Kategorie: Theorie

Die Ästhetik des Terrors

Die Ästhetik des Terrors – Gedanken zur topologischen Ordnung der Videos des IS

We live as we dream – alone. While the dream disappears, the life continues painfully.”

-Joseph Conrad: Heart Of Darkness-

Es mögen sich die Nachrichten häufen, dass der Islamische Staat (IS) in den letzten Wochen und Monaten so manche Bastion seiner Herrschaft verloren hat, doch auch wenn seine Herrschaft in absehbarer Zeit einmal gebrochen werden sollte, so ist ihm doch etwas gelungen, dass seine reale Existenz um Jahre überdauern wird: Die Erschaffung kultureller Artefakte, die sich tief in das Gedächtnis der westlichen Welt eingebrannt haben. Vermummte, in schwarz gekleidete und bis an die Zähne bewaffnete Männer, die ihre Opfer, einem Ritual, dessen Sinn wir nicht zu kennen scheinen, folgend, enthaupten, steinigen, verbrennen und andersartig töten. Menschen, die antike Städte und deren kulturelle Güter blindlings zerstören und dem Staub der Wüste gleichmachen. Es mögen die Waffen einst schweigen, die Bilder werden die Gewalt und all die vergangenen und noch kommenden Herrschaften überdauern. Denn sie haben ein immerwährendes, da niemals löschbares, ästhetisches Reich des audiovisuellen Terrors erschaffen.

Pop-Dschihad, Gewalt und die Topologie der Narrative

Es wurde viel über die Videos, die dem Islamischen Staat zugeschrieben werden, berichtet und analysiert. „Pop-Dschihad“ war und ist eines der großen Stichwörter.

Andere wiederum analysierten die Snuff-Videos in einem Akt der Detailversessenheit und kamen zu Ergebnissen, wie dem, dass die Rezeption dieser Videos nur deswegen auf solch breiter Basis erfolgt, da die Videos sich per se genuinen Mustern westlicher Narration und Bildästhetik bedienten; bis hin zu den Enthauptungen, die, anders als in den Videos anderer terroristischer Organisationen, niemals als Ganzes gezeigt würden und deswegen die Rezeption erst ermöglichen würde, da sich das wirklich brutale im Kopf der RezipientInnen abspielen würde. Filme wie „The Silent Of The Lambs“ und „Seven“ lassen grüßen. Die Fiktion wird zur bluttriefenden Realität, die sich wiederum im fiktionalisierten Gewand kleidet.

Gemein ist diesen Darstellungen und Einschätzungen, dass sie alle richtig sind, zugleich aber auch falsch, da sie sich alle grundsätzlich von den Signifikanten des Spektakels täuschen lassen und so den wahren Kern der Videos nicht zu fassen vermögen.

Die vom IS erstellten und in das globale Kommunikationsnetz eingespeisten Videos als eine Art Genre unter dem Begriff „Pop Dschihadismus“ zu fassen ist hierbei wohl die erste große Missinterpretation. Selbstredend sind die, vom IS erschaffenen, Videos kulturelle Artefakte und durch die breite Rezeption und ihre omnipräsente Verfügbarkeit im weltweiten Datenstrom sind sie, ohne Zweifel, zum Teil populärer Kultur geworden. Wohl kaum ein Mensch in der westlichen Hemisphäre hat nicht den blutigen Kopf eines der Opfer gesehen oder eines der Bilder, das die Ausführenden irgendwann ins Internet gestellt haben. So, wie die Bilder des 11. September, so sind auch die Bilder des IS Ikonen und als Ikonen sind sie in unsrer Bilderwelt omnipräsent.

Jedoch ist das Wesen der Videos selbst eher dialektisch. So betreiben sie zum einen eine markante und beeindruckende Mimesis der Topologie westlicher Popkultur. Zum anderen aber verfügen die Videos stets auch über eine Unzahl an Symbolen und Signifikanten, die dezidiert nicht einem westlichen Kulturkreis zuzuordnen sind und demgemäß von westlichen RezipientInnen zwar oberflächliche Zuordnung erfahren können (Schriftzeichen, Gesänge, Sprache usw.), zumeist aber nicht vollends entziffert werden können. Wer weiß, was die arabischen Schriftzeichen aussagen, was die gesangs-ähnlichen Passagen zum Inhalt haben oder was genau die Stirnbanner der KämpferInnen für Inschriften tragen?

So sehr diese Details das Gesamtbild bestimmen, sosehr sind sie vielfach eben nicht Fokus der Narration. Geschweige denn braucht es ein basales Verständnis dieser, denn vielmehr ist der Akt der Zerstörung, sei dieser nun gegen menschliches Leben oder kulturelle Objekte gerichtet, Nukleus der Narration. Er ist Zentrum, Ausgangs- und Endpunkt. Ein endloser, da symbolischer, Zyklus des Leidens und der Vernichtung.

Wichtig erscheint hierbei zuerst folgende Differenzierung zwischen dem bloßen Akt der Gewalt, wie ihn zum Beispiel eine Straßenschlägerei darstellen kann, und dem, was hier unter dem Topus des „terroristischen Akts“ verhandelt werden soll. Es ist dem terroristischen Akt, wohl als einzigem Akt der Gewalt, zu eigen, dass er seine mögliche Rezeption vorab plant und als integralen Bestandteil seines Prozesses begreift. Der terroristische Akt ist immer ein pervertierter Schöpfungsakt, der aus der Destruktion seines Handelns neue Bilder erschafft. Der Akt der Gewalt muss rezeptionsfähige Bilder gebären, die das erschaffene Leid aus der Dimension des Individuellen herauslösen und sie in das symbolische Sein überführen.

So, wie das weiße Blatt den Autor in einen Modus der totalen Offenbarung zwingt, so sehr zwingt der Akt der Gewalttat die TäterInnen1 in den Akt der symbolischen Determination. So, wie ihr Handeln den Akt gebiert, so reproduziert der Akt ihr Sein und ihre Ideale selbst.

Gemein ist hierbei all diesen Akten terroristischer Gewalt, dass sie in ihrer medialen Inszenierung zu einem performativen Akt geformt werden, indem die blanke Gewalt mit Signifikanten versehen wird, um sie dergestalt topologisch zu ordnen und ideologisch zu kodifizieren.

1Hierzu zählen deswegen gerade auch jene, die den Akt medial inszenieren und nicht allein die, die den Akt der Gewalt begehen.

Entgrenzung und mediale Imagination

Gemeinsam ist den Akten vorrangig ihr Moment der Entgrenzung, wobei Entgrenzung hierbei im Sinne einer negativen Transgression, einer gezielten Überschreitung der westlich hegemonialen Konventionen, zu begreifen ist. Terror ist aber nicht nur allein diese Form der Grenzüberschreitung der Konvention der Heiligkeit der Körper, sei es in Form von schweren Akten der Gewalt, bis hin zu extrem detaillierten Tötungen, sondern gerade deren öffentliche Präsentation und die, von den TäterInnen gezielt bearbeitete, Einspeisung der Narration in das weltweite Datennetz.

Nicht der Terror, in Form der Gewalt gegen die Körper, bildet hierbei den Nukleus dessen, was wir als entgrenzt erfahren, denn vielmehr dessen vulgäre Zurschaustellung im kulturellen Artefakte. Die Ästhetisierung des Leids und dessen symbolische Prostitution, die den Akt in die Sphäre der endlosen Wiederholbarkeit erhebt. In der Realität kann der Mensch nur einmal sterben, in der Narration endlos. Das Leiden und die symbolische Kodierung dieses Leidens werden somit immer wieder reproduzierbar. Jederzeit an jedem Ort der Welt. Kostenlos.

Das Artefakt verwischt hierbei bewusst, in seinem Sein, die Grenzen zwischen objektiviertem Sein und einer, scheinbar prozesshaften, Ästhetik des Performativen. Das Artefakt verweist in seinen Signifikanten immer darauf, Teil einer größeren Gesamtheit zu sein, ebenso wie in der größeren Gesamtheit jedes einzelne Teil drauf verweist, dass es einen jeden kleineren Teil als Teil seiner Selbst begreift. So, wie der Akt, den die Videos in ihren Narrationen darstellen, nicht ohne die reale Existenz des Islamischen Staats zu denken ist, so ist der Islamische Staat nicht in seinem Wesen denkbar ohne die gezeigten Gräuel.

Dergestalt vernichten die kulturellen Artefakte die Grenze zwischen medialer Imagination und realem Sein: Die kathartische Hypothese, die davon ausgeht, dass in den medialen Imagenationen Prozesse stellvertretend ausgelebt werden können, wird hierbei zur konkreten Androhung des Subjekts.

Die Entgrenzung der Gewalt vollzieht sich nicht nur in seiner vulgären Exploitation gegen die Objekte seines Prozesses selbst, sprich die zu marternden Menschen; vielmehr verfolgt die Narration als Ziel eine Drohung auszuformulieren, die die Entgrenzung zwischen medialer Narration und objektivem Sein des rezipierenden Objekts fokussiert: Auch du könntest getötet werden!

Die scheinbare Angst-Lust in der Rezeption von Videos, wie sie nicht allein der IS verbreitet, ist deswegen keineswegs als sinnlich motivierte Lust an den Bildern allein, die abseits jeglicher Vorstellung ihr Sein zu vollziehen scheinen, zu begreifen, denn vielmehr als Lust an der explizit implizierten Bedrohung des Subjekts selber. Die Rezeption wird hierbei zum masochistischen Prozess der eigenen Objektivierung im Rahmen der entgrenzten Ästhetik der Narration. Auch deswegen gemahnen die Videos so sehr an unsere populäre Kultur, da sie in ihrem Sein und ihrer Rezeption so sehr an das erinnern, was Marcus Stiglegger in seinem Essay „Terrorkino“ beschreibt. Stigleggers Seduktions-Theorie, die Film und dessen Artefakte immer als einen Akt der Verführung des Rezipienten begreift, lässt sich wohl an keinem medialen Objekt klarer verdeutlichen, als an den Videos des IS.

Die symbolische Ordnung des Schlachtens

Es ist jedoch grundlegend falsch, die kulturellen Artefakte und ihre Narrative allein und einzig auf ihren Höhepunkt, nämlich den Akt der entgrenzten Gewalt, zu reduzieren.

Es gilt sich hierbei bewusst zu werden, dass Medien und populäre Kultur als Speicher, Reservoir und Verhandlungsort von Konzepten dienen, wobei Konzepte hier im Sinne von Konstruktionen gefasst werden müssen, deren Sinn und Gehalt gesamtgesellschaftlich diskursiv hergestellt wird.

Die Videos des IS nutzen diesen global zugänglichen Diskursraum, indem sie ihre Philosophie in Form von Artefakten einspeisen, die wiederum popkulturelle Montagen darstellen. Der globale Akt des Terrorismus ist deswegen zuerst und primär immer ein medialer Akt. Die Bereitstellung der eigenen Narration und die Eröffnung der Option, überall auf der Welt diese Narrative unzensiert und ohne Zugangsbeschränkungen zu verbreiten.

Die TäterInnen affirmieren hierbei die Bilder unmittelbar, da sie direkt im Modus visueller Bildkulturen operieren. Dies bedeutet wiederum aber auch, dass die audiovisuellen Narrationen des IS eine spezifische topologische Ordnung zu entfalten vermögen. Selbstverständlich im Rahmen der spezifischen Logik der Bilder, wie sie Mersch am treffendsten in seinem Artikel „Die Logiker der Bilder“ darlegt. Allen voran die Nicht-Negativität der Bilder, was nichts anderes heißen soll, als dass Bilder nicht direkt in der Lage sind zu negieren, da sie das zu Verneinende immer zeigen müssen. Die Negation muss also über die Narration erfolgen. Beim IS vollzieht sich diese Negation des Gezeigten immer in der Destruktion des physikalischen und symbolischen Körpers.

Auffällig bei fast allen Videos, die dem IS zugeschrieben werden, ist die formal strenge Ordnung. Sowohl ästhetisch, als auch im Narrativen. Die Narration dient nur der groben Rahmung des eigentlichen Akts der Gewalt, der Höhepunkt und Ausgangspunkt zugleich darstellt. Oftmals wird das Geschehen audiovisuell von melodiös anmutenden „Gesängen“ und andersartigen Symbolen gerahmt und begleitet. Bedeutet jedoch, dass es keinerlei Verständnis um und für diese verschiedenartigen Symbole bedarf, da der Akt der Gewalt und die, mit ihm einhergehende, Zerstörung als universell verständliches Symbol funktionieren. Im Fokus der Narration stehen immer zwei Figuren(gruppen) und ihre Beziehung zueinander. Der/Die, die Gewalt Ausführende und das Opfer. Beide durch ihre Darstellung, allen voran die Kleidung, ihrer Individualität entrissen und zu Ikonen transformiert. Auf der einen Seite die, in einen farblichen Overall gewandeten, Opfer, oft mit verbundenen Augen, auf der anderen Seite die, in schwarz gekleidet, maskiert und bewaffnet, Ausführenden.

Der Tod des Opfers nimmt in diesem Ritual die Gestalt einer mathematischen Lösung an. Selbst der Tod des Opfers verliert dabei seine Individualität und wird zu einem Moment der topologischen Ordnung. Er erscheint unabdingbar, durch nichts auf der Welt zu verhindern. Er ist logische Konsequenz, Vorhersehung und Schicksal zugleich. Wo die Folter, Jean Amery folgend, immer eine Anerkennung des Anderen, im politischen Sinne implementiert, da negiert der Islamische Staat diese Anerkennung seiner Opfer. Die Opfer sind keine Menschen, sie sind Symbole und als Symbole finden sie Vernichtung.

Der Wille zur totalen Vernichtung des Abstrakten

Carl Schmitt folgend, geht mit dem Willen der totalen physischen Vernichtung der Zwang zur vollständigen moralischen Vernichtung einher. Das Opfer muss nicht als Mensch den Tod erfahren, denn vielmehr als Symbol für die totale moralische Vernichtung dienen, die das Video als Artefakt in den medialen Kurs einspeisen kann. Die Imagination der Anderen muss hierbei zwangsläufig dergestalt kodiert werden, dass die Anderen in ihrer Gesamtheit als VerbrecherInnen und Unmenschen deklariert und deklassiert werden. Auch so und gerade so können die eigenen Exzesse und die eigene Entgrenzung Rechtfertigung und Absolution erfahren. Es ist dies der Grund, warum in den Videos so konsequent von der Gruppe der Ungläubigen fantasiert wird.

Der vom IS ausformulierte Islamismus ist in diesem Sinne eine absolute Feindschaft, die letztendlich der abstrakten und totalen Vernichtung von Ideen trachtet und weniger der Vernichtung eines konkret materiellen Feindes.

Die mediale Narration generiert dergestalt eine Ordnung, die die religiösen Fragmente nur indirekt zur Rechtfertigung des eigenen Handelns anführt, denn vielmehr zur Argumentation und Konstruktion einer absoluten Feindschaft dient.

Das diese absolute Feindschaft in der exzessiven und drastisch bebilderten Schlachtung der Körper ihre ästhetische Form findet, ist dergestalt logisch, ist doch die Verletzung Heiligkeit der Körper, deren Unversehrtheit und die, an den Körper gekoppelte, Individualität der Existenz eines jeden Menschen eines der großen Tabus westlicher Gesellschaft.

Eben deswegen müssen die Videos, die die Tötung von Menschen und die, die die Zerstörung von kulturellen Artefakten, in Form konkret physischer Objekte, wie zum Beispiel die Stadt al-Hadra, oder andere Stätten, als eine Einheit definiert werden. Es ist erklärtes Ziel beider nicht den Menschen als Subjekt und Individuum zu eliminieren, denn die übergeordnete Ordnung, als dessen Symbole und RepräsentantInnen die Körper und Objekte symbolisch dienen.

Der Partisan und die Ordnung des Raumes

Es vermag deswegen auch nicht weiter zu verwundern, dass einer Figur in den Videos immer eine zentrale Position zukommt: Dem maskierten Ausführenden. Nicht nur ist er/sie direkt Subjekt des Handelns, sondern vielmehr ästhetisierte Ikone. Durch Gewandung seiner/ihrer Individualität entrissen und durch das schwarz auf nichts weiter als auf die Waffe und andere, weniger scheinbare und religiös konnotierte Symbole, wie Stirnband und Co., reduziert, verweist er/sie darauf, dass er seine Identität und Individualität aufgegeben hat, um Teil des Kollektivs zu werden, dass uns optisch durch gleichgeartete Symbole präsentiert wird. So, wie die Videos in makrokosmischer Dimension darauf verweisen, dass sie Teil einer größeren ideologischen Ordnung sind, so verweist der Ausführende, als Symbol, darauf, dass er Teil einer symbolischen Ordnung ist und nicht deren herausragender Repräsentant. Die Ausführenden sind keine RevolutionärInnen. Keine Ernesto Guevaras und keine Maos. Sie sind Partisanen. Arbeiter, im Sinne Ernst Jüngers, für eine zu erschaffende Ordnung und Industriepartisanen im Sinne von Carl Schmitt. Sie sind Kodizies für die Wiederkehr des konkret Politischen. Sie definieren, strukturieren und hierarchisieren durch ihr konkretes Handeln einen realen und einen medial-virtuellen Raum zugleich. Vorwiegend dadurch, dass sie in diesen Räumen sowohl real, als auch virtuell, die Symbole eliminieren, die für eine abstrakte Ordnung des Raums durch Ideale stehen, die ihren eigenen Idealen widersprechen.

Obwohl dieser Raum nicht identisch mit Ordnungen, wie der Nation, dem Stammesgebiet, der Region, oder der abstrakten überregionalen politischen Vereinigung ist, so entfaltet er doch seine Logik, deren Spezifika am ehesten mit Carl Schmitts Idee von der Einheit von Ordnung und Ortung zu greifen sind. Die Videos sind gerade deswegen immer in einem klar sichtbaren und grob geographisch verortbaren Setting arrangiert, weil sie dergestalt so an einen konkreten geographischen Ort gemahnen: Das Territorium des Islamischen Staats.

Im Gegensatz zu anderen Regimen, die ihre Taten der entgrenzten Gewalt oftmals in Gebieten vollzogen, die nicht mehr direkt, oder nur peripher, dem Gebiet ihrer Hoheit zugeschrieben werden konnten, so vollzieht der Islamische Staat seine Taten im Herzen seines Hoheitsgebiets. Die gewalttätige Entgrenzung gegen die imaginierte Masse der Anderen wird dergestalt zum integralen Bestandteil der eigenen Ordnung und verweist so auch auf eine Einheit von Ortung und Ordnung. Nur im beherrschten und eigenhändig geordneten Bereich können die Anderen endgültig Vernichtung erfahren. Der Partisan ist VollstreckerIn dieser Einheit von Ortung und Ordnung und zugleich in seiner, scheinbar massenhaften Existenz, deren AnhängerIn, RepräsentantIn und GönnerIn. Die perverse Blume, verwurzelt in der Ästhetik des Terrors.

Er ist symbolische Ikone, als auch konkreter Exekutor zugleich! Sein Individuum und das, an den Individuen verursachte, Leid ist dergestalt immer nur Teil im Prozess einer Ästhetik des Performativen, deren Ziel die reale, als auch multimediale, topologische Neuordnung und ideologische Hierarchisierung des symbolischen Diskursraums ist.

Vulgäre Anerkennung

Nach Max Weber bedarf die Anerkennung einer existierenden Ordnung immer die Anerkennung der Ordnung derjenigen, an die sie sich richtet. Die Anerkennung des Islamischen Staats vollzieht sich hierbei in einem dualistischen Prozess, dessen Bezug durchaus als dialektisch beschrieben werden kann: Auf der einen Seite dieses Prozesses finden sich die direkt Regierten, die einem konkreten geographischen Zugriff unterliegen. Auf der anderen Seite diejenigen, deren Anerkennung abstrakt, in Bezug auf die Anerkennung der ausformulierten Ideologie und Topologie, zu erfolgen hat.

Die produzierten kulturellen Artefakte fordern dergestalt in einer primitiv vulgären Form immer auch die Anerkennung der Anderen, denen in den Artefakten immer die Vernichtung angedroht wird.

Der Wunsch und die Forderung nach Anerkennung ist deswegen immer eine des sich stärker Generierenden, der die Hierarchie und Ordnung über die bloße Fähigkeit zur steten und immer wiederkehrenden Fähigkeit der Entgrenzung des eigenen Seins organisiert.

Gerade deswegen lässt sich der Islamische Staat auch in realer Konsequenz nicht nur rein argumentativ bekämpfen, sondern muss immer zwangsläufig militärisch im konkret realen Raum konfrontiert werden.

So, wie die Videos über ihre Entgrenzung eine Topologie des Terrors ausformulieren und ästhetisieren, deren Ziel die Hierarchisierung der Anderen, über die stete Drohung der Vernichtung ist, so sehr muss sich bewusst gemacht werden, dass diese kulturellen Artefakte immer auf ein reales Sein Bezug nehmen. Ein Sein, indem diese Ordnung der Entgrenzung eine geographische Ortung strukturiert und beherrscht. Die Opfer sind Symbole, jedoch immer auch Menschen, die dem Willen zur totalen Vernichtung anheimgefallen sind. Ein Toter mag eine gewisse ästhetische und symbolische Topologie be- und ergründen, am Ende bleibt er/sie aber ein Individuum, dass auf grausame Weise dem Leben entrissen wurde. Die topologische Ordnung der Ästhetik des Terrors formt die Leidenden und ihre Pein zu Symbolen, um sie als Argumente in den globalen Diskursraum einzuspeisen. Eine Analyse, wie die hier vorliegende, kann dies analysieren. Es obliegt aber uns allen stets daran zu denken und zu gemahnen, dass eben diese Individuen mehr sind als bloße Symbole. Sie sind Menschen. Eine Ästhetik des Terrors kann nicht mit einer „Ästhetik der Menschlichkeit“ entgegengewirkt werden, da es diese Ästhetik nicht geben kann. Menschlichkeit ist konkret, da sie konkrete Subjekte kennt. Der Terror kennt diese Subjekte nicht. Er kann und will sie nicht kennen.

Eine Analyse der Videos allein wird und kann diese topologische Ordnung nur analysieren, nicht aber ändern. Dies kann nur die konsequente und letztendlich auch bewaffnete Konfrontation. Es ist eben dies das große Paradox, dass der entgrenzten Gewalt mit Gewalt begegnet werden muss. Auch und mit Unterstützung von Ländern, die ihre eigene Ordnung auf der Begrenzung von Gewalt konstituieren. Die Heiligkeit der Körper kann nur durch den unheiligen Akt der Opferung dieser verteidigt werden.  

Das alles und noch viel mehr würd ich machen, wenn ich doch endlich Souverän wär

Warum die „Identitären“ sich nicht als Terroristen verkleiden,

sondern am liebsten welche sein wollen

Die Bilder sind längst bekannt: Aktivist*innen der „Identitären Bewegung“ suchen sich einen öffentlichen Ort oder eine Veranstaltung. Ihre Leute gehüllt in Kleider und Insignien, die ihrer Meinung nach irgendwie mit den medial kolportierten Bildern von „Terroristen“ und Kämpfer*innen für Gruppen wie den „Islamischen Staat“ übereinstimmen.

Derart ausstaffiert stürmen sie entweder wahlweise Veranstaltungen anderer Organisationen oder inszenieren direkt auf offener Straße das, was einige „Identitäre“ als „aktivistisches Theater“ bezeichnen: Sie simulieren Enthauptungen, Steinigungen und gewalttätige Angriffe auf wehrlose Opfer.

Was auf den ersten Blick als bizarre (Re)-Inszenierung von Bildern und Narrativen anmutet, die die „Identitäre Bewegung“ immer wieder versucht als Gefahr im öffentlichen Diskurs zu verankern, nämlich die Gefahr islamistisch motivierter Terrorakte, ist letztlich in ihrem Kern weniger Verkleidung und Inszenierung, denn vielmehr Ausdruck einer tiefen inneren Sehnsucht der rechtsextremen Kader der „IB“: Der Sehnsucht selbst endlich zu einem solchen Souverän zu werden, wie es die bewaffneten und über Leben und Tod entscheidenden Terrorist*innen darstellen.

Maskierter Aktionismus als Gruppenerlebnis

Doch schauen wir zuerst, wann die „Identitären“ auf diese Aktionsform zurückgreifen. Denn letztlich, das muss direkt zu Beginn festgehalten werden, ist diese Aktionsform nur eine unter vielen, nicht ihre Alleinige. Auffallend aber ist, dass sie diese Form des Theaters besonders oft dann anwenden, wenn ihre mediale Präsenz nicht sonderlich groß ist.

Auffällig in diesem Zusammengang auch, dass von den „Identitären“ diese Form des Aktionismus meist dann genutzt wird, wenn sie personell auf eine äußerst geringe Anzahl an verfügbaren Personen zurückgreifen können. Diese „Terror-Inszenierungen“ ermöglichen einem kleinen Stamm an Personen an einer Aktion zu partizipieren. Die Aktionsform ist relativ ungefährlich und durch die Möglichkeit sich zu maskieren ermöglicht sie auch neuen Aktivist*innen teilzunehmen, ohne direkt in das Licht der Öffentlichkeit zu treten. Zudem besteht nicht die Gefahr von einem Gebäude zu fallen oder möglicherweise ungeschützt mit Gegenprotesten konfrontiert zu werden.

Im Kontrast zu dieser Aktionsform stehen zum Beispiel Infostände oder die Aktion der Störung von Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“, die unmittelbar zum Zweck haben, Aktionen und Gesichter der Aktivist*innen medial zu verbreiten.

Warum aber haben die „Identitären“ so großen Gefallen an diesen „Terror-Inszenierungen“ gefunden und greifen schon lange nicht mehr auf Flash-Mob Aktionen, wie „Multikulti Wegbassen“, zurück?

Mediensozilisation und die Logik der Drastik

Die Erklärung ist eine etwas kompliziertere. Sie lässt sich aber grundsätzlich in zwei Argumentationsstränge aufteilen. Erstens: Die meisten der Kader der „Identitären Bewegung“ in Österreich sind den Jahrgängen 1985-1995 zuzuordnen. Sie sind also Kinder, deren prägnanteste Medienerlebnisse nicht der Fall der Berliner Mauer oder die Tschernobyl-Katastrophe waren, sondern die Ereignisse ab dem 11. September 2001. In Gebäude manövrierte Flugzeuge, sich in die Luft sprengende Menschen, bis hin zu den grausamen Videos des „IS“, die Mord und Folter in den detailreichsten Ausschmückungen weltweit popularisierten. Sie sind Kinder dieser Bilderwelten und ihrer globalen Rezeption.

Wenn diese Kader um eines wissen, dann darum, dass die grausamsten Formen von Angriffen auf menschliches Zusammenleben in den letzten Jahren die medial am stärksten popularisierten Bilder waren. Wenn die Bilder, vom 11. September angefangen, sie eines gelehrt haben, dann ist es der Umstand, dass die Ausführenden dieser Akte des Terrors es geschafft haben, mit wenig personellem Aufwand Bilder zu „produzieren“, die ihren Weg in die internationalen Medien geschafft haben.

Die „Identitären“ , die grundsätzlich mit dem Problem konfrontiert sind, mit einer geringen Anzahl an Aktivist*innen eine Botschaft in den Medien verankern zu wollen, die wegen ihres menschenverachtendes Inhalts sonst in diesen Medien kaum bis gar keine Beachtung finden würde.

Die „Identitären“ affirmieren die Bildlogik des Drastischen. Im Wissen, dass ihre Bilder umso mehr Verbreitung finden, desto drastischer sie sind. Da sie (noch) an ihrer bürgerlichen Fassade festhalten, bleibt es deswegen zur Zeit bei der Simulation heftigster Gewalt. Kunstblut, Messer, als Schwerstverletzte geschminkt – alles in der Hoffnung auf der Titelseite einen Platz Seite an Seite mit den bewunderten Kämpfer*innen des „Islamischen Staats“ zu bekommen.

Der ultimative Souverän

Zweitens und umso bedeutender ist jedoch, dass diese Bewunderung sich nicht allein und auch nicht primär in einer Rezeption medialer Strategien erschöpft. Vielmehr sind die Akteur*innen des Terrors für die „Identitären“ eines: Bewundernswerte Souveräne.

Die Mimesis, die die „Identitären“ in Form von Verkleidung und Ausstaffierung mit diesen Insignien betreiben, ist für sie – und das ist der wichtigste Punkt – keine Verkleidung, sondern eine ehrfurchtsvolle Affirmation der Aura dieser Insignien und der Akteur*innen selbst.

Wenn die Taten, die innerhalb der letzten Jahre als terroristisch deklariert wurden, eines gemeinsam haben, dann ist es der Moment des Einbruchs der Gewalt in einen scheinbar zivilisierten Raum. Der Akt des Terrors zeigt einer Gemeinschaft ihre eigene Verwundbarkeit auf, indem sie, in kaum vorhersehbarer und deswegen auch kaum abwendbarer Weise, drastisch einen Moment in diese Gemeinschaft wieder inkludiert, den diese über diverse Formen der Zivilisierung versucht hat zu verbannen: Die tödliche Verwundbarkeit ihrer vergemeinschafteten Subjekte.

Der terroristische Akt verletzt und tötet letztlich nicht nur Subjekte der Gemeinschaft, denn vielmehr ist er sich bewusst, dass dieses Töten auf irgendeine Art medial festgehalten wird und dergestalt Verbreitung findet. Der Tod wird durch diese Möglichkeit der medialen Rezeption immer wieder reproduzierbar. Der Einbruch der Gewalt in die Gemeinschaft wird damit für eben diese immer wieder erlebbar. Es bleiben am Ende nicht nur die individuellen Toten, sondern vorwiegend auch ein zutiefst beschädigter Glaube der Subjekte in die Funktionsmechanismen der Gemeinschaft selbst.

Die Durchführenden dieser Akte sind letztlich die radikalste Form des Souveräns. Sie entscheiden, sie richten und sie exekutieren. Sie brauchen hierfür weder demokratische Legitimation, noch sind sie sonst wie irgendeiner Instanz der Kontrolle unterstellt. In ihren Händen verschmilzt ihre Ideologie mit der ultimativen Macht des Subjekts über Leben und Tod.

Diese Art Akteur ist ideologisch eine Figur, die sich kontradiktorisch zu Ernst Jüngers Figur des „Waldgängers“ entfaltet. Der „Ekel vor der Welt“ führt zwar ebenso noch zu einer „inneren Migration“, jedoch entlädt sich diese irgendwann in ihrer grausamsten Form – dem Akt des Tötens. Das die „Identitären“ Jünger vergöttern, zugleich aber eine dergestalte Mimesis solcher Akteure betreiben, zeigt letztlich auch, wie brüchig und widersprüchlich ihre selektive theoretische Rezeption ist.

Weg mit den Masken

Letztlich bleibt: Die „Identitären“ bewundern diese Art der Souveränität.

Betrachten wir ihre Propagandasujets so fällt auf, dass diese fast immer eine Rückgewinnung von Souveränität fokussieren. Grenzen sollen geschlossen werden, um eine imaginäre Gruppe zu verteidigen. Städte müssen von „der Antifa“ befreit werden. Die „Jugend ohne Migrationshintergrund“ muss sich endlich „wehren“ dürfen. Aktivsten sollen zu Soldaten werden. Und Soldaten sind, da sie nach Definition von Kubitschek  nicht-staatlichen Institutionen, sondern nur ihrer „Verantwortung vor dem Volk“ unterliegen, schon etwas, dass dieser Form der Souveränität sehr nah kommt.

Die Ideologie der „Identitären“, die ihre Taten derzeit im kompletten deutschsprachigen Raum über eine krude Rezeption des Widerstandsrechts rechtfertigt und die ausnahmslos ihre Struktur über die Hierarchisierung entlang von Führerfiguren entfaltet, muss zwangsläufig in den Akteur*innen des Terrors ihre großen Vorbilder finden, da diese in ultimativer Konsequenz ihre Ideologie der „Reconquista“ der Souveränität exekutieren.

Sie zeigen, dass es letztlich keiner Parlamente oder Abstimmungen mehr bedarf, um all denen, die als „feindlich“ definiert werden, endlich die Schädel einschlagen zu können.

Noch müssen die „Identitären“ deswegen die Maskerade der Bewunderten anziehen, weil sie selbst noch zu sehr in der Illusion verhaftet sind, sie könnten die Menschen um sich herum von ihrer „Friedfertigkeit“ überzeugen. Noch genießen ihre Führerfiguren zu sehr die Aufmerksamkeit der Medien, um endlich die Masken fallen zu lassen und ihre blutgeilen Kader loszulassen.

Dass viele „Identitäre“ die Ausschreitungen in Bautzen feierten, ist auch deswegen logisch: Sie sehen ihre eigenen Bedürfnisse in den wildgewordenen und unmaskierten Gewalttätern gespiegelt. Endlich aufzuhören zu diskutieren, keine Masken mehr und keine Kleider derjenigen, die sie nicht sind. Sollten sie sich je für das Ablegen der Kleidung entscheiden, so bedeutet das für die „Identitären“ auch, dass sie als Subjekte vollends in ihrer Ideologie aufgehen. Wo es jetzt noch einen kleinen Weg zurück gibt, wird es dann nichts mehr geben. Es bedeutet aber auch endlich ihre Ideologie in eine konkrete blutige Praxis übersetzen zu können: Selbst zum Souverän werden. Selbst zu bestimmen. Selbst zu entscheiden. Selbst über Leben und Tod zu richten.

Die „Identitäre Bewegung“ und ihre geheimen Kontakte in den Osten

Die „Identitäre Bewegung Österreich“ und ihre Kader unterhalten umfangreiche Kontakte zu faschistischen Organisationen in Russland und Osteuropa. Der Standard berichtete als erster über dieses umfangreiche Netzwerk. Wir werden hier im folgenden alle Artikel zu diesem Komplex sammeln:

 

Aktueller Artikel über die Kontakte in Deutschland. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Demo der „Identitären Bewegung“ in Wien am kommenden Wochenende.

http://www.bnr.de/artikel/hintergrund/neu-rechte-verkn-pfungen

Recherche Wien schreibt am 16.06. über die Umstrukturierung der „Identitären Bewegung“ und die Kontakte zu russ. Faschist*innen. Das Fazit hier:

Es liegt nahe, dass die „Identitäre Bewegung“ in Österreich aktuell versucht „Experten“, allen voran Markovics aufzubauen, die sich sowohl in ihrer Repräsentation als auch in der von ihnen in der Organisation eingenommen Funktion von den Aktivist*innen auf der Straße abgrenzen und auch einen weiteren Versuch darstellen, die eigene neofaschistische Ideologie hinter einer bürgerlichen Fassade zu tarnen.

Die Umstrukturierung der „Identitären Bewegung Österreich“ als Nebelgranate

 

Artikel des Standard:

http://derstandard.at/2000038542175/Identitaere-Gruesse-aus-Moskau-Rechtsextreme-Allianz-in-den-Osten

„Heiliger Tod“ – Über die neuen Faschist*innen und den Tod

In einer Nacht im April 2016 wird in Wien eine Frau auf dem Weg nach Hause Opfer eines fürchterlichen Verbrechens. Es dauert keine Stunden, da beginnt auf den Onlinepräsenzen der „Identitären“-Aktivist*innen der perfide Prozess postmortaler Verklärung. Zuerst tauchen Bilder des Opfers auf, dann Bilder des vermeintlichen Tatortes. Eine Wand am Yppenplatz, versehen mit einem linken Graffiti.

Wenige Zeit später dann die ersten kürzeren Statements. Das Opfer sei eine aus ihren geistigen Reihen gewesen. Eine „Patriotin“. Eine, die auf Facebook die digitale Präsenz der „Identitären Bewegung“ geliked habe.

Nach wenigen Tagen dann der Höhepunkt. Die „Identitäre Bewegung Österreich“ ruft zu einem Totengedenken am 8. Mai auf. Sagt dieses kurze Zeit später unter Berufung auf polizeilichen Rat aber wieder ab. Antifaschistische Menschen hatten zum Gegenprotest aufgerufen.

Das stille Gedenken am 8. Mai wurde zu einem Aufmarsch der Polizei, die mit Panzerwagen, Helikopter und jeder Menge Fußvolk aufwartete. Drei den „Identitären“ nahestehende Aktivisten hatten sich trotz antifaschistischer Gegenproteste und der Möglichkeit einen Abend zuvor an einem, von den Anrainer*innen organisierten, Totengedenken teilzunehmen, um der Provokation Willen eingefunden.

Vom Individuum zum Symbol

Auch wenn die faschistischen Kader sich in ihren Wortmeldungen immer wieder darum bemühten, eine individuelle Dimension des Todes zu erwähnen, so sehr straft die Gesamtheit ihrer Aussagen diesem geheuchelten Interesse Lüge. Von Beginn an wurde das Opfer von den Faschisten zu einer Figur ihres ideologischen Koordinatensystems degradiert. Nicht mehr das persönliche Leid über den Verlust eines Menschen stand im Vordergrund, denn vielmehr der von ihnen konstruierte symbolische Gehalt der dem Opfer zugeschrieben wurde. So starb in dieser Nacht nicht mehr ein Mensch, sondern da wurde eine Österreicherin, eben auch noch eine mit „patriotischer Stimme“, zum „Opfer von Multikulti“. Mussten die „Identitären“ in den Monaten und Wochen zuvor noch die Opfer von Paris und Brüssel bemühen, um ihre Überfalle auf Theatervorstellungen und Parteizentralen zu rechtfertigen, so hatten sie nun endlich eine Märtyrerin in ihren eigenen Reihen.

Der individuelle Mord wird so zu symbolischen Manifestation ihrer Ideologie. Ganz im Sinne dessen, dass der „Große Austausch“ nur eine Art des langsam erfolgenden „Genozids an den weißen Europäern“ ist und es nur noch dieser Generation von „Menschen ohne Migrationshintergrund“ gelingen kann, eine Wende herbeizuführen, wird das Todesopfer für die „Identitäre Bewegung“ zu zweierlei: Erstens einem Mahnmahl ihrer Ideologie. Ein scheinbar realer, nicht zu wiederlegender Beweis, dass ihre Sicht der Welt stimmt. Zum Anderen ein Versprechen, nämlich dass dieses Opfer, sollten sie ihren Kampf vorantreiben, möglicherweise das Letzte sein könnte.

Vom Sakralen zum Paradox

In der Fetischisierung und Institutionalisierung des Todes berührt und vereinnahmt faschistische Ideologie das Sakrale. Politik und politisches Handeln, gerade im Sinne Gemeinschaften strukturierender Handlungen, wird hierbei zum größten Teil einer menschlichen Determination entzogen. So wie der Tod Mythos ist, wird die faschistische Ideologie mythisch aufgeladen. Das Handeln der Aktivist*innen dient nicht mehr nur einem konkreten Zweck menschlicher Existenz, sondern ist in seinem Sein allein schon quasi-sakrale Handlung selbst und erfüllt in ihrer bloßen Durchführung einen Zweck der keiner Begründung mehr bedarf.

Gerade in dieser geistigen Haltung zum Tod zeigt die „Identitäre Bewegung“ ihre geistige Nähe zum Urvater der rumänischen Faschist*innen und Führer der „Legion Erzengel Michael“ Cornelia Zelea Codreanu, dem es in seiner Ideologie immer um eine christlich identitäre Resakralisierung des Lebens ging und für den der Mythos letztlich im Sakralen zum Vorschein kommt, was für ihn die wirkliche Grundlage der Welt abbildete.

Es ist diese Instrumentalisierung des Todes, in der faschistische Ideologie die ihr grundlegende Dialektik von Mythos und Moderne auf die Spitze treibt. Wobei Moderne eben als eine nicht einheitlich zu kategorisierende Masse an Prozessen definiert werden muss, die sich in den Feldern Industrialisierung, Urbanisierung, Säkularisierung und Rationalisierung vollzieht.

So sehr verschiedene Ausformungen faschistischer Ideologien die Moderne, allen voran die von ihr ausgehende „Entzauberung der Welt“ zum Teil ablehnen, so sehr bedürfen sie dieser spezifischen Formen, um sich selbst konstituieren zu können. Faschistische Ideologie in allen ihren Ausprägungen und Facetten ist gerade deswegen dominierend immer auch eines: Ein Paradoxon.

Wichtig bleibt letztlich das Paradoxe und es ist dieser Punkt, der uns wieder zu der „Identitären Bewegung“ zurückbringt. Ideale einer einfachen, bäuerlichen Existenz, wie sie zum Beispiel der deutsche Nationalsozialismus in seiner Ideologie ausstaffierte und wie sie auch diverse Propagandamaterialen der „Identitären Bewegung“ hochhalten, können in ihrem Dasein und in all ihrer Widersprüchlichkeit und unterschiedlichen Tendenz zur gesellschaftlichen Realität koexistieren. So ist es für die Aktivist*innen des neuen Faschismus kein Widerspruch, in der Wohnbatterie mit ihrem MacBook an einem Aufkleber zu arbeiten, der ein bäuerliches Sein imaginiert oder mit dem Smartphone aus dem Wald zu twittern, dass gerade Jüngers „Waldgang“ gelesen wird.

Ziele antifaschistischer Intervention

Der Faschismus findet letztlich nicht umsonst im Krieg zu seiner vollendeten Form, denn er bedarf in seinem Wesen, dass Gemeinschaft durch Ausgrenzung, Ausmerzung und Vernichtung definiert, in sich selbst den Tod und die Zerstörung. Und so wie der Faschismus den kriegerischen Konflikt braucht, brauchen die „Identitären“ die Toten. So wie vor Jahrzehnten die „gefallenen Kameraden“ in den Reihen der SA über ihren Tod hinaus mitmarschierten, so sind es die von den „Identitären“ stilisierten „Opfer des Multikulti“, die für immer in ihrer Argumentation mitlaufen werden. Denn diese Toten sind für sie keine konkreten Menschen mehr, sondern letztlich eines: Die ersten Opfer eines Krieges, in dem sie an vorderster Front kämpfen.

Antifaschistische Intervention darf sich, den obigen Ausführungen folgend, deswegen nicht nur im Aufzeigen dieser Strategien des Faschismus, deren Ziel die Heiligsprechung des Todes ist, erschöpfen, denn muss umso mehr die Re-Individulisierung der Opfer zu seinem Anliegen machen.

Das Aufzeigen und Diskutieren von konkreten gesellschaftlichen und individuellen Umständen und Schicksalen ist Bedingung, um die Opfer den Aktivist*innen als Symbole zu entreißen.

Antifaschismus muss eben auch heißen, nicht selbst die Opfer zu Symbolen für historische Tage, politische Ereignisse oder eigene Befindlichkeiten werden zu lassen, sondern ihre Individualität hochzuhalten. Denn nur im Spiegel der Individualität von uns allen können wir Ideologien entgegentreten, die Individualität längst durch Kollektivität ersetzt haben. Ideologien, die gewählte Gemeinschaft und Freiheit des*der Einzelnen mittels schicksalsbedingter Vergemeinschaftfung degradieren. Die lieber für ihre Hautfarbe oder Herkunft sterben, denn sich anzuschauen, wie sie selbst durch all die Menschen um sie herum bereichert werden.

Zombies, Techno und schwitzende Comicfiguren

Oder warum die „Identitären“ Popkultur gerne mit Historie verwechseln
und von beidem keine Ahnung haben

Muskelbepackte antike Soldaten, die sich mit Schild, Schwert und Lambda den Persern entgegenwerfen.

Österreichische Feldherrn, die die Türken abwehren.

Invasoren, die in Booten über das Mittelmeer kommen, um Europa zu vereinnahmen.

Europa am Abgrund!

Wenn uns noch eines retten kann, dann sind das wohl nur noch Ernst Jünger, Martin Heidegger und vielleicht Norbert Hofer. Und zwar genau in dieser Reihenfolge!

Bildlogiken der Dystopie

Flyer, Sticker, Videos, Reden. Alles, was die „Identitären“ in Österreich an Artefakten produzieren, strotz auf den ersten Blick vor scheinbar gut konstruierten und gewollt inszenierten historischen Bezugnahmen, die das historische Ereignis immer in Relation zu ihrem eigenen Handeln im Hier und Jetzt setzt. Selbst ihre große mythologische Grundnarration des „Großen Austauschs“ versucht aktuelle, vorwiegend durch kriegerische Konflikte verursachte, transnationale Migrationsbewegungen in eine historische Kontingenz zu überführen, in der aus den flüchtenden Menschen barbarische Invasoren werden, derer es sich, so verlangt es die von den „Identitären“ bemühte Historie, kämpferisch zu erwehren gilt.

Selbst die meisten Expert*innen im Feld des Rechtsextremismus widmen sich ausführlich diesen vorgeblich historischen Quellen: Sie analysieren, sezieren und versuchen Verbindungen aufzuzeigen, legen Quellen offen und schreiben seitenlang über die bemühte Historie der identitären Bilderwelten.

Fazit dieser Prozesse: Die „Identitären“ seien eine Art Intellektualisierung und Modernisierung bestehender neofaschistischer Strukturen. Keinesfalls dumme Klischee-Nazis. Auch dieses Blog verwehrte sich dieser Analyse nicht.

Doch ist das gedankliche Gebäude der „Identitären“ wirklich so ein Palast der feinen Bezugsquellen, der geschickten Affirmation historischer Bilder und der durchdachten Philosophie?

Nein. Das Denken der „Identitären“ ist eher eine billige Hütte; zusammengeschustert aus ein paar plakativen Philsophiefragmenten, sinnentleerten historischen Bezugnahmen und einer anderen wichtigen Zutat: Ganz viel Pop.

Historie als Simulakrum

Die Quellenverwertung der „Identitären“ ist primär eine Verwertung und Exploitation popkulturell vorhandener Bildkomplexe, an die Theoriefragmente geknüpft werden.

Die „Identitären“ bedienen sich hierbei an allem, was aktuell und in direkter zeitlicher Perspektive an Kinofilmen, Musik, Comics und anderen Quellen verfügbar ist und entkoppeln einzelne Fragmente dieser Artefakte, um sie anschließend mit neuen Inhalten aufzuladen. Ganz im Sinne Jean Baudrillards, der diesen Prozess in seinem Werk „Der Symbolische Tausch und der Tod“ unter dem Theorem des Simulakrums fasst, entstehen so neue Bilder, die in ihrem Wesen ihre originäre Bedeutung dennoch zu Teilen beibehalten und dergestalt popkulturell anschlussfähig bleiben.

Von „300“ über andere europäische Schlachten bis zum imaginierten Kampf gegen die „Invasion Europas“ bedienen sich die Akteuer*innen an Bildern, Dramaturgien und Narrativen, die mehr popkulturellen Logiken unterliegen, denn faktenbezogenen historischen Quellen. In vielen der Bezugnahmen, die konkrete Historizität simulieren, ist eben diese nur noch, wenn überhaupt, unter einem dicken Nebel Hollywood-Ästhetik vorzufinden.

Dass die Wahl eben auf Filme wie „300“ fällt oder dass die Akteuer*innen sich darüber profilieren, dass sie über ein detailliertes Wissen zum Teil dezidiert linker Popmusik verfügen, liegt eben nicht daran, dass sie sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, sondern daran, das diese Artefakte aktuell in Teilen des kollektiven Gedächtnis verankert sind. Wer die letzten fünf bis acht Jahre irgendein Festival im deutschsprachigen Raum besucht hat, wird nicht umhin gekommen sein, Electropunk im Stile von Egotronic wahrzunehmen. Wer sich in den letzten Jahren für Kinofilme interessiert hat, weiß um die Bildern, die Zack Syner zusammen mit Frank Miller geschaffen hat und welche Diskussionen diese ausgelöst haben.

Gerade der „große Austausch“ verweist in seiner Narration und der ikonographischen Bebilderung, die er erfährt, mehr auf apokalyptische Kinofilme, im Besonderen die des Zombie-Genres, denn auf Theorien, die konsistent und diskutabel erschienen. Bei diesem selbstgeschaffenen Mythos geht es längst nicht mehr um Argumentation, denn vielmehr um das Heraufbeschwören von Bildern, in denen eine entmenschlichte Masse in einen scheinbar zivilisierten Raum eindringt und mit Gewalt zurückgedrängt wird, kurzum eine Fabel des Genozids. Dieses Motiv funktioniert, wie Kathrin Glössel zurecht feststellt, zum einen nur als Verschwörungstheorie, zum anderen aber auch nur, weil die Bilder der „Identitären“ an solche Erzählungen wie „Dawn Of The Dead“ oder „World War Z“ anknüpfen können. Denn der Umgang mit den Entmenschlichten und „Zombifizierten“ bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Bilder sind hier in ihrer Assoziation direkter Lösungsvorschlag: Vernichtung!

Historie als Klamauk

Die Historie gerät in der Popkultur zum Klamauk und es sind diese Bilderwelten des Klamauks, die die „Identitären“ mit politischen Fragmentstatements aufladen und dann wiederum als konkrete Historizität präsentieren. Bildbezüge, wie die schwitzenden und muskelbepackten Spartaner, werden deswegen nicht als völlig dümmliche Bezugnahme auf Popkultur analysiert, weil gerade die popkulturellen Referenzen vielfach fälschlich als gewollte und durchdachte Modernisierungsstrategie der Faschist*innen und „Neuen Rechten“ analysiert werden.

Gerade eben auch im Handeln der Aktivist*innen zeigt sich diese Elternschaft des Pops. So versucht zwar gerade Martin Sellner dem Aktionismus immer einen pseudointellektuellen Bezugsrahmen (Stichwort Wiener Re-Aktionismus) zu geben, in der Realität aber weisen Aktionen, wie die Dachaktion in Graz, die Stürmung des Audimax mit Blutverschütten und das Erklimmen des Burgtheaters, mehr Gemeinsamkeiten mit dem Actionkino à lá Bruce Willis auf, denn den Aktionen von Herman Nitsch.

Ein guter Faschist: Neofolk und Heidegger-Klischees

Auch abseits der massentauglichen Pfade der Popkultur zeigt sich, dass die „Identitären“ sich mit leicht verdaulichen beziehungsweise gut vorgekauten Gedankenhäppchen leichter tun, denn wirklicher Auseinandersetzung.

Auffallend ist dies gerade bei Martin Sellner, dessen Denken sich fast ausschließlich in gedanklichen Bezügen auf die Neofolk-Subkultur erschöpft. Sein Wissen über das „heimliche Deutschland“, Ernst Jünger oder Oswald Spengler steht fast immer mehr im Zeichen der neusten „Darkwood“-Scheibe und dem zusammenfassenden Artikel auf „heathen harvest“, denn einer fundierten Textgenese.

Dies zeigt sich dominierend in Sellners Heidegger Rezeption, über die er alltäglich versucht einen elitären Habitus herauszukehren. Dabei zeigen Sellners Schriften unmittelbar, dass ihm nicht an den Theoremen Heideggers gelegen ist, denn vielmehr an dem Kult um Heideggers Person und die stets mitschwingende Kontroverse um Heideggers gedankliche Nähe zum nationalsozialistischen Regime. Sellner gibt diesen Weg des Interesses selbst offen zu. So war seine erste größere Auseinandersetzung mit Heidegger eine Bachelorarbeit über die schwarzen Notizhefte. Das Sellner nach einer solchen Arbeit stets im positiven und absolut unkritischen Bezug auf Heidegger verweilt, zeugt nicht nur von seiner Ignoranz, sondern eben auch von seiner Sympathien für faschistische Gedankenkomplexe beziehungsweise der Simulation von Intelligenz durch Bezug auf kryptische Denker. Es geht hier letztlich nicht um die Diskursivität einer Art des Denkens, denn vielmehr um das Herausarbeiten der Argumentationslogiken einer „überlegenen“ rechtsgerichten Philosophie.

Kritik als Wunschbild der Kritisierenden

Eine durch und durch akademisierte Analyse und Kritik reaktionärer Phänomene bedarf der unhinterfragbaren Grundhypothese, dass Argumentation, Agitation und gedankliche Konstitution dieser Gruppen und Akteuer*innen sich den gleichen Spielregeln der Kritisierenden unterwerfen. Um sich in Analysen der kulturellen Artefakte des zu kritisierenden Objekts zu vertiefen bedarf es zwei grundlegender Annahmen:

  1. Die Artefakte, allen voran die Schriftstücke, besitzen für die Konstitution solcher Gruppen eine herausragende Bedeutung.

  2. Meinungsbildung funktioniert in diesen Gruppen über eine Exegese vorliegender Schriften und anderen Artefakten und Meinungsmacher*innen.

Es sind eben diese zwei Annahmen, die zeigen, wie sehr die Kritiker*innen und Analysierenden ihre eigene großbürgerliche Diskussionskultur in das Handeln und die geistigen Produkte ihrer Untersuchungsobjekte projizieren. Die Annahmen, dass historische Bezüge gewollte und durchdachte Konstruktionen sind, dass theoretische Fragmente gewollte und bewusst gewählte Rahmungen und Bezüge darstellen. Dass Popkultur, wenn überhaupt, als ironisches Beiwerk funktioniert, nie aber des Pudels Kern darstellt. So wenig die Gefahren, die von den neuen Faschist*innen ausgehen, unterbewertet werden dürfen, so wenig dürfen wir uns als Analysierende darin versteigen, die Gruppierungen als Zusammenschlüsse hochintellektueller Superwesen darzustellen. Dass einige der Kader Sätze mit mehr als 5 Wörtern bilden können und dass dieser Umstand allein sie von älteren neonazistischen- bzw. faschistischen Strukturen abgrenzt ist klar. Das es aber in den Reihen der Ihren jede Menge Aktivist*innen gibt, die bei Camus immer noch eher an einen vermeintlichen französischen Weichkäse, denn an Albert oder Renaud denken, muss uns ebenso bewusst sein.

Pop als Praxis anerkennen

Was aber nun, wenn Filme wie „300“, Musik und aktuell im Diskurs vorhandene Bilder für die Konstruktion und spezifische Ausformung reaktionärer Gedankengebäude weitaus wichtiger sind, als Camus, Heidegger und die Interpretationen von „Lichtmesz“ und Co.?

Es braucht dieser Annahme, um die eigene wissenschaftliche Anstrengung zu rechtfertigen und doch führt gerade dieser Modus der Beschäftigung zu dem Umstand, dass „Identitäre“, „Neue Rechten“ und anderen faschistischen Gesinnungsgefährt*innen eine Tiefe und Intensität in den Gedanken unterstellt wird, die diesen bei weitem nicht zusteht. Es gilt diese popkulturellen Bilder ernst zu nehmen und in ihrer Ernsthaftigkeit zu analysieren. „300“ ist demnach mehr eine grobschlächtige Verherrlichung faschistoider Männlichkeit, denn historische Studie. Nur so können die Phänomene richtig bewertet werden.

Dass dieses Prinzip der popkulturellen Vermischung gerade in Österreich so gut funktioniert und die „Identitären“ sich hier einer derart unüberschaubaren Anzahl an Ikonen, Bildern und Narrativen bedienen konnten, liegt eben auch daran, dass Bilder, die zur Ideologie der „Identitären“ passen, wie zum Beispiel der Belagerung der Stadt Wien durch die Türk*innen, viel stärker im kollektiven Gedächtnis Österreichs verankert sind. Gerade durch seine Scharnierfunktion zwischen einem imaginären „Westen“ und einem „wilden Osten“ ist Österreich voll von Erzählungen und Bildern, die dergestalte Konflikte zum Thema haben. Auch deswegen befruchten sich das burschenschaftliche Milieu und das der „Identitären“ so paradehaft: Die Narrative, Mythen und Ikonen nationaler Identitätsbildung sind Muttermilch vieler Burschenschafter.

Es muss nun mehr denn je gelten, den Aspekt der exploitativen popkulturellen Bezugsquellen herauszuarbeiten und damit zu zeigen, um was es sich bei Gruppierungen, wie den „Identitären“ primär handelt: Eine Bande post-pubertärer Jungs, die gewisse Kenntnisse aktueller Filme und Musik und einiger „nerdigen“ Gebiete aufweisen. Was sie aber nicht sind, ist der hochintelligente, unglaublich belesene Heidegger-Lesekreis.

Ist das Kunst oder kann das weg? Warum auch der mit Farbe um sich schüttende Faschist letztlich immer ein Faschist bleibt

Martin Sellner und die Akteuer*innen der „Identitären“ wollen gerne intellektuell und provokant wirken. Und da in Wien das Wort Provokation kaum erwähnt werden kann, ohne im Nachgang die Namen Brus, Nitsch, Schwarzkongler und Wiener Aktionismus zumindest gedanklich zu assoziieren, war es klar, dass die „Identitären“ irgendwann bei den genannten landen mussten.

So besetzten sie erst in Graz erst das Dach der „Grünen“ und übergossen es mit roter Farbe, dann stürmten sie eine Veranstaltung in den Räumen der Universität Wien und schütten auch hier wieder mit roter Farbe in geistiger Umnachtung um sich.

Anschließend wurden die dargebotenen Aktionen groß in Verbindung mit den Begriffen „Aktionskunst“, „Wiener Aktionismus“ und einer starken Bezugnahme auf die Schüttbilder Herman Nitschs in unzähligen Social-Media-Posts angepriesen.

Was vordergründig wie eine neue Form der durchdachten Provokation wirkt, zeigt bei näherer Betrachtung wiederum nur eines, nämlich, dass die intellektuelle Auseinandersetzung von Seiten der „Identitären“ mit Phänomenen jeglicher Art, in diesem Fall dem Wiener Aktionismus, niemals mehr als die Lektüre der ersten drei Zeilen der Wikipedia-Zusammenfassungen umfasst.1

Gerade der Versuch der Vereinnahmung der Wiener Aktionist*innen nun aber zeugt von so perfider Dummheit und Ignoranz, dass es schon fast wieder überrascht. Da solche Selbstzuschreibungen aber leider allzu schnell durch Medien unreflektiert Verbreitung finden, möchte ich an dieser Stelle drei Argumente darlegen, warum die Wortpaare „Identitäre Bewegung“ und „Wiener Aktionismus“ gar nicht in einem Satz zusammen genannt werden sollten. Und warum nicht jeder mit Kunstblut schüttende Faschist ein Künstler ist, immer aber doch ein Faschist.

Es sei mir entschuldigt, dass ich im Folgenden zwischen den verschiedenen Künstlern des Wiener Aktionismus wenig differenziere und sie auf eher verbindende, denn trennende Kriterien reduziere.

  1. Wenn es ein bestimmendes Thema bei allen Akteuren des Wiener Aktionismus gab, dann war und ist dies die extreme Bearbeitung der eigenen Körperlichkeit und die drastische Zurschaustellung des Aufbrechens dieser Körperlichkeit, damit einhergehender Verletzlichkeit und die Integration von Artefakten dieser Verletzungen (Blut, Speichel, Kot, Erbrochenes) in das performativ Dargestellte.

    Der Wiener Aktionismus konfrontierte hierbei spiegelbildlich die sie umgebende und als extrem reaktionär definierte österreichische Nachkriegsgesellschaft mit ihren eigenen Körperpanzern und den tiefliegenden versteckten Wunden, die sie sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges versuchten hinter der biederen Fassade der Strenge zu verbregen.

    Opfer wollten damals wie heute alle sein, aber die Wiener Aktionisten zeigten, dass die sich als Opfer genierenden immer noch Täter waren, indem sie schwiegen und versteckten.

    Es ging hierbei nie um das reine Aufzeigen, denn vielmehr eine Katharsis des immer noch vorhandenen innerlichen Faschismus und seiner Zwänge, die sich existenziell in den Körpern der Menschen verdichteten. Der Wiener Aktionismus war auch deswegen eine Art antifaschistische Selbstwerdung, indem die Künstler ihre eigenen Körper von den Körpern der Täter gewaltsam, nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret, abtrennten. Ein Exkludieren aus der kollektiven Identität, um zur eigenen finden zu können.

    Wie also könnt ihr „Identitären“ nun diese Künstler in eure Reihen einreihen, wo doch eure Körperlichkeit eine ganz und gar Faschistische ist? Wie passt der am Boden liegende und mit Blut überströmte leidende Brus zu euch, die ihr doch sonst nur die cartoonesquen Spartaner aus „300“ als Männer anerkennt?

  2. Die Gesichte des Wiener Aktionismus ist eine der Konfrontation zwischen Österreichischer Gesellschaft und den Künstler*innen. Sie ist letztlich eine Gesichte juristischer Verurteilung, des jahrelangen Ignorierens der Kunstwerke und der gesellschaftlichen Exklusion ihrer Akteur*innen.

    Gerade weil der Wiener Aktionismus Symbole des Staats (zum Beispiel Nationalfahne und Nationalhymne der Bundesrepublik Österreich) mit in seine performativen Akte inkludierte, zogen die Künstler sich den Zorn des Staates und seine juristische Verfolgung zu. Sich als „Identitärer“ auf Kunst zu beziehen, die dafür verfolgt wurde, weil sie auf die Fahne des Staates, der euch so heilig ist, kotzten und kackten, ist an Dummheit kaum mehr zu überbieten.

  3. So sehr die Aktionist*innen immer ihre eignen Körper traktierten, so sehr achteten sie die Körper der Menschen, mit denen sie sich künstlerisch ausdrückten. Der Wiener Aktionismus ist eine der wenigen Formen der künstlerischen Aktion überhaupt, die andere Menschen und nicht nur sich selbst in die Performance integriert. Immer aber erfolgt/e diese Integration der anderen auf dem Moment der Freiwilligkeit. In Wort und Schrift betont Herman Nitsch immer wieder wie wichtig ihm um das Wohlergehen seiner Akteuer*innen ist. Gerade auch deswegen, weil die Künstler aus eigenen Erfahrung wissen, was die symbolischen Aktionen konkret in den Menschen auslösen können: Angst, Schmerz, Wut, Verzweiflung und vieles mehr.

    Und nun kommt ihr, ihr „Identitären“, die ihr weder Ahnung von Kunst noch von den Auswirkungen performativer Kunst auf den Körper oder seine Akteuer*innen habt, und schüttet im Hass auf die Anwesenden ungefragt Kunstblut über die Menschen und entlarvt euch damit letztlich doch nur selbst als Knechte, die zwar vorgeben aus Liebe zu handeln, doch eigentlich nur Leid und Angst schüren wollen.

Egal ob früher Expressionismus, Dada oder Wiener Aktionismus. Es ging der Kunst nie um kollektive „Identität“, sondern vielfach um die schrecklichen Auswirkungen von Rassismus, Hass, ungezügeltem Kapitalismus und dem industriellen Töten auf den Körper der Menschen. Die Leidenden, die Verkrüppelten, die, die den Hass der Herrschenden in den Gräben der Schlachtfelder erdulden und umsetzen mussten, das waren die Objekte dieser Kunst.

Nie der Pathos, nie die Verherrlichung der ideologisierten Körper, nie die Glorifizierung des Leids und der Leidenden.

„Identitäre“, wenn ihr „Kunst“ machen wollt, dann hört den Pathos-Kitsch des Neofolk, geilt euch auf an Breker und schwelgt gedanklich in den Stahlgewittern eures imaginierten „Untergangs des Abendlandes“, aber hört auf von Dingen zu reden, von denen ihr nichts wisst. Am Ende zeigt ihr immer nur, dass ihr dumme pubertäre Schläger seid, die Propaganda nie von Kunst differenzieren werden können.

1 Herzlichen Glückwunsch Martin Sellner, zumindest rudimentäre Fähigkeiten des Lesens können dir also nicht abgesprochen werden. Ganz im Gegensatz zu so manch anderem Kameraden.

Kampf, Sieg oder Körper – Ideen zu den „Identitären“ und Popkultur

Abstract

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen Ideologie, deren Transformation in popkulturelle Bilder und Körperlichkeit. Im Zentrum steht hierbei die Frage, inwieweit sich neurechte Bewegungen, wie zum Beispiel die Identitären, neue popkulturelle Bilderwelten geschaffen haben und wie sie über diese Bilderwelten ihre neuen/alten Narrationen der menschlichen Ungleichheit massenkompatibel transportieren können.

Der Artikel zieht hierfür Verbindungen von Österreichs Neuen Rechten der 1990er, ausgehend von den Akteuren der FPÖ im Bezirk Alsergrund, über die Versuche der Beeinflussung des Dark-Wave bis zu den neuen Stichwortgebern rund um Martin Lichtmesz und Co.

Dieser Artikel geht davon aus, dass es, um die Erkenntnisse vorwegzunehmen, den Identitären gelungen ist eine Art „neu(e) rechte Popkultur“ zu erschaffen, die sowohl in ihren ästhetischen als auch ihren inhaltlichen Ausformungen und Narrativen die Linke mit ihren bewährten Tools der Analyse und Kritik noch nicht recht fassen kann und denen sie, diesem Umstand Rechnung tragend, derzeitig eher hilflos gegenüber steht. Gerade auch, weil ihr mit Alfred Schobert und Martin Büsser zwei Experten verloren gegangen sind, die als Einzige detaillierte Analysen von und Kritik an Szenen wie der des Dark-Wave und Neofolk zu üben wussten, in denen die Neuen Rechten nun, ohne großen Widerstand, agieren. Diese „Popkultur von Rechts“ ist für die Identitären Diskussionsraum, Rekrutierungstool und Raum der politischen Agitation zugleich.

Dieser Artikel reißt viele Ideen an, bringt dabei Theorien zusammen, die vielleicht gar nicht zusammen gedacht werden sollten, und ist vor allem eine essayistische Sammlung erster, jedoch grundlegender Gedanken. Für Diskussionen, Anregungen, Kritik und wüste Beschimpfungen bin ich deswegen mehr als dankbar.

Zur Aufteilung: Es gibt den gesamten Artikel als pdf. zum Download hier. Auf der Blogseite habe ich mich für eine separate Veröffentlichung der jeweils einzelnen Kapitel entschieden. Der gesamte Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte, welche im Gesamten zu lesen durchaus sinnhaft ist, die aber auch Stand-Alone verstanden werden können.

Den gesamten Artikel gibt es hier als pdf Download:

Inhalt:

1. Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

2. Körper, Popkultur und Normation(en)

3. Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

4. Die neuen alten Mythen der Identitäten

5. Subkultur von Rechts?

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