Die neuen alten Mythen der Identitären

Zurück zu Teil Drei: Radikalisierung der „Neuen Rechten“ als radikale Popkultur

Was aber nun bildet das Epizentrum der Narrationen der Identitären? Es ist, wenig verwunderlich, der von ihnen allzeit propagierte und vom Franzosen Camus geprägte Begriff des „Großen Austauschs“. Ein Begriff, der vieles vortäuscht – Hypothese, drohende Anklage, verängstigende Dystopie – und letztlich nur eines ist: Ein Mythos. Mehr noch, über all die scheinbaren Theorien, praktischen Aktionen und freundschaftlichen Verbandelungen ist es die Kreation und popkulturelle Verankerung dieses Mythosʼ, der den Identitären Gemeinschaft schafft.

Der Begriff des „Großen Austauschs“ verweist hierbei in all seinen Ausformungen auf die zentralen Elemente der Identitären-Gemeinschaft: Er ist prozesshaft, unmittelbar im Jetzt verankert und verweist in seinem Sein an keine konkrete Vergangenheit sowie keine konkrete Vorstellung der Zukunft. Er ist.

Interpretationen der Indentitären bezüglich Hegemonie, Kultur(en) und allem anderen verbleiben allein deswegen immer nur pseudo-intellektuelles Beiwerk als ernsthaft diskursive Auseinandersetzung. Der Mythos ist Dogma und erfüllt für die Identitären, wie Bruns et al. feststellen, eine funktionalistische Logik im Sinne von Georges Sorell: Mobilisierung der Menschen!

Im Mythos des „Großen Austausch“ fusionieren Ursprungsmythos und Erwartungsmythos. Der als von ihnen existentiell erlebte Kampf um die Wahrung der eigenen (wahnhaften) Imagination einer ethnisch-kulturell homogenen Identitätsgemeinschaft verschmilzt mit den von ihnen fragmenthaft in den Diskurs eingebrachten utopischen Narrativen über das vermeidlich bessere Leben in der identitären Gemeinschaft.

Gerade aber diese utopischen Narrative sind in ihrer Symbol- und Bildwelt fast immer im „klassisch“ Völkischen verhaftet, was wiederum die basale Schizophrenie im Denken offenbart: So sehr sie, also die Identitären, vermeidlich die völkische und im Besonderen die NS-Ideologie ablehnen, so sehr müssen sie in ihren Bilderwelten eben diese affirmieren, da diese Historie und die durch sie geprägten Bilder, Symbole und Narrative in einer scheinbar existenten Historie am ehesten in ihrer rassistischen Gemeinschaft das repräsentieren, was die Identitären als „Identität“ fassen wollen. Dreh- und Angelpunkt all dieser Bilderwelten – wie auch des konstituierenden Mythos des „Großen Austausch“ – bleibt letztlich aber der Körper und dessen Konstitution in der Gemeinschaft.

Es muss deswegen zwischen der symbolischen Kodierung des Artefakts und dem Narrativ des Artefakts differenziert werden: Die popkulturelle Kodierung erlaubt Zugang zum Diskurs und den Rezipient*innen. Nur aber, weil die Artefakte popkulturelle Kodierungen aufweisen, heißt dies keinesfalls, dass ihre Narrative nicht extrem reaktionär sein können.

Die „Neue Rechte“ bleibt in ihren Erzählungen vielfach in den alten Ideologie verhaftet und wählt ihre Kodierungen höchst selektiv, sie hat jedoch in ihren Bilderwelten den Rahmen des Zeigbaren im Kontext ihres Milieus um ein Vielfaches erweitert. Nur so ist die Koexistenz von „South Park“-Charakteren neben Zitaten von Ernst Jünger und kriegerischem Pathos des k.u.k. Österreich überhaupt darstellbar.

Die Erweiterung des Zeigbaren ist immer auch eine Diskussion über die semantische Kodierung der Bilder selbst und damit letztlich immer eine Diskussion über die Ideologie per se. Die neuen Inhalte, Bilder und Symbole erweitern dergestalt nicht nur das mögliche Kontingent an Rezipient*innen, sondern fragen zugleich immer auch die eigene Gemeinschaft der bereits Kollektivierten. Dass die Identitären sich lieber auf den Film „300“ beziehen als auf den tapferen Abwehrkampf der „Schlümpfe“, die wohl als die identitärste Gemeinschaft in der Popkultur überhaupt angesehen werden müssen, vor dem bösen Zauberer, ist demnach nicht eine Frage der Ideologie und des Zeigbaren, als vielmehr das Ergebnis einer immerwährenden Diskussion über die von ihnen fokussierte Interdependenz zwischen Ideologie und Körperlichkeit dieser Ideologie. Noch scheinen die Spartaner in ihrer Männlichkeit den Schlümpfen überlegen zu sein.

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