Wenn Männer auf Flügeln getragen werden.  Techno, Kommerz & (rechte) Männlichkeit: Ein Aufruf zum Nachdenken! 

Ein Gastkommentar von: Schindluder, pitchbitch & :heartfield:

Technopartys in Wien zu organisieren ist ein Elend. Das wissen so ziemlich alle, die dieses Wagnis schon einmal unternommen haben. Und das zeigte sich auch jüngst wieder einmal beim wohl ambitioniertesten Versuch der letzten Monate: Dem „Techno-Deluxe Warehouse Weekender“. Gerade im urbanen Raum beginnt das Unterfangen oft schon bei dem Versuch eine passende Location zu finden schwierig zu werden. Die Preise pro Metropolen-Quadratmeter steigen stetig, weshalb auch immer dichter gebaut wird. Das Gebiet rund um die Nordbahnhalle ist hierfür wohl ein Beispiel par exellence. Wurde letztendlich eine Location gefunden, sehen sich Veranstalter*innen schnell mit unberechenbaren Magistratsabteilungen und deren Auflagen konfrontiert. 

Schweigen gegen Lärmauflagen?

Vor allem rund um das Thema Lärm(schutz) zeigt sich, dass es für Technokultur wenig Bewusstsein gibt und kaum Raum für Entwicklungsmöglichkeiten zugestanden wird. Ganz im Gegenteil, gerade die zuständigen Behörden bzw. die Stadt Wien verbinden mit Technomusik eben oft nicht viel mehr als „Lärm“. Vor etwaigen Beschwerden gepisster Anrainer*innen wird im voreilenden Gehorsam in Wien gerne für Ruhe gesorgt. So wird der Dezibelmesser zum beliebten Instrument um gegen die vielmehr nur geduldete Techno-Szene vorzugehen.

In diesem Sinne ist das Vorgehen des scheinbar willkürlichen Agierens oder das wiederholte Neujustieren von getroffenen Vereinbarungen mehr als ein bloßer Zufall. Und (gewollt oder nicht) ein Moment, der jeder emanzipatorischen Partykultur in der Stadt den Gnadenschuss gibt. 

Auch schimmert letztendlich noch bei kommerziellen „Underground“-Events (die sich andere Großstädte mittlerweile auch gerne mal an die Fahnen heften) die institutionalisierte Repression und die mediale Hetze gegen illegalisierte Raves der nicht-profitorientierten Tekkno-Szene durch. 

Gerade angesichts dieser Gesamtproblematik wollen wir nicht die Befürchtungen der Veranstalter*innen relativieren, wenn wieder einmal gedroht wird ein aufwendig organisiertes Event abzudrehen. Jedoch stellt sich für uns die Frage: Sollte nicht gerade angesichts dessen die Situation – vor allem seitens der Veranstalter*innen – offen problematisiert werden? Oder gar politisiert werden? Stattdessen hüllten sich die Veranstalter*innen bezüglich derartiger Schwierigkeiten nicht nur  großteils in Schweigen, sondern löschten auch (vermutlich aus Angst weniger Tickets zu verkaufen) kritische Facebook-Kommentare von enttäuschten Besucher*innen.

Nichtsdestotrotz, oder gerade in Solidarität mit den erschwerten Bedingungen in Wien größere Techno-Partys zu veranstalten, war für uns der Umstand, dass der Sound mal wieder Wohnzimmerlautstärke nicht überschritt jedoch nicht das größte Ärgernis des „Techno-Deluxe Warehouse Weekender“. 

33:3?! Je „härter“ der Techno, desto männlicher?

So gibt es abseits dieser Momente der Fremdbestimmung leider auch eigens gewählte Momente des Elends, die unserer Meinung nach dringend überdacht gehören. Fangen wir mit dem Offensichtlichstem an: Dem Line-Up. Ja, vor allem männliche, weiße DJ-Stars ziehen immer noch die meisten Besucher*innen. Und ja, sie erleichtern es Veranstaltungen zu finanzieren. Wenn aber selbst bei Zweitagesveranstaltungen, wie der vergangene Weekender, gerade einmal von 33 Acts im Line-Up drei Frauen aufscheinen (1), ist das mehr als ein bitteres Statement! Getoppt wird diese Quote nur vom angekündigten Line-Up des Weekenders für 2019, in dem sich bis jetzt ganze 0 weibliche Acts finden. Dieser Anteil ist selbst im Vergleich zu den diversen männlich dominierten Technofestivals in Europa nochmals eine Unterbietung. Gerade im Angesicht der diversen grandiosen lokalen und internationalen female DJs*, Partycrews und dem in Wien geborenen female:pressure Netzwerk (2).

Doch nicht nur hinter, auch vor dem DJ-Pult war Männlichkeit bzw. Männerbündelei ein ziemliches Problem. Wir wollen hier aber nur bedingt auf die grundlegendere Problematik hinweisen, dass (vor allem härterer) Techno auch oft ein männliches Publikum anzieht – und ein entsprechendes stereotypes Verhalten. 

Beweg deine Hüften. Tanz nicht den Mussolini. Tanz nicht den Hitler. 

Tatsächlich überrascht waren wir vielmehr, dass nicht nur (wie so oft) anlassige, raumeinnehmende bis rüpelhafte Männer, sondern an beiden Tagen auch Besucher anwesend waren, deren Bekleidung auf eine rechtsextreme Gesinnung schließen ließ. So z.B. ein Shirt in rot-weiß-rot hinterlegten Fäusten und dem Slogan „Kommando Österreich“ oder u.a. die Kampfsportmarke Yakuza (3), die direkt der extremen Rechten zugeordnet werden kann. Auch einer der bezahlten Securitys hatte eine Yakuza-Bauchtausche. Dass Leute, die ihre menschenverachtende Ideologie derart offen zur Schau tragen, an Techno-Veranstaltungen teilnehmen dürfen, finden wir nicht nur angesichts der Geschichte von Techno beschissen, sondern auch schlichtweg gefährlich bzw. unverantwortlich. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Clubkultur ohnehin wieder weißer und heterosexueller geworden ist (4), wäre mehr Awareness angebracht um eine diverse Clubkultur tatsächlich möglich zu machen. Faschos auszuschließen – die ihrer Ideologie zufolge eigentlich am liebsten einen Teil des Publikums unter dass sie sich begeben (nennen wir es wie es ist) auslöschen würden – wäre hierfür wohl das Mindeste.

Zudem kann, gerade in Zeiten wie diesen, auch Techno wieder verstärkt zu einem der umkämpften Felder rechter Subkultur werden. 

So ist seit geraumer Zeit die neonazistische Gruppe „Tanzbrigade Wien“ in einigen Städten durch massive Präsenz ihrer menschenverachtenden Sticker auf verschiedenen Events der elektronischen Musik in Erscheinung getreten. Jüngst veröffentlichte die Gruppe auf Youtube sogar ein eigenes Hardcore-Stück und mehrere Zugehörige zeigten über Profilbilder bei Facebook, das es sich bei der Gruppe um einen mittlerweile mehrere Personen umfassenden Kreis knallharter Rechtsextremer handelt. Eng verbunden mit der rechten Hool-Szene der Austria. Elektronische Musik wird hier wieder, vollkommen ungeachtet ihrer Historie, als Moment der Gruppenbildung für eine jugendliche neonazistische Gemeinschaft verwendet.

Im Zeichen des Stiers

Anknüpfend an den Moment rechtsextremer Vereinnahmungsversuche ist auch unser letzter Punkt: Die Kooperation mit der Marke Red Bull. Die offen rassistischen bis hin zu rechtsextremen Äußerungen des Eigentümers sind mittlerweile bekannt und auch in Hinblick auf die Red Bull Music Academy thematisiert worden (5). Anstatt derartige Kooperationen zu überdenken, wurde man beim Weekender ganz im Gegenteil von der Präsenz von Red Bull gerade zu erschlagen. Auch waren fast alle nicht alkoholischen Getränke von Red Bull. Bis hin zum Wasser, welches by the way, angeblich bei Red Bull eben kein „normales“ Wasser wäre, sondern mit der Eigenschaft warb, unter der „Kraft“ des Vollmondlichtes abgefüllt worden zu sein. Derartiger Humbug wird sonst eigentlich nur in den Kreisen von harten Esoteriker*innen feil geboten wird. Dies wirft, so meinen wir, erneut die Frage auf, in welche Richtung sich Red Bull eigentlich gerade entwickelt. Wie auch immer, dass es auch anders geht haben jüngst Clubs wie zum Beispiel der Club Zukunft in der Schweiz gezeigt, die Red Bull die Zusammenarbeit aufgekündigt haben (6). 

Was bleibt also? We dance together! We fight together!

Technoiden Veranstaltungen wird das Leben ohnehin schon von verschiedenen Seiten schwer gemacht. Sorgen wir also wenigstens dafür, dass wir selbst auf uns achten. Und das heißt letztendlich (wenn auch nicht nur): 

Mehr Diversität in den Line-Ups!

Kein Publikum mit menschenverachtenden Botschaften auf unseren Partys!

Und keine Kooperation mit Financiers der extremen Rechten!

Gerade in autoritärer werdenden Zeiten wie diesen sind emanzipatorisch und solidarisch gestaltete Partys wichtiger denn je. 

Arbeiten wir alle daran und ermöglichen diese!

 

Anmerkungen:

(1): Event auf RA

(2): Infos zum Netzwerk FemalePressure

(3): Infos zum Label Yakuza

(4):Statment von The Black Madonna

(5): Statement von DJ Resista zu Red Bull

(6): Zum Umgang von Clubs in der Schweiz mit Red Bull

 

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