Kategorie: Neofolk

Feuchte Träume von der (neo)konservativen Revolution – Martin „Lichtmesz“

Oh Martin, was hat dich bloß so ruiniert?

Ich weiß nicht, ob alles mit dir irgendwann einmal gut angefangen hat, aber das, was ich weiß, naja, dass deutet nicht darauf hin: 1976 geboren zählst du dieser Tage wohl schon längst nicht mehr zu den „Jungen Wilden“ der neuen Generation, die sich um die Identitären sammelt. Leider aber bist du auch zu jung, als dass du mit den großen Epigonen zu Beginn der „Neuen Rechten“ hättest spielen dürfen.

Aber ja, du bist alt genug, um erlebt zu haben, wie in der musikalischen Subkultur des Neofolk die Beschäftigung mit faschistischer Ideologie, deren Symbolen und allerlei anderen reaktionären Ideen ein paar Menschen für den „Untergang des Abendlandes“ begeistern konnte.

Dass diese Zeit für dich wohl die beste deines Lebens gewesen sein muss, das ächzt uns jedes Wort deines Artikels in Alexander Nyms Buch „Schillerendes Dunkel“ entgegen. War sicherlich ein ziemlich großer Tag für dich, als du deine kruden Thesen auch mal einem Publikum abseits deiner sonstigen Schar an Jüngern präsentieren durftest.

„Lichtmesz“ nennst du dich ja selbst. Warum eigentlich? Weil der Neofolk dir deine „germanischen“ Wurzeln bewusst machte? Oder weil du Angst hattest, in der Szene als „Tschusch“ beschimpft zu werden, weil du ja eigentlich Semlitsch heißt?

Weißt du Martin, es tut mir gar nicht leid, aber die Zeiten des braun-schwarzen Szenehochs sind vorbei. Joseph Klumb kann dir davon sicherlich ein Lied singen, wenn du ihn mal besuchen gehst. Bring aber bitte den Kaffee selbst mit, weil dem Joseph sein Antiquitätenhandel in München läuft echt mies und du als gefragter Publizist beim Verlag „Antaios“ bist da sicherlich besser dran – oder nicht?

Ab den 2000er Jahren hat es dich ja ziemlich schnell publizistisch in die extrem rechte Ecke verschlagen. Gratulation! Nachdem du die immer mit Faschist*innen und deren Apologet*innen liebäugelnden Fanzines von Pockrandt, wie „Zwielicht“, mit deinen Ideen „beehren“ durftest, hat es dich ja recht bald über die „Junge Freiheit“ zum Stammteam der „Sezession“ getrieben, bei der du nun intellektuell und publizistisch dein Dasein fristet.

Ich erinnere mich noch gut an dein Auftreten in dem 3sat Beitrag über die „Neue Rechte“. Lang ist das mittlerweile her. Da sitzt du in diesem Abklatsch eines Wiener Kaffeehauses und imitierst für das Team der Sendung „Kulturzeit“ mal schön den faschistischen Dandy. Eine krude Mischung aus Christian Kracht und dem frühen Ernst Jünger präsentiertest du uns da, dem es des Nachts immer mal wieder feucht in der Hose kommt, wenn er daran denkt, dass der große gesellschaftliche Umbruch scheinbar so kurz bevorsteht.

Dass du deinen Weltschmerz nicht mit einem Baseballschläger bewaffnet in die Welt hinausgetragen hast, sondern lieber Yukio Mishima Gedichte für dich hast sprechen lassen, dass hat dich für die Linke immer schwer greifbar gemacht. Dass du dich neben Spengler, Gomez Davila und Co. im gleichen Atemzug auf Benjamin und Pasolini bezogst, das hat Verwirrung gestiftet.

Damals, da lebtest du noch in Berlin, Martin. Hat dir Kreuzberg nicht gefallen? Oder hattest du vor zwei Jahren wirklich die Illusion, dass du bei den Identitären in Wien was reißen kannst, als du wieder zurückgekommen bist? Dass du es doch nochmal aus deinem Elfenbeintrum, der in Wahrheit ein heruntergekommenes Rittergut in Schnellroda ist, in den Aktivismus schaffen würdest? Dass nicht nur deine Gedanken, sondern auch dein Gesicht es nochmal in die Medien schaffen würden? Bitter!

Dass dein Denken und viele der von dir (mit) geprägten Begriffe einmal mehr als 18 verrückte „Sezession“-Leser*innen begeistern könnten, damit hast du, seien wir mal ganz ehrlich, doch wohl am wenigsten gerechnet. Dass die Linke solche Typen wie dich nicht viel eher in die Kritik genommen hat, ist dennoch ihr großes Versagen.

Aber seien wir ehrlich, was für eine Rolle spielst du in Wien?

Am Anfang hast du noch Veranstaltungen besucht. Warst der, der in der ersten Reihe  saß und an den sich die Identitären Äffchen klammerten, weil sie selbst noch nicht wussten, was sie eigentlich wollten. Warst mal kurzzeitig der neue George im Kreis seiner Jünger. Und nun? Solch egomanische Typen wie Martin Sellner, die eigentlich nur immerzu in die Welt hinaus schreien, wie beleidigt sie sind, dass die Linke sie nicht hat mitspielen lassen, stehlen dir hier echt die Show.

„Vloggen“ solltest du vielleicht. Mehr Sonnenbrillen tragen und dümmliche Parolen in ein Megaphon schreien und nicht nur in der Sezession schreiben, dass du diesen Abwehrkampf für ein weißes, nicht schwules Europa und Co. ziemlich geil findest. Aber dafür bist du dir sicherlich zu elitär. Willst ja schließlich nicht an deinem Image kratzen.

Aber weißt du, Martin, ich schaue dir auch gerne dabei zu, wie du dir bei Vorträgen in der „Team Stronach Akademie“ den geistigen Kopfschuss gibst und aus einem Buch vorliest, das du zwar übersetzt, aber nicht einmal selbst geschrieben hast. Ist es bitter dort zu sitzen und für die wohl, entschuldige mir diesen Ausdruck, abgefuckteste Parlamentsfraktion überhaupt den rechten Märchenonkel zu geben, während Sellner und Co. die „Revolution“ inszenieren, die du solange herbeischreiben wolltest?

Schlimmer demütigen können dich nichtmal die „Antifanten“, von denen du ja immer die wildesten Dinge behauptest.

Ja, in der Tat: Andere deiner Landesgenossen waren erfolgreicher, als sie aus dem Berliner Exil nach Wien zurückkehrten. Aber auf dem Heldenplatz ist weder für dich noch für die Identitären Platz, sorry.

Ärgert es dich eigentlich, dass du vom einstigen „jungen Querdenker“ zu einem Typen in der zweiten Reihe degradiert wurdest? Dass du Typen wie Nils Wegner, der eigentlich immer Neofolk-Musiker werden wollte, es aber talentbefreit nichtmal zu „Von Thronstahl“ geschafft hat und dann einen auf Führer im U-Boot-Museum machen musste, zwar politisch und kulturell initiiert hast, mittlerweile aber mit ihnen zwangsläufig am gleichen Tisch sitzen musst?

Dass neben deinen Texten gleichwertig die von Ellen Kositza in der „Sezession“ stehen, die nie von irgendetwas anderem geschrieben hat, als ihren psychotischen Wahnvorstellungen, dass immer und überall die bösen Ausländer sie belagern? Und die deswegen nicht mehr Bahn, geschweige denn zum Baggersee, fahren kann? Dass du mittlerweile einer unter vielen bist, die beim Onkel Kubitschek auf dem Hof ein und aus gehen, aber bei weitem nicht mehr der Avantgardistischste? Mit Verlaub Martin, ich dachte solche Gefährt*innen, entschuldige Kameraden, wären selbst dir zu dumm.

Hast du manchmal schlaflose Nächte, da du zwar die „großen“ Texte von Renaud Camus übersetzten, zusammenfassen und einleiten durftest, das Nachwort aber der Sellner schreiben durfte, der hier wiederum den ganzen neuen Aktivismus mehr oder minder als sein Tun verkauft? Wenn du mal ein Papiertiger warst, was bist du jetzt?

Martin, was hat dich bloß so ruiniert?

Eines aber muss ich dir zugestehen. Martin, ich halte dich, wie eh und je, für einen gefährlichen geistigen Brandstifter. Gerade jetzt in dieser Zeit, da deine Avatare mit Schlagstöcken bewaffnet nach Demonstrationen den Menschen auflauern und deine Worte des Hasses in Blut und gebrochene Knochen übersetzten. Du bist in Wien viel zu lange ignoriert wurden, hast generell viel zu wenig Widerworte bekommen und bist viel zu lange unter dem Radar geflogen. Dass du nun in der zweiten Reihe sitzt, mildert nicht die Dringlichkeit des Anliegens, dich mal wieder auf den Schirm zu nehmen und glaub mir, Martin: Ich fand dich und deine Ideen schon scheiße, da hast du noch für Stephan Pockrandts Magazine deine kruden Gedanken niedergeschrieben!

Bis bald! Küsschen!

P.S. Martin, das Konzert von King Dude in der Arena in Wien war wirklich ziemlich gut. Aber du, du sahst echt schlecht aus. Ganz schön ausgemergelt im Gesicht. Ich will nicht anmaßend wirken, aber du wirktest echt heruntergekommen. Und ich meine nicht dieses jünger’sche „5 Wochen im Stahlgewitter“-Runtergekommen, sondern eher so dieses „Gumpendorfer-Straße-Subustitol-Ausgabe“-Runtergekommen. Mensch Martin, geht es dir nicht gut? Und war das der Grund, warum du uns so früh verlassen hast? Hey, echt schade. Die ganzen Linken propagieren ja immer: Schöner leben ohne Nazis. Und ja, ganz unter uns, ich fand das Konzert auch wirklich nochmal schöner, weil ich dein Gesicht den Abend nicht ertragen musste. Das Küsschen bekommst du aber definitiv später!

Kampf, Sieg oder Körper – Ideen zu den „Identitären“ und Popkultur

Abstract

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen Ideologie, deren Transformation in popkulturelle Bilder und Körperlichkeit. Im Zentrum steht hierbei die Frage, inwieweit sich neurechte Bewegungen, wie zum Beispiel die Identitären, neue popkulturelle Bilderwelten geschaffen haben und wie sie über diese Bilderwelten ihre neuen/alten Narrationen der menschlichen Ungleichheit massenkompatibel transportieren können.

Der Artikel zieht hierfür Verbindungen von Österreichs Neuen Rechten der 1990er, ausgehend von den Akteuren der FPÖ im Bezirk Alsergrund, über die Versuche der Beeinflussung des Dark-Wave bis zu den neuen Stichwortgebern rund um Martin Lichtmesz und Co.

Dieser Artikel geht davon aus, dass es, um die Erkenntnisse vorwegzunehmen, den Identitären gelungen ist eine Art „neu(e) rechte Popkultur“ zu erschaffen, die sowohl in ihren ästhetischen als auch ihren inhaltlichen Ausformungen und Narrativen die Linke mit ihren bewährten Tools der Analyse und Kritik noch nicht recht fassen kann und denen sie, diesem Umstand Rechnung tragend, derzeitig eher hilflos gegenüber steht. Gerade auch, weil ihr mit Alfred Schobert und Martin Büsser zwei Experten verloren gegangen sind, die als Einzige detaillierte Analysen von und Kritik an Szenen wie der des Dark-Wave und Neofolk zu üben wussten, in denen die Neuen Rechten nun, ohne großen Widerstand, agieren. Diese „Popkultur von Rechts“ ist für die Identitären Diskussionsraum, Rekrutierungstool und Raum der politischen Agitation zugleich.

Dieser Artikel reißt viele Ideen an, bringt dabei Theorien zusammen, die vielleicht gar nicht zusammen gedacht werden sollten, und ist vor allem eine essayistische Sammlung erster, jedoch grundlegender Gedanken. Für Diskussionen, Anregungen, Kritik und wüste Beschimpfungen bin ich deswegen mehr als dankbar.

Zur Aufteilung: Es gibt den gesamten Artikel als pdf. zum Download hier. Auf der Blogseite habe ich mich für eine separate Veröffentlichung der jeweils einzelnen Kapitel entschieden. Der gesamte Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte, welche im Gesamten zu lesen durchaus sinnhaft ist, die aber auch Stand-Alone verstanden werden können.

Den gesamten Artikel gibt es hier als pdf Download:

Inhalt:

1. Ideologie, Körper und die Ungleichheit der Körperlichkeiten

2. Körper, Popkultur und Normation(en)

3. Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

4. Die neuen alten Mythen der Identitäten

5. Subkultur von Rechts?

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Der rechte Burgfrieden – Die Label „Castellum Stoufenbourc“ & „Lichterklang“

Im Jahr 2008 gegründet, ist das deutsche Label „Castellum Stoufenbourc“ eigentlich nie mehr gewesen als Vehikel von Dennis, dem Betreiber, die kreativen Ergüsse seiner Band „Waffenruhe“ unter die geneigten ZuhörerInnen zu bringen. Und es wäre müßig über diese Band und das Label zu schreiben (die doch schon mit ihrer ersten Split – zusammen mit der Band „Seuchensturm“1 auf dem Label „Skullline“ – diskutierbar bewies, wes Geistes Kind sie ist), wenn das Label und seine Protagonisten2 nicht eine Entwicklung in der Szene so mustergültig illustrieren würden: Die Zusammenarbeit des extrem rechten Randes der Szene mit den etablierten AkteurInnen in der Szene und die dergestalt in der Szene vorherrschende Etablierung und damit einhergehende Normalisierung extrem rechter Ideologien und ihrer ApologetInnen selbst.

Die Veröffentlichungen des Labels lassen sich, bis auf Ausnahmen wie zum Beispiel die italienische Gruppe „Lupi Gladius“, fast ausnahmslos dem Genre des Material-Industrial zuordnen. „Waffenruhe“, deren Releases ein Gros des Labeloutputs ausmachen, übernehmen den Begriff des „Material“ schon früh in ihrer Selbstbeschreibung, in der sie ihr Schaffen als „Militant Material Music“ klassifizieren. Alle Releases erscheinen in einer sehr begrenzten Stückzahl, jedoch dafür oftmals in detailverliebten und extrem aufwendigen Gestaltungen: Von handbemalten Boxen über Veröffentlichungen mit diversen Boni, wie Patches, Postkarten und Co., bis hin zu aufklappbaren Verpackungen und Wachssiegeln findet sich eine, für ein Undergroundlabel seltene, Fülle an Einfällen in der Gestaltung. Viele der Veröffentlichungen wurden in der graphischen Gestaltung von der „Graphikagentur“ „Bildkunstschmiede“ umgesetzt, hinter der sich Sig P. verbirgt (vgl. Anm. 1).

Die meisten Releases bedienen sich hierbei einer mehr als eindeutig konnotierten Bildsprache: So finden sich fast immer „Schwarze Sonnen“, in den Farben Schwarz, Weiß und Rot gehaltene Gestaltungen oder direkte Bezüge zu faschistischen und nationalsozialistischen Gruppierungen des 20. Jahrhunderts.3 Lediglich die noch zu besprechende Veröffentlichung „War Rituals“ der Band „Waffenruhe“, die in Zusammenarbeit mit dem – im deutschsprachigen Raum die Szene beherrschenden – Label „Lichterklang“ veröffentlicht wurde, übt sich in gestalterischer Schlichtheit.

Einen ersten Schritt, über die doch sehr eng gesteckten Kreise, die sich für Veröffentlichungen in diesem Bereich interessieren, machte das Label mit der Veröffentlichung der Compilation „Sturmreif – The New Underground Of Military Pop“, das in einer Auflage von 500 Stück zusammen mit dem Magazin „Stahlkraft – Propagandaorgan für Neofolkkultur“ herausgegeben wurde. Interessant ist hierbei, dass das Label – wenn auch erfolglos – versuchte, die eigene Szene und deren Klientel nicht nur musikalisch, sondern auch in einer literarischen Weise zu bedienen.

Beachtenswert ist an dieser Veröffentlichung, dass sich auf ihr nicht nur die üblichen, politisch eindeutigen Vertreter wie „Waffenruhe“ und „Seuchensturm“, einfinden, sondern ein kleines, aber feines „Who is Who“ des mit reaktionär-faschistischen Ideologien flirtenden Undergrounds. Etwa „TSIDMZ“, „Barbarossa Umtrunk“ oder die niederländischen Neofolker „Strydwolf“, die ansonsten ihre Heimat alle auf dem deutschen Label „Skull Line“ haben, das Harald Jarosch in Eigenregie betriebt und das so ziemlich alles, was sich in der ästhetischen und inhaltlichen Grauzone bewegt, auf den Markt bringt. Was sich auf dieser Compilation erstmalig im Jahr 2010 in all seiner Deutlichkeit zeigt, ist, dass es zwischen dem extremen Rand der Szene und jener, sich selbst stets als „unpolitisch“ aufführenden „Mitte“ zu keinem Zeitpunkt eine Trennung gab und das es zu diesem extrem rechten Rand zu keinem Zeitpunkt Berührungsängste gab oder gibt. Weder von Seiten der Künstler, noch der der RezipientInnen. Das derartige Veröffentlichungen keine singuläre Erscheinungen darstellen, hat das Jahr 2013 bewiesen, als „Castellum Stoufenbourc“ sein 5-jähriges Bestehen mit einer Kassetten-Veröffentlichung feierte, auf der sich wiederum ein Gros der bereits erwähnten Künstler unter einem Dach vereint. Dies wäre nicht weiter interessant, hätten nicht viele der Künstler mittlerweile bei einem anderen großen Label veröffentlicht, dass per se den Status des „unpolitischen Akteurs“ für sich pachtet: „Lichterklang“.

Das Label „Lichterklang“ und der dazugehörige Mailorder erblicken mit ihrem Angebot 2010 das Licht der Öffentlichkeit und schließen damit unmittelbar eine kurzzeitig existierende Lücke, die das Verlassen Stephan Pockrandts und die Auflösung des durch ihn geführten Labels „Eis & Licht“ hinterlassen hatten. Das von Michael Kuhlen von Gelsenkirchen aus geführte Label knüpft hierbei unmittelbar an die Tätigkeiten Pockrandts an, was sich am deutlichsten daran zeigt, dass Kuhlen von Pockrandt die Webadresse www.neofolk.de übernahm, über die er seitdem sein Label und den Mailordner im Netz präsentiert und laufen lässt. Es ist auch das Jahr 2010, in dem „Lichterklang“ seine erste Veröffentlichung auf den Markt bringt. Es handelt sich hierbei um die CD „Heimkunft“ der weißrussischen Band „Svalbard“, die zuvor eine kleinere Veröffentlichung mit dem Namen „Treue Jugend Vaterland“ auf dem russischen Label „Der Angriff“ hatte. Auch wenn die politische Verortung von „Svalbard“ und dem Label „Der Angriff“ sich durchaus schwierig gestaltet und eine Einordnung als reaktionär sowohl Band und Label in einer zum Teil nicht gerechtfertigten Weise pauschalisieren würden, so zeigt diese Veröffentlichung bereits, dass dem Label „Lichterklang“ die politische Orientierung ihrer KünstlerInnen ziemlich egal ist. Diese Attitüde des Labels zeigt sich spätestens mit der vierten Veröffentlichung, in der Lichterklang das „Spreu & Weizen“ Album „Gott vergeltʼs“ in zwei Editionen herausbringt. Wie oben angemerkt steckt Sig P., Mastermind hinter „Spreu & Weizen“, hinter den obig mehrmals angeführten Projekt „Seuchensturm“. Weiters zeichnet er sich für die graphische Gestaltung vieler „Castellum Stoufenbourc“-Veröffentlichungen verantwortlich. Um seine Gesinnung machte Sig P. hierbei nie großen Hehl. So findet sich ein ausführliches Interview mit ihm auf der Seite der rechtsextremen Sonnenritter-Organisation.4 Des Weiteren ziert das Abbild des rumänischen Faschistenführers Corneliu Codrenau ein später bei „Castellum Stoufenbourc“ veröffentlichtes T-Shirt.

Der Flirt zwischen dem Label „Lichterklang“ und den rechtsaußen Akteuren des Labels „Castellum Stoufenbourc“ sollte jedoch kein Einzelfall bleiben. Mit „Verny 1826“ findet im Jahr 2013 ein weiteres bekanntes Gesicht seinen Weg zum Label. „Verney 1826“ hat mittlerweile zwei Alben über das Label veröffentlicht und ist bei allen Compliations von „Castellum Stoufenbourc“ vertreten, was zwar nicht zwangsläufig auf die Gesinnung des Künstlers schließen lassen muss, jedoch eines deutlich zeigt: Dass ihm die Nähe zu rechtsextremen Akteuren eine gute Nähe ist.

Neben Projekten wie „Niemandsvater“, deren politischer Charakter eindeutig nicht mit der extremen Rechten in Bezug steht und anderen KünstlerInnen, finden neben den „Castellum Stoufenbourc“-Akteueren immer wieder andere KünstlerInnen auf dem „Lichterklang“-Label Heimat, die sich als KünstlerInnen immer wieder in den reaktionärsten Ideologien gesuhlt haben. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die 2012 veröffentlichte CD „MMI – MMV“ des Projekts „:WERRA:“, hinter dem maßgeblich Marcel Petri steckt, der in Bands wie „Allerseelen“, dem extrem rechten und auf einer NPD-Schulhof-CD vertretenden Projekt „Halgadom“ oder der Rechtsaußen-Kapelle „Von Thronstahl“ in die Saiten schlug.

Ihren Höhepunkt findet die Zusammenarbeit zwischen „Lichterklang“ und „Castellum Stoufenbourc“ im Jahr 2013, als unter der Katalognummer LK019 das „Waffenruhe“-Album „War Rituals“ veröffentlicht wird, hinter dem, wie bereits erwähnt, der Labelbetreiber von „Castellum Stoufenbourc“ selbst steckt. Das Label mag, sowohl mit seiner Musik, seiner Ästhetik und auch seiner uneindeutigen politischen Ausrichtung, selbst in der Szene immer eine begrenzte Anzahl an RezipientInnen bedient haben. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den oftmals nur hundert Stück umfassenden Auflagen. Was sich aber an „Castellum Stoufenbourc“ und seiner engen Verstrickung mit dem wesentlich größeren Label „Lichterklang“ zeigt, ist, dass es in der Szene zwischen ihren extremen Rändern und den scheinbar gemäßigteren AkteuerInnen nicht nur keine Berührungsangst gibt, sondern das menschenfeindlicher Extremismus als Teil der Gemeinschaft jederzeit Akzeptanz fand. Es verdeutlicht eben auch, wie eine Szene, die stets jegliche – von woher auch kommende – Kritik als „linke Diffamierung“ wegwischte und sich ihr so verweigerte, auf dem rechten Auge mehr als blind ist. Das Wegschauen ist in diesem Fall dem regen Austausch längst gewichen. Gehen wir davon aus, dass das Nichtkritisieren einer Position oder ideologischen Vereinahmungsversuchen immer eine Akzeptanz nicht nur der ProtagonistInnen bedeutet, sondern mehr noch der von ihnen getragenen Ideologien, so kann an dieser Stelle nur noch festgehalten werden, dass der sich als „nicht politisch“ bezeichnende Teil der Szene längst von Grund auf mit faschistischen und reaktionären Ideen und Ideologien durchzogen ist. Und während die scheinbar „Unpolitischen“ gemeinsam mit den Rechtsradikalen deren „krassen“ Sound feiern, freuen diese sich, dass sie es geschafft haben in einer Subkultur eine rechtsextreme Hegemonie zu installieren, in der sich Nazis, FaschistInnen, Identitäre, Nationale AnarchistInnen und anderen ApologetInnen der menschenfeindlichsten Ideale ein gemütliches Stelldichein geben können und dabei auf Kritik der „ach-so-faschistischen Linken“ zu stoßen.

1Das Vorgängerprojekt von Marco W. aka. Signore Palandino aka. Sig. P., der sich danach dem Projekt „Spreu & Weizen“ widmete. „Seuchensturm“ jedoch für die Compliation, die „Castellum Stoufenbourc“ zum fünfjährigen Jubiläum rausbrachte, kurzzeitig wiederbelebte.

2Es sind nur männliche Interpreten auf dem Label veröffentlicht.

3Vgl. hierzu jede Veröffentlichung der Band „Waffenruhe“, einzusehen unter: http://www.discogs.com/artist/1044081-Waffenruhe

Ein Schlaglicht auf Troy Southgate und den „Black Front Press“ Verlag

Nationale AnarchistInnen“, völkische OkkultistInnen und
das ganze andere Krypto-FaschistInnennpack – Querfront International

Zu denken, das, was sich um die Spielarten des „Neofolk“, „Industrial“ und Co. gruppiert, sei nur im deutschsprachigen Raum von faschistischen AkteurInnen unterminiert, irrt gewaltig.

Auch abseits des deutschsprachigen Raums, allen voran in England, dem einstigen Epizentrum der Szene, hat sich um den umtrieben Publizisten, Autor, Politaktivisten und Musiker Troy Southgate ein Zirkel gebildet, der die Szene mit allerlei, fast immer eindeutig politisch determinierten, Inhalten seit Jahren befeuert und maßgeblich zur Normalisierung und der Akzeptanz eines rechtshegemonialen Diskurses innerhalb der Szene beiträgt.

Troy Southgate ist Mastermind hinter der Band „H.E.R.R.“, dessen Buchstaben für den originellen Titel „Heiliger Europa! Römisches Reich“ [sic!] stehen. „H.E.R.R.“ ist sowohl musikalisch, als auch zu nicht unerheblichen inhaltlichen Teilen, mit der deutschen Band „Von Thronstahl“, rund um Josef Maria Klumb, vergleichbar. Diese Nähe manifestiert sich vorrangig in gemeinsamen Veröffentlichungen und einigen Nummern, die Bezug auf die Ideen des jeweils Anderen nehmen. So ist „Von Thronstahls“ Lied „National Anarchy In The U.K.“ definitiv als Hommage gegenüber Southgates politischer Idee des „National Anarchism“ (NAM) zu werten. Ferner ist der extrem reaktionäre Pfarrer Hans Milch ein gern genommener Samplegeber in den Liedern beider Bands. Wichtiger ist aber, dass zwischen den „Von Thronstahl“-Mitgliedern und Southgate selbst nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein inhaltlicher Austausch stattfindet, auf den an späterer Stelle dezidiert eingegangen werden soll.

Obwohl Southgate seit Beginn seiner Jugend in diversen rechtsextremen Gruppierungen in England aktiv organisiert war1 und zum Teil immer noch partizipiert, hinderte dies die Szene zu keinem Zeitpunkt an der Rezeption seiner Musik. Viele Alben der Band „H.E.R.R.“ erschienen sogar auf dem äußert renommierten Label „Cold Spring“.

Doch Southgate hegt neben seiner Musik zwei andere große Hobbys: Die Politik und das Schreiben.

Ventil finden diese beiden Aktivitäten dominierend in dem von dem von ihm quasi im Alleingang gestemmten „Black Front Press“ Verlag, dessen Name selbstredend nicht zufällig auf faschistische Organisationen verweist.

Im Verlag selbst sind bislang etwas über 60 Publikationen erschienen, die sich in ihrem inhaltlichen Spektrum von Runenmagie, über Auseinandersetzungen mit der europäischen Black-Metal-Kultur und diversen Portraits bekannter und weniger bekannter reaktionärer Denker, bis hin zu den „Grundlagentexten“ des „National Anarchism“ spannen.

Da viele der Werke sich in der Erstauflage restlos ausverkauften, gibt es von diversen Büchern mittlerweile weitere Auflagen. Von einigen Anderen, wie zum Beispiel Southgates Biographie von Otto Strasser, liegen Übersetzungen vor, die auch im Verlag vertrieben werden.

Nicht direkt über den Verlag publiziert, aber dennoch über ihn erhältlich, sind fünf weitere Monographien von Southgate, die sich der extremen britischen Rechten, Adolf Hitler und dem Spannungsfeld von Tradition und Revolution widmen2. Fast immer fungiert Southgate als Herausgeber der Texte die im Black Front Press Verlag erscheinen.

Eine detaillierte Analyse des Verlagsprogramms kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. Das der Verlag aber eine klare politische Stoßrichtung vorgibt, ist aber allein anhand der Titel und AutorInnen offensichtlich3.

Die großen Säulen des Verlagsprogramm bilden gewiss die Reihe zum „NAM“ und die Reihe „Thoughts And Perspectives“.

Die „NAM“ Reihe versammelt hierbei derzeitig sieben Schriften, die das Konzept des „National Anarchism“4 grundlegend skizzieren und vertieft diskutieren. Einige dieser Schriften sind zum Teil auch in andere Sprachen übersetzt wurden, jedoch nicht als Übersetzung im Verlag erschienen, sondern zumeist dann als freier Text im Internet veröffentlicht wurden. Simplifiziert lässt sich das Konzept des „NAM“ als eine krude Theorie erfassen und begreifen, die ethnischen Segregatismus mit tribalistischen Ideen, apokalyptischen Imaginationen, recht ähnlich zu denen der „Crust“-Bewegung und antikapitalistischen Ideen amalgamiert. Der ästhetische Missbrauch der „Crust“-Kultur ist im Besonderen bei der Gestaltung der Cover offensichtlich, die ab dem zweiten Titel der NAM-Reihe immer vom polnischen Illustrator Zbigniew Bogusławski gestaltet wurden5. Trotz der nicht unerheblichen Bedeutung der Idee für verschiedene rechte Splittergruppierungen und Organisationen gibt es bislang keine fundierte linke Analyse, Auseinandersetzung und Kritik mit und an dem Konzept selbst.

Die zweite Säule des Verlags bildet die mittlerweile 13 Bände fassende Reihe „Thoughts And Perspectives“ (TAP). In dieser Reihe widmet sich jeweils ein Band einem herausragenden Akteur, dessen Denken und Ideen zumeist dem reaktionären, bis offen faschistischen, Gedankenspektrum zuzuordnen sind.

Es ist die Reihe TAP, die am offensichtlichsten Southgates gedankliche Sozialisation durch die Neofolk- und Apokalyptik-Folk Kulturzu Tage fördert. Finden sich doch in der Reihe großteils theoretische Bezugsgrößen6 der MusikerInnen und Musiker aus dem Genre. Prägnante Beispiele hierfür sind der japanische Dichter und Anführer einer faschistischen Paramiliz Yukio Mishima (Fixpunkt diverser „Death In June“ Alben), der konservative Denker Oswald Spengler, der faschistische Stichwortgeber und rechtsextreme Esoteriker Julius Evola (z.B. vielfach von „Blood Axis“ zitiert) oder Ernst Jünger. Ebenso finden sich aber auch obskure Figuren wie Aleister Crowley, (Bezugsfigur des frühen „Current 93“ Schaffens) neben Personen wie dem Anführer der faschistischen „Eisernen Garde“Corneliu Zelea Codrenau7 (wiederum Bezugsgröße im Werk von „Blood Axis“) und weitaus weniger bekannten, wie Gilbert Chesterton, Hilaire Belloc oder Bowden. Wobei die letztgenannten für die Neofolksubkultur keine Relevanz besaßen und auch derzeitig nicht besitzen.

Alle Werke sind Sammelwerke verschiedener Autoren, wobei Southgate zu jedem der Bücher Texte beisteuerte. Eine detaillierte Analyse aller beteiligten AutorInnen kann dieser Text leider nicht leisten. Namen, wie Kerry Bolton, Alan de Benoist, Dimitris Michalopoulos oder Jonathan Bowden lassen jedoch wenig Interpretationsspielraum, wenn es um die Einschätzung geht, wes Geistes Kind die Autoren sind.

Neben diesen Werken, die die Neofolk-Szene indirekt bedienen, indem sie wichtigen Stichwortgeber von musikalischen Größen, wie „Death In June“, „Sol Invictus“ oder „Current 93“, einer dezidiert politischen Lesart unterziehen und dergestalt auch einen reaktionären Diskursraum innerhalb der Szene eröffnen, der die Szene letztlich für Identitäre und andere FaschistInnen in den letzten Jahren umso interessanter gemacht hat, gibt es Publikationen, die sich dezidiert Szenen des musikalischen Underground widmen. Diesem Schwerpunkt können bislang drei Werke direkt und eines indirekt zugerechnet werden: Es handelt sich hierbei um die Werke „Adventures In Counter-Culture: Politics, Music, Film And Literature8“, Black Metal: European Roots And Extremities“9 und das Werk „Troubadors Of The Apocalypse: Voices From The Neofolk, Industrial & Neoclassical Underground“10. Indirekt zu der Reihe kann das neue Werk des „Ostara“, vormals „Strength Through Joy“, Masterminds Richard Leviathan, „Odes“11, dass im Verlag Veröffentlichung fand, allerdings nicht auf der Blogseite von Black Front Press gelistet ist, gezählt werden. „Odes“ beweist zudem, dass der Verlag für Szenegröße eine gute und annehmbare Basis zur Verbreitung ihres literarischen Schaffens darstellt, selbstredend in völliger Ignoranz und/oder Akzeptanz dessen politischer Ausrichtung.

Die drei Werke, die ihren Fokus hierbei auf die Szenen richten, sind jedoch keinesfalls als Analysen, denn gar wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Spezifika der subkulturellen Gemeinschaften und ihrer strukturellen Eigenheiten intendiert, denn vielmehr als eine Art Sammlung von szeneinternen Stimmen. „Troubador […]“ verweist auf diese Herangehensweise schon in seinem Titel.

Beachtenswert ist an allen Werken, dass sie fast immer das „How Is How“ von extrem reaktionären Szeneassozierten als Autoren listen und dergestalt, parallel zu den AutorInnen der „Thoughts And Perspectives“-Reihe, eine dezidiert politische Lesart immer direkt vollziehen. Seite an Seite zu diesen eindeutig politisch gefärbten Autoren finden sich aber ebenso oft Autoren, deren musikalisches Schaffen bislang keiner konkreten politischen Intention zugeordnet werden konnte und die auch sonst nicht sonderlich durch dezidiert politische Aussagen aufgefallen sind. So finden sich neben prominenten Vertretern der internationalen Szene, wie zum Beispiel der bereits genannte Richard Leviathan, die beiden Mitglieder der Band „Arnica“Daniel Pablo & Carles Jiménez als Autoren im Werk „Troubadors […]“.

Auch der umtriebige Rassist Robert Taylor, der in der für die Neofolk-Szene legendären Band „Changes“ singt, und sich sonst gerne bei Treffen von anderen extrem rassistischen Organisationen blicken lässt12, fehlt als Autor natürlich nicht. Er steuerte einen Beitrag zum Werk „Troubadors Of The Apocalyspe […]“ bei.

Und wenn wir schon bei Neofolkgrößen, die als Autoren für den Verlag tätig sind weilen: Auch Douglas Pearce, Sänger der Band „Death In June“ und bekannt dafür von einem rechten Fettnäpfchen ins Nächste zu Springen, verfasste für den „Thoughts And Perspectives“-Band über Yukio Mishima einen Beitrag.

Zurück aber zu den obigen Werken: Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass in allen Werken immer Autoren aus dem deutschsprachigen Raum vertreten sind; was eben auch auf die internationale Verflechtung der extrem rechten Akteure innerhalb der Szene schließen lässt.

So steuert zum Beispiel Hendrik Möbus, Sänger der Band „Absurd“ und bekennender Neonazi, einen Beitrag zum Buch „Black Metal. European Roots And Extremities“ bei. Ebenfalls vertreten in diesem Band ist der Deutsche Nils Wegner, dessen Weg von der „Jungen Freiheit“ zur „Sezession“ mäanderte, wo er als einer der großen Freunde der Identitären-Bewegung auftritt. Mit Felix Menzel, Martin Sellner und nicht zuletzt Martin Lichtmesz teilt er sich dort nicht nur die rechte Gesinnung, sondern auch einen doch sehr identischen Musikgeschmack. Das vier von 12 AutorInnen der „Sezession“ sich stark mit der Neofolk-Szene beschäftigen, muss letztlich auch als hinlängliches Indiz für die Re-Politisierung von Teilen der Szene gewertet werden.

Aber auch andere Deutsche sollen an dieser Stelle nicht vergessen werden. So meldete sich, nach einigen Jahren der Szeneabstinenz, Dennis „Raymond“ Plummer, aka. „Raymond P.“ im Werk „Troubadors Of The Apocalypse“ zu Wort. Plummer ist neben Josef Klump ein wichtiges Mitglied der Band „Von Thronstahl“ und dem Sideprojekt „Days Of The Trumpet Call“.

Unabhängig von den Veröffentlichungen des „Black Front Verlags“ lässt sich seit der Tour von „Death In June“ im Jahr 2011 ein Wiedererstarken der Szene beobachten, was sich wohl am prominentesten in der Fülle an Neofolk-Konzerte am Wave-Gotik-Treffen, aber auch dem Wiederauftreten diverser lange Zeit untätigen Bands, wie „Von Thronstahl“, „Sixth Comm“, „Joy Of Life“ oder „Sagitarrius“ uvm. Beobachten lässt, die in den letzten Jahren einen Output wie zuletzt zu Beginnn der 1990er zusammenbrachten. Auch größere eigenständige Festivals, wie das „Runes And Men“, zeugen von neuer Stärke der Szene. Das der „Black Front Press“ Verlag auch ein Nutznießer dieses neuen Erstarkens ist, muss als offensichtlich angesehen werden. Das aber eben dieser Prozess der politischen Einflussnahme von Beginn an in einem erheblichen Maße auch von deutschen Autoren mit voran getrieben wird, ist hierbei fast eine erschreckende Fußnote.

Das die Szen sich jedoch keinesfalls von ihren rechten Geistern befreien hat wollen, zeigt sich zudem umso mehr in der Massivität an dezidiert rechtsradikaler Rezeption der Musik und ihrer Subkultur und der Verflechtung von MusikerInnen und SzenegängerInnen in Strukturen des organisierten Rechtsextremismus, wie sie hier am Beispiel des „Black Front Verlags“ schlaglichtartig aufgezeigt werden konnten.

Umso unverständlicher mutet es deswegen an, dass die Szene sich wiederum, wie eh und je, einer dezidiert linken Kritik an ihrer Offenheit gegenüber der rechten Vereinnahmung wehrter und die politisch motivierten Demagogen dagegen ungehindert gewähren lässt.

So werden Publikationen des „Black Front Press“ Verlages auf allen großen Szeneportalen, wie zum Beispiel „Heathen Harvest“, rezipiert, ohne die politische Stoßrichtung der Werke und die geistige Herkunft der AutorInnen zu kritisieren. Es kann, diese Umstände erfassend, nicht verwundern, dass Identitäre-Vordenker, wie Martin Sellner und Co. die Szene als künstlerischen Diskursraum für ihre Theorien einer homogenen völkischen Gemeinschaft begreifen und vereinnahmen, wenn Menschen, wie Wegner, Lichtmesz und Menzel schon lange unkommentiert über das Potential der Szene schreiben und reflektieren.

Das Neofolk von den Identitären mittlerweile gezielt als sanfter und wohlgefälliger Einstieg in ihre Ideologie und ihre Organisation genutzt wird und für sie selbst einen stark vergemeinschafteten Zweck erfüllt, davon zeugen zum Einen Martin Sellners und Erk Lehnharts Twitter Account und zum Anderen der Umstand, dass mit „Jännerwein“ eine Neofolk-Band bei der Demonstration in Graz am 17.01.2016 gespielt wurde.

Es ist ein kurzer Weg von der Musik über die Schriften des „Black Front Press“-Verlages, hin zu einer Subkultur, die immer mehr von den ätzenden Wurzeln des Rassismus, Nationalismus und Faschismus innerlich zerfressen wird. Hauptsache unpolitisch!

Wer den Faschisten einen Raum in seiner Mitte gewährt, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn er selber zum Faschist wird!

Und by the way: Einen Akteuer dürfen wir natürlich nicht vergessen. Wer dachte, dass Gerhard Hallstatt, Mastermind der Band „Allerseelen“, in diesem rechtsradikalen Zirkus fehlt, der irrt natürlich gewaltig: Wo es nach Scheiße stinkt, da sammeln sich die Fliegen und so steuert Hallstatt einen Beitrag für das Buch „Troubadors Of The Apocalypse [..] bei. Gleich und Gleich gesellt sich gern…

1Es soll an dieser Stelle nicht alles wiedergekaut werden. Bei weiterführendem Interesse geben die im Wikipedia-Artikel über Troy Southgate zitierten Quellen einen ausreichenden Überblick.

2Vgl. Auflistung anderer Publikationen von Southgate, einsehbar unter: http://blackfrontpress.blogspot.co.uk/p/other-titles.html. Letzter Zugriff am 21.01.2016 um 11:10 Uhr.

3Vgl. Verlagsprogramm einsehbar unter: http://blackfrontpress.blogspot.co.at/p/our-titles.html. Letzter Zugriff am 21.01.2016 um 12:51 Uhr.

4Im US-Sprachigen Raum hat sich zum Teil die Begrifflichkeit „Tribal Anarchism“ durchgesetzt, um den Moment des Nationalen gegenüber dem des tribalen zu negieren. Wahrscheinlich aber auch um das Ideenkonzept, zumindest sprachlich, nicht unmittelbar als völkisch determiniertes Konzept zu entlarven.

5Boguslawski ist seitdem vielfach als Illustrator für den Verlag tätig geworden. Eine Überblick über sein Schaffen liefert seine eigene Homepage, einsehbar unter: https://bogusart.wordpress.com/page/2/. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 11:17 Uhr.

6Es werden in der Reihe nur männliche Personen abgehandelt.

7Dessen Schriften vom Verlag auf englisch in einer eigenständigen Reihe Veröffentlichung fanden.

11Vgl. Ankündigung auf dem von Leviathan persönlich betriebenen Facebookprofil. Einsehbar unter: https://www.facebook.com/ostaramusic/. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 12:06 Uhr.

12Vgl. http://www.huffingtonpost.com/entry/white-nationalists-conference_us_56353a69e4b063179912ab4b. Taylor ist auf dem Foto der langhaarige Mann in der Mitte. Letzter Zugriff am 22.01.2016 um 12:20 Uhr.

Können Sie vielleicht einen Schritt nach rechts rücken? Kurze Gedanken zu Dr. Carsten (Baal) Müller

Dass Neofolk und reaktionäre Ideologien schon (fast) immer eine starke Bindung aufwiesen, ist ein alter Hut. So sehr die MusikerInnen in ihrer Kunst zum Teil im Modus der Ambivalenz operierten, so sehr zerstörte die Szene sich, indem sie, zum großen Teil kritiklos, KünstlerInnen hofierte, die faschistische Ideologien und Ideologen feierten, im Publikum alles (bis hin zu Hitlergrüßen) duldete und sich Geschäftstreibenden hingab, die mit CDs Julius Evola, Thorak und Co. lobpriesen und damit auch noch ordentlich ihre Kassen füllten.

Über Bands wie „Von Thronstahl“ zu reden ist müßig und geht am aktuellen Geist der Szene vorbei. Es gibt sie aber, jene Akteure1, die der Szene die Stange gehalten haben – ebenso wie ihrer extrem rechten Ideologie.

Einer dieser Akteure ist Martin Lichtmesz aka. Martin Semlitsch, dem in einem anderen Artikel einige Worte gewidmet werden sollen.

Ein Anderer ist Dr. Baal Müller aka. Dr. Carsten Müller.

Es gibt Menschen, die verstecken ihre extrem reaktionäre und menschenfeindliche Ideologie und es gibt … naja, es gibt Menschen wie Baal Müller, die schlagen einem diese förmlich ins Gesicht.

Baal Müller ist seit Jahren auf vielen Neofolk-Veranstaltungen ein gern gesehener Gast. Er besuchte des Öfteren das Wave-Gotik-Treffen (oder wirkte aktiv mit). Bilder zeigen ihn beim WGT, bei Veranstaltungen der rechten Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ sowie auf dem einst in Dresden, aktuell in Leipzig stattfindenden „Runes And Men“-Festival. Andere Fotos stammen vom „Villa Festival“ in Italien oder von Konzerten, wie dem der Band „Sagittarius“. Und der Dr. Baal ist kein abgegrenzter Außenseiter – im Gegenteil: Arm in Arm mit Uwe Nolte (Orplid, Barditus und Co.) oder Gerhard Hallstatt (Allerseelen) sowie dem Sänger der Band „Stern des Bundes“ oder dem Liedermacher Rudolf Seitner (Sonnenkind).

Allerseelen beim Villa Festival 2015   saggi villa

Neben dem Neofolk verfügt Baal Müller aber über eine große Palette weiterer Hobbys: Baute er vor Jahren noch bei RTL2 sein Haus um, so konzentriert er sich mittlerweile lieber wieder drauf, fast alle Organe der extremen Rechten mit Artikeln von sich zu bestücken. Und es ist, ähnlich wie bei Lichtmesz, dieser Moment, der bei Müller so stark heraussticht. Lichtmesz und Müller sind Role-Models der Szene. Rollenvorbilder, die die Grenze zwischen künstlerisch-ästhetischer Beschäftigung mit faschistischen Ideologien in eine realpolitische Dimension wenden.

Baal Müller trat im letzten Jahr bei verschiedenen Ablegern der Pegida auf. Unter anderem dem Leipziger sowie dem in Düsseldorf. Das alles ist kein Geheimwissen. Müllers Facebook-Profil ist voll von öffentlich einsehbaren Einträgen, die rechte Gewalt stark verharmlosen, obskure Verschwörungstheorien hofieren und immer wieder gegen Menschen hetzen. Baal Müller macht weder aus seiner Zugehörigkeit zur Szene noch zu seiner Sympathie und Zugehörigkeit zu extrem rechten Gruppierungen einen Hehl.

legida legida2

Aber er ist ja nur ein Fan!?

Nein, Baal Müller ist eben nicht nur ein einfacher Konzertbesucher, sondern speist mit seinem Telesma Verlag und dessen Schriften aktiv die rechte Hegemonie in der Neofolk-Szene. Neben allerlei absonderlichen Schriften erscheint zum Beispiel im Jahr 2016 die deutsche Übersetzung von Gerhard Hallstatts Buch „Blutleuchte“ im Verlag. Müller und Hallstatt sind gute Freunde, was wohl auch an der politisch-ideologischen Nähe der beiden liegen mag.

Wie kann sich eine Szene, deren letzter Rettungsanker immer die Floskel war, dass ihre AnhängerInnen, egal welcher politischen Couleur, keine Gewalt ausüben, noch selbst ins Gesicht sehen, wenn in ihren engsten Zirkeln die schlimmsten Demagogen der Gewalt ein- und ausgehen? Dass Pegida, Legida und Co. nicht wortgewandter Diskurs, sondern die verbale Vorstufe der nächsten Pogrome sind, muss nach dem 11.01.2016 als unwiderlegbar angesehen werden.

Martin Lichtmesz, Baal Müller und Co. haben die Szene politisch bestärkt, indem sie rechte Ideologien im szeneinternen Diskurs normalisiert haben. Ein Faschist bleibt ein Faschist. Auch, wenn er die gleiche Musik hört.

Was haben wir von einer Szene zu erwarten, die Leute wie Baal Müller duldet und bei deren Konzerte die sogenannten „Identitären“ herumstolzieren?

Vielleicht ist der „Neofolk“ nicht der Soundtrack zur Apokalypse, zumindest aber zum nächsten Pogrom?!

1Die männliche Form ist eine bewusste Entscheidung, um auf die vorwiegend männlichen Akteure hinzuweisen.

Weltschmerz, Wälder, weiße Rasse?

Fragmentarischer Versuch zur Verortung des Neofolk-Genres im Spannungsfeld von
neopaganistischer Mythologie und reaktionärer politischer Agitation

Sprechen wir vom Genre des Neofolk, so gehen wir, im gemeinsam geteilten Missverständnis, zumeist davon aus, dass wir über eine Gesamtheit an Musikgruppen und einzelnen KünstlerInnen sprechen, die sich von solchen Gruppen wie „Death In June“, „Sol Invictus“, „Current 93“, über spätere Projekte, wie „Forseti“, „Sonne Hagal“, „Fire And Ice“, bis hin zu aktuellen Ausläufern, wie „Cult Of Youth“ oder „Blood And Sun“ spannt.

Jedoch aber auch Bands, deren Klang ganz anders gelagert ist und die, über ästhetische, ideologische und/oder persönliche Verbandelungen, in das Genre Integration erfahren. Bands, wie das österreichische Projekt „Der Blutharsch“ wurden zu Beginn ihres Schaffens, obwohl musikalisch völlig anders gelagert, immer zum festen Kern des Neofolk gezählt1.

Es ist ein leichtes, in einem solch trüben und unklaren Gewässer zu fischen und an Oberflächlichkeiten Gemeinsamkeiten zu erkennen und Verbindungen zu konstruieren2.

Ich will schon hier einen Schritt zurückgehen und am Punkt der generischen Differenzierung einen ersten grundlegenden Schnitt setzen; einen Schnitt, der entlang der Kategorie „Apocalyptic Folk“ und der Kategorie „Neofolk“ verläuft. Nicht, weil es Ziel ist, die eine Kategorie vor der Anderen zu verteidigen, sondern, weil ich letztlich den Versuch unternehmen will, in letzterer Kategorie, also der des „Neofolk“, ein, allen MusikerInnen gemeinsames, ideologisches Fundament herauszukristallisieren und zu analysieren.

Was also soll es nun sein, was unter dem Genre des „Neofolk“ summiert werden soll?

„Neofolk“ versus „Apocalyptic Folk“

„Neofolk“, ist die, vorwiegend von deutschsprachigen Musikerinnen und Musikern vorgenommene, Interpretation dessen, was Bands, wie „Death In June“, „Sol Invictus“, „Current 93“, „Fire & Ice“ und diverse andere, die sich dominierend auf dem damals existenten Label „World Serpent Distribution“ versammelten, zum Großteil in Großbritannien der 1980er und 1990er erschaffen haben. Wo Bands, wie „Death In June“, in ihren musikalischen Output immer dissonante und experimentelle Klänge einsetzen, da reduziert und minimalisiert das, was hier unter Terminus „Neofolk“ gefasst wird, noch weiterführend: Gitarre, Flöten, Trommeln und Geigen werden zu den primären Instrumentierungen. Einfache Akkorde, in denen Gitarre und, auf basale Ryhtmen reduzierte, Trommeln den Takt angeben. Da, wo bei den englischen Vorbildern das experimentelle die Harmonie der Klänge durchbrach, bleibt bei den deutschen InterpretInnen lediglich die Harmonie. Akzentuiert mit weiteren akustischen Instrumenten, wie Akkordeon und Glockenspiel.

Gruppen, wie die um den Jenaer Andreas Ritter gebildete Formation „Forseti“, oder die Gruppe „Sonne Hagal“, oder auch die Gruppe „Belborn“, reduzierten und reduzieren aber nicht nur den Klang. Vielmehr, und das soll das wichtigste stilistische und inhaltliche Momentum werden, bedienen sie sich inhaltlich an „typisch deutschen Narrativen“.

Die neuen alten Narrative

So wird die Stilepoche der deutschen Romantik zu einem der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte. Ebenso aber auch die deutsche Wandervogelbewegung und andere Lebensreformbewegungen zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Die Beschäftigung mit frühen Formen bündischer Gruppierungen findet sich vor allem im Schaffen der Band „Hekate“. Es ist logische Konsequenz dieser inhaltlichen Auseinandersetzung, dass die Sprache der vorgetragenen Lyrics nun vorwiegend in Deutsch erfolgt. Das dies aber nicht immer zwangsläufig der Fall ist, bewiesen und beweisen zum Beispiel „Sonne Hagal“ immer wieder.

Weitere Zutaten in dieser Suppe sind der mehr oder minder starke Bezug auf neopaganistische Ideologiefragmente, Ideen und Vorstellungen des Germanentum und/oder vorchristliche Religionen, wie zum Beispiel der römische Mithras Kult.

Es sind eben diese Bezugspunkt und die von ihnen ausgehenden Beschäftigungen die im Genre dann auch die Schnittstelle zu extrem reaktionären und völkischen Ideologien konstruieren.

Vielfach sind es obskure Ariosophen, wie Karl Maria Willigut, oder fast vergessenen Vordenker der völkischen Rechten im deutschsprachigen Raum der Jahre 1918-1933, wie Friedrich Hielscher, die Eingang in die Werke der Neofolk-MusikerInnen erhalten. Auch wenn die österreichische Band „Allerseelen“ musikalisch von den Normierungen des Genres abweicht, so ist ihre inhaltliche Ausprägungen für die Beschäftigung mit diesen Ideologien eine mustergültige Blaupause.

Bewusst wird oftmals die Uneindeutigkeit der zugrundliegenden Quellen und AutorInnen und die, durch sie determinierte Ästhetik genutzt, um sich dem Vorwurf faschistische Ideologien zu propagieren zu entziehen. Die oftmals mäandernden Biographien der Vorbilder unterstützen dieses Spiel mit der Uneindeutigkeit umso mehr.

Das eben aber dies vollkommen zweitrangig ist, sondern allein der ideologischen Konzeption des „Neofolk“ schon eine basal reaktionäre Färbung innewohnt, dass soll im Folgenden erörtert werden.

Vom neuen Mythos zur alten Ordnung

Natur – Raum – Einheit – Ordnung

Wie der Begriff „Neofolk“ evoziert, spielt das Genre mit dem Spannungsbegriff „Folk“. Einerseits in der Betonung dessen natürlichen Momentums, im Sinne einer unzivilisierten Natur, anderseits den des Völkischen, im Sinne einer, nicht vom Menschen konstruierten, Zusammengehörigkeit- einer Urwüchsigkeit des Seins.

Verkürzt summiert, entfaltet das Genre des Neofolk über die mythische Konstruktion der Natur einen ästhetischen Raum. In diesem ästhetischen Raum entfalten die neu konstruierten Mythen eine spezifische Logik der Einheit, die letztlich den imaginären Raum in Korrelation zum Realen, also dem der Gesellschaft, setzt und überführt. An der Reibungsfläche zwischen imaginären Raum und realem Raum entfaltet letztlich die künstlerische Ordnung den Willen zur politischen Agitation3.

Natur

Neofolk, dass ist Musik über die Natur. „Sonne Hagal“ besingen, symbolisch geschwängert, den Hagel, „Forseti“ den Wald und die Wiesen, „Darkwood“ den Winter und „Belborn“ wiederum die „notwendigen Feuer“. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, soll letztlich aber nur eines zeigen: Die Imagination eines Naturraums, im Sinne eines Raums, der vom Menschen nicht kultiviert und damit determiniert wurde, ist vielfach dominierend Ausgangspunkt der Musik.

Jan Grünwald schreibt zur Konstruktion des Naturraums:

Natur muss im fiktiven Raum stattfinden, weil ein realer, zeitgenössischer Naturraum ein zivilisierter bzw. gebändigter wäre. Ein fiktiver Naturraum, wie der Wald, bietet einen unkontrollierten, mystischen Raum, der abseits jeder zeitgenössischen Realität steht.“4

Der derartig konstruierte Naturraum bietet zum einen Platz und Ort für die Konstruktion eigener Mythen, zum Anderen aber erlaubt er zugleich die eigene Entgrenzung, da weder das Individuum, noch die Gruppe, in ihrem Sein und ihrem Denken vom Moment des Zivilisierten Begrenzung findet. Der Naturraum ist derart immer ein archaischer Raum.

Grünwald weiter:

„Jede Form der Darstellung und Ästhetisierung von Natur etabliert Natur als einen Fantasieraum, der zwischen etwas Göttlichem und Materiellem oszilliert.[…, J.T.] Natur steht als Ur-Gewalt in radikaler Distanz zur zivilisierten Welt und ist nicht nur idealisierte Projektionsfläche, sondern ebenso mehrfach mythisch aufgeladen.“5

Es liegt deswegen schon alleinig in der Konstruktion der Natur als Naturraum, wie sie im Genre des Neofolk vollzogen wird, ein erster Moment reaktionärer und im spezifischen antizivilisatorischer Entgrenzung begründet. Die Natur wird, um ihrer Gewalt und ihrer Gestaltungsmacht willen, zum Mythos; eben in dem Sinne, dass sie sich dem konkret händischen, als auch dem geistlichen Zugriff des Menschen entzieht. Zum Anderen aber wird sie zur Konfrontations- und Reibungsfläche, an der sich Natur und Zivilisation begegnen.

„Der Mythos produziert Sinn, indem er sich eines bereits funktionierenden Sinnsystems bedient und diesen fixiert, festschreibt und damit die vormals vom primären System besprochene Wirklichkeit hin zu einem neuen Bild überschreitet.“6

Das im kulturell medialen Diskurs bereits existente Sinnsystems des Naturraums, wird dergestalt im Neofolk primär gen Richtung einer antizivilisatorischen Entgrenzung transzendiert und demgemäß zu einem Diskursraum firmiert, indem Natur und Kultur, letztere primär in Form der Zivilisierung des Naturraums, aufeinandertreffen und gegeneinander in den Diskurs gesetzt werden7.

Raum

Wenn die Natur, als totalitäre Kraft, den Raum basal strukturiert, so kann er nicht mehr von Menschen sich autonom angeeignet werden. Der Moment der Kultivierung wird dergestalt zu einem Akt, den nicht der Mensch, aus sich Selbst evozierend, schafft, denn vielmehr zu einem Akt der immer an die alles beherrschende Natur und deren, scheinbar natürliche, Regeln rückgebunden bleibt. Hier überschneidet sich die Vorstellung der Natur, wie sie im Neofolk zum popkulturellen Mythos geformt wird, stark mit der Idee der Einheit von Ordnung und Ortung von Carl Schmitt.

„[…, J.T.] Wir sind überschattet vom Schmerz des Krieges, von der verhinderten Liebe zu unserem Heimatland und der vergessenen Schönheit von Tradition und Natur“8

Henryk Vogels Satz ist dezidierte reaktionäre Kulturkritik an einer Moderne, die den Menschen entfremdet. Nicht im Sinne von Marx, sondern im Sinne einer Entfremdung von den urwüchsigen natürlichen Regeln, die die Natur dem Menschen und seinem Sein auferlegt und die der Neofolk in seinen harmonischen Liedern besingt.

Das in einer derart codierten und strukturierten Ideologie keine Emanzipation, die doch die Selbsterkenntnis des Individuums, gründend im autonomen Gebrauch der Vernunft, als Grundlage setzt, vollzogen werden kann, muss sich an dieser Stelle von selbst verstehen.

Einheit & Ordnung

Neofolk ist in diesem Sinne, allein über die mythologische Konstruktion des Naturraums und dessen mythologischer (Neu)Codierung politisch. In den Raum des gesellschaftspolitischen Alltags entgrenzt sich die Musik und das Genre im Allgemeinen aber zudem zusätzlich, indem die erschaffene Imagination kämpferisch als politische Agitation umgeformt wird. So heißt es im Song „Erbe der Ahnen II“ der Gruppe „Belborn“ in Unerstützung mit der italienischen Grupppe „Rose Rovine e Amanti“:

„Jenseits von Sieg und Niederlage eint uns der Wille und die

Vision

Wir marschieren gegen den Geist der Zeit, Ausbeutung,

Egoismus, Korruption

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, mit ihrer Kraft sind wir

verbunden

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, für Europas neue Sternstunde

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, denn sie ist unser Erbe

Wir tragen die Erde unserer Ahnen, auf dass es morgen werde“9

Das diese Sätze keine Grenze mehr zu neonazistischer und faschistischer Ideologie aufweisen, muss wohl kaum mehr diskutiert werden. Die Verschmelzung von Natur und Identität und die mythologische Legitimation einer biologistischen Strukturierung und Klassifizierung menschlicher Gemeinschaft bildet hierbei eine Zone, in der sich NeofolkerInnen, FaschistInnen und die selbsternannten Identitären in friedlicher Einheit an den Händen fassen können10. Es geht ja letztlich nur um die Natur…

Das Bild des ganzen, großen, umfänglichen Menschen, von dem der Friede nur eine kleine graumelierte mittlere Zone sehen ließ…dies Bild steht jetzt plastisch vor uns. Der Krieg erst ermißt den Umfang, die Spannweite der menschlichen Natur; der Mensch wird sich seiner ganzen Größe, seiner ganzen Kleinheit bewußt.“11

Was Norbert Kricke obig in Bezug auf den Künstler Joseph Beuys ausformuliert, summiert das zentrale Leitbild des Neofolk: Die Angst vor der Moderne.

Auf die von ihnen, den AkteuerInnen des Neofolk, als fürchterlich und erschreckend erlebte Entzauberung der Welt reagierte das Genre des Neofolk mit einer aggressiven Wiederbelebung der Mythologie. Die Natur unser Herr. Die Moderne der unbezähmbare Tiger.

Das diese Entwicklung ihren Beginn kurz nach dem Mauerfall nahm, verstärkte die Aggressionen und Intensivität dieser Bemühungen wahrscheinlich nur noch umso mehr und es kann nicht weiter verwundern, dass sich das Genre des Neofolk bis heute seine reaktionäre Attitüde erhalten hat und Jahr aufs Jahr neue Stilblüten treibt; denn mit der Moderne hat sich der Underground noch lange nicht versöhnt!

1Das eben dies keine Fremdzuschreibung und Zuteilung ist, bewiesen und beweisen immer noch die diversen Konzerte, auf denen immer Gruppierungen aus den verschiedensten stilistischen Richtungen auftreten.

2So sehr sich die verschiedenartigsten Monographien über Neofolk/ Apocalyptic Folk voneinander unterscheiden, so sehr wiegen sie sich in der Einheit, dass das Genre keiner musikalischen und inhaltlichen Generalisierung unterworfen werden kann. So sehr dies einerseits stimmt, sosehr ist es zugleich mangelnder Wille der Ausdifferenzierung, der erst eine klare Analyse erlaubt.

3Gerade eben hier liegt das große Interesse der Gruppe der „Identitären“ am Neofolk.

4 Grünwald, Jan: Male Spaces. Bildinszenierungen archaischer Männlichkeiten im Black Metal, Frankfurt am Main: Campus, 2012 S. 87

5Ebd. S. 90

6Lindwedel, Martin: Disco, Dekadenz und Porno-Kings. Pop-Retro-Szenarien im Kino der Gegenwart, in: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Pop & Kino. Von Elvis zu Eminem, Mainz: Bender Verlag, 2004

7Eine ähnlichgelagerte, wenn auch in ihrer Mythologisierung vollkommen andersgeartete, Beschäftigung mit dem Naturraum findet sich im Genre des Black Metal. Vgl. hierzu Grünwald, a.a.O.

8 Henryk Vogel (Darkwood), zitiert nach: Diesel, Andreas; Gerten, Dieter: Looking for Europe. Neofolk und Hintergründe, Zeltingen-Rachting: Index Verlag, 2007, S. 223

9Aus: Belborn und Rose Rovine e Amanti: Grain, Polen: War Office Propaganda, 2006

10Das Interesse der Identitären am Neofolk Genre speist sich nicht alleinig aus der ideologischen Nähe, sondern gerade auch durch die enge persönliche Verflechtung, um die es in anderen Artikeln dieses Blogs noch gehen soll.

11 Norbert Kricke, zitiert nach: Stachelhans, Heiner: Joseph Beuys, Düsseldorf: Claassen, 1987 S. 119