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Die gespaltene „Bewegung“

Mit ihrer Aktion vor wenigen Tagen haben es die Berliner „Identitären“ nicht nur auf das Brandenburger Tor, sondern auch auf die Titelseiten und in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit geschafft.

In den Berichten dominiert, neben vielerlei Kritik, das Bild einer „jungen, aktivistischen Bewegung“, international gut vernetzt mit Parteien, rechten Think-Tanks und anderen reaktionären Organisationen. Eine „patriotische Bewegung“ in Einigkeit von der Nordsee bis zu den äußerten Grenzen Österreichs.

So sehr die Berichterstattung derzeit um die deutschen Ableger zirkuliert, umso mehr nutzt sie den österreichischen Kerngruppen. Die Bilder der deutschen Aktivisten, die ganz in der Tradition früherer Aktionen der IBÖ stehen, vermögen es, zumindest kurzfristig, einen Umstand vergessen machen: Dass die „Identitäre Bewegung“ in Österreich derzeit zu solchen Aktionen kaum mehr in der Lage ist und auch ansonsten von inhaltlichen Diskrepanzen, autoritären Führungsstilen exponierter Kader und letztlich kaum neuen Aktivist*innen schwer angeschlagen ist.

Die alten neuen Kader

Ganz offensichtlich zeigt sich dies in den letzten zwei Aktionen der „Identitären“ in Wien. Zu beiden wurde zwar groß mobilisiert, letztlich waren sie aber nur von der immer gleichen Mischung an etablierten Kadern, Fußballhooligans, jedoch wenigen neuen Gesichtern besucht.

So sehr der Führungsstil und die Omnipräsenz von Martin Sellner den „Identitären“ in Österreich hilft und sie, gerade auch wegen ihrer sektenartigen Struktur, zusammenhält, so sehr führt Sellner als zentrale Integrationsfigur dazu, dass alle Akteuer*innen neben ihm stets wie deplatzierte Statist*innen wirken.

Den rhetorisch vollkommen unbegabten Alexander Markovics oder den gewaltaffinien Philip Hummer als Gesichter für die Wiener Gruppe auszuwählen zeugt eben nicht gerade von taktischer Klugheit, sondern vorrangig vollkommener Ignoranz gegenüber der Außenwirkung dieser beiden Personen. Auch Alina Wychera wird in ihrem repräsentierten Image höchstens Menschen für die „Bewegung“ begeistern, die sich anno 2016 noch ärgern, dass der „Bund deutscher Mädel“ schon vor vielen vielen Jahren aufgelöst wurde.

Jedoch zeigen gerade die Akteuer*innen abseits von Martin Sellner die ideologische Diskrepanz und Unvereinbarkeit der verschiedenen Gruppen, Interessensgemeinschaften und Einzelpersonen, die sich unter dem Banner „Identitär“ derzeitig versammeln. Wieder ist es Sellner, der mit seiner aufgeblasenen und sich immerzu in der eigenen sprachlichen Distinktion suhlenden Heidegger-Rezeption das Interesse auf sich zieht und damit (noch) darüber hinwegzutäuschen vermag, dass außer der kruden „Seins“-Rezeption und des mythologisch aufgeladenen Verschwörungsnarrativs des „Großen Austauschs“ bei der „Identitären Bewegung“ keinerlei Einheit oder Einsicht in der Beantwortung wesentlicher Themenkomplexe (zum Beispiel Wirtschaftspolitik, Demokratiepolitik, Organisation des Staates selbst) exsistiert.

Der Mythos vom Ethnopluralismus

Am offensichtlichsten summiert sich diese Diskrepanz in der Person Alexander Markovics. Nicht zufällig Leiter der „AG Theorie“.

Markovics osziliert inhaltlich fröhlich zwischen der Rezeption verschiedenster Faschisten und russischstämmiger Eurasier, die zwar allesamt das Klischee „elitäre rechte Denker“ erfüllen, im Grunde aber nur eines tun: Die von den „Identitären“ vorgeschobene Argumentation der „souveränen Völker“ und den „Ethnopluralismus“ Lügen strafen. Markovics und einige andere „Identitäre“, allen voran der junge Dvorak-Stocker, sind sich gerade abseits des medialen Interesses an den Aktionen der „IB“ nicht zu schade, sich mit ungarischen Rechten, russischen Faschisten und allerlei anderen obskuren Akteuren zu umgeben, für die die Entwicklungen der letzten Jahre vor allem auch eine wiederentdeckte Lust am imperialistisch determinierten Nationalismus darstellt. Für welche reaktionäre Großmachtphantasie sich Markovics am Ende verkaufen wird, wird sich sicherlich noch zeigen.

Dass jedoch nationalistische österreichische Hooligans und Markovics und seine Eurasien -Freunde noch an einem Tisch sitzen können, liegt auch daran, dass es der „Identitären Bewegung“ hervorragend gelungen ist, an den Duktus der Rede von der „Lügenpresse“ anzuknüpfen und damit kritische Stimmen immer auf ein „außerhalb der Gruppe“ verschieben zu können. Fest steht aber, dass die „Identitäre Bewegung“, trotz der von diesen Gruppen produzierten internen Spannungen, nicht auf sie verzichten kann. Zu sehr sind sie auf jegliche Art der Förderung und Zuwendung angewiesen.

Identitäre Bluthunde

Eine andere Sollbruchstelle zeigt Philip Huemer, derzeitig der Vorstand der Wiener Gruppe der „Identitären“. Jener Kader in den Reihen, der sich, wenn er sich gerade nicht von einer Kamera beobachtet fühlt oder zumindest gut vermummt ist, durch seine kaum verhohlene Aggression und die Bereitschaft zu tätlichen Angriffen auf den „politischen Gegner“ auszeichnet.

Noch vermag es der autoritäre Führungsstil von Martin Sellner diese Gruppen im Zaum zu halten und auch medial den Irrglauben zu verbreiten, dass es sich bei der Bewegung um eine friedliche handele. Dass dem allein die von Götz Kubitschek immer wieder formulierte Vorstellung des „Soldatentums“ und des „Widerstands“ konträr entgegensteht, scheint bislang in der medialen Rezeption wenige wirklich zu interessieren.

Wichtiger aber ist, dass die „Identitäre Bewegung“ diesen Diskurs um die eigene Militanz derzeit in ihrer Deutungshoheit noch zu bestimmen weiß. Auch wenn ihre Selbstinszenierung immer wieder schwere Brüche aufweist, die mit der Zeit immer schwerer zu kitten sein werden.

Als Beispiel kann hierfür wieder die Demo in Wien 2016 herangezogen werden: So stellten sie zwar in der Demo einige Frauen in die erste Reihe, um Fotos zu machen, wechselten aber dann zu einer Frontkohorte, die sich aus gewaltgeilen, vorwiegend für diesen Zweck rekrutierten Männern zusammensetzte, die schlussendlich die gesamte Demo vorantrieb und mehrmals versuchte, in direkten Kontakt mit den Gegendemonstrant*innen zu kommen.

Auch dass bei den letzten Aktionen zum Einen immer bekannte, rechtsextreme Hooligans als Schutztruppe eingesetzt wurden und zum Anderen gezielte „Anti-Antifa“-Arbeit von extra dafür instruierten jungen Aktivisten vorgenommen wurde, spricht dafür, dass die Debatte um gewalttätiges Handeln keiner klaren Linie unterliegt und einzelen Akteure innerhalb der Bewegung derzeit freie Hand gelassen wird, solange Sellner die Medien von der Friedfertigkeit überzeugen kann.

Die Krux mit den Neuen

Nicht von ungefähr, zumindest legen dies Fotos nahe, scheint gerade die Wiener Kadergruppe sich sehr äußerst schwer darin zu tun, neue Aktivist*innen längerfristig an sich zu binden. So verlautbaren sie zwar offiziell immer gut gefüllte Stammtische, auf den öffentlichen Aktionen ist hiervon allerdings kaum bis gar nichts zu erkennen.

Einzig die durchaus annehmbare Rekrutierung, die außerhalb von Wien durch einzelne Aktivisten voran getrieben wird, sorgt dafür, dass in Wien nicht immer nur die gleichen 12 Leute zusammenstehen. Früher oder später werden aber diese neuen Gruppen, wie die zum Beispiel aktuell stetig wachsende und aktionistisch motivierte Steiermark, Machtansprüche stellen, die über die hierarchisierte Position einzelner Personen, wie Luca Kerbl in Bezug auf das vorherige Beispiel, hinausgehen. Sollte es der „Identitären Bewegung“ gelingen, sich abseits von Wien und Graz im ländlichen Raum zu verankern, dann wird es früher oder später zu dem, gerade für Österreich typischen, Machtkampf zwischen Stadt und Land kommen. Zumal wenn die Wiener Gruppe bis dahin weiterhin durch misslungene Aktionen in Kombination mit dem Anspruch der verbalen Deutungshoheit über die gesamte „Bewegung“ auf sich aufmerksam macht.

Eskalation als Rettungsanker

Es ist also mehr als deutlich. Die Maschine „Identitäre Bewegung“ rumort und läuft äußerst unrund in ihrer derzeitigen Konstituierungsphase. Doch macht sie dies ungefährlicher? Nein! Eher das genaue Gegenteil dürfte der Fall sein.

Die „Identitäre Bewegung“ ist eine Maschine der Bilder. Sie braucht die mediale Rezeption und die stetige öffentliche Reproduktion ihrer Bilder, die letztlich das immer Gleiche an Ideologie illustrieren, damit sie zumindest kurzfristig über die eigene inhaltliche Leere hinwegtäuschen kann. Es sind die Bilder, über die sich die „Identitären“ vergemeinschaften, legitimieren und letztlich sind die Bilder auch das Moment über das neuen Menschen auf die Gruppe aufmerksam werden. Ohne die Bilder und die mediale Rezeption der Bilder bleibt die „Identitäre Bewegung“ eine erbarmungswürdige Ansammlung von rechtsaußen Burschenschaftlern, (ehemaligen) Nazis und reaktionären Esoterikern.

Die Aktivisten*innen werden deswegen alles daran setzen (müssen), wieder Bilder zu erschaffen, die auf mediales Interesse stoßen.Dies allein wird aber auf Dauer nicht ausreichen, die aktionistische Lust der Jungen und der gewaltaffinien Gruppen stillen können. Es ist deswegen mit Sicherheit davon auszugehen, dass in Zeiten der Unsicherheit sich Teile der Gruppen an ihre Methoden zurückerinnern werden, die sie eingesetzt haben, als sie sich noch „Autonome Nationalisten“ oder „nationaler Widerstand“ nannten. Je mehr die „Identitäre Bewegung“ internen Konflikten ausgesetzt ist und umso mehr ihre Kritiker*innen diese Konflikte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, umso mehr werden Methoden des Outings, des physischen Angriffs und der gewaltvollen Eskalation in das Reportoir der Gruppen zurückkehren.