An die Redaktion des ZDF

Liebe Reporter*innen, die ihr euch für den „Identitären“ Beitrag am 04.04.2016 verantwortlich zeichnet,

ich würde meinen Worten ja gerne ein kluges Zitat voranstellen, aber nach der Sichtung eures Beitrags kann ich nur einen Satz des Rappers „Kollegah“ paraphrasieren: Was ist denn los mit euch?

Es ist euer gutes Recht und wahrlich auch eure Aufgabe über aktuelle Phänomene zu berichten und diese in den Fokus einer breiten medialen Öffentlichkeit zu stellen. Dass die „Identitäre Bewegung Österreich“ als solche zwar nicht sonderlich neu ist, jedoch erst durch ihre Aktionen in den letzten Monaten das Interesse der bürgerlichen Presse erweckt hat, soll auch okay sein.

Aber: Wie kann ein Video wie das eurige sich so sehr in den Dienst der Selbstinszenierung und den von den Aktivist*innen hergestellten und medial verbreiteten Bildern, Narrationen und Mythen stellen?

Nicht nur besteht euer gesamter Beitrag aus Material, das euch scheinbar von den Aktivist*innen selbst zur Verfügung gestellt wurde, sondern auch aus jeder Menge extra schön für euch inszenierter Momente und kleinerer Anekdoten, in denen sich die Kader als biedere Politaktivist*innen in Szene werfen dürfen.

Kurze Frage am Rande: Wurde auch ein bewaffneter Angriff auf Menschen nachgestellt, so wie in Graz oder bei der letzten Demonstration in Wien? Oder haben die Kader für euch nochmal Refugees mit Blut bespritzt? Und wenn ja, gibt es das dann alles in einer Sondersendung des ZDF-Morgenmagazins? „Ein Tag mit der Identitären Bewegung Wien“? Und Martin Sellner erklärt euch dann live im Studio, warum er zwar ein kleiner Brauner ist, aber lieber Melange trinkt. Ich bin gespannt!

In Anbetracht der Gesamtlänge eures Beitrags mutet die extrem kurze Interviewfrequenz mit Bernhard Weidinger wahrlich an, als versuchtet ihr eure unverholene Sensationsgeilheit an diesen neuen, jugendlichen und poppigen Faschist*innen durch ihn mit einem winzig kleinen, antifaschistischen Feigenblatt zu verhüllen. Ein ausgewiesener Experte wird kurz eingeblendet, um anschließend wieder den rechten Aktivist*innen und ihren selbstgeschaffenen Bildern breiten Raum geben zu können. Nur eine weitere Anmerkung: Auch der nett Kaffee schlürfende Faschist bleibt ein Faschist. Daran ändert auch die für euer Team vorgenommene biedere Inszenierung nichts. Aber, ach ja, ich vergaß. Beim „Dokumentationsarchiv des Österreichischen Wiederstands“ handelt es sich ja auch um radikale Linke. Mensch, ich Dummerchen. Da habe ich glatt eure unglaublich ausgewogene Berichterstattung übersehen.

Ihr mögt nun anfügen, dass ihr während des ganzen Artikels kritische Worte für die Aktivist*innen gefunden habt und bei Martin Sellner sogar auf dessen neonazistische Sozilisation hingewiesen habt. Gratulation. Aber was wiegen diese Kommentare gegen einen Beitrag, der die selbstgeschaffenen Bilder der „Identitären Bewegung“ zur besten Sendezeit über Millionen Fernseher ausstrahlt?

Glaubt ihr wirklich, dass dieser Bericht Menschen dafür sensibilisierst oder letztlich doch nur die Faszination für eine faschistische Kadergruppierung erhöht, deren Anliegen und Ziel es ist, genau diese Bilder möglichst breit zu streuen?

Herzlichen Glückwunsch, ihr habt euch erfolgreich zu Handlager*innen der „Bewegung“ gemacht. Aber keine Sorge, ihr seid gar nicht so allein: Fragt mal bei den Kolleg*innen der „Kulturzeit“ bei 3sat nach. Die fallen auch immer wieder auf die gleichen Momente rein. Und so schlimm ist das ja auch gar nicht. Weil wenn die reaktionären Kräfte an Macht gewinnen, seid ihr bestimmt die Ersten, die mit dem neuen österreichischen Bundespräsidenten eine Home-Story drehen dürft.

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