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Das hasserfüllte Herz der Finsternis – Ein Kommentar zur „Aktion“ „Defend Europe“ der Identitären

Unsere Artikel zu „Defend Europe“ wurden in zwei Teile aufgespalten. Dieser Teil kommentiert die Aktion.

Ein andrer Artikel (Link kommt noch) unternimmt einen ersten Versuch der Analyse.

Wir sind von den Identitären viel gewohnt. Zu viel. Ihre Kader attackierten mehrfach Menschen, die gegen sie demonstrierten, sie griffen Theatervorstellungen an, kletterten auf „Wahrzeichen“ und hissten dort ihre von Hass und Gewaltdrohungen triefenden Banner. Die exponiertesten ihrer Kader waren sich für kein Magazin, kein Mikrophon, keine Gelegenheit ihre wahnhaften Verschwörungen in die Welt zu posaunen zu Schade.

Obwohl sie stets versuchten sich selbst eher den Anstrich einer jungen, dynamischen NGO zu geben, konnte eigentlich nie ein Zweifel daran aufkommen, worum es sich bei ihnen eigentlich handelte: Eine Horde – zumeist junger männlicher – Neofaschisten, deren Ideologie eine vermeintliche Ungleichheit der Menschen mit einer tödlichen Logik durchexerzierte.

Wir sind von den Identitären viel gewohnt. Und doch stellt die Aktion „Defend Europe“ – selbst in der Logik der Identitären– alles in den Schatten. Die „Identitären“ haben international viel Geld gesammelt und aus aller Herren Länder strömen nun ihre Kader herbei um mit einem Schiff im Mittelmeer NGOs, die flüchtenden Menschen beim Überleben helfen, zu „stören“.

Jeder Versuch diese Aktion, ihre Logik und die Ideologie, die sie begründet, in Worte zu fassen mutet zu ungeheuerlich an. Ja, so falsch, weil das, was diese Leute dort vorhaben zwar beschreibbar ist – aber fassbar? nein, das ist es nicht! Es ist der finsterste, abgründigste und dunkelste Hass auf flüchtende Menschen der sich gerade in Italien in Form der „C-Star“ und ihrer internationalen Besatzung manifestiert.

Die „Identitären“ und ihre fanatisiertesten Kader haben es geschafft. Es wird wieder über sie geredet. Und sie haben gezeigt, dass sie für diese Aufmerksamkeit bereit sind einen hohen Preis zu zahlen. Klar, die Produktion von Bildern zur Illustration ihrer Ideologie ist das Ziel dieser Aktion und dieses werden sie auch erreichen. Das es nie um „Beobachtung“ ging, sondern das das Urteil der Neofaschist*innen über NGOs, flüchtende Menschen und die europäische Grenzpolitik schon ohne Widerspruch feststand, noch bevor einer der Kader einen Fuß an Deck setzt(e), muss uns umso klarer sein.

Es ist die eine Seite der Medaille, dass die Aktion in ihrer zynischen Menschenverachtung kaum zu überbieten ist. Das müssen wir in aller Klarheit festhalten: Da fahren wohlsituierte – vorwiegend deutschsprachige Studenten – nach Italien, um dort Menschen vor Ort Menschen zu erzählen, dass ihre traumatische Flucht nach Europa hier ein Ende haben soll. Sie wollen aufs Meer und aufzeigen, dass Organisationen, die dort die Menschen vor dem Ersaufen retten, doch eigentlich „Fluchthelfer“ sind. Da spricht der „Beobachter“ von „Ein Prozent“, Simon Kaupert, in tiefer Verachtung von „Gucci-Flüchtlingen“ auf twitter und Patrick Lenart aus Österreich postet in weißer Herrenmenschenmentalität erstmal ein Bild von sich wie er Flüchtenden die Welt erklärt und eine Cola spendiert. Mensch, was ist nur los mit euch?

Nun aber gibt es eben noch die andere Seite der Medaille. Und es ist diese Seite, die umso grausamer ist. Die „Identitären“ sind zwar fanatisierte Rechtsextreme. Ihre Aktion ist aber letztlich nur eine Bebilderung der Forderung diverser Politiker*innen. Die konsequente Schließung der europäischen Grenzen, die „Kritik“ an NGOs im Mittelmeer, die konsequente Abschiebung von Menschen, die es nach Europa geschafft haben – alles keine Forderungen einer kleinen reaktionären Gruppe, sondern des gesellschaftlichen Mainstream.

Und ja, es ist verlogen und in diese Verlogenheit beziehen wir uns selbst mit ein, im Angesicht der „Identitären“ Aktion „Defend Europe“ die Sprache und Worte zu verlieren, obwohl seit Jahren Menschen Tag für Tag im Mittelmeer ertrinken, weil eine tödliche Logik der Grenzkontrollen längst der Fall ist. Die „Identitären“ sind keine Extremen. Sie sind gesunde, vitale Kinder dieser bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind nur die, die bereit sind, sich öffentlich ihre Hände in Blut zu baden. Sie müssen dafür nicht irgendwelche Agenturen wie Frontex gründen.

Der Wahnsinn der „Identitären“ ist längst und immer schon der Wahnsinn vieler bürgerlicher Politiker*innen.

Die „C-Star“ mag sinken. Der tödliche Hass in den finsteren Herzen der Reaktionären wird weiter existieren. Greifen wir sie an. Alle!

„Identitärer“-Stillstand – Gedanken zur Demonstration der „Identitären Bewegung“ in Berlin am 17.06.2017

Artikel wird aktuell immer noch ergänzt:

Für den vergangenen Samstag mobilisierte die „Identitäre Bewegung“ international für eine Großdemonstration nach Berlin. Nach dem Debakel im vorherigen Jahr in Wien sollte Berlin in diesem Jahr das Großevent für die Szene werden. Und, den entschlossenen antifaschistischen Protesten sei Dank, wurde auch dieses Jahr wieder eine größere Katastrophe für die selbsternannte „Bewegung“.

Doch der Reihe nach: Als gegen kurz vor zwei Uhr am Samstag die Kader Daniel Fiß und Robert Timm mit dem Aufbauen der viel zu kleinen Lautsprecheranlage begannen, hatten sich auf dem Platz erst einige hundert „Identitäre“ eingefunden. Das mediale Interesse war jedoch ungebrochen und sichtlich genossen es Timm und Fiß auch mal im medialen Rampenlicht der vielen anwesenden Journalist*innen zu stehen.
Es überraschte aber, dass die Demonstration scheinbar alleinig von deutschen Kadern – im Besonderen der Berliner Gruppe – organisiert und durchgeführt wurde. Führende Kader aus Österreich, die bald auf dem Platz auftauchten und zum Teil in der Nacht zuvor gemeinsam mit einem Bus angereist waren, ebenso wie die derzeit medial stark präsenten Kader der Gruppe „Kontra Kultur“ aus Halle, hielten sich dezent im Hintergrund und schienen vorerst wirklich nur Teilnehmende der Demonstration zu sein.

Schon kurz vor dem Start sorgte die leise Anlage für gehörigen Unmut unter dem Teilnehmer*innen. Grade im Angesicht des lauten Gegenprotests der aus den Seitenstraßen zu den „Verteidigern des Abendlandes“ durchdrang verpufften die Ansagen und Reden und immer wieder schien Fiß vollkommen überfordert damit die mittlerweile doch auf ca. 500-600 Personen angewachsene Demonstration zu kontrollieren.

Unter lauten Rufen zog die Demonstration dann auch los. In den ersten Reihen hatte die „Identitäre Bewegung“, wie eigentlich immer, viele Frauen versammelt. Diese konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gros der Demo aus weißen Männern bestand. Einschlägige Tätowierungen, wie Schwarze Sonnen und Rutenbündel der Faschisten, inklusive. Ein Blick in die zweite und dritte Reihe offenbarte zudem, dass 2017 in Berlin wiedereinmal viele bekannte Gesichter. Grade ein direkter Vergleich zwischen den Bildern Wien 2016 & Berlin 2017 der ersten Reihen offenbart: Verändert hat sich nicht wirklich viel.
Es blieb dabei: Wieder Mal wurde das Abendland in den Augen der „Identitären Bewegung“ wohl dadurch gerettet, das jede/r Aktivist*in mindestens eine Fahne in der Hand halten musste.

Tönte es am Anfang noch die obligatorischen Slogans aus den Reihen, so wurde schon nach einigen Metern eindeutig klargemacht, wo die Demo politisch stand: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ oder laute „Abschieben“- und „Volksverräter“-Rufe gegenüber den Anwohner*innen machten unmissverständlich, dass hier nicht „Europas Jugend“ marschierte, sondern eine von Anfang an extrem aggressive Ansammlung von Rechtsextremen. Mit solch eindeutigen Slogans hatten sich die „Identitären“ – zumindest in Wien – immer zurückgehalten.

Obwohl die „Identitäre Bewegung“ mit dem Fokus auf ihre Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ vielfach fälschlicherweise als Single-Issue Organisation wahrgenommen und interpretiert wird, zeigte Berlin, wie Anschlussfähig ihre Ideologie für die verschiedenen Spektren der extremen Rechten ist. Wären nicht die vielen Fahnen der „IB“ zu sehen gewesen, es wäre schwer gewesen, zu unterscheiden, ob da nun grade „PEGIDA“, eine neonazistische Gruppierung oder eben die „Identitäre Bewegung“ läuft.
Schon Großevents wie der „Kongress der Verteidiger Europas“ 2016 in Linz zeigten, wie gut sich die Rechten derzeit auf einen kleinen gemeinsamen Nenner einigen können.

Dem Spuk in Berlin jedoch sollte an diesem Tag ein vorerst ein schnelles Ende bereitet werden. Wenige hundert Meter nach dem Start musste die Demonstration stoppen. Antifaschist*innen hatten die vor Straßen vor der Demo erfolgreich blockiert.

Es sollte dieser Moment des Stillstands sein, indem die „Identitären“ ihr wahres Gesicht offenbarten.
Nach ersten erfolglosen Verhandlungen mit der Polizei, die Timm und Fiß führten, übernahmen die Kader aus Wien und Halle schnell das Runder. Während Martin Sellner versuchte die Polizei damit zu erpressen, dass er die Demo auflösen würde und danach „für nichts mehr Verantwortung übernehmen könne“, versuchten sich die „Kontra Kultur“-Kader in Ballermann-ähnlicher Animation der Teilnehmenden. Grade Alexander Malenki bewies hier ungeahnte Qualitäten im Fahnenschwenken und lippensynchronem Mitsingen von rechtem Rap.
Jedoch konnten diese Showeinlagen die Masse nicht lange befriedigen. Schnell bildeten sich innerhalb der Demo Gruppen von Personen, die ausschwärmten um mit Journalist*innen und Anwohner*innen, die sich innerhalb der Absperrung befanden, „Kontakt“ aufzunehmen. Immer wieder kam es hierbei zu massiven Bedrohungen durch die „Identitären“ gegenüber Anwesenden und vereinzelten kleineren Auseinandersetzungen, die immer wieder schnell durch die Polizei unterbunden werden konnten. Bilder der Demonstration zeigen führende Kader der „Identitären Bewegung“, unter ihnen Martin Sellner, Tony Gerber, Daniel Fiß, Robert Tim und Philip Huemer, in einem Hauseingang abseits der eigenen Demo stehen und recht verzweifelt am diskutieren. Die „Identitären“ waren gehörig frustriert.

Und es blieb dabei. Die Blockaden standen und so kam es, wie es kommen musste. Nach gescheiterten Verhandlungen mit der Polizei lösten die „Identitären“ ihre Demonstration auf. Jedoch, und dies muss durchaus als schwerwiegender Fehler Einsatzkräfte gewertet werden, hatte die Polizei zu diesem Zeitpunkt nur dafür gesorgt, dass die „Identitären“ nicht nach vorne zu den Gegendemonstrant*innen vordringen konnten. Die gesamte, hinter den Faschist*innen liegende, Straße war zu diesem Zeitpunkt nur spärlich gesichert. Die „Identitären“ nutzen diesen Umstand, sprinteten los und konnten erst einige hundert Meter später von der sichtbar vollkommen überforderten Polizei gestoppt werden. Vielmehr Videos zeigen Beamte im Einsatz, die in der Hektik der Situation nichtmal mehr ihre Helme aufsetzen konnten und irgendwie versuchen die Gruppe zum Halten zu bewegen.
Zugleich gingen Truppen der Polizei direkt auf Anwesende Beobachter*innen und Anwohner*innen los, um irgendwie Herr der Lage zu werden.

Letztlich illustriert die Demonstration in Berlin viele der aktuell zur „IB“ aufgestellten Hypothesen. Vielleicht am vorrangigsten eben die, dass die „Identitären“ die Länder Österreich und Deutschland mittlerweile als einen großen Aktionsraum begreifen. Jedoch die letztendliche Befehlsgewalt immer in der Hand von Martin Sellner liegt. Das eben dieser nicht nur das „Gesicht“ der Bewegung bildet, sondern bei größeren Events letzte Entscheidungsinstanz ist, wurde mehr als eindrücklich in Berlin fortgeführt. Jedoch: Der Führungskreis der „Identitären Bewegung“ in Deutschland wird mittlerweile mehr durch einen festen Kreis an Männern gebildet, die mittlerweile teils seit vielen Jahren für die „Bewegung“ aktiv sind. Auch deswegen gilt es Sellner nicht vollkommen überzubewerten.
Für den deutschen Raum, das zeigen allein die Gesichter hinter den Bannern und auf der Bühne, ist die Gruppe „Kontra Kultur“ weiterhin tonangebend. Wobei eben diese sich von den österreichischen Kadern auch nochmal durch ihre immerzu latent vorhandene Bereitschaft zur vollkommen gewaltsamen Entgrenzung unterscheidet. Ihr Hausprojekt wird den Status der Gruppe innerhalb der Szene nochmal festigen und ausbauen.
Interessant war hingegen, dass die Gruppen aus Bayern durchaus mit einem sehr starken Block im gemeinsamen Outfit auflaufen konnten. Hier lassen sich durchaus Parallelen zu Strukturen in der Steiermark ziehen.
Berlin zeigt: Ein Ende wird die „Identitäre Bewegung“ vorerst sicher nicht finden. Ihren Anspruch „Bewegung“ zu sein konnte sie auch in Berlin wiedereinmal nicht einlösen. Vielmehr offerierten sie mal wieder das Bild einer extrem aggressiven Gruppen fanatisierter Neofaschist*innen, denen am gewaltfreien Widerstand letzten Endes herzlich wenig liegt.

Ausführliches Interview zum aktuellen Status Quo der „Identitären Bewegung“

Wir haben ein sehr ausführliches Interview zum (infrastrukturellen) Aufbau, der internationalen Organisation, der ideologischen Einordnung, den Kadern und der Rezeption der „Identitären Bewegung“ in Deutschland und Österreich gegeben. Das gesamte Interview kann hier (kostenlos) gelesen werden:

Über die Identitäre Bewegung – Mensch Merz im Interview

 

Als Vorgeschmack anbei die ersten drei Fragen des Interviews:

Im deutschsprachigen Raum hat sich die Identitäre Bewegung zuerst in Österreich etabliert. Wieso konnte dieses anfänglich reine Internetphänomen sich ausgerechnet dort real materialisieren? Haben die Anfangskader wie Markovics gute Arbeit geleistet oder lag das eher an glücklichen Umständen?

Eine kurze Anmerkung direkt zu Beginn: Ich wäre vorsichtig dabei rechtsextreme Gruppen & Einzelpersonen als „reine Internetphänomene“ zu fassen. Einerseits, weil hinter diesen „Internet-Phänomenen“ immer reale Personen & Personenzusammenhänge stehen, die sich vielfach eben auch real – wenn auch zu Beginn vielleicht klandestin – organisiert haben und von denen Seiten wie Facebook, Instagram & Co. eben nur der offensichtlichste Beweis der Existenz waren beziehungsweise sind.
Zum Anderen aber auch, da gerade viele deutsche Landesämter der Verfassungsschutz mit diesem Begriff noch hantierten, als die „Identitären“ schon längst unübersehbar im „realen Raum“ aktiv waren. Meiner Meinung nach wird dieser Begriff auch vielfach von Seiten der Behörden täuschend eingesetzt, um zu verbergen, dass sie wenig bis gar keinen Einblick in Strukturen haben. Und ja, vielfach suggeriert der Begriff „Internet-Phänomen“ auch, dass solche Gruppen weniger gefährlich sind. Das ist und war zu keinem Zeitpunkt der Fall.

Zurück aber zur Ursprungsfrage: Vor dem Aufkommen der „Identitären Bewegung Österreich“ war die neonazistische Szene in Österreich mit staatlicher Repression konfrontiert. Hervorzuheben ist hier sicherlich der Prozess um die Seite alpendonau und den Neonazi Gottfried Küssel, in dessen Umfeld sich auch Martin Sellner bewegte. Nach der Zeit der Repression konnten wir auch in Wien erleben, dass die Rechtsextremen mit verschiedenen Organisationsformen „experimentiert“ haben. So gab es z.B. auch kurzzeitig eine „Autononome Nationalisten“-Gruppe, die sich aus dem burschenschaftlichen Milieu speiste. Dazu muss man vielleicht auch erwähnen, dass seit derschwarz-blauen Regierung Anfang der 2000er Jahre Burschenschaften dezidiert nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Sie sind damit ein idealer Nährboden für Experimente jeder Art. Die „Identitäre Bewegung“ ist also keinesfalls spontan entstanden, und muss auch als – sehr erfolgreicher – Versuch verstanden werden, das in Österreich durchaus streng exekutierte Wiederbetätigungsgesetz zu umgehen.

Ein anderer Aspekt muss sich in Bezug auf Österreich immer wieder vor Augen gehalten werden: Die österreichische Gesellschaft lebt vom Mythos das „erste Opfer des Faschismus“ gewesen zu sein. Eine richtige Entnazifizierung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgte bis heute nur begrenzt. Mit der „FPÖ“ exsitiert seit langem eine – immer wieder große Mehrheiten auf sich vereinende – rechtsextreme Partei in Bundes- und Landesparlamenten, die vielen extrem rechten Akteuer*innen ein Zuhause bietet und hervoragend mit außerparlamentarischen rechtsextermen Organisationen und Einzelpersonen vernetzt ist. So schlimm dies klingt: Viele Forderungen der „Identitären Bewegung“, zum Beispiel die nach einer konsequenten Schließung der Grenzen oder ihre überbordenden Deportationsfantasien, sind Positionen, die in Österreich von der FPÖ bis zur ÖVP (Österreichische Volkspartei) mitgetragen werden und deswegen nie sonderlich „extrem“ wirkten.

Was aber ebensowenig zu bestreiten ist, ist die Tatsache, dass führende und zum großen Teil noch heute aktive Kader, allen voran Martin Sellner, extrem viel an persönlichen und materiellen Ressourcen in das Projekt „Identitäre Bewegung“ gesteckt haben. Grade auch unter teils vollkommener Aufgabe privater Bedürfnisse. Der Slogan der „Identitären“ von „der letzten Reihe“ in der „Rettung Europas“ manifestiert sich vielfach in diesem blinden Fanatismus der Kader. Und ja, diese „Vollzeitaktivist*innen“ haben in den letzten Jahren viel an Struktur aufgebaut und sind auch maßgeblich am Aufbau in Deutschland beteiligt. Wobei aber nie vergessen werden darf, dass die Entwicklung der „Identitären“ ohne das starke Milieu rechtsextremer Burschenschaften und deren Personal und Infrastruktur nicht so möglich gewesen wäre. Grade im Kontext des bürgerlich etablierten Rechtsextremismus stellte und stellt ihr „neu-rechter“ Aktionismus ein gewisses Novum dar, was eben auch zu der umfassenden medialen Beachtung führte.
Grade aber der persönliche Einsatz scheint schwer zu wiegen und umso schwerer scheint es sie eben auch aktuell zu treffen, dass das „identitäre Projekt“ nicht mehr so auf Kurs ist, wie Martin Sellner jüngst in einem Artikel auf „szession-online“ konstatierte.

Warum hat es in Deutschland länger gedauert? Entsprechende FB-Seiten gab es ja zeitgleich im gesamten deutschsprachigen Raum.

In Deutschland hat es auch vor der „Identitären Bewegung“ immer schon eine Vielzahl an unterschiedlichen rechtsextremen Gruppen und Zusammenhängen gegeben, in denen eins sich organisierten konnte. Einerseits würde ich hier einfach von „mangelndem Bedarf“ sprechen. Andererseits: Das die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland vielfach von Personen geleitet wird, die schon langjährige Aktivist*innen in rechtsextremen Zusammenhängen sind, ist deswegen auch kein Zufall: Vielmehr können wir hier aktuell erleben, wie sich eine rechtsextreme Szene versucht in Teilen moderater zu geben, um dergestalt ein breite Masse an Menschen anzusprechen. Sie haben in Frankreich und Österreich sehen können, dass genau das – zumindest teilweise – doch ganz gut funktioniert.
Ich würde auch nicht davon sprechen, dass diese Entwicklung lange gedauert hat. Insgesamt gesehen ist die „Identitäre Bewegung“, gerade im deutschsprachigen Raum, eine sehr junge Form rechtsextremer Organisierung. Und in dieser Zeit haben sie durchaus schon viel an Struktur aufgebaut. Jedoch ist es meiner Meinung nach letztlich auch durchaus unsinnig die Entwicklungen in Deutschland stark von denen in Österreich abzukoppeln. Von Beginn an konnten wir einen regen Austausch erleben und gerade die aktuellen Ereignisse (z.B. der Versuch der „Blockade“ der CDU-Parteizentrale in Berlin [inzwischen zum Hashtag #ibsterblockade geworden, Anmerkung der Redaktion], ihre „Aktion“ im Mittelmeer oder die anstehende Demonstration in Berlin) zeigen, dass die „Identitäre Bewegung“ im deutschsprachigen Raum durchaus international gut vernetzt agiert und starke Synergien entfaltet.

Wie groß war der direkte Einfluss aus Frankreich? Sowohl Name als auch ideologische Basis stammen von dort. Gab es Kontakte und Aufbauhilfe? Im Gegensatz zu Österreich und Deutschland hat die Génération identitaire dort ja direkte Vorläuferstrukturen.

Klar, der Einfluss ist, gerade was das Corporate-Design angeht, unverkennbar. Auch ideologisch gibt es diverse Schnittmengen und die Auseinandersetzungen der Nouvelle Droite sind mit Sicherheit von extrem großer Bedeutung für die deutschsprachigen Ableger. Grade in der Verklausulierung ihrer ideologischen Agenden und einer (vermeintlichen) Abgrenzung hin zum deutschen Nationalsozialismus. Volker Weiß hat dies in seinem aktuellen Werk „Die Autoritäre Revolte“ ja sehr gut ausgeführt. Grade aber ideologisch hat die „Identitäre Bewegung“ in Österreich und auch in Deutschland über die Rezeption und Betonung von verschiedenen „Theoretiker*innen“ eine durchaus eigenständige „Identität“ entwickelt. Grade hieran ist aber auch vielfach zu merken, dass es sich bei ihnen doch um eine recht junge Organisationsform handelt, bei der viele unvereinbares (noch) parallel exsistieren kann und die keinesfalls über einen geschlossenen ideologischen „Kanon“ verfügt. Da trifft dann der harte, mit dem russischen Faschisten Alexander Dugin begründete, Anti-Universalismus eines Alexander Markovics auf den völkischen Rassismus eines Luca Kerbl und so weiter.
Verbindungen und Kontakte zu französischen Gruppen gab und gibt es immer wieder und seit Bestehen auch regelmäßig. Hervorzuheben ist hier sicherlich die Teilnahme vieler österreichischer und deutscher Kader an den französischen Sommer-Camps, sowie den sehr guten Verbindungen der deutschen Gruppe Kontra Kultur zu einzelnen Gruppen in Frankreich. Auch Martin Sellner nimmt hier wieder mit seinen guten französischen Sprachkenntnissen eine wichtige Rolle ein. An der ersten Demonstration der „Identitären“ in Wien 2014 nahmen überdies französische Aktivist*innen teil.

Das vollständige Interview: https://rambazamba.blackblogs.org/…/ueber-die-identitaere-…/

Avantgarde oder doch eher am Arsch? Vom freien Fall der „Identitären Bewegung Österreich“

Am ersten Mai wollten die „Identitären“ in Wien es noch einmal wissen. Schwer gebeutelt vom Umstand, dass ihre Aktionen und Wortmeldungen in Österreich eigentlich fast nur noch von einschlägigen rechtsextremen Publikationen wie Info Direkt und Co. beachtet werden, riefen sie dazu auf, mit selbstgebastelten Schildern die traditionelle Maiveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei Österreichs vor dem Wiener Rathaus „ästhetisch zu ergänzen“, wie sie in ihrem Jargon ihre einfältigen Aktionen bezeichnen.

Natürlich versammelten sich vor dem Rathaus nicht hunderte von „Patriot*innen“, sondern neben den sowieso Anwesenden Sozialdemokrat*innen waren es vor allem Polizei und Verfassungsschutz, die dem Aufruf der „IB“ folgten und die die wenigen Kadern direkt vom Platz verwiesen.

Dumm gelaufen.

Aber seien wir ehrlich: Dass die „Identitären“ an diesem Tag damit rechneten, dass ihrem Aufruf eine nennenswerte Anzahl an Menschen folgt, können wir ausschließen. So dumm sind nicht einmal Sellner, Kerbl & Konsorten.

Viel wahrscheinlicher ist, dass die Neo-Faschist*innen der „IB“ mit dieser gezielten Provokation versuchten, irgendwie eine körperliche Auseinandersetzung mit den dort anwesenden Menschen zu erzwingen, um sich dann doch wieder als Opfer einer vermeintlich linken Weltverschwörung inszenieren zu können, um es so doch noch irgendwie in eine überregionale Tageszeitung zu schaffen.

Der Skandal blieb aus und mit ihm die Medienpräsenz, die die „Identitären“ doch gerade so bitter nötig haben.

Nach dem vor einigen Monaten noch fast wöchentlich überregional in Österreich über die Kader und Aktionen berichtet wurde und es ihnen mit Martin Sellner und Martin „Lichtmesz“ Semlitsch sogar gelang, zwei führende Ideologen in einer großen österreichischen Talkshow zu platzieren, hat sich die selbsternannte „Bewegung“ innerhalb der letzten Monate zunehmend demontiert.

Ihre – als großer Wurf für das „patriotische Lager“ präsentierte – App konnten sie zwar irgendwie grade so finanzieren, sie scheint aber weiterhin so viel an finanziellen Mitteln und Arbeitskraft führender Kader zu binden, dass der Rest der Truppe in den letzten Monaten wenig mehr auf die Reihe bekam, als in der WG nachts hastig bekritzelte Banner an einer x-beliebigen Autobahnbrücke aufzuhängen oder fünf Minuten Flyer vor einem Fußballländerspiel in Wien zu verteilen, in der steten Hoffnung, dass keiner davon Wind bekommt, bevor sie ein tolles Foto für Facebook geschossen haben.

Martin Sellner mag Erfahrungen mit der digitalen Vernetzung von Rechtsextremen haben. Warum die neuen Faschist*innen dafür aber eine App brauchen und eben nicht mehr sowas wie das geschlossene „AlpenDonau-Forum“, bleibt sein Geheimnis.

Sowieso, so scheint es mittlerweile immer deutlicher, dienen die gesammelten Finanzmittel, die die „Identitären“ immer noch mit starker Unterstützung aus dem deutschen Ausland aufstellen, zur Zeit nur noch dazu, altgediente Kader in irgendeiner Form zu belohnen und dazu zu bewegen, der „Bewegung“ nicht den Rücken zu kehren. So werden zwar tausende von Euro für ein „Studio“ gesammelt, dieses wird dann aber dem sprachlich und agitatorisch eher minderbegabten Obmann der Wiener „Identitären“ Philipp Huemer übergeben. Huemer bekommt es zwar hin, in einem kurzen Video zu stammeln, dass sie noch mehr Geld brauchen, wozu dieses ominöse „Studio“ aber dienen soll, bleibt sein Geheimnis. Aber klar. Letztlich wird auch dieses „Studio“ Teil eines ausgeklügelten Plans metapolitischer Agitation sein, den außer ihnen niemand zum jetzigen Zeitpunkt erfassen kann.

Einen Kader hingegen scheint die „IB“ dann irgendwie doch nicht mehr so ganz befriedigt zu haben. Der einstige Obmann des österreichischen Gesamtvereins und Leiter der „AG Theorie“, Alexander Markovics, verteilte im Wahlkampf der österreichischen Hochschüler*innenschaft nicht seine theoretischen Ergüsse, sondern viel lieber Flyer für den „Ring Freiheitlicher Studenten“. Markovics, der zuletzt immer wieder im Wahlkampf für die FPÖ oder ihr nahestehende Organisationen tätig wurde, scheint mit Markus Riepfl und Co. neue Freunde gefunden zu haben. Und so überrascht es dann auch nicht, dass Markovics zu Beginn des Monats einen eigenen Blog online stellte, der nicht durch seine Inhalte für Furore sorgte, denn vielmehr durch den Umstand, dass er dort im „Lebenslauf“ anführt, 2017 alle Ämter innerhalb der „IB“ niedergelegt zu haben. Nur zu gut, dass es in Österreich kein großes Problem darstellt, vom radikalen außerparlamentarischen Rechtsradikalismus zum Parlamentarischen zu wechseln.

Jedoch bleibt Markovics „Ausstieg“ ideologisch interessant. Bildete er doch mit seiner primär durch Alexander Dugin gespeisten radikalen Ablehnung des Liberalismus und eines radikalen Anti-Universalismus einer der radikalsten Denker der „Identitären“, dessen Positionen vielfach Anstoß an der „Ideologie“ der „IB“ nahm, die sich in den letzten Monaten fast nur noch selbstreferenziell im stumpfsten Antiislamismus und leicht verdaulichem Blut-und-Boden-Pathos suhlte.

Hoffen wir, dass seine neue Kameraden der freiheitlichen Jugend sein geistiges Genie zu schätzen wissen und ihn nicht nur für den 135. Infostand im Wahlkampf brauchten.

Widmen wir uns aber wieder der „IB“ als Organisation.

Versuchten sie in den letzten Jahren immer wieder im sommerlichen Wien irgendwie durch einen Bezirk zu marschieren – und kamen zuletzt grade mal 500m zum örtlichen Bahnhof –, so scheint dieser Termin heuer zu entfallen.

Aber die „Identitären“ wären nicht die Speerspitze der „Neuen Rechten“, wenn sie nicht einen ausgefuchsten Plan für diesen Umstand bereit halten würden und so findet die „große Demo“ der rechten „Jugend Europas“ dieses Mal in der Reichshaupt … ähm, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, statt.

Wer jetzt denkt: Warum verlegen die denn eine Demonstration in eine Stadt, in der sie zuletzt grade mal 100 Leute mobilisieren konnten, die durch eine starke antifaschistische Szene geprägt ist, in der ihre eigenen Strukturen sich kaum gefestigt und auch nicht sonderlich flächendeckend ausgebaut haben und in ein Land in dem ein Gros ihres Führungspersonals von den Medien gezielt mit ihrer rechtsextremen Vergangenheit konfrontiert wird? Wer ist denn so doof?!

Ja, wer so denkt, hat wahrscheinlich recht. Aber, es warat wegen der Metapolitik. Irgendwie bestimmt.

Und so bleibt zu hoffen, dass während der „Berlin-Demonstration“ irgendeine Parteizentrale ausnahmsweise mal früher als gewohnt schließt, damit die „Identitären“ wenigstens noch, wie zuletzt vor einigen Monaten bei der Berliner CDU, wenigstens so tun können, als hätten sie irgendwas irgendwie besetzt. Gehsteige, die (fast) allen Menschen die Möglichkeit geben, sie zu benutzen, sind sowieso zu bekämpfen.

Auch wenn die „Identitäre Bewegung Österreich“ sich gerade alles andere als im Aufwind befindet, so dürfen dennoch zwei Umstände nicht verkannt werden:

Was bleibt, wenn die „Identitären“ zunehmend merken, dass ihr medialer Einfluss und ihre breitenwirksame Rezeption schwinden, ist ein fest eingeschworener Kern rechtsextremer, fanatisierter junger Männer, die eben einen Großteil ihrer letzten Jahre dem Kampf in einem imaginären „Bürgerkrieg“ gewidmet haben. Dass diese Kader, die zum großen Teil langjährig, wenn nicht gar seit Jahrzehnten, in rechtsextremen Organisationen verbracht haben, aufhören werden, gegen alles zu kämpfen, was sie als „Bedrohung“ erleben, ist vollkommen unwahrscheinlich. Vielmehr könnte gerade das Bröckeln der Strukturen sie selbst noch einmal radikalisieren und das von ihnen immer wieder angeführte Narrativ der „Friedfertigkeit“ endgültig auf dem Mistplatz landen lassen.

Was aber eben auch bleibt, ist die Tatsache, dass es der „Identitären Bewegung“, im Besonderen in der Steiermark, gelungen ist, mit einer Art „patriotischen Jugendarbeit“, gezielt dort existierende reaktionäre Strukturen und Zusammenschlüsse zu kapern und sich dort stark zu festigen.

Die „Identitäre Bewegung“ in Österreich mag schwächeln. Am Ende ist sie aber noch lange nicht. Und es bedarf gerade deswegen umso mehr jetzt und in absehbarer Zukunft starker antifaschistischer Aktionen und Interventionen, um die torkelnden „Spartaner“ zum Sturz zu bringen.

Es bleibt dabei: In Österreich sind und werden solche Organisationen, wie die „Identitäre Bewegung Österreich“, immer nur ein Symptom einer Gesellschaft sein, die zutiefst von der Reaktion und verschiedensten Momenten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und des vorpolitischen Rechtsextremismus bestimmt ist. In der die Agenden der „Identitären“ nichts Erschütterndes sind, denn vielfach erschreckender gesellschaftlicher Konsens.

Nur, weil es vielleicht irgendwann einmal ein paar „Identitäre“ weniger geben wird, bleibt, dass von der AG-Jus, über die Parlamente der Bundesländer, bis hin zum „Kampf auf der Straße“ sich die Rechtsextremen, vielfach in trauter Eintracht, die Hände reichen.

Warum Gewalt Kern der „neuen“ und „alten“ Rechten ist – Redebeitrag Schnellroda 17.02.2017

 

„Warum unser Widerstand friedlich ist“ – so lautet nicht etwa das Motto der hier gerade stattfindenden Demo, sondern der Titel des heutigen IfS-Vortrages von Martin Sellner, der – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist zu widerlegen, dass er sich in die Hose gepinkelt hat – eigentlich nur reaktionären Mist erzählt.

Es ist an Zynismus kaum zu überbieten, dass Sellner so einen Vortrag hält und auch noch glaubt, es gäbe außerhalb seiner reaktionären Blase Menschen, die ihm dies noch abnehmen würden!

So kam es bei Großdemonstrationen der „Identitären Bewegung“ in Wien in den letzten Jahren immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wo die Polizei die von nah und fern angereisten Faschistinnen und Faschisten nicht stoppen konnte, schlugen und traten sie auf vermeintliche Gegendemonstrant*innen ein.

Wer nimmt einer Gruppe ihre Reden von Friedfertigkeit ab, wo doch deren langjährige Kader noch vor nicht allzu langer Zeit nach einer Demonstration in Graz vermummt und bewaffnet auf Gegendemonstrant*innen losgingen, die sie zuvor gezielt ausgeforscht hatten?

Jener Bewegung von deren Mitgliedern immer wieder aufs Neue Fotos auftauchen, die sie mit schweren Waffen zeigen. Jener Bewegung, die seit Jahren auf allen ihnen zur Verfügung stehenden Kanälen einen „Bürgerkrieg“ heraufbeschwört und deren gesamtes Bilder-Repertoire nur so strotzt vor aggressiv faschistoider Männlichkeit, Kampf und ekelhaften Vorstellungen wie der Opferung der Individuen für ein übergeordnetes Kollektiv.

Martin, kannst du dich eigentlich noch selbst ernst nehmen? Wir können es nicht und wir konnten es noch nie!

Die Krone setzt der heute stattfindenden Faschistenshow in Schnellroda aber die Anwesenheit des Amerikaners Jack Donovan auf, der zu Beginn der „Akademie“ seine Gewaltphantasien den Teilnehmer*innen präsentierte.

Wenn Donovan mal gerade nicht damit beschäftigt ist, den reaktionärsten und zumeist schlimmsten antifeministischen Mist zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, dann schlägt er sich mit seinen Kameraden gern den Kopf ein oder schneidet Tieren die Köpfe ab, um dann damit blutverschmiert zu posieren. Das muss dieser Archetyp des Rechtsintellektuellen sein, von dem Götz Kubitschek immer redet!

Was solche Leute wie Donovan aber letztendlich beweisen, ist vielmehr der Umstand, dass für die Faschisten die Barbarei lustvolle Dystopie ist.

Ob das nun Leute wie Donovan sind, die im Kampf ihre krude Vorstellung von Männlichkeit absolut verkörpert sehen oder die Kader der Identitären, die sowas lieber auf ihrer „Metaebene“ verklausulierter ausformulieren. Egal, ob nun Jünger zitiert wird, der im Schmerz einen die Geschichte bewegenden Moment sieht, oder einfach nur schwitzende Spartaner aus dem Film „300“ herhalten müssen – es bleibt dabei: Die Faschisten bleiben bei ihrer sozialdarwinistischen Vorstellung, dass die Bewährung ganzer Völker und Individuen im Kampf ein unumgängliches Lebensprinzip darstellt.

Gerade die Vorstellung der sogenannten „Reconquista“ ist immer auch der Aufruf sich gewaltsam zu entgrenzen und zivilisatorische Momente der Gesellschaft hinter sich zu lassen.

Dass das gewaltsame Vorgehen gegen alle Menschen, die nicht in das Weltbild der Reaktionären passen, nicht Ausnahme, sondern Normalzustand der Faschisten ist, bedarf wohl keiner größeren Erklärungen. All die Anschläge und die Gewalttaten – Morde, Brände und vieles mehr – legen hiervon ein tragisches Zeugnis unvorstellbaren Ausmaßes ab.

Das IfS und all seine Akadmieteilnehmer*innen sind Teil dieser Gewalt! Ihre Worte legitimieren, ihre Kader hetzen auf – sie und Teile ihrer Organisationen üben diese Gewalt aktiv aus.

Das IfS ist nicht nur eine Keimzelle neofaschistischer und zutiefst reaktionärer Ideologien, sondern es ist für viel zu lange Zeit ein ruhiger Ort für die Faschistinnen und Faschisten gewesen, indem sich diese gegenseitig zu ihren ekelhaften Ideologien gratulieren konnten.

Es freut uns deswegen umso mehr, dass es mit diesem Frieden endgültig vorbei ist!

Kein ruhiges Hinterland mehr für Reaktionäre, Identitäre oder wie sich die Faschisten sonst nennen!

Keine ruhige Akademie mehr in Schnellroda oder sonst irgendwo!

Wir kommen wieder! Alerta!

„Fest der Völkischen“ – Demobericht Schnellroda 17.02.2017

Es ist ein erschreckendes Bild. Mitten im kleinen Ort Schnellroda vor dem Lokal „Zum Schäfchen“ versammeln sich schon am frühen Morgen des 17. Februar lokale Neonazis. Es wird Alkohol ausgeschenkt. Die Stimmung ist gelassen.

Normalerweise werden die Reaktionären, die sich seit Jahren in Schnellroda zu den „Akademien“ des selbsternannten „Institut für Staatspolitik“ (IfS) unter der Schirmherrschaft von Götz Kubitschek, der vom Ort aus noch das Magazin „Sezession“ und seinen Verlag „Antaios“ betreibt, eher als „Neue Rechte“ oder „Rechtsintellektuelle“ gelabelt. Um eines der Fazits vorwegzunehmen: Eine gefährliche Verharmlosung der dort Anwesenden. Doch dazu später mehr.

Das IfS im Aufwind

Es ist ein grauer und feuchter Morgen und hätte sich diesen Ort, mitten im Nirgendwo von Sachsen Anhalt, nicht Götz Kubitschek auserwählt, um dort auf einem Hof nicht nur Familie, sondern sein Geschäft mit dem Hass anzusiedeln, es wäre unwahrscheinlich, dass jemals groß etwas von Schnellroda in den Medien zu hören oder lesen gewesen wäre.

Nun aber ist die Situation eine Andere und Jahr um Jahr lädt Kubitschek, unter Zugriff auf die geringe Infrastruktur des Dorfes, zu seinen „Akademien“, die spätestens mit dem Aufkommen der „Identitären Bewegung“ und dem Andocken von deren Kadern an das Netzwerk Kubitschek einen ungeahnten Höhenflug erleben.

Im Februar war es nun wieder einmal so weit und neben allerlei AfD-Prominenz, zum Beispiel Chef-Ideologie Marc Jongen oder Hans-Thomas Tillschneider und Identitären Kadern, fand sich – als eine Art Stargast – der Amerikaner Jack Donovan ein, der in den letzten Jahren mit Büchern von sich Reden gemacht hatte, die Adorno wohl in der Vulgarität ihrer Huldigung der Barbarei alle Farbe aus dem Gesicht getrieben hätten.

Konnten die rechtsextremen Stelldicheins in den letzten Jahren immer ohne größere Beachtung der Öffentlichkeit über die Bühne gehen, so führte die Popularisierung der „Akademien“ unter den Rechten auch zur vermehrten Aufmerksamkeit von Gegner*innen eben dieser.

Antifa bleibt Landarbeit

Zum 17.02.2017 nun hatte ein breites Bündnis aus verschiedenen antifaschistischen und bürgerlichen Gruppen nach Schnellroda mobilisiert. Ziel war es vom Morgen bis zum Start einer Demo am Mittag an allen Zufahrtsstraßen des Ortes kleinere Kundgebungen abzuhalten. Die anschließende Demo dann zog mit mehreren Redebeiträgen durch das Dorf, vorbei an Verlagssitz und Gasthaus.

Antifaschistische Demonstrationen auf dem Land – gerade fernab größerer Ballungszentren – zu organisieren, ist eine schwere Aufgabe. Gerade dann, wenn es sich beim Termin um einem Freitag Nachmittag im Februar handelt. Es ist deswegen umso erfreulicher, dass sich rund 150 Menschen zur abschließenden Demonstration einfanden, die wiederum auch durch Anwohner*innen aus dem Dorf Schnellroda selbst Unterstützung fand. Erschreckend hingegen der Umstand, dass die Gegenproteste von parlamentarischen Organisationen nur durch die Linkspartei Unterstützung fanden.

Als Reaktion auf die angekündigten Proteste hatten diverse Rechtsextreme schon an den Tagen zuvor via Social Media zur „Verteidigung Schnellrodas“ aufgerufen. Kubitschek selbst war sich nicht zu schade dafür, noch am Tag zuvor den Anmelder der Gegenproteste persönlich zu outen und indirekt Gewalt anzudrohen. Dass dieses „Verteidigen“ nicht nur symbolischen Charakter für die Rechten innehatte, bewies am Morgen der Identitäre Kader und Ex-Nazi Tony Gerber, der auf seinem Instagram Profil ein Foto postete, das unter anderem einen Mundschutz zeigte und textlich zum „Besuch“ der Infostände warb.

Von Wien nach Schnellroda

Es mag an der penetranten Omnipräsenz des Wieners Martin Sellner liegen, dass in seinem doch allzu großen Schatten eine Tatsache vielfach nicht erkannt wird: Das IfS ist nicht nur für einige prominente Kader der österreichischen Bewegung wichtiger Ort, an dem diese ihre Reden schwingen, oder, wie zum Beispiel Martin „Lichtmesz“, ihre Übersetzungen präsentieren können. Sondern es ist wichtiger Ort für die gesamte Gruppe der „Identitären“ in Wien und Österreich. So nehmen seit den letzten Jahren regelmäßig diverse Kader der österreichischen „Identitären“ aktiv und passiv teil. Dieses Mal führte es unter anderem Luca Kerbl, seines Zeichens Leiter der IB-Steiermark, Julian Utz, Jörg Dittus, Martin Sellner und Martin „Lichtmesz“ nach Schnellroda.

Schon am Morgen zeigte sich die integrale Bedeutung der österreichischen Export-Rechten in Schnellroda: In Zusammenarbeit mit Kadern aus Halle und Aktivisten aus Dresden versuchten sie gezielt die Infotische der Gegenproteste zu stören und dort anwesende Personen zu fotographieren. Ein Umstand, der besonders in Verbindung mit den zuvor ausgestoßenen Gewaltandrohungen durchaus zeigt, wes Geistes Kind die Recken sind.

Fascho-Volksfest

Und es ist diese Geisteshaltung, die uns zurück an die Tore des Gasthauses „Schäfchen“ bringt. Wie bereits zu früheren „Akademien“ versammelten sich hier schon in den frühen Morgenstunden Dorfbewohner und Personen, die eindeutig dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind. Auffällig an diesem Freitag jedoch der Umstand, dass es diverse, durchaus prominente, Personen aus der neonazistischen Szene Sachsen-Anhalts nach Schnellroda gezogen hatte.

Dass diese allein wegen des Glühweins, der vor dem Lokal ausgeschenkt wurde, den Weg nach Schnellroda auf sich genommen hatten, kann wohl mit ziemlicher Sicherheit als unwahrscheinlich abgetan werden. Vielmehr zeugt die Melange dieser Gruppe vor dem Gasthof von der Bedeutung des IfS und der Person Kubitschek als großer Vernetzer der parlamentarischen und außerparlamentarischen Rechten.

Dass weder der Veranstalter Kubitschek, noch anwesende Personen der AfD und erst recht nicht die diversen Identitären Aktivist*innen Probleme mit den Anwesenden „alten Rechten“ hatten, zeigt fast jedes Foto, das im Laufe des Tages vom Gasthaus aufgenommen wurde.

Was bleibt…

Es bleibt dabei: Schnellroda ist symptomatisch für die Entwicklung neuerer rechtsextremer Strukturen in Deutschland. Nicht nur, weil sich an einem Tag vor einem Gasthaus all die neuen und alten Netzwerke der extremen Rechten aufzeigen lassen, sondern weil die Akademien und deren Teilnehmer*innen so deutlich zeigen, dass die Reaktionären sich im deutschsprachigen Raum auf wenige kleine gemeinsame Nenner einigen können. So groß die ideologischen Widersprüche sein mögen – selbst die Vorträge der Akademien eröffnen hier ein gewisses Spannungsfeld – am Ende bleibt es dabei: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Hier einen sich IfS, Identitäre und Neonazis. Bei aller ideologischen Differenz.

Dass die antifaschistischen Proteste die Rechten empfindlich treffen, davon zeugen all ihre Reaktionen. Dass aber die Kritik und die Analyse dieser reaktionären Strukturen nicht allein antifaschistischen Zirkeln aufgebürdet werden kann, sondern es ein Interesse der Gesellschaft für eben diese geben muss, ist eine der bittereren Erkenntnisse aus Schnellroda. Gerade die Vernetzung der österreichischen Identitären und dem IfS ist vielfach wenig bekannt und gehört vielmehr herausgearbeitet. Es ist gut, dass endlich ein kritisches Interesse an den Akademien des IfS und dessen Teilnehmer*innen besteht. Fakt ist aber: Hier geht noch mehr! Viel mehr!

Das alles und noch viel mehr würd ich machen, wenn ich doch endlich Souverän wär

Warum die „Identitären“ sich nicht als Terroristen verkleiden,

sondern am liebsten welche sein wollen

Die Bilder sind längst bekannt: Aktivist*innen der „Identitären Bewegung“ suchen sich einen öffentlichen Ort oder eine Veranstaltung. Ihre Leute gehüllt in Kleider und Insignien, die ihrer Meinung nach irgendwie mit den medial kolportierten Bildern von „Terroristen“ und Kämpfer*innen für Gruppen wie den „Islamischen Staat“ übereinstimmen.

Derart ausstaffiert stürmen sie entweder wahlweise Veranstaltungen anderer Organisationen oder inszenieren direkt auf offener Straße das, was einige „Identitäre“ als „aktivistisches Theater“ bezeichnen: Sie simulieren Enthauptungen, Steinigungen und gewalttätige Angriffe auf wehrlose Opfer.

Was auf den ersten Blick als bizarre (Re)-Inszenierung von Bildern und Narrativen anmutet, die die „Identitäre Bewegung“ immer wieder versucht als Gefahr im öffentlichen Diskurs zu verankern, nämlich die Gefahr islamistisch motivierter Terrorakte, ist letztlich in ihrem Kern weniger Verkleidung und Inszenierung, denn vielmehr Ausdruck einer tiefen inneren Sehnsucht der rechtsextremen Kader der „IB“: Der Sehnsucht selbst endlich zu einem solchen Souverän zu werden, wie es die bewaffneten und über Leben und Tod entscheidenden Terrorist*innen darstellen.

Maskierter Aktionismus als Gruppenerlebnis

Doch schauen wir zuerst, wann die „Identitären“ auf diese Aktionsform zurückgreifen. Denn letztlich, das muss direkt zu Beginn festgehalten werden, ist diese Aktionsform nur eine unter vielen, nicht ihre Alleinige. Auffallend aber ist, dass sie diese Form des Theaters besonders oft dann anwenden, wenn ihre mediale Präsenz nicht sonderlich groß ist.

Auffällig in diesem Zusammengang auch, dass von den „Identitären“ diese Form des Aktionismus meist dann genutzt wird, wenn sie personell auf eine äußerst geringe Anzahl an verfügbaren Personen zurückgreifen können. Diese „Terror-Inszenierungen“ ermöglichen einem kleinen Stamm an Personen an einer Aktion zu partizipieren. Die Aktionsform ist relativ ungefährlich und durch die Möglichkeit sich zu maskieren ermöglicht sie auch neuen Aktivist*innen teilzunehmen, ohne direkt in das Licht der Öffentlichkeit zu treten. Zudem besteht nicht die Gefahr von einem Gebäude zu fallen oder möglicherweise ungeschützt mit Gegenprotesten konfrontiert zu werden.

Im Kontrast zu dieser Aktionsform stehen zum Beispiel Infostände oder die Aktion der Störung von Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“, die unmittelbar zum Zweck haben, Aktionen und Gesichter der Aktivist*innen medial zu verbreiten.

Warum aber haben die „Identitären“ so großen Gefallen an diesen „Terror-Inszenierungen“ gefunden und greifen schon lange nicht mehr auf Flash-Mob Aktionen, wie „Multikulti Wegbassen“, zurück?

Mediensozilisation und die Logik der Drastik

Die Erklärung ist eine etwas kompliziertere. Sie lässt sich aber grundsätzlich in zwei Argumentationsstränge aufteilen. Erstens: Die meisten der Kader der „Identitären Bewegung“ in Österreich sind den Jahrgängen 1985-1995 zuzuordnen. Sie sind also Kinder, deren prägnanteste Medienerlebnisse nicht der Fall der Berliner Mauer oder die Tschernobyl-Katastrophe waren, sondern die Ereignisse ab dem 11. September 2001. In Gebäude manövrierte Flugzeuge, sich in die Luft sprengende Menschen, bis hin zu den grausamen Videos des „IS“, die Mord und Folter in den detailreichsten Ausschmückungen weltweit popularisierten. Sie sind Kinder dieser Bilderwelten und ihrer globalen Rezeption.

Wenn diese Kader um eines wissen, dann darum, dass die grausamsten Formen von Angriffen auf menschliches Zusammenleben in den letzten Jahren die medial am stärksten popularisierten Bilder waren. Wenn die Bilder, vom 11. September angefangen, sie eines gelehrt haben, dann ist es der Umstand, dass die Ausführenden dieser Akte des Terrors es geschafft haben, mit wenig personellem Aufwand Bilder zu „produzieren“, die ihren Weg in die internationalen Medien geschafft haben.

Die „Identitären“ , die grundsätzlich mit dem Problem konfrontiert sind, mit einer geringen Anzahl an Aktivist*innen eine Botschaft in den Medien verankern zu wollen, die wegen ihres menschenverachtendes Inhalts sonst in diesen Medien kaum bis gar keine Beachtung finden würde.

Die „Identitären“ affirmieren die Bildlogik des Drastischen. Im Wissen, dass ihre Bilder umso mehr Verbreitung finden, desto drastischer sie sind. Da sie (noch) an ihrer bürgerlichen Fassade festhalten, bleibt es deswegen zur Zeit bei der Simulation heftigster Gewalt. Kunstblut, Messer, als Schwerstverletzte geschminkt – alles in der Hoffnung auf der Titelseite einen Platz Seite an Seite mit den bewunderten Kämpfer*innen des „Islamischen Staats“ zu bekommen.

Der ultimative Souverän

Zweitens und umso bedeutender ist jedoch, dass diese Bewunderung sich nicht allein und auch nicht primär in einer Rezeption medialer Strategien erschöpft. Vielmehr sind die Akteur*innen des Terrors für die „Identitären“ eines: Bewundernswerte Souveräne.

Die Mimesis, die die „Identitären“ in Form von Verkleidung und Ausstaffierung mit diesen Insignien betreiben, ist für sie – und das ist der wichtigste Punkt – keine Verkleidung, sondern eine ehrfurchtsvolle Affirmation der Aura dieser Insignien und der Akteur*innen selbst.

Wenn die Taten, die innerhalb der letzten Jahre als terroristisch deklariert wurden, eines gemeinsam haben, dann ist es der Moment des Einbruchs der Gewalt in einen scheinbar zivilisierten Raum. Der Akt des Terrors zeigt einer Gemeinschaft ihre eigene Verwundbarkeit auf, indem sie, in kaum vorhersehbarer und deswegen auch kaum abwendbarer Weise, drastisch einen Moment in diese Gemeinschaft wieder inkludiert, den diese über diverse Formen der Zivilisierung versucht hat zu verbannen: Die tödliche Verwundbarkeit ihrer vergemeinschafteten Subjekte.

Der terroristische Akt verletzt und tötet letztlich nicht nur Subjekte der Gemeinschaft, denn vielmehr ist er sich bewusst, dass dieses Töten auf irgendeine Art medial festgehalten wird und dergestalt Verbreitung findet. Der Tod wird durch diese Möglichkeit der medialen Rezeption immer wieder reproduzierbar. Der Einbruch der Gewalt in die Gemeinschaft wird damit für eben diese immer wieder erlebbar. Es bleiben am Ende nicht nur die individuellen Toten, sondern vorwiegend auch ein zutiefst beschädigter Glaube der Subjekte in die Funktionsmechanismen der Gemeinschaft selbst.

Die Durchführenden dieser Akte sind letztlich die radikalste Form des Souveräns. Sie entscheiden, sie richten und sie exekutieren. Sie brauchen hierfür weder demokratische Legitimation, noch sind sie sonst wie irgendeiner Instanz der Kontrolle unterstellt. In ihren Händen verschmilzt ihre Ideologie mit der ultimativen Macht des Subjekts über Leben und Tod.

Diese Art Akteur ist ideologisch eine Figur, die sich kontradiktorisch zu Ernst Jüngers Figur des „Waldgängers“ entfaltet. Der „Ekel vor der Welt“ führt zwar ebenso noch zu einer „inneren Migration“, jedoch entlädt sich diese irgendwann in ihrer grausamsten Form – dem Akt des Tötens. Das die „Identitären“ Jünger vergöttern, zugleich aber eine dergestalte Mimesis solcher Akteure betreiben, zeigt letztlich auch, wie brüchig und widersprüchlich ihre selektive theoretische Rezeption ist.

Weg mit den Masken

Letztlich bleibt: Die „Identitären“ bewundern diese Art der Souveränität.

Betrachten wir ihre Propagandasujets so fällt auf, dass diese fast immer eine Rückgewinnung von Souveränität fokussieren. Grenzen sollen geschlossen werden, um eine imaginäre Gruppe zu verteidigen. Städte müssen von „der Antifa“ befreit werden. Die „Jugend ohne Migrationshintergrund“ muss sich endlich „wehren“ dürfen. Aktivsten sollen zu Soldaten werden. Und Soldaten sind, da sie nach Definition von Kubitschek  nicht-staatlichen Institutionen, sondern nur ihrer „Verantwortung vor dem Volk“ unterliegen, schon etwas, dass dieser Form der Souveränität sehr nah kommt.

Die Ideologie der „Identitären“, die ihre Taten derzeit im kompletten deutschsprachigen Raum über eine krude Rezeption des Widerstandsrechts rechtfertigt und die ausnahmslos ihre Struktur über die Hierarchisierung entlang von Führerfiguren entfaltet, muss zwangsläufig in den Akteur*innen des Terrors ihre großen Vorbilder finden, da diese in ultimativer Konsequenz ihre Ideologie der „Reconquista“ der Souveränität exekutieren.

Sie zeigen, dass es letztlich keiner Parlamente oder Abstimmungen mehr bedarf, um all denen, die als „feindlich“ definiert werden, endlich die Schädel einschlagen zu können.

Noch müssen die „Identitären“ deswegen die Maskerade der Bewunderten anziehen, weil sie selbst noch zu sehr in der Illusion verhaftet sind, sie könnten die Menschen um sich herum von ihrer „Friedfertigkeit“ überzeugen. Noch genießen ihre Führerfiguren zu sehr die Aufmerksamkeit der Medien, um endlich die Masken fallen zu lassen und ihre blutgeilen Kader loszulassen.

Dass viele „Identitäre“ die Ausschreitungen in Bautzen feierten, ist auch deswegen logisch: Sie sehen ihre eigenen Bedürfnisse in den wildgewordenen und unmaskierten Gewalttätern gespiegelt. Endlich aufzuhören zu diskutieren, keine Masken mehr und keine Kleider derjenigen, die sie nicht sind. Sollten sie sich je für das Ablegen der Kleidung entscheiden, so bedeutet das für die „Identitären“ auch, dass sie als Subjekte vollends in ihrer Ideologie aufgehen. Wo es jetzt noch einen kleinen Weg zurück gibt, wird es dann nichts mehr geben. Es bedeutet aber auch endlich ihre Ideologie in eine konkrete blutige Praxis übersetzen zu können: Selbst zum Souverän werden. Selbst zu bestimmen. Selbst zu entscheiden. Selbst über Leben und Tod zu richten.

Die gespaltene „Bewegung“

Mit ihrer Aktion vor wenigen Tagen haben es die Berliner „Identitären“ nicht nur auf das Brandenburger Tor, sondern auch auf die Titelseiten und in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit geschafft.

In den Berichten dominiert, neben vielerlei Kritik, das Bild einer „jungen, aktivistischen Bewegung“, international gut vernetzt mit Parteien, rechten Think-Tanks und anderen reaktionären Organisationen. Eine „patriotische Bewegung“ in Einigkeit von der Nordsee bis zu den äußerten Grenzen Österreichs.

So sehr die Berichterstattung derzeit um die deutschen Ableger zirkuliert, umso mehr nutzt sie den österreichischen Kerngruppen. Die Bilder der deutschen Aktivisten, die ganz in der Tradition früherer Aktionen der IBÖ stehen, vermögen es, zumindest kurzfristig, einen Umstand vergessen machen: Dass die „Identitäre Bewegung“ in Österreich derzeit zu solchen Aktionen kaum mehr in der Lage ist und auch ansonsten von inhaltlichen Diskrepanzen, autoritären Führungsstilen exponierter Kader und letztlich kaum neuen Aktivist*innen schwer angeschlagen ist.

Die alten neuen Kader

Ganz offensichtlich zeigt sich dies in den letzten zwei Aktionen der „Identitären“ in Wien. Zu beiden wurde zwar groß mobilisiert, letztlich waren sie aber nur von der immer gleichen Mischung an etablierten Kadern, Fußballhooligans, jedoch wenigen neuen Gesichtern besucht.

So sehr der Führungsstil und die Omnipräsenz von Martin Sellner den „Identitären“ in Österreich hilft und sie, gerade auch wegen ihrer sektenartigen Struktur, zusammenhält, so sehr führt Sellner als zentrale Integrationsfigur dazu, dass alle Akteuer*innen neben ihm stets wie deplatzierte Statist*innen wirken.

Den rhetorisch vollkommen unbegabten Alexander Markovics oder den gewaltaffinien Philip Hummer als Gesichter für die Wiener Gruppe auszuwählen zeugt eben nicht gerade von taktischer Klugheit, sondern vorrangig vollkommener Ignoranz gegenüber der Außenwirkung dieser beiden Personen. Auch Alina Wychera wird in ihrem repräsentierten Image höchstens Menschen für die „Bewegung“ begeistern, die sich anno 2016 noch ärgern, dass der „Bund deutscher Mädel“ schon vor vielen vielen Jahren aufgelöst wurde.

Jedoch zeigen gerade die Akteuer*innen abseits von Martin Sellner die ideologische Diskrepanz und Unvereinbarkeit der verschiedenen Gruppen, Interessensgemeinschaften und Einzelpersonen, die sich unter dem Banner „Identitär“ derzeitig versammeln. Wieder ist es Sellner, der mit seiner aufgeblasenen und sich immerzu in der eigenen sprachlichen Distinktion suhlenden Heidegger-Rezeption das Interesse auf sich zieht und damit (noch) darüber hinwegzutäuschen vermag, dass außer der kruden „Seins“-Rezeption und des mythologisch aufgeladenen Verschwörungsnarrativs des „Großen Austauschs“ bei der „Identitären Bewegung“ keinerlei Einheit oder Einsicht in der Beantwortung wesentlicher Themenkomplexe (zum Beispiel Wirtschaftspolitik, Demokratiepolitik, Organisation des Staates selbst) exsistiert.

Der Mythos vom Ethnopluralismus

Am offensichtlichsten summiert sich diese Diskrepanz in der Person Alexander Markovics. Nicht zufällig Leiter der „AG Theorie“.

Markovics osziliert inhaltlich fröhlich zwischen der Rezeption verschiedenster Faschisten und russischstämmiger Eurasier, die zwar allesamt das Klischee „elitäre rechte Denker“ erfüllen, im Grunde aber nur eines tun: Die von den „Identitären“ vorgeschobene Argumentation der „souveränen Völker“ und den „Ethnopluralismus“ Lügen strafen. Markovics und einige andere „Identitäre“, allen voran der junge Dvorak-Stocker, sind sich gerade abseits des medialen Interesses an den Aktionen der „IB“ nicht zu schade, sich mit ungarischen Rechten, russischen Faschisten und allerlei anderen obskuren Akteuren zu umgeben, für die die Entwicklungen der letzten Jahre vor allem auch eine wiederentdeckte Lust am imperialistisch determinierten Nationalismus darstellt. Für welche reaktionäre Großmachtphantasie sich Markovics am Ende verkaufen wird, wird sich sicherlich noch zeigen.

Dass jedoch nationalistische österreichische Hooligans und Markovics und seine Eurasien -Freunde noch an einem Tisch sitzen können, liegt auch daran, dass es der „Identitären Bewegung“ hervorragend gelungen ist, an den Duktus der Rede von der „Lügenpresse“ anzuknüpfen und damit kritische Stimmen immer auf ein „außerhalb der Gruppe“ verschieben zu können. Fest steht aber, dass die „Identitäre Bewegung“, trotz der von diesen Gruppen produzierten internen Spannungen, nicht auf sie verzichten kann. Zu sehr sind sie auf jegliche Art der Förderung und Zuwendung angewiesen.

Identitäre Bluthunde

Eine andere Sollbruchstelle zeigt Philip Huemer, derzeitig der Vorstand der Wiener Gruppe der „Identitären“. Jener Kader in den Reihen, der sich, wenn er sich gerade nicht von einer Kamera beobachtet fühlt oder zumindest gut vermummt ist, durch seine kaum verhohlene Aggression und die Bereitschaft zu tätlichen Angriffen auf den „politischen Gegner“ auszeichnet.

Noch vermag es der autoritäre Führungsstil von Martin Sellner diese Gruppen im Zaum zu halten und auch medial den Irrglauben zu verbreiten, dass es sich bei der Bewegung um eine friedliche handele. Dass dem allein die von Götz Kubitschek immer wieder formulierte Vorstellung des „Soldatentums“ und des „Widerstands“ konträr entgegensteht, scheint bislang in der medialen Rezeption wenige wirklich zu interessieren.

Wichtiger aber ist, dass die „Identitäre Bewegung“ diesen Diskurs um die eigene Militanz derzeit in ihrer Deutungshoheit noch zu bestimmen weiß. Auch wenn ihre Selbstinszenierung immer wieder schwere Brüche aufweist, die mit der Zeit immer schwerer zu kitten sein werden.

Als Beispiel kann hierfür wieder die Demo in Wien 2016 herangezogen werden: So stellten sie zwar in der Demo einige Frauen in die erste Reihe, um Fotos zu machen, wechselten aber dann zu einer Frontkohorte, die sich aus gewaltgeilen, vorwiegend für diesen Zweck rekrutierten Männern zusammensetzte, die schlussendlich die gesamte Demo vorantrieb und mehrmals versuchte, in direkten Kontakt mit den Gegendemonstrant*innen zu kommen.

Auch dass bei den letzten Aktionen zum Einen immer bekannte, rechtsextreme Hooligans als Schutztruppe eingesetzt wurden und zum Anderen gezielte „Anti-Antifa“-Arbeit von extra dafür instruierten jungen Aktivisten vorgenommen wurde, spricht dafür, dass die Debatte um gewalttätiges Handeln keiner klaren Linie unterliegt und einzelen Akteure innerhalb der Bewegung derzeit freie Hand gelassen wird, solange Sellner die Medien von der Friedfertigkeit überzeugen kann.

Die Krux mit den Neuen

Nicht von ungefähr, zumindest legen dies Fotos nahe, scheint gerade die Wiener Kadergruppe sich sehr äußerst schwer darin zu tun, neue Aktivist*innen längerfristig an sich zu binden. So verlautbaren sie zwar offiziell immer gut gefüllte Stammtische, auf den öffentlichen Aktionen ist hiervon allerdings kaum bis gar nichts zu erkennen.

Einzig die durchaus annehmbare Rekrutierung, die außerhalb von Wien durch einzelne Aktivisten voran getrieben wird, sorgt dafür, dass in Wien nicht immer nur die gleichen 12 Leute zusammenstehen. Früher oder später werden aber diese neuen Gruppen, wie die zum Beispiel aktuell stetig wachsende und aktionistisch motivierte Steiermark, Machtansprüche stellen, die über die hierarchisierte Position einzelner Personen, wie Luca Kerbl in Bezug auf das vorherige Beispiel, hinausgehen. Sollte es der „Identitären Bewegung“ gelingen, sich abseits von Wien und Graz im ländlichen Raum zu verankern, dann wird es früher oder später zu dem, gerade für Österreich typischen, Machtkampf zwischen Stadt und Land kommen. Zumal wenn die Wiener Gruppe bis dahin weiterhin durch misslungene Aktionen in Kombination mit dem Anspruch der verbalen Deutungshoheit über die gesamte „Bewegung“ auf sich aufmerksam macht.

Eskalation als Rettungsanker

Es ist also mehr als deutlich. Die Maschine „Identitäre Bewegung“ rumort und läuft äußerst unrund in ihrer derzeitigen Konstituierungsphase. Doch macht sie dies ungefährlicher? Nein! Eher das genaue Gegenteil dürfte der Fall sein.

Die „Identitäre Bewegung“ ist eine Maschine der Bilder. Sie braucht die mediale Rezeption und die stetige öffentliche Reproduktion ihrer Bilder, die letztlich das immer Gleiche an Ideologie illustrieren, damit sie zumindest kurzfristig über die eigene inhaltliche Leere hinwegtäuschen kann. Es sind die Bilder, über die sich die „Identitären“ vergemeinschaften, legitimieren und letztlich sind die Bilder auch das Moment über das neuen Menschen auf die Gruppe aufmerksam werden. Ohne die Bilder und die mediale Rezeption der Bilder bleibt die „Identitäre Bewegung“ eine erbarmungswürdige Ansammlung von rechtsaußen Burschenschaftlern, (ehemaligen) Nazis und reaktionären Esoterikern.

Die Aktivisten*innen werden deswegen alles daran setzen (müssen), wieder Bilder zu erschaffen, die auf mediales Interesse stoßen.Dies allein wird aber auf Dauer nicht ausreichen, die aktionistische Lust der Jungen und der gewaltaffinien Gruppen stillen können. Es ist deswegen mit Sicherheit davon auszugehen, dass in Zeiten der Unsicherheit sich Teile der Gruppen an ihre Methoden zurückerinnern werden, die sie eingesetzt haben, als sie sich noch „Autonome Nationalisten“ oder „nationaler Widerstand“ nannten. Je mehr die „Identitäre Bewegung“ internen Konflikten ausgesetzt ist und umso mehr ihre Kritiker*innen diese Konflikte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, umso mehr werden Methoden des Outings, des physischen Angriffs und der gewaltvollen Eskalation in das Reportoir der Gruppen zurückkehren.

„National befreite Zone“ made by Zivilgesellschaft

Wie die Angst vor den „Identitären“ offene Orte in national befreite Zonen verwandelt

Seitdem es einigen Kadern der „Identitären Bewegung“ gelang, die Schutzbefohlenen-Performance im Audimax der Uni Wien zu stören, regiert die Angst. Angst vor einer erneuten Störung der „Identitären“. Angst davor, dass sie sich wieder unvermittelt Zutritt zu einer Veranstaltung schaffen könnten, um dort ihre Propaganda medienwirksam zu verbreiten.

Dass ihnen dies jederzeit wieder möglich ist, bewiesen sie wenige Tage nach ihrer ersten Störung mit ihrer Banner-Aktion bei der Aufführung im Wiener Burgtheater.

Es galt sich Schutzmechanismen auszudenken und der Mechanismus des Schutzes für Veranstaltungen, die als potentielle Ziele fungieren könnten, bestand vorerst in einer Maßnahme: Anwesenheit staatlicher Ordnungskräfte.

So wurden Polizist*inen zu Theaterbesucher*innen und auch eine Veranstaltung der beiden Autor*innen über das Grundlagenwerk zur „Identitären Bewegung“ im Wiener „depot“ wurde von zwei Beamten in Uniform und einer unbekannten Anzahl in zivil „geschützt“.

Doch letztlich entpuppt sich dieser Schutz der „Zivilgesellschaft“ vor ihren Peiniger*innen auf den zweiten Blick als ein noch grausigeres Übel, als es die „Identitären“ je sein könnten.

Staatlicher „Schutz“ bedeutet eben immer auch eine Anwesenheit staatlicher Akteur*innen, was wiederum nichts anderes heißt, als das der Staat und seine Exekutionsorgane Zutritt und Zugriff auf Veranstaltungen auf dem Silbertablett serviert bekommen. Wozu noch verdeckte Ermittlungen oder Observationen, wenn das offene Observieren zugleich als „Schutz“ angepriesen werden kann?

Es muss einem*r jedem*n von uns bewusst sein, dass der Schutz durch Polizei, Verfassungsschutz und Co. eine Maßnahme ist, die zu einem teuren Preis erkauft wird.

Gemäß der vorherrschenden Extremismustheorie werden nämlich nicht dezidiert linke Räume und Veranstaltungen geschützt, sondern die imaginäre bürgerliche Mitte vor den extremistischen Feind*innen beider Flügel. Was als Schutz vor Übergriffen faschistischer Akteur*innen vermittelt wird, ist letztlich nichts anderes als der Schutz einer bürgerlichen Wohlfühlblase. Menschen, denen das Wirken neonazistischer, faschistischer und reaktionärer Gruppen erst dann bewusst wurde, als diese inmitten ihres Refugiums der Hochkultur auftauchten – dem Theater.

Saalschutz durch Polizei und ihre Verbündeten ist kein Schutz von Menschen vor Angriffen, er ist letztlich nur eine auf Kosten anderer Menschen vorgenommene Absicherung, dass die Faschist*innen keinen Zugang mehr zu den eigenen „Wohlfühloasen“ bekommen.

Zum Anderen aber, und dieser Aspekt wiegt umso viel schwerer, exkludiert die offene Anwesenheit staatlicher Exekutionskräfte immer Menschen. Sie führt dazu, dass Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus oder solche, die von staatlicher Repression betroffen sind, sich nicht mehr ohne Angst an diesen Veranstaltungen beteiligen können. Die Anwesenheit der Exekutive führt dazu, dass Menschen, die durch Polizeigewalt vorbelastet sind, Räumlichkeiten und Orte nicht mehr als sicher empfinden können, weil sie immer damit rechnen müssen, dass von Seiten der Veranstaltenden staatliche Ordnungskräfte geduldet werden. Mehr noch, dass deren Intervention im Zweifel als rechtmäßiger eingestuft wird, als etwa die Anwesenheit von Genoss*innen und Interessierten. Man kann der Polizei kein einseitiges Eingreifen („Ihr macht nur etwas, wenn gegen das Verbotsgesetz verstoßen wird.“) vorschreiben. Auch beim (vermeintlichen) Anlass für deren Anwesenheit, der Störung einer Veranstaltung durch Rechte, liegt die Situationseinschätzung und Interventionsentscheidung bei den Exekutivbeamt*innen allein. Orte werden so zu Räumen, zu denen genau die Personen und Personengruppen keinen Zutritt mehr haben, die die „Identitären“ bekämpfen.

Statt Engagement gegen faschistische Strukturen ernst zu nehmen und nicht nur als ein „Reden über sie“ zu begreifen, sondern immer auch als ein aktives, zum Teil auch handgreifliches Intervenieren, werden lieber der Staat und seine Gewalt angerufen beziehungsweise dürfen diese sich selbst als schützende Hand ins Spiel bringen. Der „Schutz“ vor „Identitären“ ist ein teurer und jede Struktur, die sich auch nur im Funken als emanzipative Kraft aufführt, sollte überlegen, ob die Abwesenheit von „Identitären“ diesen Preis wert ist. Um von unsrer Seite die Antwort vorwegzunehmen: Nein!

-Kollektiv VNG-

Zombies, Techno und schwitzende Comicfiguren

Oder warum die „Identitären“ Popkultur gerne mit Historie verwechseln
und von beidem keine Ahnung haben

Muskelbepackte antike Soldaten, die sich mit Schild, Schwert und Lambda den Persern entgegenwerfen.

Österreichische Feldherrn, die die Türken abwehren.

Invasoren, die in Booten über das Mittelmeer kommen, um Europa zu vereinnahmen.

Europa am Abgrund!

Wenn uns noch eines retten kann, dann sind das wohl nur noch Ernst Jünger, Martin Heidegger und vielleicht Norbert Hofer. Und zwar genau in dieser Reihenfolge!

Bildlogiken der Dystopie

Flyer, Sticker, Videos, Reden. Alles, was die „Identitären“ in Österreich an Artefakten produzieren, strotz auf den ersten Blick vor scheinbar gut konstruierten und gewollt inszenierten historischen Bezugnahmen, die das historische Ereignis immer in Relation zu ihrem eigenen Handeln im Hier und Jetzt setzt. Selbst ihre große mythologische Grundnarration des „Großen Austauschs“ versucht aktuelle, vorwiegend durch kriegerische Konflikte verursachte, transnationale Migrationsbewegungen in eine historische Kontingenz zu überführen, in der aus den flüchtenden Menschen barbarische Invasoren werden, derer es sich, so verlangt es die von den „Identitären“ bemühte Historie, kämpferisch zu erwehren gilt.

Selbst die meisten Expert*innen im Feld des Rechtsextremismus widmen sich ausführlich diesen vorgeblich historischen Quellen: Sie analysieren, sezieren und versuchen Verbindungen aufzuzeigen, legen Quellen offen und schreiben seitenlang über die bemühte Historie der identitären Bilderwelten.

Fazit dieser Prozesse: Die „Identitären“ seien eine Art Intellektualisierung und Modernisierung bestehender neofaschistischer Strukturen. Keinesfalls dumme Klischee-Nazis. Auch dieses Blog verwehrte sich dieser Analyse nicht.

Doch ist das gedankliche Gebäude der „Identitären“ wirklich so ein Palast der feinen Bezugsquellen, der geschickten Affirmation historischer Bilder und der durchdachten Philosophie?

Nein. Das Denken der „Identitären“ ist eher eine billige Hütte; zusammengeschustert aus ein paar plakativen Philsophiefragmenten, sinnentleerten historischen Bezugnahmen und einer anderen wichtigen Zutat: Ganz viel Pop.

Historie als Simulakrum

Die Quellenverwertung der „Identitären“ ist primär eine Verwertung und Exploitation popkulturell vorhandener Bildkomplexe, an die Theoriefragmente geknüpft werden.

Die „Identitären“ bedienen sich hierbei an allem, was aktuell und in direkter zeitlicher Perspektive an Kinofilmen, Musik, Comics und anderen Quellen verfügbar ist und entkoppeln einzelne Fragmente dieser Artefakte, um sie anschließend mit neuen Inhalten aufzuladen. Ganz im Sinne Jean Baudrillards, der diesen Prozess in seinem Werk „Der Symbolische Tausch und der Tod“ unter dem Theorem des Simulakrums fasst, entstehen so neue Bilder, die in ihrem Wesen ihre originäre Bedeutung dennoch zu Teilen beibehalten und dergestalt popkulturell anschlussfähig bleiben.

Von „300“ über andere europäische Schlachten bis zum imaginierten Kampf gegen die „Invasion Europas“ bedienen sich die Akteuer*innen an Bildern, Dramaturgien und Narrativen, die mehr popkulturellen Logiken unterliegen, denn faktenbezogenen historischen Quellen. In vielen der Bezugnahmen, die konkrete Historizität simulieren, ist eben diese nur noch, wenn überhaupt, unter einem dicken Nebel Hollywood-Ästhetik vorzufinden.

Dass die Wahl eben auf Filme wie „300“ fällt oder dass die Akteuer*innen sich darüber profilieren, dass sie über ein detailliertes Wissen zum Teil dezidiert linker Popmusik verfügen, liegt eben nicht daran, dass sie sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, sondern daran, das diese Artefakte aktuell in Teilen des kollektiven Gedächtnis verankert sind. Wer die letzten fünf bis acht Jahre irgendein Festival im deutschsprachigen Raum besucht hat, wird nicht umhin gekommen sein, Electropunk im Stile von Egotronic wahrzunehmen. Wer sich in den letzten Jahren für Kinofilme interessiert hat, weiß um die Bildern, die Zack Syner zusammen mit Frank Miller geschaffen hat und welche Diskussionen diese ausgelöst haben.

Gerade der „große Austausch“ verweist in seiner Narration und der ikonographischen Bebilderung, die er erfährt, mehr auf apokalyptische Kinofilme, im Besonderen die des Zombie-Genres, denn auf Theorien, die konsistent und diskutabel erschienen. Bei diesem selbstgeschaffenen Mythos geht es längst nicht mehr um Argumentation, denn vielmehr um das Heraufbeschwören von Bildern, in denen eine entmenschlichte Masse in einen scheinbar zivilisierten Raum eindringt und mit Gewalt zurückgedrängt wird, kurzum eine Fabel des Genozids. Dieses Motiv funktioniert, wie Kathrin Glössel zurecht feststellt, zum einen nur als Verschwörungstheorie, zum anderen aber auch nur, weil die Bilder der „Identitären“ an solche Erzählungen wie „Dawn Of The Dead“ oder „World War Z“ anknüpfen können. Denn der Umgang mit den Entmenschlichten und „Zombifizierten“ bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Bilder sind hier in ihrer Assoziation direkter Lösungsvorschlag: Vernichtung!

Historie als Klamauk

Die Historie gerät in der Popkultur zum Klamauk und es sind diese Bilderwelten des Klamauks, die die „Identitären“ mit politischen Fragmentstatements aufladen und dann wiederum als konkrete Historizität präsentieren. Bildbezüge, wie die schwitzenden und muskelbepackten Spartaner, werden deswegen nicht als völlig dümmliche Bezugnahme auf Popkultur analysiert, weil gerade die popkulturellen Referenzen vielfach fälschlich als gewollte und durchdachte Modernisierungsstrategie der Faschist*innen und „Neuen Rechten“ analysiert werden.

Gerade eben auch im Handeln der Aktivist*innen zeigt sich diese Elternschaft des Pops. So versucht zwar gerade Martin Sellner dem Aktionismus immer einen pseudointellektuellen Bezugsrahmen (Stichwort Wiener Re-Aktionismus) zu geben, in der Realität aber weisen Aktionen, wie die Dachaktion in Graz, die Stürmung des Audimax mit Blutverschütten und das Erklimmen des Burgtheaters, mehr Gemeinsamkeiten mit dem Actionkino à lá Bruce Willis auf, denn den Aktionen von Herman Nitsch.

Ein guter Faschist: Neofolk und Heidegger-Klischees

Auch abseits der massentauglichen Pfade der Popkultur zeigt sich, dass die „Identitären“ sich mit leicht verdaulichen beziehungsweise gut vorgekauten Gedankenhäppchen leichter tun, denn wirklicher Auseinandersetzung.

Auffallend ist dies gerade bei Martin Sellner, dessen Denken sich fast ausschließlich in gedanklichen Bezügen auf die Neofolk-Subkultur erschöpft. Sein Wissen über das „heimliche Deutschland“, Ernst Jünger oder Oswald Spengler steht fast immer mehr im Zeichen der neusten „Darkwood“-Scheibe und dem zusammenfassenden Artikel auf „heathen harvest“, denn einer fundierten Textgenese.

Dies zeigt sich dominierend in Sellners Heidegger Rezeption, über die er alltäglich versucht einen elitären Habitus herauszukehren. Dabei zeigen Sellners Schriften unmittelbar, dass ihm nicht an den Theoremen Heideggers gelegen ist, denn vielmehr an dem Kult um Heideggers Person und die stets mitschwingende Kontroverse um Heideggers gedankliche Nähe zum nationalsozialistischen Regime. Sellner gibt diesen Weg des Interesses selbst offen zu. So war seine erste größere Auseinandersetzung mit Heidegger eine Bachelorarbeit über die schwarzen Notizhefte. Das Sellner nach einer solchen Arbeit stets im positiven und absolut unkritischen Bezug auf Heidegger verweilt, zeugt nicht nur von seiner Ignoranz, sondern eben auch von seiner Sympathien für faschistische Gedankenkomplexe beziehungsweise der Simulation von Intelligenz durch Bezug auf kryptische Denker. Es geht hier letztlich nicht um die Diskursivität einer Art des Denkens, denn vielmehr um das Herausarbeiten der Argumentationslogiken einer „überlegenen“ rechtsgerichten Philosophie.

Kritik als Wunschbild der Kritisierenden

Eine durch und durch akademisierte Analyse und Kritik reaktionärer Phänomene bedarf der unhinterfragbaren Grundhypothese, dass Argumentation, Agitation und gedankliche Konstitution dieser Gruppen und Akteuer*innen sich den gleichen Spielregeln der Kritisierenden unterwerfen. Um sich in Analysen der kulturellen Artefakte des zu kritisierenden Objekts zu vertiefen bedarf es zwei grundlegender Annahmen:

  1. Die Artefakte, allen voran die Schriftstücke, besitzen für die Konstitution solcher Gruppen eine herausragende Bedeutung.

  2. Meinungsbildung funktioniert in diesen Gruppen über eine Exegese vorliegender Schriften und anderen Artefakten und Meinungsmacher*innen.

Es sind eben diese zwei Annahmen, die zeigen, wie sehr die Kritiker*innen und Analysierenden ihre eigene großbürgerliche Diskussionskultur in das Handeln und die geistigen Produkte ihrer Untersuchungsobjekte projizieren. Die Annahmen, dass historische Bezüge gewollte und durchdachte Konstruktionen sind, dass theoretische Fragmente gewollte und bewusst gewählte Rahmungen und Bezüge darstellen. Dass Popkultur, wenn überhaupt, als ironisches Beiwerk funktioniert, nie aber des Pudels Kern darstellt. So wenig die Gefahren, die von den neuen Faschist*innen ausgehen, unterbewertet werden dürfen, so wenig dürfen wir uns als Analysierende darin versteigen, die Gruppierungen als Zusammenschlüsse hochintellektueller Superwesen darzustellen. Dass einige der Kader Sätze mit mehr als 5 Wörtern bilden können und dass dieser Umstand allein sie von älteren neonazistischen- bzw. faschistischen Strukturen abgrenzt ist klar. Das es aber in den Reihen der Ihren jede Menge Aktivist*innen gibt, die bei Camus immer noch eher an einen vermeintlichen französischen Weichkäse, denn an Albert oder Renaud denken, muss uns ebenso bewusst sein.

Pop als Praxis anerkennen

Was aber nun, wenn Filme wie „300“, Musik und aktuell im Diskurs vorhandene Bilder für die Konstruktion und spezifische Ausformung reaktionärer Gedankengebäude weitaus wichtiger sind, als Camus, Heidegger und die Interpretationen von „Lichtmesz“ und Co.?

Es braucht dieser Annahme, um die eigene wissenschaftliche Anstrengung zu rechtfertigen und doch führt gerade dieser Modus der Beschäftigung zu dem Umstand, dass „Identitäre“, „Neue Rechten“ und anderen faschistischen Gesinnungsgefährt*innen eine Tiefe und Intensität in den Gedanken unterstellt wird, die diesen bei weitem nicht zusteht. Es gilt diese popkulturellen Bilder ernst zu nehmen und in ihrer Ernsthaftigkeit zu analysieren. „300“ ist demnach mehr eine grobschlächtige Verherrlichung faschistoider Männlichkeit, denn historische Studie. Nur so können die Phänomene richtig bewertet werden.

Dass dieses Prinzip der popkulturellen Vermischung gerade in Österreich so gut funktioniert und die „Identitären“ sich hier einer derart unüberschaubaren Anzahl an Ikonen, Bildern und Narrativen bedienen konnten, liegt eben auch daran, dass Bilder, die zur Ideologie der „Identitären“ passen, wie zum Beispiel der Belagerung der Stadt Wien durch die Türk*innen, viel stärker im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert sind. Gerade durch seine Scharnierfunktion zwischen einem imaginären „Westen“ und einem „wilden Osten“ ist Österreich voll von Erzählungen und Bildern, die dergestalte Konflikte zum Thema haben. Auch deswegen befruchten sich das burschenschaftliche Milieu und das der „Identitären“ so paradehaft: Die Narrative, Mythen und Ikonen nationaler Identitätsbildung sind Muttermilch vieler Burschenschafter.

Es muss nun mehr denn je gelten, den Aspekt der exploitativen popkulturellen Bezugsquellen herauszuarbeiten und damit zu zeigen, um was es sich bei Gruppierungen, wie den „Identitären“ primär handelt: Eine Bande post-pubertärer Jungs, die gewisse Kenntnisse aktueller Filme und Musik und einiger „nerdigen“ Gebiete aufweisen. Was sie aber nicht sind, ist der hochintelligente, unglaublich belesene Heidegger-Lesekreis.