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„Identitärer“-Stillstand – Gedanken zur Demonstration der „Identitären Bewegung“ in Berlin am 17.06.2017

Artikel wird aktuell immer noch ergänzt:

Für den vergangenen Samstag mobilisierte die „Identitäre Bewegung“ international für eine Großdemonstration nach Berlin. Nach dem Debakel im vorherigen Jahr in Wien sollte Berlin in diesem Jahr das Großevent für die Szene werden. Und, den entschlossenen antifaschistischen Protesten sei Dank, wurde auch dieses Jahr wieder eine größere Katastrophe für die selbsternannte „Bewegung“.

Doch der Reihe nach: Als gegen kurz vor zwei Uhr am Samstag die Kader Daniel Fiß und Robert Timm mit dem Aufbauen der viel zu kleinen Lautsprecheranlage begannen, hatten sich auf dem Platz erst einige hundert „Identitäre“ eingefunden. Das mediale Interesse war jedoch ungebrochen und sichtlich genossen es Timm und Fiß auch mal im medialen Rampenlicht der vielen anwesenden Journalist*innen zu stehen.
Es überraschte aber, dass die Demonstration scheinbar alleinig von deutschen Kadern – im Besonderen der Berliner Gruppe – organisiert und durchgeführt wurde. Führende Kader aus Österreich, die bald auf dem Platz auftauchten und zum Teil in der Nacht zuvor gemeinsam mit einem Bus angereist waren, ebenso wie die derzeit medial stark präsenten Kader der Gruppe „Kontra Kultur“ aus Halle, hielten sich dezent im Hintergrund und schienen vorerst wirklich nur Teilnehmende der Demonstration zu sein.

Schon kurz vor dem Start sorgte die leise Anlage für gehörigen Unmut unter dem Teilnehmer*innen. Grade im Angesicht des lauten Gegenprotests der aus den Seitenstraßen zu den „Verteidigern des Abendlandes“ durchdrang verpufften die Ansagen und Reden und immer wieder schien Fiß vollkommen überfordert damit die mittlerweile doch auf ca. 500-600 Personen angewachsene Demonstration zu kontrollieren.

Unter lauten Rufen zog die Demonstration dann auch los. In den ersten Reihen hatte die „Identitäre Bewegung“, wie eigentlich immer, viele Frauen versammelt. Diese konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gros der Demo aus weißen Männern bestand. Einschlägige Tätowierungen, wie Schwarze Sonnen und Rutenbündel der Faschisten, inklusive. Ein Blick in die zweite und dritte Reihe offenbarte zudem, dass 2017 in Berlin wiedereinmal viele bekannte Gesichter. Grade ein direkter Vergleich zwischen den Bildern Wien 2016 & Berlin 2017 der ersten Reihen offenbart: Verändert hat sich nicht wirklich viel.
Es blieb dabei: Wieder Mal wurde das Abendland in den Augen der „Identitären Bewegung“ wohl dadurch gerettet, das jede/r Aktivist*in mindestens eine Fahne in der Hand halten musste.

Tönte es am Anfang noch die obligatorischen Slogans aus den Reihen, so wurde schon nach einigen Metern eindeutig klargemacht, wo die Demo politisch stand: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ oder laute „Abschieben“- und „Volksverräter“-Rufe gegenüber den Anwohner*innen machten unmissverständlich, dass hier nicht „Europas Jugend“ marschierte, sondern eine von Anfang an extrem aggressive Ansammlung von Rechtsextremen. Mit solch eindeutigen Slogans hatten sich die „Identitären“ – zumindest in Wien – immer zurückgehalten.

Obwohl die „Identitäre Bewegung“ mit dem Fokus auf ihre Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ vielfach fälschlicherweise als Single-Issue Organisation wahrgenommen und interpretiert wird, zeigte Berlin, wie Anschlussfähig ihre Ideologie für die verschiedenen Spektren der extremen Rechten ist. Wären nicht die vielen Fahnen der „IB“ zu sehen gewesen, es wäre schwer gewesen, zu unterscheiden, ob da nun grade „PEGIDA“, eine neonazistische Gruppierung oder eben die „Identitäre Bewegung“ läuft.
Schon Großevents wie der „Kongress der Verteidiger Europas“ 2016 in Linz zeigten, wie gut sich die Rechten derzeit auf einen kleinen gemeinsamen Nenner einigen können.

Dem Spuk in Berlin jedoch sollte an diesem Tag ein vorerst ein schnelles Ende bereitet werden. Wenige hundert Meter nach dem Start musste die Demonstration stoppen. Antifaschist*innen hatten die vor Straßen vor der Demo erfolgreich blockiert.

Es sollte dieser Moment des Stillstands sein, indem die „Identitären“ ihr wahres Gesicht offenbarten.
Nach ersten erfolglosen Verhandlungen mit der Polizei, die Timm und Fiß führten, übernahmen die Kader aus Wien und Halle schnell das Runder. Während Martin Sellner versuchte die Polizei damit zu erpressen, dass er die Demo auflösen würde und danach „für nichts mehr Verantwortung übernehmen könne“, versuchten sich die „Kontra Kultur“-Kader in Ballermann-ähnlicher Animation der Teilnehmenden. Grade Alexander Malenki bewies hier ungeahnte Qualitäten im Fahnenschwenken und lippensynchronem Mitsingen von rechtem Rap.
Jedoch konnten diese Showeinlagen die Masse nicht lange befriedigen. Schnell bildeten sich innerhalb der Demo Gruppen von Personen, die ausschwärmten um mit Journalist*innen und Anwohner*innen, die sich innerhalb der Absperrung befanden, „Kontakt“ aufzunehmen. Immer wieder kam es hierbei zu massiven Bedrohungen durch die „Identitären“ gegenüber Anwesenden und vereinzelten kleineren Auseinandersetzungen, die immer wieder schnell durch die Polizei unterbunden werden konnten. Bilder der Demonstration zeigen führende Kader der „Identitären Bewegung“, unter ihnen Martin Sellner, Tony Gerber, Daniel Fiß, Robert Tim und Philip Huemer, in einem Hauseingang abseits der eigenen Demo stehen und recht verzweifelt am diskutieren. Die „Identitären“ waren gehörig frustriert.

Und es blieb dabei. Die Blockaden standen und so kam es, wie es kommen musste. Nach gescheiterten Verhandlungen mit der Polizei lösten die „Identitären“ ihre Demonstration auf. Jedoch, und dies muss durchaus als schwerwiegender Fehler Einsatzkräfte gewertet werden, hatte die Polizei zu diesem Zeitpunkt nur dafür gesorgt, dass die „Identitären“ nicht nach vorne zu den Gegendemonstrant*innen vordringen konnten. Die gesamte, hinter den Faschist*innen liegende, Straße war zu diesem Zeitpunkt nur spärlich gesichert. Die „Identitären“ nutzen diesen Umstand, sprinteten los und konnten erst einige hundert Meter später von der sichtbar vollkommen überforderten Polizei gestoppt werden. Vielmehr Videos zeigen Beamte im Einsatz, die in der Hektik der Situation nichtmal mehr ihre Helme aufsetzen konnten und irgendwie versuchen die Gruppe zum Halten zu bewegen.
Zugleich gingen Truppen der Polizei direkt auf Anwesende Beobachter*innen und Anwohner*innen los, um irgendwie Herr der Lage zu werden.

Letztlich illustriert die Demonstration in Berlin viele der aktuell zur „IB“ aufgestellten Hypothesen. Vielleicht am vorrangigsten eben die, dass die „Identitären“ die Länder Österreich und Deutschland mittlerweile als einen großen Aktionsraum begreifen. Jedoch die letztendliche Befehlsgewalt immer in der Hand von Martin Sellner liegt. Das eben dieser nicht nur das „Gesicht“ der Bewegung bildet, sondern bei größeren Events letzte Entscheidungsinstanz ist, wurde mehr als eindrücklich in Berlin fortgeführt. Jedoch: Der Führungskreis der „Identitären Bewegung“ in Deutschland wird mittlerweile mehr durch einen festen Kreis an Männern gebildet, die mittlerweile teils seit vielen Jahren für die „Bewegung“ aktiv sind. Auch deswegen gilt es Sellner nicht vollkommen überzubewerten.
Für den deutschen Raum, das zeigen allein die Gesichter hinter den Bannern und auf der Bühne, ist die Gruppe „Kontra Kultur“ weiterhin tonangebend. Wobei eben diese sich von den österreichischen Kadern auch nochmal durch ihre immerzu latent vorhandene Bereitschaft zur vollkommen gewaltsamen Entgrenzung unterscheidet. Ihr Hausprojekt wird den Status der Gruppe innerhalb der Szene nochmal festigen und ausbauen.
Interessant war hingegen, dass die Gruppen aus Bayern durchaus mit einem sehr starken Block im gemeinsamen Outfit auflaufen konnten. Hier lassen sich durchaus Parallelen zu Strukturen in der Steiermark ziehen.
Berlin zeigt: Ein Ende wird die „Identitäre Bewegung“ vorerst sicher nicht finden. Ihren Anspruch „Bewegung“ zu sein konnte sie auch in Berlin wiedereinmal nicht einlösen. Vielmehr offerierten sie mal wieder das Bild einer extrem aggressiven Gruppen fanatisierter Neofaschist*innen, denen am gewaltfreien Widerstand letzten Endes herzlich wenig liegt.

Ausführliches Interview zum aktuellen Status Quo der „Identitären Bewegung“

Wir haben ein sehr ausführliches Interview zum (infrastrukturellen) Aufbau, der internationalen Organisation, der ideologischen Einordnung, den Kadern und der Rezeption der „Identitären Bewegung“ in Deutschland und Österreich gegeben. Das gesamte Interview kann hier (kostenlos) gelesen werden:

Über die Identitäre Bewegung – Mensch Merz im Interview

 

Als Vorgeschmack anbei die ersten drei Fragen des Interviews:

Im deutschsprachigen Raum hat sich die Identitäre Bewegung zuerst in Österreich etabliert. Wieso konnte dieses anfänglich reine Internetphänomen sich ausgerechnet dort real materialisieren? Haben die Anfangskader wie Markovics gute Arbeit geleistet oder lag das eher an glücklichen Umständen?

Eine kurze Anmerkung direkt zu Beginn: Ich wäre vorsichtig dabei rechtsextreme Gruppen & Einzelpersonen als „reine Internetphänomene“ zu fassen. Einerseits, weil hinter diesen „Internet-Phänomenen“ immer reale Personen & Personenzusammenhänge stehen, die sich vielfach eben auch real – wenn auch zu Beginn vielleicht klandestin – organisiert haben und von denen Seiten wie Facebook, Instagram & Co. eben nur der offensichtlichste Beweis der Existenz waren beziehungsweise sind.
Zum Anderen aber auch, da gerade viele deutsche Landesämter der Verfassungsschutz mit diesem Begriff noch hantierten, als die „Identitären“ schon längst unübersehbar im „realen Raum“ aktiv waren. Meiner Meinung nach wird dieser Begriff auch vielfach von Seiten der Behörden täuschend eingesetzt, um zu verbergen, dass sie wenig bis gar keinen Einblick in Strukturen haben. Und ja, vielfach suggeriert der Begriff „Internet-Phänomen“ auch, dass solche Gruppen weniger gefährlich sind. Das ist und war zu keinem Zeitpunkt der Fall.

Zurück aber zur Ursprungsfrage: Vor dem Aufkommen der „Identitären Bewegung Österreich“ war die neonazistische Szene in Österreich mit staatlicher Repression konfrontiert. Hervorzuheben ist hier sicherlich der Prozess um die Seite alpendonau und den Neonazi Gottfried Küssel, in dessen Umfeld sich auch Martin Sellner bewegte. Nach der Zeit der Repression konnten wir auch in Wien erleben, dass die Rechtsextremen mit verschiedenen Organisationsformen „experimentiert“ haben. So gab es z.B. auch kurzzeitig eine „Autononome Nationalisten“-Gruppe, die sich aus dem burschenschaftlichen Milieu speiste. Dazu muss man vielleicht auch erwähnen, dass seit derschwarz-blauen Regierung Anfang der 2000er Jahre Burschenschaften dezidiert nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Sie sind damit ein idealer Nährboden für Experimente jeder Art. Die „Identitäre Bewegung“ ist also keinesfalls spontan entstanden, und muss auch als – sehr erfolgreicher – Versuch verstanden werden, das in Österreich durchaus streng exekutierte Wiederbetätigungsgesetz zu umgehen.

Ein anderer Aspekt muss sich in Bezug auf Österreich immer wieder vor Augen gehalten werden: Die österreichische Gesellschaft lebt vom Mythos das „erste Opfer des Faschismus“ gewesen zu sein. Eine richtige Entnazifizierung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgte bis heute nur begrenzt. Mit der „FPÖ“ exsitiert seit langem eine – immer wieder große Mehrheiten auf sich vereinende – rechtsextreme Partei in Bundes- und Landesparlamenten, die vielen extrem rechten Akteuer*innen ein Zuhause bietet und hervoragend mit außerparlamentarischen rechtsextermen Organisationen und Einzelpersonen vernetzt ist. So schlimm dies klingt: Viele Forderungen der „Identitären Bewegung“, zum Beispiel die nach einer konsequenten Schließung der Grenzen oder ihre überbordenden Deportationsfantasien, sind Positionen, die in Österreich von der FPÖ bis zur ÖVP (Österreichische Volkspartei) mitgetragen werden und deswegen nie sonderlich „extrem“ wirkten.

Was aber ebensowenig zu bestreiten ist, ist die Tatsache, dass führende und zum großen Teil noch heute aktive Kader, allen voran Martin Sellner, extrem viel an persönlichen und materiellen Ressourcen in das Projekt „Identitäre Bewegung“ gesteckt haben. Grade auch unter teils vollkommener Aufgabe privater Bedürfnisse. Der Slogan der „Identitären“ von „der letzten Reihe“ in der „Rettung Europas“ manifestiert sich vielfach in diesem blinden Fanatismus der Kader. Und ja, diese „Vollzeitaktivist*innen“ haben in den letzten Jahren viel an Struktur aufgebaut und sind auch maßgeblich am Aufbau in Deutschland beteiligt. Wobei aber nie vergessen werden darf, dass die Entwicklung der „Identitären“ ohne das starke Milieu rechtsextremer Burschenschaften und deren Personal und Infrastruktur nicht so möglich gewesen wäre. Grade im Kontext des bürgerlich etablierten Rechtsextremismus stellte und stellt ihr „neu-rechter“ Aktionismus ein gewisses Novum dar, was eben auch zu der umfassenden medialen Beachtung führte.
Grade aber der persönliche Einsatz scheint schwer zu wiegen und umso schwerer scheint es sie eben auch aktuell zu treffen, dass das „identitäre Projekt“ nicht mehr so auf Kurs ist, wie Martin Sellner jüngst in einem Artikel auf „szession-online“ konstatierte.

Warum hat es in Deutschland länger gedauert? Entsprechende FB-Seiten gab es ja zeitgleich im gesamten deutschsprachigen Raum.

In Deutschland hat es auch vor der „Identitären Bewegung“ immer schon eine Vielzahl an unterschiedlichen rechtsextremen Gruppen und Zusammenhängen gegeben, in denen eins sich organisierten konnte. Einerseits würde ich hier einfach von „mangelndem Bedarf“ sprechen. Andererseits: Das die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland vielfach von Personen geleitet wird, die schon langjährige Aktivist*innen in rechtsextremen Zusammenhängen sind, ist deswegen auch kein Zufall: Vielmehr können wir hier aktuell erleben, wie sich eine rechtsextreme Szene versucht in Teilen moderater zu geben, um dergestalt ein breite Masse an Menschen anzusprechen. Sie haben in Frankreich und Österreich sehen können, dass genau das – zumindest teilweise – doch ganz gut funktioniert.
Ich würde auch nicht davon sprechen, dass diese Entwicklung lange gedauert hat. Insgesamt gesehen ist die „Identitäre Bewegung“, gerade im deutschsprachigen Raum, eine sehr junge Form rechtsextremer Organisierung. Und in dieser Zeit haben sie durchaus schon viel an Struktur aufgebaut. Jedoch ist es meiner Meinung nach letztlich auch durchaus unsinnig die Entwicklungen in Deutschland stark von denen in Österreich abzukoppeln. Von Beginn an konnten wir einen regen Austausch erleben und gerade die aktuellen Ereignisse (z.B. der Versuch der „Blockade“ der CDU-Parteizentrale in Berlin [inzwischen zum Hashtag #ibsterblockade geworden, Anmerkung der Redaktion], ihre „Aktion“ im Mittelmeer oder die anstehende Demonstration in Berlin) zeigen, dass die „Identitäre Bewegung“ im deutschsprachigen Raum durchaus international gut vernetzt agiert und starke Synergien entfaltet.

Wie groß war der direkte Einfluss aus Frankreich? Sowohl Name als auch ideologische Basis stammen von dort. Gab es Kontakte und Aufbauhilfe? Im Gegensatz zu Österreich und Deutschland hat die Génération identitaire dort ja direkte Vorläuferstrukturen.

Klar, der Einfluss ist, gerade was das Corporate-Design angeht, unverkennbar. Auch ideologisch gibt es diverse Schnittmengen und die Auseinandersetzungen der Nouvelle Droite sind mit Sicherheit von extrem großer Bedeutung für die deutschsprachigen Ableger. Grade in der Verklausulierung ihrer ideologischen Agenden und einer (vermeintlichen) Abgrenzung hin zum deutschen Nationalsozialismus. Volker Weiß hat dies in seinem aktuellen Werk „Die Autoritäre Revolte“ ja sehr gut ausgeführt. Grade aber ideologisch hat die „Identitäre Bewegung“ in Österreich und auch in Deutschland über die Rezeption und Betonung von verschiedenen „Theoretiker*innen“ eine durchaus eigenständige „Identität“ entwickelt. Grade hieran ist aber auch vielfach zu merken, dass es sich bei ihnen doch um eine recht junge Organisationsform handelt, bei der viele unvereinbares (noch) parallel exsistieren kann und die keinesfalls über einen geschlossenen ideologischen „Kanon“ verfügt. Da trifft dann der harte, mit dem russischen Faschisten Alexander Dugin begründete, Anti-Universalismus eines Alexander Markovics auf den völkischen Rassismus eines Luca Kerbl und so weiter.
Verbindungen und Kontakte zu französischen Gruppen gab und gibt es immer wieder und seit Bestehen auch regelmäßig. Hervorzuheben ist hier sicherlich die Teilnahme vieler österreichischer und deutscher Kader an den französischen Sommer-Camps, sowie den sehr guten Verbindungen der deutschen Gruppe Kontra Kultur zu einzelnen Gruppen in Frankreich. Auch Martin Sellner nimmt hier wieder mit seinen guten französischen Sprachkenntnissen eine wichtige Rolle ein. An der ersten Demonstration der „Identitären“ in Wien 2014 nahmen überdies französische Aktivist*innen teil.

Das vollständige Interview: https://rambazamba.blackblogs.org/…/ueber-die-identitaere-…/

Warum Gewalt Kern der „neuen“ und „alten“ Rechten ist – Redebeitrag Schnellroda 17.02.2017

 

„Warum unser Widerstand friedlich ist“ – so lautet nicht etwa das Motto der hier gerade stattfindenden Demo, sondern der Titel des heutigen IfS-Vortrages von Martin Sellner, der – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist zu widerlegen, dass er sich in die Hose gepinkelt hat – eigentlich nur reaktionären Mist erzählt.

Es ist an Zynismus kaum zu überbieten, dass Sellner so einen Vortrag hält und auch noch glaubt, es gäbe außerhalb seiner reaktionären Blase Menschen, die ihm dies noch abnehmen würden!

So kam es bei Großdemonstrationen der „Identitären Bewegung“ in Wien in den letzten Jahren immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wo die Polizei die von nah und fern angereisten Faschistinnen und Faschisten nicht stoppen konnte, schlugen und traten sie auf vermeintliche Gegendemonstrant*innen ein.

Wer nimmt einer Gruppe ihre Reden von Friedfertigkeit ab, wo doch deren langjährige Kader noch vor nicht allzu langer Zeit nach einer Demonstration in Graz vermummt und bewaffnet auf Gegendemonstrant*innen losgingen, die sie zuvor gezielt ausgeforscht hatten?

Jener Bewegung von deren Mitgliedern immer wieder aufs Neue Fotos auftauchen, die sie mit schweren Waffen zeigen. Jener Bewegung, die seit Jahren auf allen ihnen zur Verfügung stehenden Kanälen einen „Bürgerkrieg“ heraufbeschwört und deren gesamtes Bilder-Repertoire nur so strotzt vor aggressiv faschistoider Männlichkeit, Kampf und ekelhaften Vorstellungen wie der Opferung der Individuen für ein übergeordnetes Kollektiv.

Martin, kannst du dich eigentlich noch selbst ernst nehmen? Wir können es nicht und wir konnten es noch nie!

Die Krone setzt der heute stattfindenden Faschistenshow in Schnellroda aber die Anwesenheit des Amerikaners Jack Donovan auf, der zu Beginn der „Akademie“ seine Gewaltphantasien den Teilnehmer*innen präsentierte.

Wenn Donovan mal gerade nicht damit beschäftigt ist, den reaktionärsten und zumeist schlimmsten antifeministischen Mist zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, dann schlägt er sich mit seinen Kameraden gern den Kopf ein oder schneidet Tieren die Köpfe ab, um dann damit blutverschmiert zu posieren. Das muss dieser Archetyp des Rechtsintellektuellen sein, von dem Götz Kubitschek immer redet!

Was solche Leute wie Donovan aber letztendlich beweisen, ist vielmehr der Umstand, dass für die Faschisten die Barbarei lustvolle Dystopie ist.

Ob das nun Leute wie Donovan sind, die im Kampf ihre krude Vorstellung von Männlichkeit absolut verkörpert sehen oder die Kader der Identitären, die sowas lieber auf ihrer „Metaebene“ verklausulierter ausformulieren. Egal, ob nun Jünger zitiert wird, der im Schmerz einen die Geschichte bewegenden Moment sieht, oder einfach nur schwitzende Spartaner aus dem Film „300“ herhalten müssen – es bleibt dabei: Die Faschisten bleiben bei ihrer sozialdarwinistischen Vorstellung, dass die Bewährung ganzer Völker und Individuen im Kampf ein unumgängliches Lebensprinzip darstellt.

Gerade die Vorstellung der sogenannten „Reconquista“ ist immer auch der Aufruf sich gewaltsam zu entgrenzen und zivilisatorische Momente der Gesellschaft hinter sich zu lassen.

Dass das gewaltsame Vorgehen gegen alle Menschen, die nicht in das Weltbild der Reaktionären passen, nicht Ausnahme, sondern Normalzustand der Faschisten ist, bedarf wohl keiner größeren Erklärungen. All die Anschläge und die Gewalttaten – Morde, Brände und vieles mehr – legen hiervon ein tragisches Zeugnis unvorstellbaren Ausmaßes ab.

Das IfS und all seine Akadmieteilnehmer*innen sind Teil dieser Gewalt! Ihre Worte legitimieren, ihre Kader hetzen auf – sie und Teile ihrer Organisationen üben diese Gewalt aktiv aus.

Das IfS ist nicht nur eine Keimzelle neofaschistischer und zutiefst reaktionärer Ideologien, sondern es ist für viel zu lange Zeit ein ruhiger Ort für die Faschistinnen und Faschisten gewesen, indem sich diese gegenseitig zu ihren ekelhaften Ideologien gratulieren konnten.

Es freut uns deswegen umso mehr, dass es mit diesem Frieden endgültig vorbei ist!

Kein ruhiges Hinterland mehr für Reaktionäre, Identitäre oder wie sich die Faschisten sonst nennen!

Keine ruhige Akademie mehr in Schnellroda oder sonst irgendwo!

Wir kommen wieder! Alerta!

Den Hass, den sie säten

Warum wir das „Institut für Staatspolitik“, die „Sezession“ und ihre Akteur*innen nicht weiter verharmlosen dürfen

Vom Abseits ins Zentrum

 

Das Wetter ist mies. Die Gummistiefel voll von Schlamm. Ein grauer Morgen, wie wir ihn überall in Deutschland erleben könnten. Nur den Besitzer dieser Stiefel, den finden wir nur hier in der Gemeinde Steigra im Landkreis Schnellroda. Jenem Niemandsland zwischen Halle und Erfurt, in dem Götz Kubitschek seit Jahrzehnten in seinem Rittergut nicht nur die eigenen Ziegen pflegt, sondern vielmehr seine Früchte des Hasses.

Schon vor einigen Jahren entführte uns das Journalist*innenehepaar Katja und Clemens Riha auf das Gehöft von Götz und seiner Frau, Ellen Kositza, als es ihnen darum ging, die „Neuen Rechten“ im deutschsprachigen Raum zu porträtieren. Damals schon ließen die Rihas für die Sendung „Kulturzeit“ die Rechten viel unkommentiert erzählen und rahmten ihre Worte mit hübschen Bildern der Selbstinszenierung.

Nun also ein Wiedersehen im Jahr 2016: Wenig hat sich seitdem am „journalistischen“ Stil der Rihas geändert. Gewandelt hat sich allerdings die Position und die gesellschaftliche Anerkennung gegenüber Kubitschek und Co. Wirkten die Träume eines „Deutschland für die Deutschen“ und die Visionen Martin Lichtmesz‘ von der kommenden Revolution vor Jahren noch wie die Fieberträume einiger Verrückter, so mobilisiert die Idee einer völkischen Homogenität Jahre später Tausende und auch der Wahn eines apokalyptischen Abwehrkampfes gegen die „islamischen Invasoren“ ist gedanklich längst im Feuilleton angekommen.

Straight Outta Schnellroda: Historie

 

In den 1990er Jahren zählte Kubitschek noch zu den prominenten Schreibern der „Jungen Freiheit“, war für diese zwar schon „Rechts Außen“, aber dennoch tragbar. So zierten manche seiner Artikel die Titelblätter der Zeitung. Im Jahr 2000 dann der erste Schritt dem eignen Denken noch mehr Geltung zu verschaffen: Zusammen mit Karl Heinz Weißmann gründete Kubitschek das „Institut für Staatspolitik“, kurz IfS, dessen Geschäftsführer er bis 2008 bleiben sollte. Die Funktion übergab er seinem engen Gefolgsmann Erik Lehnart. Auch ohne Position bleibt Kubitschek eine der führenden Kräfte hinter dem IfS.

Parallel zur Institutsgründung, das eigentlich im Namen mehr vortäuscht, als es vom rechtlichen Status her ist – nämlich ein vorwiegend durch Spenden finanzierter Verein -, wurde die „Edition Antaios“, die 2012 zum „Verlag Antaois“ wurde, gegründet. Führender Akteur: Wieder Götz Kubitschek. Das offensichtliche Ziel: Eine Plattform zu schaffen, die die gedruckte Verbreitung des eigenen Denkens und das nahestehender Personen(kreise) ermöglicht; ohne „Wenn und Aber“.

Im Jahr 2003 folgte der nächste große Schritt: Im Zweimonatsrhythmus wurde über das IfS die Herausgabe des Magazins „Sezession“ gestartet. Später wurde die Printausgabe um eine Internetpräsenz erweitert, die neben alten Artikeln in digitaler Form den Autor*innen erlaubt, sich blogartig zu tagesaktuellen Geschehnissen zu äußern. Nach eigenen Angaben hat die Printausgabe im Jahr 2016 erstmalig die Grenze von 3000 Abonnent*innen überschritten.

Von Beginn an sind sowohl IfS als auch „Sezession“ geographisch eng mit dem Wohnsitz von Götz Kubitschek und Ellen Kositza verbunden. Das Rittergut Schnellroda im Landkreis Steigra. Von hier führt Kubitschek den Verlag und Versandhandel, hier treffen sich seine Gefährt*innen und letztlich finden im Kreis Steigra auch die vom IfS organisierten Veranstaltungen statt.

Kurzzeitig wurde Ende der 2000er Jahre überlegt, teilweise nach Berlin zu expandieren und sich in Räumlichkeiten zusammen mit der „Jungen Freiheit“ einzumieten. Dieser Plan scheiterte. Allerdings mehr an internen Disputen, denn an antifaschistisch motivierter Kritik. Zwar deuten aktuelle Dokumente auf „Sezession“-Online drauf hin, dass sich aktuell wieder verstärkt darum bemüht wird, im Umfeld Berlin Räumlichkeiten für Veranstaltungen zu organisieren, doch es kann fest davon ausgegangen werden, dass Schnellroda das geographische und ideelle Zentrum bleiben wird. Das IfS und seine Veranstaltungen sind im Kreis durch die Anmietung von Räumlichkeiten und die Anzahl an Gästen, die ihre Veranstaltungen anziehen, längst auch ein (bescheidener) wirtschaftlicher Faktor geworden. Hinzu kommt, dass die Veranstaltungen sowie das Rittergut selbst bislang nie (öffentlichkeitswirksam) von antifaschistischen Aktionen in ihrem Handeln beeinträchtigt wurden.

Die Feinde deiner Feinde sind unsere Freunde:
Normalisierung und Radikalisierung

 

Auch wenn Kubitschek und Gefolge in der Provinz angesiedelt sind, so hat ihr Denken und mit ihm seine – vornehmlich männlichen – Akteure längst den Raum des Provinzellen verlassen und es in den letzten Jahren geschafft, maßgeblichen Einfluss auf die geistige Konstitution der extremen Rechten im deutschsprachigen Raum zu nehmen.

Der politische Diskurs und das Denken der Akteur*innen rund um das IfS und die „Sezession“ sind aber keineswegs ein gradliniger Weg, denn vielmehr ein Dauerlauf, der stets zwischen den Punkten der radikalen außerparlamentarischen Rechten und der zum Teil in parlamentarische Strukturen eingebundenen Rechten oszilliert. Obwohl auf der theoretischen Ebene stets eine erhebliche Distanz zu „klassisch“ neonazistischen Strömungen bestand, gab es auf personeller Ebene nie Berührungsängste. So wechselten Autoren der „Sezession“ als Mitarbeiter zu Landtagsfraktionen der NPD und auch Parteibücher rechtsextremer Parteien oder (ehemalige) Zugehörigkeit zu neonazistischen Gruppierungen war nie Ausschlusskriterium. Kubitschek fasste diese Devise erst zuletzt in seinem Statement zusammen, dass er, anders als zum Beispiel die „Junge Freiheit“, keine Kritik an Akteuren des recht(sextrem)en Lagers ausüben wolle.

Erste Versuche, die entworfene Theorie in praktisches Handeln zu transformieren, unternahm Kubitschek zusammen mit einigen Mitstreitern erstmals 2007 mit der Gründung der „Konservativ Subversiven Aktion“, KSA. Obwohl die KSA niemals über einige Youtube-Videos und vereinzelte Aktionen Bekanntheit erlangte und letztlich sang- und klanglos von ihren Akteueren als Projekt beendet wurde, so nahm die KSA in ihren Formen der Agitation doch vieles vorweg, was in den letzten Jahren maßgeblich der Agitation der „Identitären Bewegung“ zugerechnet wurde. Ferner gelang es Kubitschek im Rahmen der KSA erstmalig extrem junge Aktivist*innen erfolgreich einzubinden und an IfS/“Sezession“ zu koppeln. Dieses Andocken an junge Akteuer*innen der Bewegung wird stärker noch durch eine personelle und inhaltliche Annäherung deutlich: Nämlich der zur „Blauen Narzisse“ und allen voran deren Chefredakteuer Felix Menzel.

Das Umfeld von Kubitschek, die „Sezession“, der Verlag und letztlich auch sein Rittergut als konkreter geographischer Ort haben immer schon als Sammelbecken radikalster Strömungen und deren Akteuer*innen gedient und tun dies weiterhin. Stärker noch als all die Jahre zuvor.

Dass Kubitschek und Gefolge jedoch nie den Mainstream aus den Augen verloren haben und immer auch darauf schielten, mit ihren Gedanken in der scheinbar imaginären Mitte der Gesellschaft anzudocken, zeigen vielfach die inhaltlichen Schwerpunkte der „Sezession“, die sich allzu oft darum bemühen, ihre Theorien an tagespolitische Diskurse zu knüpfen. Als beispielhaft für eine erfolgreiche Aktion dieser Art kann das Sonderheft „Sarrazin lesen“ aus dem Jahr 2010 angesehen werden.

2012 dann organisiert Kubitschek in enger Zusammenarbeit mit dem zuvor erwähnten Menzel erstmalig den „Zwischentag“, eine Vernetzungsplattform diverser Rechtsaußen, die im Jahr 2013 Wiederholung fand. Ebenfalls im Jahr 2012 fand ein wichtiges Ereignis statt, das für die weitere Ausrichtung des IfS und all seiner Beteiligten maßgeblich werden sollte: Kubitschek besuchte, zusammen mit Martin „Lichtmesz“, der zum damaligen Zeitpunkt noch in Berlin wohnte, das „Convent Internationale“ in Frankreich.

Obwohl Kubitschek die Jahre danach sich vielfach in kritischen Äußerungen gegenüber der aufkommenden und immer stärker an Bedeutung gewinnenden „Identitären Bewegungen“ und ihrem Aktivismus erging, zeigt dies, dass sich der Personenkreis um das IfS immer alle möglichen Bündnisse offen hielt und in der Wahl der Bündnispartner stets opportunistisch, denn irgendwelchen Dogmen folgend, agiert(e). Eine Strategie, die ab 2015 rasant Fahrt aufnahm und in einem nie zuvor dagewesenen Triumphzug aller Beteiligten bis heute anhält: Zu Beginn des Jahres 2015 besuchte Kubitschek als Redner eine Veranstaltung der „Lega Nord“ und ergoss im Anschluss seitenlange Lobeshymnen auf Italiens neue Faschist*innen und deren Agitation auf „Sezession“-Online.

Im Wissen darum, dass Italien und im Besonderen deren Organisationen rund um „Casa Pound“ maßgeblichen Einfluss auf neuere Bewegungen wie die „Identitären“ ausübten, zeigt dies, dass Kubitscheks Interesse an einer Modernisierung der äußerlichen Form der Neuen Rechten niemals vollends zu Ruhe kam. Vielmehr war und ist die Modernisierung des Auftretens der Bewegung immerzu eines der primären Anliegen Kubitscheks, was wohl auch darin begründet liegt, dass seine Schriften niemals durch sonderlichen Einfallsreichtum gekennzeichnet waren.

Mit dem Umzug Martin „Lichtmesz'“ von Berlin nach Wien, jenen Ort, dessen „Identitäre Bewegung“ sich im Jahr 2015 zur tonangebenden Fraktion im deutschsprachigen Raum entwickeln sollte, wurden auch hier die Verbindungsfäden zum radikalen und aktionistischen Untergrund deutlich enger angezogen. Zeitgleich aber bemühen sich die Akteuer*innen wieder einmal Nähe zu den aufkommenden, deutlich reaktionär ausgerichteten, bürgerlichen Zusammenschlüssen zu gewinnen. So versuchen Kubitschek und Kositza im Jahr 2015 Mitglieder in der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu werden, die diese Ansuchen unter ihrem damaligen Parteivorsitzenden Bernd Lucke noch ablehnte. Ob diese Ablehnung heute noch so vollzogen würde, kann, angesichts der derzeitigen inhaltlichen und personellen Ausrichtung, sicherlich ganz klar verneint werden.

Ebenso trat Kubitschek im Jahr 2015 mehrfach als Redner bei „Legida“ und „Pegida“ auf. Hier knüpft er unter anderem Kontakte zu Jürgen Elsässer, der im Folgenden für das, maßgeblich von Kubitschek initiierte, Projekt „1%“ von größerer Bedeutung wurde. Von Elsässer stammt die vielzitierte Beschreibung von „1%“ als „Greenpeace für Patrioten“.

Kubitschek ist aber keinesfalls der Einzige aus dem Umfeld des IfS und der “Sezession“, der die Nähe zu den „patriotischen Europäern“ sucht. Carsten „Baal“ Müller trat mehrfach beim „Legida“-Ableger als Redner in Erscheinung. Und auch, um dies vorwegzunehmen, Martin Sellner, Kopf der Wiener und österreichischen „Identitären“, gibt 2016 sein Debüt als Redner bei „Pegida“, wo er, dies legen Facebook-Kommentare nahe, auf besagten Carsten Müller trifft.

 

Wie lange noch wollen wir zuschauen?

 

Rückblickend sind es das Jahr 2015 und die erst wenigen Monate von 2016, in denen die janusköpfige Strategie von IfS und “Sezession“-Akteuer*innen am stärksten ihre Blüten entfaltet. So werden sie von Vertretern der parlamentarischen Rechten, allen voran denen der AfD, Medien und auch geistigen Meinungsmacher*innen im deutschsprachigen Raum als intellektuelle konservative Avantgarde und Stichwortgeber*innen eines neuen rechten Denkens hofiert. Ihre Theorien werden von Nazismus, Faschismus und Gewalt abgetrennt beziehungsweise wird die inhaltliche Nähe und Überschneidung zu eben diesen aktiv verleugnet.

In Personen wie Bernd Höcke, Alexander Gauland oder Andreas Lichert – letzterer trat sogar selbst als Autor für die „Sezession“ in Erscheinung – zeigt sich beispielhaft sowohl eine inhaltliche, vor allem aber auch eine enge persönliche und oftmals freundschaftliche Verflechtung der Akteuer*innen. So besuchten diese vor ihren Teilnahmen an Sendungen wie zum Beispiel „hart aber fair“ die eine oder andere Akademie des IfS, lasen als treue Abonnenten die „Sezession“ oder beschäftigten sich ausführlich mit den Publikationen des Verlags „Antaois“.

Den Ritterschlag dieser gesellschaftlichen Legitimation verleiht ihnen mit höchster Würde im Frühjahr 2016 der bekannte Soziologe Armin Nesshi, der einen Briefwechsel mit Kubitschek in seiner Zeitschrift „Kursbuch“ veröffentlicht, in dem er diesen als konservativen Intellektuellen adelt. Eine Ansicht, die er im März im Format „kulturzeit“ in einem Interview bekräftigt und die von journalistischer Seite vielfach als vermeintliche „Kritik“ ins Feld geführt wird.

Die Akteuer*innen als „konservative Intellektuelle“ anzuerkennen, ist letztlich der bislang größte Erfolg ihrerseits, affirmiert diese Beschreibung doch ihre Selbstdarstellung vollständig und entkoppelt ihr Handeln von den gewaltsamen und stets gewaltaffinen Bestrebungen, die sie zugleich bedienen und derzeitig wieder verstärkt betreiben. Generell sollte sich die Frage gestellt werden, was denn die Bezeichnung der Akteur*innen von IfS/“Sezession“ als „rechte Intellektuelle“ rechtfertigt? Der Umstand allein, dass sie bislang, anders als es die Historie des rechten politischen Spektrums nahelegt, in der Öffentlichkeit durch ihre Worte und nicht durch tätliche Übergriffe auf Andere aufgefallen sind? Gratulation!

Kubitschek ist zwar ein geistiger Schüler Armin Mohlers und dessen aggressiven Konservatismus, gerade aber in seiner apokalyptischen Untergangsrhetorik und den aktuellen militanten Aufrufen zur Verteidigung des imaginierten „Eigenen“ zeigt sich überdeutlich seine Nähe zu faschistoiden Gedankenwelten und der eignen Bereitschaft zur gewaltsamen Entgrenzung.

Die andere Seite des Januskopfes formiert die subkulturell verwurzelte Gefolgschaft1. Gerade zeigt Janus seinen zweiten Kopf und sein wahres Ansinnen, das sich nicht in ein paar Reden vor „besorgten Bürgern“ erschöpft, sondern dessen Schlachtfeld von Beginn an der Kampf um eine rechtskulturelle Hegemonie darstellte.

Schon immer zogen IfS und „Sezession“ junge Akteure in ihren Bann. Begünstigt wurde dies in den vergangen Jahren sehr wahrscheinlich durch die radikale Außenseiterposition, in der Kubitschek auf jede neue Stimme angewiesen war. Selbst wenn diese gerade der Pubertät entwachsen war, was dazu führte, das junge Akteure, anders als bei etablierten rechtsaußen Medien, schnell und umfangreich ihre Gedanken äußern durften.

Mit Nils Wegner, Jahrgang 1987, Felix Menzel, Jahrgang 1985, Benedikt Kaiser, Jg. 1987, und dem neusten Zugang Martin Sellner, Jg. 1989, findet sich in der Riege der Akteur*innen eine große Anzahl junger Menschen. Bedingt durch die Tatsache, dass selbst die „Älteren“ der Stammautoren (Kubitschek, 1970, Kositza, 1973, Lichtmesz, 1976, Hinz, 1965) sich letztlich doch noch stark für neuere und „jugendlichere“ Formen des Aktionismus begeistern konnten, führte dies in den letzten zwei Jahren zu einer Entwicklung, die bislang völlig ignoriert wurde:

Das IfS und die „Sezession“ arbeiten ständig und äußerst konsequent an einer metapolitischen gewaltsamen Entgrenzung des rechtsintellektuellen Untergrunds, um dergestalt eine Basis für Aktionen zu schaffen, die die Taten der „Identitären“ und anderer Akteuer*innen rechtfertigt und zugleich theoretisch legitimiert.

Ihren Höhepunkt finden diese Legitimationsversuche derzeitig in zwei Highlights: Einerseits dem aktuellen „Sezession“-Heft, das sich schwerpunktmäßig dem Themenkomplex „Widerstand“ und dessen Legitimationsstrategien widmet und an Militanz kaum zu überbieten ist und der gescheiterten Verfassungsklage Schachtschneiders, die aus dem aktuellen Umgang der deutschen Regierung mit der Einwanderungspolitik eine Pflicht zum Widerstand abzuleiten versucht. Zwischen der theoretischen Legitimation des Widerstands und den tätlichen Angriffen „Identitärer“ auf Gegendemonstrant*innen gab und gibt es hier längst keine Grenzziehung mehr. Vielmehr bedingt sich beider Handeln in seiner Gegenseitigkeit. Geeint in der Sache – der Eroberung der Köpfe – schreiben die einen, warum es der Gewalt bedarf, während die anderen mit Teleskopschlagstöcken den theoretisch klar skizzierten Feind*innen auflauern und sie kaputt schlagen.

Ließen sich vor einigen Jahren noch die Positionen eher unter dem Credo des jüngerschen Waldgängers subsummieren, so ist derzeitig eine Neuausrichtung gen radikale politische Praxis und Agitation auszumachen, die sich sie derzeitige gesamtgesellschaftlichen Stimmung und auch das Potential junger, an IfS/“Sezession“ angedockter, Aktivist*innnen zu Nutze macht, als deren Stichwortgeber und Avantgarde sich derzeit fleißig inszeniert wird.

Kameradschaft! Persönliche Verflechtungen

 

Symptomatisch für dieses Zusammenwirken von IfS/“Sezession“ und jungen Aktivist*innen steht das Bündnis mit der „Identitären Bewegung“. Zuerst vollzog sich die Annäherung beider Parteien über die persönliche Verknüpfung „Lichtmesz“ und Sellner. Hinzu kommt jedoch die Bekanntschaft der Akteure „Lichtmesz“, Sellner, Wegner, Müller als treue Fans der Neofolk-Subkultur, die eine rasche und konsequente Koppelung der „Identitären Bewegung“ und ihrer Akteuer*innen an IfS und „Sezession“ mehr als begünstigte. Gefördert wurde diese Entwicklung sicherlich nicht nur durch die gemeinsame subkulturelle Herkunft und Sozialisation ihrer Akteure und der sich daraus ergebenden Vertrauens- und Freundschaftsbasis, sondern auch durch den Umstand, dass die jungen Akteur*innen vielfach durch Zeitschriften und Schriften von Kubitschek, „Lichtmesz“ und Co. politisch initiiert wurden.

Gerade Martin Sellner scheint aktuell von Seiten Kubitscheks uneingeschränktes Vertrauen zu genießen. So ist er nicht nur regelmäßiger Gast in der „Sezession“, den Publikationen des Verlags und auf dem Hof der Kubitscheks, sondern zeichnet sich für diverse Projekte verantwortlich. Allen voran die Plattform „1%“, die Sellner in den letzten Wochen zusammen mit Phillip Stein maßgeblich prägte. Nebenbei überzeugte er Kubitschek mit Sicherheit aber auch, audiovisuelle Medien noch stärker als politische Agitationsinstrumente zu gebrauchen, wovon unter anderem ein Literatur-Vlog mit und von Ellen Kositza zeugen, für dessen Aufnahme und Schnitt sich Sellner verantwortlich zeigt.

Auch dass Sellner und nicht noch, wie vor einigen Jahren Martin „Lichtmesz“, als Akteur beim „kulturzeit“-Beitrag in Erscheinung tritt, zeugt von dessen wichtiger Position in der Hierarchie der Gefolgschaft, deren Zentrum Kubitschek unangefochten darstellt.

Von der maßgeblich durch Sellner und „Lichtmesz“ geprägten Anbindung der „Identitären“ an das IfS und dessen Akteur*innen profitieren beide Seiten enorm. Einerseits können so die Theorien von Kubitschek und Co. direkt in konkrete politische Agitation übersetzt werden, die die verschiedenen „Identitären Bewegungen“ durchführen. Andererseits bieten die Strukturen des IfS, die persönlichen Ressourcen von Kubitschek und das über 1% und den Verlag lukrierte Finanzvolumen eine Basis, die es ermöglicht, herausragende Akteure in finanzierte Positionen zu bringen, die es diesen dann ermöglicht, sich voll und ganz der politischen Arbeit zu widmen.

Gleichfalls profitieren beide Seiten von den vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten zu publizieren. So konnten die „Identitären“ ihre Ideen schnell und professionell publizieren, auf der anderen Seite profitierte das Magazin „Sezession“ von den neuen Autor*innen und deren theoretischen Vorbildern, die vom Verlag übersetzt und aktuell nach und nach im Verlagsprogramm veröffentlicht werden. Eine Win-Win Situation für alle – außer für die antifaschistische Kritik, die diese Gruppen allzu lange ignorierte.

Nun also stehen Kubitschek, Sellner und Gefolge mit ihren vom Schlamm des Hasses verkrusteten Stiefeln mitten auf den Teppichen unserer geistigen Wohnzimmer und selbst der ignorantesten Antifa-Gruppe dürfte nun klar werden, dass wir Kubitschek dringend wieder in die geistige und geographische Provinz verbannen müssen, bevor wir wieder darüber diskutieren können, ob wir denn nun lieber einen hell- oder dunkelroten Teppich vor dem Bücherregal wollen!

Kampf, Sieg oder Körper – Ideen zu den „Identitären“ und Popkultur

Abstract

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen Ideologie, deren Transformation in popkulturelle Bilder und Körperlichkeit. Im Zentrum steht hierbei die Frage, inwieweit sich neurechte Bewegungen, wie zum Beispiel die Identitären, neue popkulturelle Bilderwelten geschaffen haben und wie sie über diese Bilderwelten ihre neuen/alten Narrationen der menschlichen Ungleichheit massenkompatibel transportieren können.

Der Artikel zieht hierfür Verbindungen von Österreichs Neuen Rechten der 1990er, ausgehend von den Akteuren der FPÖ im Bezirk Alsergrund, über die Versuche der Beeinflussung des Dark-Wave bis zu den neuen Stichwortgebern rund um Martin Lichtmesz und Co.

Dieser Artikel geht davon aus, dass es, um die Erkenntnisse vorwegzunehmen, den Identitären gelungen ist eine Art „neu(e) rechte Popkultur“ zu erschaffen, die sowohl in ihren ästhetischen als auch ihren inhaltlichen Ausformungen und Narrativen die Linke mit ihren bewährten Tools der Analyse und Kritik noch nicht recht fassen kann und denen sie, diesem Umstand Rechnung tragend, derzeitig eher hilflos gegenüber steht. Gerade auch, weil ihr mit Alfred Schobert und Martin Büsser zwei Experten verloren gegangen sind, die als Einzige detaillierte Analysen von und Kritik an Szenen wie der des Dark-Wave und Neofolk zu üben wussten, in denen die Neuen Rechten nun, ohne großen Widerstand, agieren. Diese „Popkultur von Rechts“ ist für die Identitären Diskussionsraum, Rekrutierungstool und Raum der politischen Agitation zugleich.

Dieser Artikel reißt viele Ideen an, bringt dabei Theorien zusammen, die vielleicht gar nicht zusammen gedacht werden sollten, und ist vor allem eine essayistische Sammlung erster, jedoch grundlegender Gedanken. Für Diskussionen, Anregungen, Kritik und wüste Beschimpfungen bin ich deswegen mehr als dankbar.

Zur Aufteilung: Es gibt den gesamten Artikel als pdf. zum Download hier. Auf der Blogseite habe ich mich für eine separate Veröffentlichung der jeweils einzelnen Kapitel entschieden. Der gesamte Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte, welche im Gesamten zu lesen durchaus sinnhaft ist, die aber auch Stand-Alone verstanden werden können.

Den gesamten Artikel gibt es hier als pdf Download:

Inhalt:

1. Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

2. Körper, Popkultur und Normation(en)

3. Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

4. Die neuen alten Mythen der Identitäten

5. Subkultur von Rechts?

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Die neuen alten Mythen der Identitären

Zurück zu Teil Drei: Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

Was aber nun bildet das Epizentrum der Narrationen der Identitären? Es ist, wenig verwunderlich, der von ihnen allzeit propagierte und vom Franzosen Camus geprägte Begriff des „Großen Austauschs“. Ein Begriff, der vieles vortäuscht – Hypothese, drohende Anklage, verängstigende Dystopie – und letztlich nur eines ist: Ein Mythos. Mehr noch, über all die scheinbaren Theorien, praktischen Aktionen und freundschaftlichen Verbandelungen ist es die Kreation und popkulturelle Verankerung dieses Mythosʼ, der den Identitären Gemeinschaft schafft.

Der Begriff des „Großen Austauschs“ verweist hierbei in all seinen Ausformungen auf die zentralen Elemente der Identitären-Gemeinschaft: Er ist prozesshaft, unmittelbar im Jetzt verankert und verweist in seinem Sein an keine konkrete Vergangenheit sowie keine konkrete Vorstellung der Zukunft. Er ist.

Interpretationen der Indentitären bezüglich Hegemonie, Kultur(en) und allem anderen verbleiben allein deswegen immer nur pseudo-intellektuelles Beiwerk als ernsthaft diskursive Auseinandersetzung. Der Mythos ist Dogma und erfüllt für die Identitären, wie Bruns et al. feststellen, eine funktionalistische Logik im Sinne von Georges Sorell: Mobilisierung der Menschen!

Im Mythos des „Großen Austausch“ fusionieren Ursprungsmythos und Erwartungsmythos. Der als von ihnen existentiell erlebte Kampf um die Wahrung der eigenen (wahnhaften) Imagination einer ethnisch-kulturell homogenen Identitätsgemeinschaft verschmilzt mit den von ihnen fragmenthaft in den Diskurs eingebrachten utopischen Narrativen über das vermeidlich bessere Leben in der identitären Gemeinschaft.

Gerade aber diese utopischen Narrative sind in ihrer Symbol- und Bildwelt fast immer im „klassisch“ Völkischen verhaftet, was wiederum die basale Schizophrenie im Denken offenbart: So sehr sie, also die Identitären, vermeidlich die völkische und im Besonderen die NS-Ideologie ablehnen, so sehr müssen sie in ihren Bilderwelten eben diese affirmieren, da diese Historie und die durch sie geprägten Bilder, Symbole und Narrative in einer scheinbar existenten Historie am ehesten in ihrer rassistischen Gemeinschaft das repräsentieren, was die Identitären als „Identität“ fassen wollen. Dreh- und Angelpunkt all dieser Bilderwelten – wie auch des konstituierenden Mythos des „Großen Austausch“ – bleibt letztlich aber der Körper und dessen Konstitution in der Gemeinschaft.

Es muss deswegen zwischen der symbolischen Kodierung des Artefakts und dem Narrativ des Artefakts differenziert werden: Die popkulturelle Kodierung erlaubt Zugang zum Diskurs und den Rezipient*innen. Nur aber, weil die Artefakte popkulturelle Kodierungen aufweisen, heißt dies keinesfalls, dass ihre Narrative nicht extrem reaktionär sein können.

Die „Neue Rechte“ bleibt in ihren Erzählungen vielfach in den alten Ideologie verhaftet und wählt ihre Kodierungen höchst selektiv, sie hat jedoch in ihren Bilderwelten den Rahmen des Zeigbaren im Kontext ihres Milieus um ein Vielfaches erweitert. Nur so ist die Koexistenz von „South Park“-Charakteren neben Zitaten von Ernst Jünger und kriegerischem Pathos des k.u.k. Österreich überhaupt darstellbar.

Die Erweiterung des Zeigbaren ist immer auch eine Diskussion über die semantische Kodierung der Bilder selbst und damit letztlich immer eine Diskussion über die Ideologie per se. Die neuen Inhalte, Bilder und Symbole erweitern dergestalt nicht nur das mögliche Kontingent an Rezipient*innen, sondern fragen zugleich immer auch die eigene Gemeinschaft der bereits Kollektivierten. Dass die Identitären sich lieber auf den Film „300“ beziehen als auf den tapferen Abwehrkampf der „Schlümpfe“, die wohl als die identitärste Gemeinschaft in der Popkultur überhaupt angesehen werden müssen, vor dem bösen Zauberer, ist demnach nicht eine Frage der Ideologie und des Zeigbaren, als vielmehr das Ergebnis einer immerwährenden Diskussion über die von ihnen fokussierte Interdependenz zwischen Ideologie und Körperlichkeit dieser Ideologie. Noch scheinen die Spartaner in ihrer Männlichkeit den Schlümpfen überlegen zu sein.

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