„Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“ – Die gewaltsame Entgrenzung des Mobs als Nukleus der „Identitären“

„Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los!“ – Die gewaltsame Entgrenzung des Mobs als Nukleus der „Identitären“

Hitlergrüße, Tätowierungen mit Szenecodes und uniformierte Nazis. Und brav mit dabei: Sich als BürgerInnen und „Besorgte“ Begreifende. In den letzten Tagen in Chemnitz bewies jeder Tag aufs Neue, dass Teile der extremen Rechten nicht mehr nur bei vereinzelten internen Konferenzen an einem Strang ziehen, sondern dass sie gewillt sind, dieses Potential auch auf die Straße zu tragen. Hier jedoch nicht nur agitatorisch, sondern unter handfester Anwendung von Gewalt. Wo die Polizei versagte, nutzte der Mob seine Chance, um alle anzugreifen, die nicht in sein Weltbild passten: Menschen mit scheinbarem Migrationshintergrund, vermeintliche Linke und Journalist*innen mussten Tag für Tag und Demo für Demo mit Angriffen rechnen. Und mittendrin: Die „Identitären“. Jene Gruppe, die wie kaum eine andere im deutschsprachigen Raum, in den letzten Jahren für sich beansprucht hatte, ihren Aktivismus friedfertig und in scheinbarer Distanz zum historischen Nationalsozialismus und neonazistischem Gedankengut zu leben.

Noch wenige Wochen vor den Ereignissen in Chemnitz gelang es einer Gruppe führender Kader der „Identitären“ in Österreich ein Grazer Gericht davon zu überzeugen, dass der Kernbestand ihrer Aktivitäten sich in einem legalistischen Rahmen bewege und zwar vereinzelt Straftaten aus ihrer Organisation entstünden, diese aber nicht die Ziele ihrer Organisation abbilden würden. Eine Feststellung, die nicht erst in Anbetracht von Chemnitz und den Reaktionen der „Identitären“ auf den dort wütenden Mob revidiert gehört. Seit Jahren verweisen kritische Beobachter*innen und Expert*innen auf die Differenz zwischen öffentlicher Inszenierung und ideologischer Basis der „Identitären“. Und in der Tat: Diese Doppelzügigkeit zu begreifen, bedurfte vielfach einer tiefreichenden Beschäftigung, waren doch Kader wie die Österreicher Martin Sellner, Patrick Lenart oder der Deutsche Daniel Fiß in den letzten Jahren primär damit beschäftigt, sich bei jeder ihnen sich bietenden Gelegenheit ihre Distanz zum Nazismus, zu Gewalt und einer in ihren Augen „veralteten Rechten“ zu betonen. Vielfach unter breiter Beachtung der öffentlichen Medien.

Mitunter waren es vereinzelte Aussagen auf Twitter – wie die von Sellner sich noch rechtzeitig zu bewaffnen oder Lobpreisungen früherer gewaltsamer Ausschreitungen der extremen Rechten von Götz Kubitschek, der maßgeblich die Ideologie und Organisation der „Identitären“ befeuert und unterstützt –, die immer wieder Risse in die Narrative der Gruppierung rissen. Spätestens die Musikprojekte von „Chris Ares“ und „Komplott“ und ihre unverhohlene Bezugnahme auf Gedankenbilder der extremen Rechten und ihre unverblümte Huldigung gewaltsamer physischer Entgrenzung zeigten selbst den Unkritischsten, dass hinter der aufgebauten Fassade der „friedlichen NGO“ letztlich die völkische Barbarei auf ihre brutale Entfesselung wartet.

Es ist deswegen kein Zufall, dass die Ereignisse in Chemnitz nicht nur dazu führen, dass viele Kader sich dazu berufen fühlen für die Proteste kräftig die Werbetrommel zu rühren, zum Teil auch selbst an diesen zu partizipieren und sie abschließend umfassend als Ausdruck eines gesunden Willens des Zorns des Volkes zu legitimieren. Die Ereignisse in Chemnitz haben die letzten Fassaden scheinbar bürgerlicher Maskerade bei den „Identitären“ krachend zu Boden gerissen. Ehemalige Zugehörige, wie der jetzt an das rechtsextreme Magazin „InfoDirekt“ angedockte Alexander Markovics stürmten hier voran und jubelten dem Mob in ihren Artikeln zu. Ideologische Vordenker wie Martin „Lichtmesz“ Semlitsch folgten und legitimierten via Twitter die gewaltsamen Angriffe auf Journalist*innen. Auch Patrick Lenart und Co. reihten sich ein und versuchten ihre Logik zwar vielfach über den gedanklichen Umweg einer Kritik an den Medien – diese hatten ja angeblich den Mord an einem Deutschen verschwiegen – aufzubauen, was jedoch blieb war das Gleiche: Der Mob ist legitimer Ausdruck des deutschen Volkes.

Schon seit Jahren ist die Vorstellung eines sich gewaltsamen entgrenzenden homogenen Volkskörpers der Grundmoment der Ideologie der „Identitären“. Angefangen bei der Verfassungsklage von Schachtschneider für das „IfS“, über die diversen Ergüsse von Autor*innen der „Sezession“ und deren „Akademien“ zu einem vermeintlichen Recht auf Widerstand, bis hin zu den popkulturell überformten Bildern der „Identitären“ als letzte spartanische Reihe in einem apokalyptischen Abwehrkampf, prägt das Narrativ eines gewaltsamen völkischen Rackets ihre Ideologie zutiefst. Die Tage in Chemnitz zeigen deswegen nicht nur, dass diese Vorstellungen für die „Identitären“ nicht allein übersteigerte Metaphern im „metapolitischen Kampfraum“ sind, sondern ebenso konkrete Anweisungen für den völkischen Mob in konkrete Gewalt umzuschlagen. Sie zeigen vielmehr auch, dass die „Identitären“ schon immer deutlich machten, auf welcher Seite sie stehen, sollte es hart auf hart kommen: Nämlich der des entgrenzten Mobs.

Die allzu oft verlachten Traktate der „Identitären“ über ethnisch homogene Rackets, bei ihnen immer mit „Muslimen“ oder „Islamistisch“ assoziiert, die sich gewaltsam über die staatliche Exekutive hinwegsetzen und sich selbst Legislative, Judikative und Exekutive zugleich aneignen, ist deswegen immer nur eine angsteinflößende Vorstellung gewesen, solange dieses Racket nicht von ihnen selbst, sondern den scheinbar „Anderen“ geformt wurden. In Chemnitz nun sehen sie aber eben dies: Einen deutschen Mob. Eine Masse, die sich letztlich genau die beim „Feind“ so bewunderten Mittel aneignet und selbst einsetzt. Und diesen Mob gilt es für die „Identitären“ zu unterstützen. Dass hierfür ihre langgehegte zivile Fassade endgültig fallen gelassen werden muss, mag zwar für Kader wie Martin Sellner und dessen Publicity-Show ein bitteres Los sein, jedoch für die seit Jahren trainierenden „Identitären“ mehr als ein Grund zu Freude. Gemeinsam in die völkische Barbarei. Mit Instagram Live-Stream.

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