Schlagwörter: Idenitäre

Zombies, Techno und schwitzende Comicfiguren

Oder warum die „Identitären“ Popkultur gerne mit Historie verwechseln
und von beidem keine Ahnung haben

Muskelbepackte antike Soldaten, die sich mit Schild, Schwert und Lambda den Persern entgegenwerfen.

Österreichische Feldherrn, die die Türken abwehren.

Invasoren, die in Booten über das Mittelmeer kommen, um Europa zu vereinnahmen.

Europa am Abgrund!

Wenn uns noch eines retten kann, dann sind das wohl nur noch Ernst Jünger, Martin Heidegger und vielleicht Norbert Hofer. Und zwar genau in dieser Reihenfolge!

Bildlogiken der Dystopie

Flyer, Sticker, Videos, Reden. Alles, was die „Identitären“ in Österreich an Artefakten produzieren, strotz auf den ersten Blick vor scheinbar gut konstruierten und gewollt inszenierten historischen Bezugnahmen, die das historische Ereignis immer in Relation zu ihrem eigenen Handeln im Hier und Jetzt setzt. Selbst ihre große mythologische Grundnarration des „Großen Austauschs“ versucht aktuelle, vorwiegend durch kriegerische Konflikte verursachte, transnationale Migrationsbewegungen in eine historische Kontingenz zu überführen, in der aus den flüchtenden Menschen barbarische Invasoren werden, derer es sich, so verlangt es die von den „Identitären“ bemühte Historie, kämpferisch zu erwehren gilt.

Selbst die meisten Expert*innen im Feld des Rechtsextremismus widmen sich ausführlich diesen vorgeblich historischen Quellen: Sie analysieren, sezieren und versuchen Verbindungen aufzuzeigen, legen Quellen offen und schreiben seitenlang über die bemühte Historie der identitären Bilderwelten.

Fazit dieser Prozesse: Die „Identitären“ seien eine Art Intellektualisierung und Modernisierung bestehender neofaschistischer Strukturen. Keinesfalls dumme Klischee-Nazis. Auch dieses Blog verwehrte sich dieser Analyse nicht.

Doch ist das gedankliche Gebäude der „Identitären“ wirklich so ein Palast der feinen Bezugsquellen, der geschickten Affirmation historischer Bilder und der durchdachten Philosophie?

Nein. Das Denken der „Identitären“ ist eher eine billige Hütte; zusammengeschustert aus ein paar plakativen Philsophiefragmenten, sinnentleerten historischen Bezugnahmen und einer anderen wichtigen Zutat: Ganz viel Pop.

Historie als Simulakrum

Die Quellenverwertung der „Identitären“ ist primär eine Verwertung und Exploitation popkulturell vorhandener Bildkomplexe, an die Theoriefragmente geknüpft werden.

Die „Identitären“ bedienen sich hierbei an allem, was aktuell und in direkter zeitlicher Perspektive an Kinofilmen, Musik, Comics und anderen Quellen verfügbar ist und entkoppeln einzelne Fragmente dieser Artefakte, um sie anschließend mit neuen Inhalten aufzuladen. Ganz im Sinne Jean Baudrillards, der diesen Prozess in seinem Werk „Der Symbolische Tausch und der Tod“ unter dem Theorem des Simulakrums fasst, entstehen so neue Bilder, die in ihrem Wesen ihre originäre Bedeutung dennoch zu Teilen beibehalten und dergestalt popkulturell anschlussfähig bleiben.

Von „300“ über andere europäische Schlachten bis zum imaginierten Kampf gegen die „Invasion Europas“ bedienen sich die Akteuer*innen an Bildern, Dramaturgien und Narrativen, die mehr popkulturellen Logiken unterliegen, denn faktenbezogenen historischen Quellen. In vielen der Bezugnahmen, die konkrete Historizität simulieren, ist eben diese nur noch, wenn überhaupt, unter einem dicken Nebel Hollywood-Ästhetik vorzufinden.

Dass die Wahl eben auf Filme wie „300“ fällt oder dass die Akteuer*innen sich darüber profilieren, dass sie über ein detailliertes Wissen zum Teil dezidiert linker Popmusik verfügen, liegt eben nicht daran, dass sie sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, sondern daran, das diese Artefakte aktuell in Teilen des kollektiven Gedächtnis verankert sind. Wer die letzten fünf bis acht Jahre irgendein Festival im deutschsprachigen Raum besucht hat, wird nicht umhin gekommen sein, Electropunk im Stile von Egotronic wahrzunehmen. Wer sich in den letzten Jahren für Kinofilme interessiert hat, weiß um die Bildern, die Zack Syner zusammen mit Frank Miller geschaffen hat und welche Diskussionen diese ausgelöst haben.

Gerade der „große Austausch“ verweist in seiner Narration und der ikonographischen Bebilderung, die er erfährt, mehr auf apokalyptische Kinofilme, im Besonderen die des Zombie-Genres, denn auf Theorien, die konsistent und diskutabel erschienen. Bei diesem selbstgeschaffenen Mythos geht es längst nicht mehr um Argumentation, denn vielmehr um das Heraufbeschwören von Bildern, in denen eine entmenschlichte Masse in einen scheinbar zivilisierten Raum eindringt und mit Gewalt zurückgedrängt wird, kurzum eine Fabel des Genozids. Dieses Motiv funktioniert, wie Kathrin Glössel zurecht feststellt, zum einen nur als Verschwörungstheorie, zum anderen aber auch nur, weil die Bilder der „Identitären“ an solche Erzählungen wie „Dawn Of The Dead“ oder „World War Z“ anknüpfen können. Denn der Umgang mit den Entmenschlichten und „Zombifizierten“ bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Bilder sind hier in ihrer Assoziation direkter Lösungsvorschlag: Vernichtung!

Historie als Klamauk

Die Historie gerät in der Popkultur zum Klamauk und es sind diese Bilderwelten des Klamauks, die die „Identitären“ mit politischen Fragmentstatements aufladen und dann wiederum als konkrete Historizität präsentieren. Bildbezüge, wie die schwitzenden und muskelbepackten Spartaner, werden deswegen nicht als völlig dümmliche Bezugnahme auf Popkultur analysiert, weil gerade die popkulturellen Referenzen vielfach fälschlich als gewollte und durchdachte Modernisierungsstrategie der Faschist*innen und „Neuen Rechten“ analysiert werden.

Gerade eben auch im Handeln der Aktivist*innen zeigt sich diese Elternschaft des Pops. So versucht zwar gerade Martin Sellner dem Aktionismus immer einen pseudointellektuellen Bezugsrahmen (Stichwort Wiener Re-Aktionismus) zu geben, in der Realität aber weisen Aktionen, wie die Dachaktion in Graz, die Stürmung des Audimax mit Blutverschütten und das Erklimmen des Burgtheaters, mehr Gemeinsamkeiten mit dem Actionkino à lá Bruce Willis auf, denn den Aktionen von Herman Nitsch.

Ein guter Faschist: Neofolk und Heidegger-Klischees

Auch abseits der massentauglichen Pfade der Popkultur zeigt sich, dass die „Identitären“ sich mit leicht verdaulichen beziehungsweise gut vorgekauten Gedankenhäppchen leichter tun, denn wirklicher Auseinandersetzung.

Auffallend ist dies gerade bei Martin Sellner, dessen Denken sich fast ausschließlich in gedanklichen Bezügen auf die Neofolk-Subkultur erschöpft. Sein Wissen über das „heimliche Deutschland“, Ernst Jünger oder Oswald Spengler steht fast immer mehr im Zeichen der neusten „Darkwood“-Scheibe und dem zusammenfassenden Artikel auf „heathen harvest“, denn einer fundierten Textgenese.

Dies zeigt sich dominierend in Sellners Heidegger Rezeption, über die er alltäglich versucht einen elitären Habitus herauszukehren. Dabei zeigen Sellners Schriften unmittelbar, dass ihm nicht an den Theoremen Heideggers gelegen ist, denn vielmehr an dem Kult um Heideggers Person und die stets mitschwingende Kontroverse um Heideggers gedankliche Nähe zum nationalsozialistischen Regime. Sellner gibt diesen Weg des Interesses selbst offen zu. So war seine erste größere Auseinandersetzung mit Heidegger eine Bachelorarbeit über die schwarzen Notizhefte. Das Sellner nach einer solchen Arbeit stets im positiven und absolut unkritischen Bezug auf Heidegger verweilt, zeugt nicht nur von seiner Ignoranz, sondern eben auch von seiner Sympathien für faschistische Gedankenkomplexe beziehungsweise der Simulation von Intelligenz durch Bezug auf kryptische Denker. Es geht hier letztlich nicht um die Diskursivität einer Art des Denkens, denn vielmehr um das Herausarbeiten der Argumentationslogiken einer „überlegenen“ rechtsgerichten Philosophie.

Kritik als Wunschbild der Kritisierenden

Eine durch und durch akademisierte Analyse und Kritik reaktionärer Phänomene bedarf der unhinterfragbaren Grundhypothese, dass Argumentation, Agitation und gedankliche Konstitution dieser Gruppen und Akteuer*innen sich den gleichen Spielregeln der Kritisierenden unterwerfen. Um sich in Analysen der kulturellen Artefakte des zu kritisierenden Objekts zu vertiefen bedarf es zwei grundlegender Annahmen:

  1. Die Artefakte, allen voran die Schriftstücke, besitzen für die Konstitution solcher Gruppen eine herausragende Bedeutung.

  2. Meinungsbildung funktioniert in diesen Gruppen über eine Exegese vorliegender Schriften und anderen Artefakten und Meinungsmacher*innen.

Es sind eben diese zwei Annahmen, die zeigen, wie sehr die Kritiker*innen und Analysierenden ihre eigene großbürgerliche Diskussionskultur in das Handeln und die geistigen Produkte ihrer Untersuchungsobjekte projizieren. Die Annahmen, dass historische Bezüge gewollte und durchdachte Konstruktionen sind, dass theoretische Fragmente gewollte und bewusst gewählte Rahmungen und Bezüge darstellen. Dass Popkultur, wenn überhaupt, als ironisches Beiwerk funktioniert, nie aber des Pudels Kern darstellt. So wenig die Gefahren, die von den neuen Faschist*innen ausgehen, unterbewertet werden dürfen, so wenig dürfen wir uns als Analysierende darin versteigen, die Gruppierungen als Zusammenschlüsse hochintellektueller Superwesen darzustellen. Dass einige der Kader Sätze mit mehr als 5 Wörtern bilden können und dass dieser Umstand allein sie von älteren neonazistischen- bzw. faschistischen Strukturen abgrenzt ist klar. Das es aber in den Reihen der Ihren jede Menge Aktivist*innen gibt, die bei Camus immer noch eher an einen vermeintlichen französischen Weichkäse, denn an Albert oder Renaud denken, muss uns ebenso bewusst sein.

Pop als Praxis anerkennen

Was aber nun, wenn Filme wie „300“, Musik und aktuell im Diskurs vorhandene Bilder für die Konstruktion und spezifische Ausformung reaktionärer Gedankengebäude weitaus wichtiger sind, als Camus, Heidegger und die Interpretationen von „Lichtmesz“ und Co.?

Es braucht dieser Annahme, um die eigene wissenschaftliche Anstrengung zu rechtfertigen und doch führt gerade dieser Modus der Beschäftigung zu dem Umstand, dass „Identitäre“, „Neue Rechten“ und anderen faschistischen Gesinnungsgefährt*innen eine Tiefe und Intensität in den Gedanken unterstellt wird, die diesen bei weitem nicht zusteht. Es gilt diese popkulturellen Bilder ernst zu nehmen und in ihrer Ernsthaftigkeit zu analysieren. „300“ ist demnach mehr eine grobschlächtige Verherrlichung faschistoider Männlichkeit, denn historische Studie. Nur so können die Phänomene richtig bewertet werden.

Dass dieses Prinzip der popkulturellen Vermischung gerade in Österreich so gut funktioniert und die „Identitären“ sich hier einer derart unüberschaubaren Anzahl an Ikonen, Bildern und Narrativen bedienen konnten, liegt eben auch daran, dass Bilder, die zur Ideologie der „Identitären“ passen, wie zum Beispiel der Belagerung der Stadt Wien durch die Türk*innen, viel stärker im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert sind. Gerade durch seine Scharnierfunktion zwischen einem imaginären „Westen“ und einem „wilden Osten“ ist Österreich voll von Erzählungen und Bildern, die dergestalte Konflikte zum Thema haben. Auch deswegen befruchten sich das burschenschaftliche Milieu und das der „Identitären“ so paradehaft: Die Narrative, Mythen und Ikonen nationaler Identitätsbildung sind Muttermilch vieler Burschenschafter.

Es muss nun mehr denn je gelten, den Aspekt der exploitativen popkulturellen Bezugsquellen herauszuarbeiten und damit zu zeigen, um was es sich bei Gruppierungen, wie den „Identitären“ primär handelt: Eine Bande post-pubertärer Jungs, die gewisse Kenntnisse aktueller Filme und Musik und einiger „nerdigen“ Gebiete aufweisen. Was sie aber nicht sind, ist der hochintelligente, unglaublich belesene Heidegger-Lesekreis.