Subkultur von Rechts?

Zurück zu Teil Vier: Die neuen alten Mythen der Identitären

Was Christian Böhm zum Ende der 1990er mit der Techno-Bewegung ebenso wie Jürgen Hatzenbichler zur gleichen Zeit in der Dark-Wave-Szene misslang, scheint den Identitären und ihren Assoziierten derzeitig mit dem Neofolk- und Dark-Wave-Umfeld zu gelingen: Die Etablierung eines rechtshegemonialen Raums innerhalb einer Subkultur, die zugleich von der Gesamtheit der Subkultur Akzeptanz und Unterstützung erfährt. Martin Lichtmesz und Co. haben definitiv aus den Fehlern von Hatzenbichler, Werner Symanek und Josef Klumb1 gelernt.

Anders als in Italien, wo die „Casa Pound“-Bewegung mittlerweile eine ganz eigene Art der Subkultur von Rechts erschaffen hat, gibt es im deutschsprachigen Raum, abseits der klassisch rechtsextremen Subkulturen, derzeitig noch keinen gesellschaftlichen Raum, der eine vollständig unabhängige Szene tragen könnte. Es bedarf deswegen immer noch „Wirte“, denen sich die Neuen Rechten und im Besonderen die „Identitären“ parasitär anschließen können. So lautet die Frage letztlich nicht, ob es eine neue Subkultur von Rechts gibt, sondern wie lange diese Subkultur ihre Wirte – wie das Institut für Staatspolitik, die Magazine „Szession“ und „Blaue Narzisse“ oder die Infrastrukturen der alten Rechten – noch benötigt, bevor sie den Schritt, parallel zu „Casa Pound“, in die vollständige ideologische wie infrastrukturelle Autonomie wagen.

Bedingt durch die Verjüngung und popkulturelle Strukturierung der eigenen Bilderwelten und Narrative, hat sich die Szene der Neuen Rechten für eine breitere Basis an, gerade jüngeren, Menschen geöffnet und interessant gemacht. Es ist den Neuen Rechten, allen voran den Identitären, gelungen, sich selbst über kulturelle Artefakte zu vergemeinschaften, die die Linke bislang wenig zu packen vermag und denen sie oft hilflos mit Analysen gegenübersteht, die sich maßgeblich in einer detaillierten Analyse einiger der Epigonen der Konservativen Revolution erschöpfen. Von Figuren wie Friedrich Hielscher, Georg Jünger, Yukio Mishima und vielen Anderen existiert in der Linken wenig bis gar kein Wissen. Es ist allen voran den Identitären gerade deswegen derzeitig fast kritiklos möglich, stetig neue Motive, Narrationen und Bilder in die Welt zu entlassen, die die Linke nicht zu begreifen vermag, weil sie sich so basal von dem unterscheiden, was sie lange Zeit als „Rechts“ zu fassen vermochte.

Es ist ebenso Vorteil der derzeitigen Neuen Rechten und wiederum der Identitären im Besonderen, dass sie mit dem Neofolk und Dark-Wave Subkulturen parasitär für sich zu Nutze machen konnten, in denen diese Figuren und Motive schon seit Jahrzehnten künstlerisch be- und verarbeitet werden. Das Interesse der Identitären an Figuren wie zum Beispiel Yukio Mishima stößt im Neofolk auf mehr als offene Ohren und Herzen.

Eine Analyse und Kritik der Linken des derzeitigen Geschehens ist hier schon mehr als spät dran, erweist sich aber umso problematischer, da eine Analyse und Kritik nicht nur den Status Quo ins Auge fassen darf, denn vielmehr zugleich immer auch eine Analyse der Historie der Neuen Rechten und ihrer Akteure betreiben muss, um überhaupt ein basales Verständnis für diesen „Kulturkampf von Rechts“ zu bekommen.

Noch ist dies möglich. Fangen wir also an!

1Inhaber des rechtsextremen „VAWS“ Verlags, der in den 1990er und 2000er Jahren eine prägenden Rolle in der rechtsextremen Beeinflussung der Dark-Wave Szene einnahm. Joseph Klumb, Sänger der Band „Von Thronstahl“, arbeitete zeitweilig für den Verlag. Der Verlag hat bis zum heutigen Tag einen Stand auf dem „Wave-Gotik-Treffen“ in Leipzig.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis: Inhalt

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>