulturelle Hegemonie nicht viel stärker von der Linken bemerkt und fokussiert analysiert wurden, kann hier nur hypothetisch beantwortet werden. Mit Sicherheit sind das Ableben von Alfred Schobert und später Martin Büsser, die als große Experten der Linken für diese Szenen galten, sowie ein zeitgleiches Erstarken der Szenen selbst um die 2000er Jahre Momente, die diese Entwicklung(en) stark begünstigten.

1Bruns, Glösel und Strobl tun dies zu genüge. Vgl. hier: Bruns, Julian; Glösel, Kathrin; Strobl, Natascha. Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Unrast: Münster, 2014 S. 27ff.

 

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Ein Schlaglicht auf Troy Southgate und den „Black Front Press“ Verlag

Nationale AnarchistInnen“, völkische OkkultistInnen und
das ganze andere Krypto-FaschistInnennpack – Querfront International

Zu denken, das, was sich um die Spielarten des „Neofolk“, „Industrial“ und Co. gruppiert, sei nur im deutschsprachigen Raum von faschistischen AkteurInnen unterminiert, irrt gewaltig.

Auch abseits des deutschsprachigen Raums, allen voran in England, dem einstigen Epizentrum der Szene, hat sich um den umtrieben Publizisten, Autor, Politaktivisten und Musiker Troy Southgate ein Zirkel gebildet, der die Szene mit allerlei, fast immer eindeutig politisch determinierten, Inhalten seit Jahren befeuert und maßgeblich zur Normalisierung und der Akzeptanz eines rechtshegemonialen Diskurses innerhalb der Szene beiträgt.

Troy Southgate ist Mastermind hinter der Band „H.E.R.R.“, dessen Buchstaben für den originellen Titel „Heiliger Europa! Römisches Reich“ [sic!] stehen. „H.E.R.R.“ ist sowohl musikalisch, als auch zu nicht unerheblichen inhaltlichen Teilen, mit der deutschen Band „Von Thronstahl“, rund um Josef Maria Klumb, vergleichbar. Diese Nähe manifestiert sich vorrangig in gemeinsamen Veröffentlichungen und einigen Nummern, die Bezug auf die Ideen des jeweils Anderen nehmen. So ist „Von Thronstahls“ Lied „National Anarchy In The U.K.“ definitiv als Hommage gegenüber Southgates politischer Idee des „National Anarchism“ (NAM) zu werten. Ferner ist der extrem reaktionäre Pfarrer Hans Milch ein gern genommener Samplegeber in den Liedern beider Bands. Wichtiger ist aber, dass zwischen den „Von Thronstahl“-Mitgliedern und Southgate selbst nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein inhaltlicher Austausch stattfindet, auf den an späterer Stelle dezidiert eingegangen werden soll.

Obwohl Southgate seit Beginn seiner Jugend in diversen rechtsextremen Gruppierungen in England aktiv organisiert war1 und zum Teil immer noch partizipiert, hinderte dies die Szene zu keinem Zeitpunkt an der Rezeption seiner Musik. Viele Alben der Band „H.E.R.R.“ erschienen sogar auf dem äußert renommierten Label „Cold Spring“.

Doch Southgate hegt neben seiner Musik zwei andere große Hobbys: Die Politik und das Schreiben.

Ventil finden diese beiden Aktivitäten dominierend in dem von dem von ihm quasi im Alleingang gestemmten „Black Front Press“ Verlag, dessen Name selbstredend nicht zufällig auf faschistische Organisationen verweist.

Im Verlag selbst sind bislang etwas über 60 Publikationen erschienen, die sich in ihrem inhaltlichen Spektrum von Runenmagie, über Auseinandersetzungen mit der europäischen Black-Metal-Kultur und diversen Portraits bekannter und weniger bekannter reaktionärer Denker, bis hin zu den „Grundlagentexten“ des „National Anarchism“ spannen.

Da viele der Werke sich in der Erstauflage restlos ausverkauften, gibt es von diversen Büchern mittlerweile weitere Auflagen. Von einigen Anderen, wie zum Beispiel Southgates Biographie von Otto Strasser, liegen Übersetzungen vor, die auch im Verlag vertrieben werden.

Nicht direkt über den Verlag publiziert, aber dennoch über ihn erhältlich, sind fünf weitere Monographien von Southgate, die sich der extremen britischen Rechten, Adolf Hitler und dem Spannungsfeld von Tradition und Revolution widmen2. Fast immer fungiert Southgate als Herausgeber der Texte die im Black Front Press Verlag erscheinen.

Eine detaillierte Analyse des Verlagsprogramms kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. Das der Verlag aber eine klare politische Stoßrichtung vorgibt, ist aber allein anhand der Titel und AutorInnen offensichtlich3.

Die großen Säulen des Verlagsprogramm bilden gewiss die Reihe zum „NAM“ und die Reihe „Thoughts And Perspectives“.

Die „NAM“ Reihe versammelt hierbei derzeitig sieben Schriften, die das Konzept des „National Anarchism“4 grundlegend skizzieren und vertieft diskutieren. Einige dieser Schriften sind zum Teil auch in andere Sprachen übersetzt wurden, jedoch nicht als Übersetzung im Verlag erschienen, sondern zumeist dann als freier Text im Internet veröffentlicht wurden. Simplifiziert lässt sich das Konzept des „NAM“ als eine krude Theorie erfassen und begreifen, die ethnischen Segregatismus mit tribalistischen Ideen, apokalyptischen Imaginationen, recht ähnlich zu denen der „Crust“-Bewegung und antikapitalistischen Ideen amalgamiert. Der ästhetische Missbrauch der „Crust“-Kultur ist im Besonderen bei der Gestaltung der Cover offensichtlich, die ab dem zweiten Titel der NAM-Reihe immer vom polnischen Illustrator Zbigniew Bogusławski gestaltet wurden5. Trotz der nicht unerheblichen Bedeutung der Idee für verschiedene rechte Splittergruppierungen und Organisationen gibt es bislang keine fundierte linke Analyse, Auseinandersetzung und Kritik mit und an dem Konzept selbst.

Die zweite Säule des Verlags bildet die mittlerweile 13 Bände fassende Reihe „Thoughts And Perspectives“ (TAP). In dieser Reihe widmet sich jeweils ein Band einem herausragenden Akteur, dessen Denken und Ideen zumeist dem reaktionären, bis offen faschistischen, Gedankenspektrum zuzuordnen sind.

Es ist die Reihe TAP, die am offensichtlichsten Southgates gedankliche Sozialisation durch die Neofolk- und Apokalyptik-Folk Kulturzu Tage fördert. Finden sich doch in der Reihe großteils theoretische Bezugsgrößen6 der MusikerInnen und Musiker aus dem Genre. Prägnante Beispiele hierfür sind der japanische Dichter und Anführer einer faschistischen Paramiliz Yukio Mishima (Fixpunkt diverser „Death In June“ Alben), der konservative Denker Oswald Spengler, der faschistische Stichwortgeber und rechtsextreme Esoteriker Julius Evola (z.B. vielfach von „Blood Axis“ zitiert) oder Ernst Jünger. Ebenso finden sich aber auch obskure Figuren wie Aleister Crowley, (Bezugsfigur des frühen „Current 93“ Schaffens) neben Personen wie dem Anführer der faschistischen „Eisernen Garde“Corneliu Zelea Codrenau7 (wiederum Bezugsgröße im Werk von „Blood Axis“) und weitaus weniger bekannten, wie Gilbert Chesterton, Hilaire Belloc oder Bowden. Wobei die letztgenannten für die Neofolksubkultur keine Relevanz besaßen und auch derzeitig nicht besitzen.

Alle Werke sind Sammelwerke verschiedener Autoren, wobei Southgate zu jedem der Bücher Texte beisteuerte. Eine detaillierte Analyse aller beteiligten AutorInnen kann dieser Text leider nicht leisten. Namen, wie Kerry Bolton, Alan de Benoist, Dimitris Michalopoulos oder Jonathan Bowden lassen jedoch wenig Interpretationsspielraum, wenn es um die Einschätzung geht, wes Geistes Kind die Autoren sind.

Neben diesen Werken, die die Neofolk-Szene indirekt bedienen, indem sie wichtigen Stichwortgeber von musikalischen Größen, wie „Death In June“, „Sol Invictus“ oder „Current 93“, einer dezidiert politischen Lesart unterziehen und dergestalt auch einen reaktionären Diskursraum innerhalb der Szene eröffnen, der die Szene letztlich für Identitäre und andere FaschistInnen in den letzten Jahren umso interessanter gemacht hat, gibt es Publikationen, die sich dezidiert Szenen des musikalischen Underground widmen. Diesem Schwerpunkt können bislang drei Werke direkt und eines indirekt zugerechnet werden: Es handelt sich hierbei um die Werke „Adventures In Counter-Culture: Politics, Music, Film And Literature8“, Black Metal: European Roots And Extremities“9 und das Werk „Troubadors Of The Apocalypse: Voices From The Neofolk, Industrial & Neoclassical Underground“10. Indirekt zu der Reihe kann das neue Werk des „Ostara“, vormals „Strength Through Joy“, Masterminds Richard Leviathan, „Odes“11, dass im Verlag Veröffentlichung fand, allerdings nicht auf der Blogseite von Black Front Press gelistet ist, gezählt werden. „Odes“ beweist zudem, dass der Verlag für Szenegröße eine gute und annehmbare Basis zur Verbreitung ihres literarischen Schaffens darstellt, selbstredend in völliger Ignoranz und/oder Akzeptanz dessen politischer Ausrichtung.

Die drei Werke, die ihren Fokus hierbei auf die Szenen richten, sind jedoch keinesfalls als Analysen, denn gar wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Spezifika der subkulturellen Gemeinschaften und ihrer strukturellen Eigenheiten intendiert, denn vielmehr als eine Art Sammlung von szeneinternen Stimmen. „Troubador […]“ verweist auf diese Herangehensweise schon in seinem Titel.

Beachtenswert ist an allen Werken, dass sie fast immer das „How Is How“ von extrem reaktionären Szeneassozierten als Autoren listen und dergestalt, parallel zu den AutorInnen der „Thoughts And Perspectives“-Reihe, eine dezidiert politische Lesart immer direkt vollziehen. Seite an Seite zu diesen eindeutig politisch gefärbten Autoren finden sich aber ebenso oft Autoren, deren musikalisches Schaffen bislang keiner konkreten politischen Intention zugeordnet werden konnte und die auch sonst nicht sonderlich durch dezidiert politische Aussagen aufgefallen sind. So finden sich neben prominenten Vertretern der internationalen Szene, wie zum Beispiel der bereits genannte Richard Leviathan, die beiden Mitglieder der Band „Arnica“Daniel Pablo & Carles Jiménez als Autoren im Werk „Troubadors […]“.

Auch der umtriebige Rassist Robert Taylor, der in der für die Neofolk-Szene legendären Band „Changes“ singt, und sich sonst gerne bei Treffen von anderen extrem rassistischen Organisationen blicken lässt12, fehlt als Autor natürlich nicht. Er steuerte einen Beitrag zum Werk „Troubadors Of The Apocalyspe […]“ bei.

Und wenn wir schon bei Neofolkgrößen, die als Autoren für den Verlag tätig sind weilen: Auch Douglas Pearce, Sänger der Band „Death In June“ und bekannt dafür von einem rechten Fettnäpfchen ins Nächste zu Springen, verfasste für den „Thoughts And Perspectives“-Band über Yukio Mishima einen Beitrag.

Zurück aber zu den obigen Werken: Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass in allen Werken immer Autoren aus dem deutschsprachigen Raum vertreten sind; was eben auch auf die internationale Verflechtung der extrem rechten Akteure innerhalb der Szene schließen lässt.

So steuert zum Beispiel Hendrik Möbus, Sänger der Band „Absurd“ und bekennender Neonazi, einen Beitrag zum Buch „Black Metal. European Roots And Extremities“ bei. Ebenfalls vertreten in diesem Band ist der Deutsche Nils Wegner, dessen Weg von der „Jungen Freiheit“ zur „Sezession“ mäanderte, wo er als einer der großen Freunde der Identitären-Bewegung auftritt. Mit Felix Menzel, Martin Sellner und nicht zuletzt Martin Lichtmesz teilt er sich dort nicht nur die rechte Gesinnung, sondern auch einen doch sehr identischen Musikgeschmack. Das vier von 12 AutorInnen der „Sezession“ sich stark mit der Neofolk-Szene beschäftigen, muss letztlich auch als hinlängliches Indiz für die Re-Politisierung von Teilen der Szene gewertet werden.

Aber auch andere Deutsche sollen an dieser Stelle nicht vergessen werden. So meldete sich, nach einigen Jahren der Szeneabstinenz, Dennis „Raymond“ Plummer, aka. „Raymond P.“ im Werk „Troubadors Of The Apocalypse“ zu Wort. Plummer ist neben Josef Klump ein wichtiges Mitglied der Band „Von Thronstahl“ und dem Sideprojekt „Days Of The Trumpet Call“.

Unabhängig von den Veröffentlichungen des „Black Front Verlags“ lässt sich seit der Tour von „Death In June“ im Jahr 2011 ein Wiedererstarken der Szene beobachten, was sich wohl am prominentesten in der Fülle an Neofolk-Konzerte am Wave-Gotik-Treffen, aber auch dem Wiederauftreten diverser lange Zeit untätigen Bands, wie „Von Thronstahl“, „Sixth Comm“, „Joy Of Life“ oder „Sagitarrius“ uvm. Beobachten lässt, die in den letzten Jahren einen Output wie zuletzt zu Beginnn der 1990er zusammenbrachten. Auch größere eigenständige Festivals, wie das „Runes And Men“, zeugen von neuer Stärke der Szene. Das der „Black Front Press“ Verlag auch ein Nutznießer dieses neuen Erstarkens ist, muss als offensichtlich angesehen werden. Das aber eben dieser Prozess der politischen Einflussnahme von Beginn an in einem erheblichen Maße auch von deutschen Autoren mit voran getrieben wird, ist hierbei fast eine erschreckende Fußnote.

Das die Szen sich jedoch keinesfalls von ihren rechten Geistern befreien hat wollen, zeigt sich zudem umso mehr in der Massivität an dezidiert rechtsradikaler Rezeption der Musik und ihrer Subkultur und der Verflechtung von MusikerInnen und SzenegängerInnen in Strukturen des organisierten Rechtsextremismus, wie sie hier am Beispiel des „Black Front Verlags“ schlaglichtartig aufgezeigt werden konnten.

Umso unverständlicher mutet es deswegen an, dass die Szene sich wiederum, wie eh und je, einer dezidiert linken Kritik an ihrer Offenheit gegenüber der rechten Vereinnahmung wehrter und die politisch motivierten Demagogen dagegen ungehindert gewähren lässt.

So werden Publikationen des „Black Front Press“ Verlages auf allen großen Szeneportalen, wie zum Beispiel „Heathen Harvest“, rezipiert, ohne die politische Stoßrichtung der Werke und die geistige Herkunft der AutorInnen zu kritisieren. Es kann, diese Umstände erfassend, nicht verwundern, dass Identitäre-Vordenker, wie Martin Sellner und Co. die Szene als künstlerischen Diskursraum für ihre Theorien einer homogenen völkischen Gemeinschaft begreifen und vereinnahmen, wenn Menschen, wie Wegner, Lichtmesz und Menzel schon lange unkommentiert über das Potential der Szene schreiben und reflektieren.

Das Neofolk von den Identitären mittlerweile gezielt als sanfter und wohlgefälliger Einstieg in ihre Ideologie und ihre Organisation genutzt wird und für sie selbst einen stark vergemeinschafteten Zweck erfüllt, davon zeugen zum Einen Martin Sellners und Erk Lehnharts Twitter Account und zum Anderen der Umstand, dass mit „Jännerwein“ eine Neofolk-Band bei der Demonstration in Graz am 17.01.2016 gespielt wurde.

Es ist ein kurzer Weg von der Musik über die Schriften des „Black Front Press“-Verlages, hin zu einer Subkultur, die immer mehr von den ätzenden Wurzeln des Rassismus, Nationalismus und Faschismus innerlich zerfressen wird. Hauptsache unpolitisch!

Wer den Faschisten einen Raum in seiner Mitte gewährt, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn er selber zum Faschist wird!

Und by the way: Einen Akteuer dürfen wir natürlich nicht vergessen. Wer dachte, dass Gerhard Hallstatt, Mastermind der Band „Allerseelen“, in diesem rechtsradikalen Zirkus fehlt, der irrt natürlich gewaltig: Wo es nach Scheiße stinkt, da sammeln sich die Fliegen und so steuert Hallstatt einen Beitrag für das Buch „Troubadors Of The Apocalypse [..] bei. Gleich und Gleich gesellt sich gern…

1Es soll an dieser Stelle nicht alles wiedergekaut werden. Bei weiterführendem Interesse geben die im Wikipedia-Artikel über Troy Southgate zitierten Quellen einen ausreichenden Überblick.

2Vgl. Auflistung anderer Publikationen von Southgate, einsehbar unter: http://blackfrontpress.blogspot.co.uk/p/other-titles.html. Letzter Zugriff am 21.01.2016 um 11:10 Uhr.

3Vgl. Verlagsprogramm einsehbar unter: http://blackfrontpress.blogspot.co.at/p/our-titles.html. Letzter Zugriff am 21.01.2016 um 12:51 Uhr.

4Im US-Sprachigen Raum hat sich zum Teil die Begrifflichkeit „Tribal Anarchism“ durchgesetzt, um den Moment des Nationalen gegenüber dem des tribalen zu negieren. Wahrscheinlich aber auch um das Ideenkonzept, zumindest sprachlich, nicht unmittelbar als völkisch determiniertes Konzept zu entlarven.

5Boguslawski ist seitdem vielfach als Illustrator für den Verlag tätig geworden. Eine Überblick über sein Schaffen liefert seine eigene Homepage, einsehbar unter: https://bogusart.wordpress.com/page/2/. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 11:17 Uhr.

6Es werden in der Reihe nur männliche Personen abgehandelt.

7Dessen Schriften vom Verlag auf englisch in einer eigenständigen Reihe Veröffentlichung fanden.

11Vgl. Ankündigung auf dem von Leviathan persönlich betriebenen Facebookprofil. Einsehbar unter: https://www.facebook.com/ostaramusic/. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 12:06 Uhr.

12Vgl. http://www.huffingtonpost.com/entry/white-nationalists-conference_us_56353a69e4b063179912ab4b. Taylor ist auf dem Foto der langhaarige Mann in der Mitte. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 12:20 Uhr.

Können Sie vielleicht einen Schritt nach rechts rücken? Kurze Gedanken zu Dr. Carsten (Baal) Müller

Dass Neofolk und reaktionäre Ideologien schon (fast) immer eine starke Bindung aufwiesen, ist ein alter Hut. So sehr die MusikerInnen in ihrer Kunst zum Teil im Modus der Ambivalenz operierten, so sehr zerstörte die Szene sich, indem sie, zum großen Teil kritiklos, KünstlerInnen hofierte, die faschistische Ideologien und Ideologen feierten, im Publikum alles (bis hin zu Hitlergrüßen) duldete und sich Geschäftstreibenden hingab, die mit CDs Julius Evola, Thorak und Co. lobpriesen und damit auch noch ordentlich ihre Kassen füllten.

Über Bands wie „Von Thronstahl“ zu reden ist müßig und geht am aktuellen Geist der Szene vorbei. Es gibt sie aber, jene Akteure1, die der Szene die Stange gehalten haben – ebenso wie ihrer extrem rechten Ideologie.

Einer dieser Akteure ist Martin Lichtmesz aka. Martin Semlitsch, dem in einem anderen Artikel einige Worte gewidmet werden sollen.

Ein Anderer ist Dr. Baal Müller aka. Dr. Carsten Müller.

Es gibt Menschen, die verstecken ihre extrem reaktionäre und menschenfeindliche Ideologie und es gibt … naja, es gibt Menschen wie Baal Müller, die schlagen einem diese förmlich ins Gesicht.

Baal Müller ist seit Jahren auf vielen Neofolk-Veranstaltungen ein gern gesehener Gast. Er besuchte des Öfteren das Wave-Gotik-Treffen (oder wirkte aktiv mit). Bilder zeigen ihn beim WGT, bei Veranstaltungen der rechten Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ sowie auf dem einst in Dresden, aktuell in Leipzig stattfindenden „Runes And Men“-Festival. Andere Fotos stammen vom „Villa Festival“ in Italien oder von Konzerten, wie dem der Band „Sagittarius“. Und der Dr. Baal ist kein abgegrenzter Außenseiter – im Gegenteil: Arm in Arm mit Uwe Nolte (Orplid, Barditus und Co.) oder Gerhard Hallstatt (Allerseelen) sowie dem Sänger der Band „Stern des Bundes“ oder dem Liedermacher Rudolf Seitner (Sonnenkind).

Allerseelen beim Villa Festival 2015   saggi villa

Neben dem Neofolk verfügt Baal Müller aber über eine große Palette weiterer Hobbys: Baute er vor Jahren noch bei RTL2 sein Haus um, so konzentriert er sich mittlerweile lieber wieder drauf, fast alle Organe der extremen Rechten mit Artikeln von sich zu bestücken. Und es ist, ähnlich wie bei Lichtmesz, dieser Moment, der bei Müller so stark heraussticht. Lichtmesz und Müller sind Role-Models der Szene. Rollenvorbilder, die die Grenze zwischen künstlerisch-ästhetischer Beschäftigung mit faschistischen Ideologien in eine realpolitische Dimension wenden.

Baal Müller trat im letzten Jahr bei verschiedenen Ablegern der Pegida auf. Unter anderem dem Leipziger sowie dem in Düsseldorf. Das alles ist kein Geheimwissen. Müllers Facebook-Profil ist voll von öffentlich einsehbaren Einträgen, die rechte Gewalt stark verharmlosen, obskure Verschwörungstheorien hofieren und immer wieder gegen Menschen hetzen. Baal Müller macht weder aus seiner Zugehörigkeit zur Szene noch zu seiner Sympathie und Zugehörigkeit zu extrem rechten Gruppierungen einen Hehl.

legida legida2

Aber er ist ja nur ein Fan!?

Nein, Baal Müller ist eben nicht nur ein einfacher Konzertbesucher, sondern speist mit seinem Telesma Verlag und dessen Schriften aktiv die rechte Hegemonie in der Neofolk-Szene. Neben allerlei absonderlichen Schriften erscheint zum Beispiel im Jahr 2016 die deutsche Übersetzung von Gerhard Hallstatts Buch „Blutleuchte“ im Verlag. Müller und Hallstatt sind gute Freunde, was wohl auch an der politisch-ideologischen Nähe der beiden liegen mag.

Wie kann sich eine Szene, deren letzter Rettungsanker immer die Floskel war, dass ihre AnhängerInnen, egal welcher politischen Couleur, keine Gewalt ausüben, noch selbst ins Gesicht sehen, wenn in ihren engsten Zirkeln die schlimmsten Demagogen der Gewalt ein- und ausgehen? Dass Pegida, Legida und Co. nicht wortgewandter Diskurs, sondern die verbale Vorstufe der nächsten Pogrome sind, muss nach dem 11.01.2016 als unwiderlegbar angesehen werden.

Martin Lichtmesz, Baal Müller und Co. haben die Szene politisch bestärkt, indem sie rechte Ideologien im szeneinternen Diskurs normalisiert haben. Ein Faschist bleibt ein Faschist. Auch, wenn er die gleiche Musik hört.

Was haben wir von einer Szene zu erwarten, die Leute wie Baal Müller duldet und bei deren Konzerte die sogenannten „Identitären“ herumstolzieren?

Vielleicht ist der „Neofolk“ nicht der Soundtrack zur Apokalypse, zumindest aber zum nächsten Pogrom?!

1Die männliche Form ist eine bewusste Entscheidung, um auf die vorwiegend männlichen Akteure hinzuweisen.

Weltschmerz, Wälder, weiße Rasse?

Fragmentarischer Versuch zur Verortung des Neofolk-Genres im Spannungsfeld von
neopaganistischer Mythologie und reaktionärer politischer Agitation

Sprechen wir vom Genre des Neofolk, so gehen wir, im gemeinsam geteilten Missverständnis, zumeist davon aus, dass wir über eine Gesamtheit an Musikgruppen und einzelnen KünstlerInnen sprechen, die sich von solchen Gruppen wie „Death In June“, „Sol Invictus“, „Current 93“, über spätere Projekte, wie „Forseti“, „Sonne Hagal“, „Fire And Ice“, bis hin zu aktuellen Ausläufern, wie „Cult Of Youth“ oder „Blood And Sun“ spannt.

Jedoch aber auch Bands, deren Klang ganz anders gelagert ist und die, über ästhetische, ideologische und/oder persönliche Verbandelungen, in das Genre Integration erfahren. Bands, wie das österreichische Projekt „Der Blutharsch“ wurden zu Beginn ihres Schaffens, obwohl musikalisch völlig anders gelagert, immer zum festen Kern des Neofolk gezählt1.

Es ist ein leichtes, in einem solch trüben und unklaren Gewässer zu fischen und an Oberflächlichkeiten Gemeinsamkeiten zu erkennen und Verbindungen zu konstruieren2.

Ich will schon hier einen Schritt zurückgehen und am Punkt der generischen Differenzierung einen ersten grundlegenden Schnitt setzen; einen Schnitt, der entlang der Kategorie „Apocalyptic Folk“ und der Kategorie „Neofolk“ verläuft. Nicht, weil es Ziel ist, die eine Kategorie vor der Anderen zu verteidigen, sondern, weil ich letztlich den Versuch unternehmen will, in letzterer Kategorie, also der des „Neofolk“, ein, allen MusikerInnen gemeinsames, ideologisches Fundament herauszukristallisieren und zu analysieren.

Was also soll es nun sein, was unter dem Genre des „Neofolk“ summiert werden soll?

„Neofolk“ versus „Apocalyptic Folk“

„Neofolk“, ist die, vorwiegend von deutschsprachigen Musikerinnen und Musikern vorgenommene, Interpretation dessen, was Bands, wie „Death In June“, „Sol Invictus“, „Current 93“, „Fire & Ice“ und diverse andere, die sich dominierend auf dem damals existenten Label „World Serpent Distribution“ versammelten, zum Großteil in Großbritannien der 1980er und 1990er erschaffen haben. Wo Bands, wie „Death In June“, in ihren musikalischen Output immer dissonante und experimentelle Klänge einsetzen, da reduziert und minimalisiert das, was hier unter Terminus „Neofolk“ gefasst wird, noch weiterführend: Gitarre, Flöten, Trommeln und Geigen werden zu den primären Instrumentierungen. Einfache Akkorde, in denen Gitarre und, auf basale Ryhtmen reduzierte, Trommeln den Takt angeben. Da, wo bei den englischen Vorbildern das experimentelle die Harmonie der Klänge durchbrach, bleibt bei den deutschen InterpretInnen lediglich die Harmonie. Akzentuiert mit weiteren akustischen Instrumenten, wie Akkordeon und Glockenspiel.

Gruppen, wie die um den Jenaer Andreas Ritter gebildete Formation „Forseti“, oder die Gruppe „Sonne Hagal“, oder auch die Gruppe „Belborn“, reduzierten und reduzieren aber nicht nur den Klang. Vielmehr, und das soll das wichtigste stilistische und inhaltliche Momentum werden, bedienen sie sich inhaltlich an „typisch deutschen Narrativen“.

Die neuen alten Narrative

So wird die Stilepoche der deutschen Romantik zu einem der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte. Ebenso aber auch die deutsche Wandervogelbewegung und andere Lebensreformbewegungen zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Die Beschäftigung mit frühen Formen bündischer Gruppierungen findet sich vor allem im Schaffen der Band „Hekate“. Es ist logische Konsequenz dieser inhaltlichen Auseinandersetzung, dass die Sprache der vorgetragenen Lyrics nun vorwiegend in Deutsch erfolgt. Das dies aber nicht immer zwangsläufig der Fall ist, bewiesen und beweisen zum Beispiel „Sonne Hagal“ immer wieder.

Weitere Zutaten in dieser Suppe sind der mehr oder minder starke Bezug auf neopaganistische Ideologiefragmente, Ideen und Vorstellungen des Germanentum und/oder vorchristliche Religionen, wie zum Beispiel der römische Mithras Kult.

Es sind eben diese Bezugspunkt und die von ihnen ausgehenden Beschäftigungen die im Genre dann auch die Schnittstelle zu extrem reaktionären und völkischen Ideologien konstruieren.

Vielfach sind es obskure Ariosophen, wie Karl Maria Willigut, oder fast vergessenen Vordenker der völkischen Rechten im deutschsprachigen Raum der Jahre 1918-1933, wie Friedrich Hielscher, die Eingang in die Werke der Neofolk-MusikerInnen erhalten. Auch wenn die österreichische Band „Allerseelen“ musikalisch von den Normierungen des Genres abweicht, so ist ihre inhaltliche Ausprägungen für die Beschäftigung mit diesen Ideologien eine mustergültige Blaupause.

Bewusst wird oftmals die Uneindeutigkeit der zugrundliegenden Quellen und AutorInnen und die, durch sie determinierte Ästhetik genutzt, um sich dem Vorwurf faschistische Ideologien zu propagieren zu entziehen. Die oftmals mäandernden Biographien der Vorbilder unterstützen dieses Spiel mit der Uneindeutigkeit umso mehr.

Das eben aber dies vollkommen zweitrangig ist, sondern allein der ideologischen Konzeption des „Neofolk“ schon eine basal reaktionäre Färbung innewohnt, dass soll im Folgenden erörtert werden.

Vom neuen Mythos zur alten Ordnung

Natur – Raum – Einheit – Ordnung

Wie der Begriff „Neofolk“ evoziert, spielt das Genre mit dem Spannungsbegriff „Folk“. Einerseits in der Betonung dessen natürlichen Momentums, im Sinne einer unzivilisierten Natur, anderseits den des Völkischen, im Sinne einer, nicht vom Menschen konstruierten, Zusammengehörigkeit- einer Urwüchsigkeit des Seins.

Verkürzt summiert, entfaltet das Genre des Neofolk über die mythische Konstruktion der Natur einen ästhetischen Raum. In diesem ästhetischen Raum entfalten die neu konstruierten Mythen eine spezifische Logik der Einheit, die letztlich den imaginären Raum in Korrelation zum Realen, also dem der Gesellschaft, setzt und überführt. An der Reibungsfläche zwischen imaginären Raum und realem Raum entfaltet letztlich die künstlerische Ordnung den Willen zur politischen Agitation3.

Natur

Neofolk, dass ist Musik über die Natur. „Sonne Hagal“ besingen, symbolisch geschwängert, den Hagel, „Forseti“ den Wald und die Wiesen, „Darkwood“ den Winter und „Belborn“ wiederum die „notwendigen Feuer“. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, soll letztlich aber nur eines zeigen: Die Imagination eines Naturraums, im Sinne eines Raums, der vom Menschen nicht kultiviert und damit determiniert wurde, ist vielfach dominierend Ausgangspunkt der Musik.

Jan Grünwald schreibt zur Konstruktion des Naturraums:

Natur muss im fiktiven Raum stattfinden, weil ein realer, zeitgenössischer Naturraum ein zivilisierter bzw. gebändigter wäre. Ein fiktiver Naturraum, wie der Wald, bietet einen unkontrollierten, mystischen Raum, der abseits jeder zeitgenössischen Realität steht.“4

Der derartig konstruierte Naturraum bietet zum einen Platz und Ort für die Konstruktion eigener Mythen, zum Anderen aber erlaubt er zugleich die eigene Entgrenzung, da weder das Individuum, noch die Gruppe, in ihrem Sein und ihrem Denken vom Moment des Zivilisierten Begrenzung findet. Der Naturraum ist derart immer ein archaischer Raum.

Grünwald weiter:

„Jede Form der Darstellung und Ästhetisierung von Natur etabliert Natur als einen Fantasieraum, der zwischen etwas Göttlichem und Materiellem oszilliert.[…, J.T.] Natur steht als Ur-Gewalt in radikaler Distanz zur zivilisierten Welt und ist nicht nur idealisierte Projektionsfläche, sondern ebenso mehrfach mythisch aufgeladen.“5

Es liegt deswegen schon alleinig in der Konstruktion der Natur als Naturraum, wie sie im Genre des Neofolk vollzogen wird, ein erster Moment reaktionärer und im spezifischen antizivilisatorischer Entgrenzung begründet. Die Natur wird, um ihrer Gewalt und ihrer Gestaltungsmacht willen, zum Mythos; eben in dem Sinne, dass sie sich dem konkret händischen, als auch dem geistlichen Zugriff des Menschen entzieht. Zum Anderen aber wird sie zur Konfrontations- und Reibungsfläche, an der sich Natur und Zivilisation begegnen.

„Der Mythos produziert Sinn, indem er sich eines bereits funktionierenden Sinnsystems bedient und diesen fixiert, festschreibt und damit die vormals vom primären System besprochene Wirklichkeit hin zu einem neuen Bild überschreitet.“6

Das im kulturell medialen Diskurs bereits existente Sinnsystems des Naturraums, wird dergestalt im Neofolk primär gen Richtung einer antizivilisatorischen Entgrenzung transzendiert und demgemäß zu einem Diskursraum firmiert, indem Natur und Kultur, letztere primär in Form der Zivilisierung des Naturraums, aufeinandertreffen und gegeneinander in den Diskurs gesetzt werden7.

Raum

Wenn die Natur, als totalitäre Kraft, den Raum basal strukturiert, so kann er nicht mehr von Menschen sich autonom angeeignet werden. Der Moment der Kultivierung wird dergestalt zu einem Akt, den nicht der Mensch, aus sich Selbst evozierend, schafft, denn vielmehr zu einem Akt der immer an die alles beherrschende Natur und deren, scheinbar natürliche, Regeln rückgebunden bleibt. Hier überschneidet sich die Vorstellung der Natur, wie sie im Neofolk zum popkulturellen Mythos geformt wird, stark mit der Idee der Einheit von Ordnung und Ortung von Carl Schmitt.

„[…, J.T.] Wir sind überschattet vom Schmerz des Krieges, von der verhinderten Liebe zu unserem Heimatland und der vergessenen Schönheit von Tradition und Natur“8

Henryk Vogels Satz ist dezidierte reaktionäre Kulturkritik an einer Moderne, die den Menschen entfremdet. Nicht im Sinne von Marx, sondern im Sinne einer Entfremdung von den urwüchsigen natürlichen Regeln, die die Natur dem Menschen und seinem Sein auferlegt und die der Neofolk in seinen harmonischen Liedern besingt.

Das in einer derart codierten und strukturierten Ideologie keine Emanzipation, die doch die Selbsterkenntnis des Individuums, gründend im autonomen Gebrauch der Vernunft, als Grundlage setzt, vollzogen werden kann, muss sich an dieser Stelle von selbst verstehen.

Einheit & Ordnung

Neofolk ist in diesem Sinne, allein über die mythologische Konstruktion des Naturraums und dessen mythologischer (Neu)Codierung politisch. In den Raum des gesellschaftspolitischen Alltags entgrenzt sich die Musik und das Genre im Allgemeinen aber zudem zusätzlich, indem die erschaffene Imagination kämpferisch als politische Agitation umgeformt wird. So heißt es im Song „Erbe der Ahnen II“ der Gruppe „Belborn“ in Unerstützung mit der italienischen Grupppe „Rose Rovine e Amanti“:

„Jenseits von Sieg und Niederlage eint uns der Wille und die

Vision

Wir marschieren gegen den Geist der Zeit, Ausbeutung,

Egoismus, Korruption

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, mit ihrer Kraft sind wir

verbunden

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, für Europas neue Sternstunde

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, denn sie ist unser Erbe

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, auf dass es morgen werde“9

Das diese Sätze keine Grenze mehr zu neonazistischer und faschistischer Ideologie aufweisen, muss wohl kaum mehr diskutiert werden. Die Verschmelzung von Natur und Identität und die mythologische Legitimation einer biologistischen Strukturierung und Klassifizierung menschlicher Gemeinschaft bildet hierbei eine Zone, in der sich NeofolkerInnen, FaschistInnen und die selbsternannten Identitären in friedlicher Einheit an den Händen fassen können10. Es geht ja letztlich nur um die Natur…

Das Bild des ganzen, großen, umfänglichen Menschen, von dem der Friede nur eine kleine graumelierte mittlere Zone sehen ließ…dies Bild steht jetzt plastisch vor uns. Der Krieg erst ermißt den Umfang, die Spannweite der menschlichen Natur; der Mensch wird sich seiner ganzen Größe, seiner ganzen Kleinheit bewußt.“11

Was Norbert Kricke obig in Bezug auf den Künstler Joseph Beuys ausformuliert, summiert das zentrale Leitbild des Neofolk: Die Angst vor der Moderne.

Auf die von ihnen, den AkteuerInnen des Neofolk, als fürchterlich und erschreckend erlebte Entzauberung der Welt reagierte das Genre des Neofolk mit einer aggressiven Wiederbelebung der Mythologie. Die Natur unser Herr. Die Moderne der unbezähmbare Tiger.

Das diese Entwicklung ihren Beginn kurz nach dem Mauerfall nahm, verstärkte die Aggressionen und Intensivität dieser Bemühungen wahrscheinlich nur noch umso mehr und es kann nicht weiter verwundern, dass sich das Genre des Neofolk bis heute seine reaktionäre Attitüde erhalten hat und Jahr aufs Jahr neue Stilblüten treibt; denn mit der Moderne hat sich der Underground noch lange nicht versöhnt!

1Das eben dies keine Fremdzuschreibung und Zuteilung ist, bewiesen und beweisen immer noch die diversen Konzerte, auf denen immer Gruppierungen aus den verschiedensten stilistischen Richtungen auftreten.

2So sehr sich die verschiedenartigsten Monographien über Neofolk/ Apocalyptic Folk voneinander unterscheiden, so sehr wiegen sie sich in der Einheit, dass das Genre keiner musikalischen und inhaltlichen Generalisierung unterworfen werden kann. So sehr dies einerseits stimmt, sosehr ist es zugleich mangelnder Wille der Ausdifferenzierung, der erst eine klare Analyse erlaubt.

3Gerade eben hier liegt das große Interesse der Gruppe der „Identitären“ am Neofolk.

4 Grünwald, Jan: Male Spaces. Bildinszenierungen archaischer Männlichkeiten im Black Metal, Frankfurt am Main: Campus, 2012 S. 87

5Ebd. S. 90

6Lindwedel, Martin: Disco, Dekadenz und Porno-Kings. Pop-Retro-Szenarien im Kino der Gegenwart, in: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Pop & Kino. Von Elvis zu Eminem, Mainz: Bender Verlag, 2004

7Eine ähnlichgelagerte, wenn auch in ihrer Mythologisierung vollkommen andersgeartete, Beschäftigung mit dem Naturraum findet sich im Genre des Black Metal. Vgl. hierzu Grünwald, a.a.O.

8 Henryk Vogel (Darkwood), zitiert nach: Diesel, Andreas; Gerten, Dieter: Looking for Europe. Neofolk und Hintergründe, Zeltingen-Rachting: Index Verlag, 2007, S. 223

9Aus: Belborn und Rose Rovine e Amanti: Grain, Polen: War Office Propaganda, 2006

10Das Interesse der Identitären am Neofolk Genre speist sich nicht alleinig aus der ideologischen Nähe, sondern gerade auch durch die enge persönliche Verflechtung, um die es in anderen Artikeln dieses Blogs noch gehen soll.

11 Norbert Kricke, zitiert nach: Stachelhans, Heiner: Joseph Beuys, Düsseldorf: Claassen, 1987 S. 119